
Sachbücher, gar nicht so kurz kurz besprochen von Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW):
Am Erker 90: Wege und Umwege
Sunil Amrith: Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre
Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger: True Criminology: Mythen, Fakten, Hintergründe
Wolfgang Brylla, Adrian Madej (Hg.): Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Fernsehen und Wirklichkeit
Honor Cargill-Martin: Messalina. Intrigen, Macht und Orgien im antiken Roman. Die wahre Geschichte der Skandalkaiserin
Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet
Martina Heßler: Sysphos im Maschinenraum. Eine Geschichte der Fehlbarkeit von Mensch und Technologie
Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
Mittelweg 36: Auserzählt. Narrative vom Ende und das Ende der Narrative
Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit
** **

Hauptsache unterwegs
(AM) Das Motto der neuen Ausgabe der unermüdlichen »Zeitschrift für Literatur« aus Münster hat auch der Noir-Autor Charles Willeford einmal einem seiner Romane vorangestellt: »Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.« (Blaise Pascal: Pensées) Die Macher der Zeitschrift Am Erker, 1977 von unserem Autor Joachim Feldmann mitgegründet – eine Handvoll »Bloody Chops« von ihm hier nebenan in dieser Ausgabe – ergänzen ihr dem Thema Wege und Umwege gewidmeten gerade erschienenen Heft 90 wohlweislich aber mit dem Augustinus-Satz: »Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.«
Zwischen diesen Polen oszillieren die 29 Geschichten und Gedichte und vier Essays. Wie immer gibt es die Fritz-Müller-Zech-Kolumne, eine Bücherschau und »Aus neuen Zeitschriften«, dazu die bereits 44. Folge der »Fischwickel« von Anne Smirescu und einige Cartoons von VerstAnd. Andreas Heckmann schreibt über Suchbewegungen, Klaus Gottheimer über einen Besuch am Mulholland Drive, André Schwarz über Expeditionen ins Weglose und Ralf Junkerjürgen über innere und äußere Landschaften. Rudolf Gier sieht Strandläufer, Andreas Graf Baltrum und Achim Stegmüller die Rückkehr der Ungeheuer. Sandra Engelbrecht folgt Maiskornspuren, Daniel Mylow Zeichen, Axel Schöpp dem Rotterdam-Syndrom. Helmut Blepp spürt den warmen Wind, Anjina Kashikar Sonnebrand, Norman P. Franke bittere Orangenmarmelade. – Eine Besprechung von Heft 88 gibt es hier.
Erstaunlich wie diese Literaturzeitschrift aus Münster immer wieder Themen und Autorinnen und Autoren findet, die weit aus der eigenen Stube hinausführen. Und Willeford und Pascal zum Trotz: Das Glück kann man nur draußen finden. Das nächste Thema »Verpasste Gelegenheiten« erscheint im Oktober 2026. Ausschreibung dazu hier.
Am Erker 90: Wege und Umwege. Verantwortlicher Redakteur dieser Ausgabe: Gerald Funk. Daedalus Verlag, Münster 2026. Groß-Oktav, broschiert, Format 16 x 24 cm. 142 Seiten, 12 Euro. (Abonnement, 4 Hefte: 40 Euro, plus Vertriebskostenabo.) Heft bestellen im Shop.
** **

Etwas für die „Werte“ tun – oder nicht
(TW) Ziemlich genau vor neunzig Jahren, im Juli 1936, begann der Spanische Bürgerkrieg, die große Auseinandersetzung zwischen Autoritarismus und Demokratie, deren Ausgang heute ungewisser ist als uns lieb sein mag. Wer sich über die politischen und militärischen Fakten informieren will, greife zu Anthony Beevors großartiger Studie von 2006: „Der Spanische Bürgerkrieg 1936 – 1939“ (C.H. Beck: Ü: Michael Bischoff/ Ulrike Bischoff).
