Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

non fiction, kurz – Sachbücher Mai 2025

Von Alf Mayer (AM) aus dem Sachbuchstapel gefischt und/ oder von seiner Australien- und Neuseelandreise mitgebracht:

Am Erker: Nr. 88 – Das will ich auch. Literarische Lebensentwürfe
Stephen Gapps: Uprising. War in the Colony of New South Wales, 1838–1844
Amitav Ghosh: Rauch und Asche. Die geheime Geschichte des Opiums
Lindsey Hilsum: I Brought the War with Me. Stories and Poems from the Front Line
Mittelweg 36: Über Folter
Peter Stanley: Beyond the Broken Years: Australian Military History in 1000 Books
Liao Yiwu: 18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt

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Die Zukunft, ausgemalt

(AM) Sie müssen das Geheimnis der Frischzellen geknackt haben, die Macher der Literaturzeitschrift Am Erker, die auch im 48. Jahrgang und mit der Nr. 88 – Das will ich auch. Literarische Lebensentwürfe quicklebendig daherkommt. Autoren und Autorinnen wie Burkhard Spinnen, Ror Wolf, Peter-Paul Zahl, Marcus Jensen, Frederike Frei, Georg Klein, Tanja Dückers oder Wilhelm Genazino haben in der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift einst früh in der Karriere veröffentlicht. Für die Nummer 88 hat Erker-Mitbegründer Joachim Feldmann – den Sie bei uns als unermüdlichen Rezensenten kennen – den Spieß herumgedreht und aktive Schriftsteller nach ihren frühen Schlüsselmomenten gefragt. Das Motto dazu ein Zitat von Oskar Maria Graf: »Ich verfolgte eifrig die verschiedenen Werdegänge der Dichter und malte mir meine Zukunft demgemäß aus.« (Wir sind Gefangene, 1927)

Wie und wo ich denn das Ergebnis sinnvoll einordnen könne, korrespondierte ich mit Joachim Feldmann, Fiktion oder non fiction? Wir einigten uns auf Autofiktion, derzeit ohnehin beliebt. So gehen wir also mit Robert Brack »Ahnungslos in die Grauzone«, mit Matthias Wittekindt zu »Karina«, mit Christian Y. Schmidt »Wim Wenders widerlegen«. Bei Ute Cohen heißt es: »Wir sehen uns wieder«, bei Johannes Groschupf »Stille Wasser sind tief« und bei Andreas Pflüger kurz und knackig und titelgebend: »Das will ich auch«. Unter den knapp fünfzig Autorinnen und Autoren finden sich auch Frank Göhre mit »Persönliche Erfahrungen«, Gerhard Henschel, Frederike Frei, Andreas Heckmann und Marcus Jensen, dazu Interviews mit Norbert Scheuer und der israelischen Lyrikerin Agi Mishol. Und dann noch an die dreißig Seiten Bücherschau, wie man im Erker die Rezensionen nennt. – Tolles Heft. Empfehlenswert.

Am Erker 88: Das will ich auch – literarische Lebensentwürfe. Verantwortlicher Redakteur dieser Ausgabe: Joachim Feldmann. Daedalus Verlag, Münster 2025. Groß-Oktav, broschiert, Format 16 x 24 cm. 150 Seiten, 12 Euro. (Abonnement, 4 Hefte: 40 Euro, plus Vertriebskostenabo.)

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Verboten, aber dennoch weltweit existent

 (AM) Der Autor Jean Améry wurde 1943 von der Gestapo gefoltert. 1965 schrieb er über seine traumatischen Erlebnisse einen Essay, den Dieter Reifarth mit dokumentarischen Mitteln sehr eindringlich adaptiert hat. Der überaus sehenswerte Dokumentarfilm ist – zusammen mit zwei ergänzenden Filmdokumenten – in der 3Sat-Mediathek abrufbar, wird aber leider schon bald aus dem Programm genommen. (Als DVD bei absolutMedien herausgekommen, noch antiquarisch im Umlauf.)

»Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Die Hautoberfläche schließt mich ab gegen die fremde Welt: auf ihr darf ich, wenn ich Vertrauen haben soll, nur zu spüren bekommen, was ich spüren will«, heißt es bei Améry. Dieser Satz steht auch als Motto dem aktuellen Themenheft der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung voran. Das Heft April/ Mai 2025 mit dem Titel Über Folter umkreist mit acht Beiträgen, davon zwei Opferberichte, das, was es eigentlich gar nicht mehr geben darf – weil weltweit moralisch geächtet und rechtlich universal verboten. Dennoch ist Folter in zahlreichen Ländern immer noch grausame Realität. Ihre blutige Spur zieht sich über alle Kontinente – von China, Russland und Indonesien bis nach Syrien und in den Iran, von den Vereinigten Staaten, Mexiko und Ecuador bis in die Türkei und den Sudan. Jüngst wurde die im Ukrainekrieg in russische Gefangenschaft geratene Journalistin Viktoria Roschtschyna von Putins Regime als verstümmelter Leichnam »zurückgegeben«, er wies heftige Folterspuren auf.

