Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Magdalena Parys überzeugt mit »Der Prinz«

Deutschland in trouble

Eine Besprechung von Wolfgang Brylla

Beim österreichischen Polente Verlag ist vor kurzem Teil zwei der sogenannten „Berliner Trilogie” der polnischen Schriftstellerin Magdalena Parys erschienen, die seit vielen Jahren schon in der deutschen Hauptstadt lebt und von dort aus literarisch agiert. Mit dem Thriller „Der Prinz“, hervorragend übersetzt von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz, wird von Parys ein wilder Ritt nicht nur durch die deutsche Vergangenheit und die an Absurdität grenzenden Verschwörungstheorien aufgetischt, sondern auch ein höchstaktueller Gegenwartsbezug aufgemacht. Denn es geht hier auch um nationalistische Bewegungen, ideologisch gefärbte Attentate und den Versuch eines gewaltsamen Demokratieabbaus.

„Der Prinz“ (poln. „Książę“) ist im Gegensatz zu seinem Vorgängerroman „Der Magier“ (poln. „Magik“) nicht so ganz auf die Darstellung des Handlungsumfelds konzentriert. In den Vordergrund rücken stattdessen Parys‘ Protagonisten, die man schon aus dem „Magier“ kennt (Kowalski, Bosch) und die miteinander fast engmaschig verwoben sind. Und es gibt sehr viele Figuren – vielleicht auch zu viele und bei der Lektüre fällt es manchmal schwer, den Überblick zu behalten. Die Unmenge an Helden, die im rasenden Tempo auf die Bühne treten, um sie noch schneller zu verlassen und einige Szenen später erneut aufzutauchen, führt jedoch nicht dazu, dass man als Leser den roten Faden verliert, was man vielleicht vermuten könnte, wenn man sich mit Parys‘ Erzählweise auseinandersetzt.

Man könnte ihre Erzählart hektisch und sprunghaft. Nicht nur die einzelnen eher konzis gehaltenen Storyabschnitte scheinen abrupt enden zu wollen, dasselbe Impulsivitätsprinzip betrifft auch Parys‘ Erzählsprache. Einerseits sind Parys‘ Sätze vom Detail geprägt, andererseits sind sie wunderbar rudimentär. Solcher rabiater Stil unterstützt und treibt die Dynamik in „Der Prinz“ voran und löst gleichzeitig einen Wettlauf gegen die Zeit aus, der sich in der zeichenhaften Materialität des Plotes in der Taktung der Handlungsführung niederschl­ägt. Als Subkapitelüberschriften finden sich bei Parys Tages- und Uhrzeitangaben, mit denen somit der Countdown angedeutet wird. Dieser hat es in sich, denn in Berlin wird über die Zukunft Deutschlands entschieden – im wahrsten Sinne des Wortes.

An der Spree werden auf brutalste Art und Weise Priester ermordet und ihre Leichen so zugerichtet, dass man sofort an Ritualmorde denken muss. Die Mörder spielen dabei mit mythischer und christlicher Symbolik. Bibelzitate leiten jedes Kapitel ein, biblische Motive beinhalten auch Abdrücke der Raubkunst, die bis zum Krieg im Besitz von polnischen Museen war. Das Bildmaterial ergänzt das durch Rohheit bestechende Erzählbild. Es brennt in einem Migrantenviertel, die Frau eines Ministers wird entführt, in Deutschland herrschen generell Zustände wie in den 70ern, als die RAF ihr blutiges Unwesen trieb. Über allem schwebt die Familiengeschichte einer Alt-Nazi-Dynastie, der die Kriegsniederlage nicht anhaben konnte. Glatt wie ein Aal weiß sie sich durch das Nachkriegsgewirr durchzukriechen, um in der Bonner Republik hohe politische Posten zu bekleiden und unter dem Radar der Öffentlichkeit geheime paramilitärische Kampfeinheiten aufzubauen, die bereit gewesen wären, in der mit den üblichen Kinderkrankheiten befallenen westdeutschen Demokratie die Macht zu übernehmen, sollte die Zeit dazu reif sein.

„Der Prinz“ überzeugt durch die Zeichnung einer alternativen verzwickten Geschichts- und Gegenwartswelt, die in Wirklichkeit gar nicht so wahnwitzig erscheint, und die sich im stetigen Wandel befindet. Und obwohl Parys eine offensichtliche Neigung zu (zu) langen Beschreibungen von Geschehnissen und Personen hat, die im Grunde keinen relevanten Beitrag zur Storyentwicklung leisten, und einige Lösungskonzepte an den Haaren vorbeigezogen wirken  – wie die investigativen Recherchen der Journalisten Dagmara, der die deutschen Behörden eigentlich verdanken, dem mysteriösen „Prinzen“ auf die Spur zu kommen, als ob der Staatsapparat nicht über den richtigen Werkzeugkasten und die Kapazitäten verfügen würde, ihm das Handwerk zu legen – ist „Der Prinz“ ein gelungener Thriller, der auf Deutschland aus der Außenperspektive einer Polin blickt. Es ist ein durchaus erfrischender Blick – und ein erschreckender dazu.

Magdalena Parys: Der Prinz (Książę, 2020). Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz. Polente Verlag, Wien 2026. Klappenbroschur, 424 Seiten, 20 Euro.

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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier. 
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) _ Textauszug bei uns hier.

Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit.

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