Der sehr geschätzte Paul Ingendaay operiert dagegen mit Entscheidung in Spanien chronologisch-anekdotisch und lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort, resp. bedient sich hauptsächlich bei Briefen, Tagebüchern, Memoirs und anderen Verschriftlichungen. Das ist, man mag´s angesichts des Gegenstandes kaum sagen, sehr unterhaltsam. Dabei sind die üblichen Verdächtigen: Hemingway, Orwell, Dos Passos, Willy Brandt, Picasso, Arthur Koestler, Simone Weil, Alfred Kantorowicz, Egon Erwin Kisch, Thomas, Heinrich und Klaus Mann u.v.a, deren Wege und Umwege durch den Krieg Ingendaay begleitet. Natürlich beobachten wir auch Franco, den Luftwaffenkommandeur der „Legion Condor“, Wolfram von Richthofen. Wir begegnen Federico García Lorca, Miguel de Unamuno, dem Stalinisten Michael Kolzow, dem Dichter Miguel Hernandéz, Robert Capa und Gerda Taro …
Ingendaays Moderationen sind erfreulich knapp, manchmal sarkastisch, manchmal drastisch. Er lässt keinen Zweifel an den Ursachen des Bürgerkriegs, geißelt aber durchaus und zurecht die Atrozitäten beider Seiten. Und, das muss spätestens nach Orwell und Koestler, allerallerspätestens nach Beevor auch thematisiert werden, er legt einiges Gewicht auf den Bürgerkrieg im Bürgerkrieg – nämlich den stalinistischen Terror (gleichzeitig zum „Großen Terror“ in der Sowjetunion) gegen alles, was auf republikanischer Seite nicht linientreu ist. Bis zu dem Punkt, an dem es nur noch um Autokratie versus Autokratie geht. Terror gegen Terror. Die frühen, heiteren Tage der Anarchie (die auch nicht so heiter waren, wenn man versehentlich Nonne oder Priester war) waren doch bald vorbei. Deutlich wird auf jeden Fall, welche große Chance für die Demokratien vertan worden war, auch weil die USA, Frankreich und das UK nichts für ihre „Werte“ tun wollten. Erinnert uns das an etwas?
Insofern ist Ingendaays Stimmen- und Schicksalssammlung plötzlich sehr aktuell. Geschichte hört einfach nicht auf. Allerdings verwirrt mich der Untertitel: Der große Kampf der Literatur 1936 – 1939 – wenn´s doch nur darum gegangen wäre …
Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936 – 1939. C.H. Beck, München 2026. 352 Seiten, 28 Euro.
** **
Grenzüberschreitender Blick
(AM) »Neuerscheinungen unserer Mitarbeiter« müsste eigentlich die korrekte Rubrik für dieses Buch überschrieben sein. Ganz schön produktiv, wie unser Autor Wolfgang Brylla in Sachen Kriminalliteratur wissenschaftlich und – das muss man als Ausnahme betonen – auch publizistisch und vor allem sehr lesbar unterwegs ist. Seit 2020 erschien von ihm u.a. die Bücher »Im Clash der Identitäten. Nationalismen im literatur- und kulturgeschichtlichen Diskurs« (zusammen mit Cezary Lipiński), »Der ›Frauenkrimi‹ in Ost und West. Diskursive Verhandlungen einer Subgattung« (zusammen mit Maike Schmidt, 2023), »Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen« (Vandenhoek & Ruprecht, 2023), »TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform« (zusammen mit Oliver Ruf, 2024) und 2025 »Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. Detektivische Fallstudien« (Brill/ V & R unipress) – Textauszug daraus bei uns hier.
Seit letztem Jahr gehört Wolfgang Brylla, im Hauptberuf wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Zielone Góra/ Polen, der Jury der Krimibestenliste an und bringt dort Input ein. Sein Blick hat Ausnahmecharakter. Auch wir in der Redaktion CrimeMag geniessen das mit Begeisterung. Mit ihm erweitert sich das Sehfeld, denn Wolfgang Brylla hat die osteuropäische Kriminalliteratur im Blick (weiß aber ebenso den Niedergang unserer Sonntagskrimis oder des Genrekinos anschaulich zu belegen). Mit ihm bereisten wir bereits die ungarische, ukrainische UND russische Kriminalliteratur, die tschechische, die slowakische und mehrmals schon die polnische. Jüngst machte er uns mit polnischen Schriftstellerin Magdalena Parys vertraut. Den »Polizeiruf« der DDR, das Original, kennt er auch.