Die Existenz der Folter in der modernen Welt ist ein ebenso skandalöses wie paradoxes Phänomen. Das Themenheft fragt, warum es sie immer noch gibt. »Die plurale Aktualität der Folter« ist Gegenstand des Beitrags von Frithjof Nungesser. Andere Texte führen ins Zentralgefängnis der Roten Khmer oder nach Nordwestchina und den Unterdrückungsmethoden des chinesischen Staats gegen die Uiguren und andere ethnische Minderheiten. Unter dem Titel »Wir wissen, dass Folter abschaffbar ist …« berichtet Manfred Nowak von seiner langjährigen Arbeit als UN-Sonderberichterstatter über Folter und erläutert die Möglichkeiten und Grenzen politischer Einflussnahme. Seine amtierende Kollegin Alice Jill Edwards weiß:  »Keine wirksame Strategie zur Abschaffung von Folter kommt ohne die Einsichten der Überlebenden aus.«

Ein heftiges, wichtiges Heft. Wie immer folgt als Schluss ein (soziologischer) Ortstermin, diesmal ist es »Der Garagenhof«. Thomas Schmidt-Lux und Jannis Bredemeier führen bei einem Streifzug durch Vergangenheit und Gegenwart vor Augen, welche soziale Bedeutung dem Ort besonders im Osten Deutschlands zukam und welchen Wandlungsprozessen er aktuell unterliegt.

Mittelweg 36: Über Folter. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 34. Jahrgang, Heft 2, April/ Mai 2025. 152 Seiten, 14 Euro. (Jahresabo 60 Euro,  Miniabo 28 Euro.)

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Was Poesie vermag

(AM) Dieses Buch ist im Versandhandel gerade günstig zu haben, es gehört in all die Regale jener, die noch an die Kraft der Lyrik glauben. Seit vier Jahrzehnten, schon ihr ganzes Berufsleben lang, hatt die britische Kriegsreporterin Lindsey Hilsum stets einen Gedichtband im Gepäck, egal wohin ihre Einsätze sie führen. Sie war in Afghanistan und Syrien, in Mali, in Lybien, im Irak und im Kosovo, im Sudan, in Israel und Gaza, und 1994 die einzige englischsprachige Reporterstimme beim Völkermord in Ruanda. Dass wir von der 2012 in Syrien ums Leben gekommenen Kollegin Marie Colvin so viel wissen, verdankt sich Hilsums 2019 preisgekrönter Biografie „In Extremis“.

2022, im Ukraine-Krieg, tweete Lindsey Hilsum jeden Tag ein Gedicht. Daraus ist nun ein Buch geworden: I Brought the War with Me. Stories and Poems from the Front Line.‎ Der Auslöser dafür war ein russischer Raketeneinschlag im ukrainischen Izium, der 54 Einwohner tötete. Sie wurde zur Zeugin. Und ihr fehlten die Worte. »Es sind nicht die Häuser. Es ist der Raum zwischen ihnen«, dachte sie damals. »Es geht nicht um die Straße, die existiert. Es geht um die Straße, die es nicht mehr gibt.« Es war ein Gedicht, das ihr im Kopf herumging. Zurück im Hotelzimmer schaute sie nach. Die Zeilen, im Original etwas anders,  stammten von James Fenton, über selektives Erinnern im Zweiten Weltkrieg. Sie fielen ihr ein, als ihr die eigenen Worte fehlten.

Das Erlebnis bestärkte sie in dem, was schon lange ihr Gefühl war: nämlich dass die journalistische Sprache solch heftige Erlebnisse aus dem Krieg nicht angemessen wiederzugeben vermag. Mag man/ frau auf den eigenen Stil noch so stolz sein. Gedichte vermögen da eher, der Wahrheit näher zu kommen. »Those in power write the history; those who suffer write the songs«, meinte der irische Musiker Frank Harte einmal.

Für ihr Buch hat Lindsey Hilsum fünfzig eigene Geschichten aus Krisengebieten rund um die Welt zusammengetragen und dazu jeweils ein von ihr ausgesuchtes Gedichte, biografische Angaben inklusive. »War Poets« sind männlich, denkt man so. In diesem Buch begegnen wir auch vielen Dichterinnen, die uns der Wahrheit näher bringen. Der erste bekannte »War Poet« übrigens war eine Frau, die sumerische Hohepriesterin Enheduana, die um 2300 vor Christus in Ur lebte.

Der Titel des Buches stammt aus einem Gedicht der Kenianerin Warsan Shire:
I brought the war with me
unknowingly, perhaps on my skin, plumes
of it in my hair, under my nails.