Zusammen mit seinem Kollegen Adrian Madej vom Institut für Deutsche Philologie der Universität Wroclaw fungiert er gerade als Herausgeber von Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Fernsehen und Wirklichkeit. Der Band ist dem im letzten Jahr verstorbenen »Krimi-Papst« Jochen Vogt gewidmet und erscheint in der Reihe »Andersheit – Fremdheit Ungleichheit. Erfahrungen von Disparatheit in der deutschsprachigen Literatur«. Grenzüberschreitend werden darin die Anleihen der Kriminalliteratur beim realen Verbrechen thematisiert, ob sie nun vor dem Hintergrund realer Tatverläufe Geschichten erzählen oder dieselben realen Tatverläufe reportagemäßig dokumentieren. Erweitert wird das auf Film oder Fernsehen (etwa die bei uns wenig bekannte BBC-Serie »Foyle’s War« und den Holocaust). Die Beiträge ider elf Autoren widmen sich den Synergien medial/ literarisch erzählter und politisch und gesellschaftlich erlebter Kriminalität. Tobias Gohlis fällt auf: Krieg ist im Krimi (ziemlich) Tabu. CrimeMag-Herausgeber Thomas Wörtche steuert den programmatischen Essay »Das reine Grauen« bei und konstatiert und angesichts des Phänomens »True Crime«: Wenn die Realität mittels gefaktem »Grauen« vermittelt und damit konsumierbar gemacht wird, stellt sich die Frage, wie wir mit echtem lebensweltlichen Grauen umgehen werden.
Wolfgang Brylla, Adrian Madej (Hg.): Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Fernsehen und Wirklichkeit. Reihe Andersheit – Fremdheit Ungleichheit. Erfahrungen von Disparatheit in der deutschsprachigen Literatur, herausgegeben von Pawel Zimniak und Renata Dampc-Jarosz. Brill/ V&R unipress, Göttingen 202. Hardcover, 11 Abbildungen, 202 Seiten, 45 Euro.
** **

Wenn der Untergang nicht mehr das letzte Wort sein muss
(AM) 35 Jahrgänge, über 200 Ausgaben. Im Laufe der Zeit ist das Archiv vom Mittelweg 36 auf eine beachtliche Anzahl von Artikeln angewachsen. Die neue Ausgabe der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung mit dem Thema Auserzählt. Narrative vom Ende und das Ende der Narrative entstand deutlich bevor Trump uns vom möglichen Ende »einer ganzen Zivilisation« tweetete. Wer sagt, dass Soziologie nicht den Finger am Puls der Zeit haben könne? Das Heft beschäftigt sich mit der Rückkehr der politischen Apokalypse in einer Zeit, in der wir lernen, »dass der Untergang nicht mehr das letzte Worte sein muß«, so der Eröffnungsartikel »Zur Kritik der Endzeiterzählung«.
Wir in Deutschland sind derzeit »nur« schlecht aufgelegt, in den USA hingegen glauben über 40 Prozent an die bevorstehende Apokalypse. Serien wie »The Last of US« sind Dauerbrenner, bei uns klebt »Die letzte Generation« sich im Heute fest. Für Elana Gomel ist der wiederauferstehende Zombie die popkulturelle Figur der Doppelkrise, für Niels Werber stecken wir zwischen »Ereignis und Erregung«, klassische »Postnarrative Kommunikation«. Welche Rolle spielt das das Ende für die Form des Erzählens? Sascha Michel sieht uns »In den Ruinen der Narration«.
Seit um die 1800 kommt die Literatur nicht mehr von dem Gedanken los, dass es einmal wieder eine menschenleere Welt geben könnte. Die Eliten der Apokalypse natürlich ausgenommen, für die gibt es Bunker und Inselstaaten. Das Cover ziert ein Holzschnitt apokalyptischer Reiter von Julius Schnorr von carolsfeld (1852), der zu jedem Heft gehörende Ortstermin fürht zur Volkshochschule im Hamburger Schanzenviertel. Eine der Bildgeschichten führt zum Katastrophentourismus in Tschernobyl, auf einem anderen Foto brennt es am berühmten Schriftzug von HOLLYWOOD.
Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Auserzählt. Narrative vom Ende und das Ende der Narrative. 35. Jahrgang, Heft 2, April/ Mai 2026. 128 Seiten, Broschur, 14 Euro, 9 Euro als PDF. Verlagskontakt hier.
** **

Mit Sachlichkeit gegen Zerrbilder
(AM) Bei der Kriminalitätsfurcht – der subjektiven Wahrnehmung von Kriminalität und die Sorge davor, Opfer einer Straftat zu werden – belegen die Deutschen einen Spitzenplatz in Europa. Und mit dieser Furcht wird kräftig Politik gemacht. Leider ist es nicht unser Law-and-Order-Innenminister Dobrindt (CSU), der hier die Fahne der Rationalität hochhält. Das müssen andere machen. Ein mustergültiger Beitrag dazu ist das Sachbuch True Criminology: Mythen, Fakten, Hintergründe der Kriminologinnen Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger.
Ihr seit 2023 zweiwöchentlich erscheinende Podcast True Criminology (sogar mit Transkript) wurde bisher nicht mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ich halte das für einen kleinen Skandal. Der Podcast vermittelt wissenschaftliche Erkenntnisse der Kriminologie, räumt mit Irrtümern auf und unterscheidet sich damit deutlich von klassischer »True Crime«-Unterhaltung. Deren erfolgreichste Varianten sind »ZEIT Verbrechen«, »Mordlust« und »Mord auf Ex«, ihr gemeinsamer Nenner: Kriminalität als Grusel und Faszination, ihr Blick eher voyeuristisch. Überproportional häufig geht es um schwere Gewaltverbrechen, um Sexualstraftaten und nicht selten sind junge Frauen die Opfer.
In den meisten True-Crime-Formaten der Zeitschriften, Serien und Podcasts, so haben Bögelein und Wollinger feststellen müssen, »geht es nicht darum, zu verstehen, warum Straftaten begangen werden. Auch nicht darum, was die Tatumstände und Hintergründe sind.« Aus wissenschaftlicher Sicht lasse sich aus den dargestellten Fällen ohnehin wenig lernen, »sind sie doch alles andere als typisch«. Die beiden Autorinnen hingegen wollen ein sachliches Interesse wecken.« Deshalb ihr Buch und deshalb ihr Plädoyer für Kriminologie. Die erforscht nämlich Gesetzmäßigkeiten von Kriminalität: Wie kommt es zu Gewalt in der Familie? Wie hoch ist das Ausmaß von Kriminalität? Welche Straftaten nehmen zu, welche gehen zurück? Welche Delikte entstehen ganz neu? Das Buch schließt mit einem fundierten Aufruf zu einer neuen Kriminalpolitik.
Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger: True Criminology: Mythen, Fakten, Hintergründe. Verlag J.H.W. Dietz Nachf.,Bonn 2026. 304 Seiten, Klappenbroschur, 20 Euro.
** **

Große historische Leinwand
(AM) Diesen Autor muss man auf dem Schirm behalten, er ist Jahrgang 1979. Der in Yale lehrende Historiker Sunil Amrith wuchs in Singapur auf, ist in südostasiatischer Geschichte geerdet und hat eine globale Perspektive: Antidotum gegen Eurozentrismus. 20 Jahre Forschung, Lehre und Recherche stecken in seinem Buch Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre.Es ist ein Patchwork, wechselt Kontinente und Zeitspannen, stellt Zusammenhänge her, untersucht die Quellen und Ströme der heutigen planetaren Umweltprobleme. Große historische Leinwand also.
Der Blick auf Geschichte ist diesem Autor immer auch Umweltgeschichte. Fortschritt oder die Expansion von Imperien haben immer ihren Preis. Im Namen der Naturbeherrschung hat die Menschheit so in den letzten 500 Jahren ihre eigenen Lebensgrundlagen immer mehr zerstört. Das Buch spannt den Bogen bis zu den Eroberungsfeldzügen von Dschingis Khan im 12. und 13. Jahrhundert, folgt der Ausbreitung von Weizen- oder Reisanbau, von Dampfschiff und Eisenbahn und Waffentechnik, folgt industriellen und agrartechnischen Revolutionen und dem Zusammenwachsen der Welt durch Dampfkraft, Telegrafen, Warenströme. Das ist nicht immer stringent, wechselt Kontinente und Zeitebenen, bleibt – möglicherweise ja natur«-gemäß – Patchwork, aber vermittelt viele Zusammenhänge, erkundet Seewege, Schienen und Autobahnen, Wasserkraft, Schlachthäuser, Handfeuerwaffen, Rinderpest, Dürren, Hungersnöte, Migration, Landnahme, den portugiesischen Silberbergbau in Peru ebenso wie auf die britische Jagd nach Gold in Südafrika, den technischen Fortschritt, überhaupt Fortschritt, und den globalen Rausch, die Natur in Rohstoffe zu verwandeln. Oft im Namen der Freiheit und immer des Fortschritts.
Ein Kulminationspunkt: die Pariser »Exposition Universelle, die Weltausstellung von 1900 mit 50 Millionen Besuchern: »In Paris wurden all die Energien präsentiert, die den Planeten in einen neuen Daseinszustand versetzten.« Die Handbremse gefunden oder gar gezogen haben wir immer noch nicht. Eine weit ausführlichere Besprechung dieses wichtigen Buchs durch den Wirtschaftssoziologen Christoph Deutschmann finden Sie hier.
Sunil Amrith: Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre (The Burning Earth. A History, 2024). Aus dem Englischen von Annabel Zettel. Verlag C.H. Beck, München 2025. Hardcover, 505 Seiten, mit 38 Abbildungen und 10 Karten, 34 Euro.
** **

Petro-Maskulinität
(AM) Wir sehen sie jeden Tag in den Nachrichten, Männer, die die Welt verbrennen. Es ist nicht nur eine etwas übertriebene Zuschreibung, wie es die FAZ bei Erscheinen der Hardcover-Ausgabe im April 2024 noch sah. Das Buch mit dem Untertitel Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit sei eindimensional und unreflektiert, zum Beispiel, wenn unter dem Begriff »Petro-Maskulinität« ein grundsätzlicher männlicher Hang zum Verbrennen behauptet wird. Es sei ein zwar »flott zu lesendes«, dabei aber eher wild um sich schlagendes Buch befand damals der FAZ-Rezensent. Die Geschichte, for sure, wird ein anderes Urteil sprechen.
Das Buch von Christian Stöcker erlebt als Taschenbuch Neuauflagen, er sieht die Welt in der Endphase eines Kulturkampfs: Gier gegen Gerechtigkeit, Zerstörung gegen Nachhaltigkeit, Zynismus gegen Empathie. Nichts zeige dies deutlicher als die Reaktionen auf die Klimakatastrophe: Hier jene, die versuchen, das Schlimmste zu verhindern, dort jene, die alles tun, um aus dem Verbrennen fossiler Stoffe Profit zu ziehen. Jahrzehntelang haben Ultrareiche sowie Unternehmen, die mit CO₂-Produktion gut verdienen, mit skrupelloser Desinformation Zweifel daran gesät, dass wir die Erde aufheizen. Nicht zufällig sind die Hauptprofiteure der Klimazerstörung Leute, die mit demokratischen Werten und Menschenrechten wenig am Hut haben ‒ oft geht die Begeisterung für fossile Brennstoffe und die Ablehnung von Klimaschutz einher mit reaktionären Positionen.
Das Kartell der Verbrenner vereint Leute wie Donald Trump, Wladimir Putin, Mohammed bin Salman, Rupert Murdoch und Mathias Döpfner, flankiert von Wagenknechten wie der AfD, der FDP oder der unverhohlen Fossil-hörigen Wirtschaftsministerin Reiche. In vielen politischen Diskursen und militärischen Konflikten der Gegenwart geht es letztlich um CO₂ – und um sehr viel Geld. Stöcker liefert Argumente, warum das fossile Zeitalter am Ende ist und die Zukunft in den erneuerbaren Energien liegt.
Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Ullstein Verlag, Berlin 2025. Broschur, 352 Seiten, 14,99 Euro.
** **

Who´s afraid of Valeria Messalina?
(TW) Valeria Messalina, Gattin des Kaisers Claudius, und für ein paar Jahre sicher die mächtigste Frau der damaligen Welt, hatte nie eine Chance auf faire Behandlung. „Messalina“ steht, seit Juvenal, Sueton, Tacitus et al sie als die angstbesetzte Männerphantasie vor der „unbeherrschbaren, destruktiven weiblichen Begierde“ kanonisierten, für die „schlechte Frau an und für sich“. Das geht von der Antike über Mittelalter bis in die Neuzeit. Der Mythos „ewige Messalina“ funktioniert bis heute. Mit Messalina wird, von der römischen Satire bis zum heutigen Porno, so ziemlich alles assoziiert, was irgendwie mit Orgien, Dekadenz, Verderbtheit, Unsittlichkeit, Ausschweifung, Exzess, Schmutz zu tun hat – und vor allem mit weiblicher sexueller Selbstbestimmung. Im Mittelalter kam noch Hexerei dazu, während der französischen Revolution wurde Marie Antoinette zur politisch zu erledigenden Messalina, Second Empire und Fin de Siècle berauschten sich an Fäulnis und Untergang. Krafft-Ebing kam sie für seine „Psychopathia sexualis“ gerade recht, und die Femme Fatale des Noir trägt ihre Echos noch in sich. Selbst Lars von Trier (in „Nymphomaniac“) lässt sie noch als die „berüchtigste Nymphomanin der Geschichte“ auftreten. Die Narrative angstschlotternder Männlein sind mächtig. Müsste man den Begriff „Misogynie“ casten – es wäre Messalina.
Dagegen schreibt die Oxford-Historikerin Honor Cargill-Martin an, völlig zurecht. Sie räumt dieses ganze rezeptorische Gerümpel weg und macht den Blick frei auf eine Frau, die „die politische Landschaft ihrer Zeit prägte“ und „neuen Methoden der Hofpolitik den Weg ebnete – neuen Mustern, weibliche Macht auszuüben und zu vermitteln -, die sich noch weit über ihre Zeit hinaushalten sollten.“ Honor-Cargill macht keine Heilige aus Messalina, auch keine Feministin avant la lettre. Sie zeigt Messalina „mächtig, interessant, wagemutig, innovativ, intelligent und über nahezu ein Jahrzehnt hinweg erfolgreich“. Und: „Keine dieser Eigenschaften steht in Widerspruch zu ihrer Attraktivität und Sexualität.“ Sehr spannend!
Honor Cargill-Martin: Messalina. Intrigen, Macht und Orgien im antiken Roman. Die wahre Geschichte der Skandalkaiserin (Messalina. A Story of the Empire, Slander and Adultery, 2023). Aus dem Englischen von Michael Bischoff, Ulrike Bischoff. C.H. Beck, München 2026. 460 Seiten, 34 Euro.
** **

Beitrag zu einer »Antiquiertheit der Technik«
(AM) Wir Zauberlehrlinge. Die Arroganz einprogrammiert und den Glauben, dass Wissenschaft und Technik und Fortschritt alles heilen, alles zaubern könnten, Verbrenner-Ewigkeit inklusive. Derzeit verspricht künstliche Intelligenz, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und menschliche Grenzen zu sprengen. Die Historikerin Martina Heßler, Professorin für Technikgeschichte an der TU Darmstadt hält uns in Sysphos im Maschinenraum. Eine Geschichte der Fehlbarkeit von Mensch und Technologie den Spiegel vor. Ein wichtiger Dollpunkt ist ihr dabei der Philosoph Günther Anders, kein anderer Name kommt im Register so oft vor. Anders prägte Begriffe wie »promethische Scham«, verteidigte die Menschen gegen die Maschinen. Sein Hauptwerk »Die Antiquiertheit des Menschen« (Band 1 erschien 1956, Band 2 dann 1980) lässt wohl kaum einen Leser oder eine Leserin unverändert.
Martina Heßler ist klar, dass der Maschinenraum von heute ein anderer und dass Günther Anders deswegen zu aktualisieren wäre. Mit ihrem für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominierten Buch leistet sie, die keine Philosophin sein will, dafür einen wichtigen Beitrag – sozusagen zu einer »Antiquiertheit der Technik«.
Mit viel sorgfältiger Quellenarbeit legt sie eindrucksvoll dar, wie bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert versucht wird, fehlerhafte Menschen mit überlegenen Maschinen einzuhegen, zu ersetzen und zu übertreffen. Das reicht von Automaten in frühen Fabriken über Sicherheitsgurte, Lügendetektoren und netten Robotern bis zu Computern als Präsidentschaftskandidaten und bis zur Cyborg-Reparatur. Das Bild einer perfekten Maschine, die alle denkbaren Probleme lösen kann, prägt schon länger als uns bewusst ist, den gesellschaftlichen Fortschritt. Martina Heßler beschreibt uns die Geschichte der technologischen Überwindung menschlicher als eine Geschichte des Technik-Chauvinismus, in der wir Menschen mehr und mehr einem modernen Sisyphos ähneln – »im selbst gebauten Maschinenraum unentwegt mit der Beseitigung von Fehlern und Defekten beschäftigt«. Heßler findet: »Es wird Zeit, diese unzeitgemäße Illusion zu verabschieden.«
Martina Heßler: Sysphos im Maschinenraum. Eine Geschichte der Fehlbarkeit von Mensch und Technologie. C.H. Beck, München 2025. 298 Seiten, Hardcover, 32 Euro.
** **

Wir Zeitgenossen in der Zirkuskuppel, ratlos
(AM) Kopf in den Sand hilft nichts. Wir haben ein Problem. Ja, und nicht nur im Osten. Was aber nicht heißt, dass man über den Osten nicht reden darf – und soll. Die aufgewühlte Debatte (nicht nur) um Jana Hensel und ihr Buch Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet zeigt an, wie schwierig das Reden über Deutschland, über den Osten, den Osten und den Westen und über die Demokratie überhaupt geworden ist. Identifikationsfiguren gibt es nicht (mehr), gäbe es sie, wären sie sogleich sowieso suspekt. Vor jedem Erklärversuch türmen sich Spießruten-Galerien von Einwänden, die es von vornherein zu berücksichtigen gegolten hätte. Und wehe, es wird falsch gewichtet. Es hier gleichzeitig allen Recht zu machen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Viel Terrain also zwischen allen Stühlen. Ilko-Sascha Kowalczuk nannte das Buch von Jana Hensel »kein Sachbuch, sondern eine autobiographische Reportage. So sollte die Publikation auch aufgenommen werden und nicht als Erklärung über die subjektive Sichtweise hinaus. Kurios ist fast ihre Literaturauswahl – es finden sich nur Titel, die ihre Sichtweise stützen. Aufschlussreich ihre Danksagung – da finden sich lauter Leute, die genauso wie sie ticken. Ich nenne mal vier Begriffe, die in diesem Buch nicht vorkommen: Rassismus, Faschismus, Autoritarismus und Wagenknecht.«, so weit der Historiker, dem (nicht nur in bisher einem Dutzend Büchern) die Aufarbeitung der SED-Herrschaft Kopf- und Herzenssache ist.
Ihm fällt auf, dass die SED-Diktatur bei Jana Hensel kaum vorkommt und keine Frage nach den Langzeitfolgen jahrzehntelanger ideologischer Erziehung: »Hensel will Ostdeutschland erklären, ohne überhaupt die DDR einzubeziehen. Bei ihr beginnt die Geschichte im Jahr 1990.« Für den »Spiegel« gilt Jana Hensel (ihr »Zonenkinder« stammt von 2002) zwar als »eine der klügsten Ostdeutschlanderklärerinnen«, ihr neues Buch aber sei die »Selbst gewählte Ratlosigkeit«. Nun, auch der »Spiegel« verfügt hier keineswegs über eine Erklär-Hoheit. Niemand hat die. Wir Zeitgenossen in der Zirkuskuppel, ratlos. Hensels Buch muss man wohl selbst lesen und sich ein Urteil bilden. Ob es nun »Erklärprosa« ist – welch ein Totschlagwortoder – oder nicht oder ob es die Abwendung der Ostdeutschen von der Demokratie ein Stück weit verstehen hilft. Die Zeit des Welterklärens, möglichst bitte auf auf Bier- oder Buchdeckeln, ist eh vorbei.
Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau Verlag, Berlin 2026. 263 Seiten, Hardcover, 22 Euro.

