Lindsey Hilsum: I Brought the War with Me. Stories and Poems from the Front Line.‎ Chatto & Windus, London 2024. 304 Seiten, 16,99 GBP.

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Kraft der Worte (2): »Ein Schriftsteller muss im Gefängnis gewesen sein.«

(AM) Doch es kommt
Das verdammte Vaterland kommt
Und mit ihm: Verfolgung, Entführung, Gehirnwäsche, Mord
(Ende des Gedichts »Das zweite Massaker«, 2019 nach der Niederschlagung der Proteste in Hongkong geschrieben)

Wie ein Schwert teilt der chinesische Staat/ die Partei das Leben von Liao Yiwu in ein Davor und ein Danach. Am 4. Juni 1989 verfasst er in aller Früh das Gedicht »Massaker« und trägt es vor, wird verhaftet und gefoltert, sitzt vier Jahre im Gefängnis. Wandelt sich dort vom Dichter zum Zeugen, wird »ein Experte für Gefängniserzählungen«, wie er sich selbst im Prolog seines neuen Buches vorstellt. Im Lauf der Zeit ist er von früh bis spät mit mehr als zwanzig zum Tode verurteilten Gefangenen zusammen, hat »jedes Mal wieder hilflos dabei zugesehen, wie sie aus der Gefägniszelle gebracht wurden, um erschossen zu werden. – Vor ihrer Exekution war ich jeden Tag noch von diesen »Todgeweihten« erbarmungslos mit Unmengen von Details über ihre Fälle überschüttet worden.« Schrecklicher als die Gehirnwäsche durch die Kommunistische Partei sei das gewesen, »auch wenn ich es eigentlich nicht hören wollte, ich musste zuhören«.

Schon sein halbes Leben lang nun sei das die Quelle seines schriftstellerischen Zeugnisablegens. Deshalb sage er immer wieder: »Ein Schriftsteller muss im Gefängnis gewesen sein.«

18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt ist der 2019 verstorbenen Verlegerin Monika Schoeller gewidmet. Sie nahm ihn unter die Fittiche, als es Liao Yiwu 2011 gelang, China zu verlassen. Er lebt seitdem im Exil in Deutschland, hat hier »Die Kugel und das Opium« (2012), »Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch« (2013), »Gott ist rot« (2014), »Drei wertlose Vita und ein toter Reisepass« (2018), »Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand« (2019) sowie der Roman »Die Wiedergeburt der Ameisen« (2016) veröffentlicht. Zuletzt erschien 2022 sein Dokumentarroman »Wuhan«. Für sein Werk wurde Yiwu mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

»18 Gefangene« versammelt die Geschichten von Inhaftierten. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft und aus verschiedenen Jahrzehnten und Epochen der chinesischen Geschichte und ist so etwas wie eine alternative Geschichte Chinas. Das Buch atmet das Werk von Alexander Solschenizyn. Es erzählt aber nicht nur von 18 Biographien oft politischer Häftlinge, sondern auch von 18 Ausbrüchen. Denn 18 Mal gelingt die Flucht über die Berge oder über das Meer: Freiheitsliebe, Erfindungsgabe und Überlebenswille sind stärker als jede politische Unterdrückung.

Liao Yiwu: 18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt. Aus dem Chinesischen von Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025. 528 Seiten, 32 Seiten.

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Australische Geschichte, eher weiß

(AM) Die Australier (und Neuseeländer) nehmen ihre Militärgeschichte ernst. Nicht nur hat so gut wie jede Gemeinde einen Gedenkort mit den Namenstafeln gefallener Soldaten und irgendwie geartetem Monument, meist eher dezent als scheußlich, immer aber mitten im Ort, nicht wie bei uns in Friedhofsecken verbannt, und öfter mit Versammlungssaal, kleinem Museum, Gebrauchtwarenshop, Veteranentreffpunkt oder manchmal gar dem einzigen Restaurant am Platze. Die Hauptstadt Canberra hat ein eigenes War Memorial samt großem Museum und Historischem Institut; auch im neuseeländischen Wellington gehört ein immersives Gallipoli-Schützengraben-Erlebnis völlig selbstverständlich zum Nationalmuseum. Und zur Eröffnung des neuen ANZAC-Museums im südwestaustralischen Albany reiste damals (noch) Prinzgemahl Charles samt Camilla an. (Ich könnte eine lustige Geschichte davon erzählen.)

Bill Gammage war »Principal Historian« am Australian War Memorial, wo er von 1980 bis 2007 tätig war und Autor von über 40 Büchern. 50 Jahre nach Erscheinen seines für das nationale Selbstverständnis wohl wichtigsten Werks zur australischen Kriegsgeschichte, »The Broken Years: Australian Soldiers in the Great War« von 1975, legt der Historiker Peter Stanley nun ein Update vor. Das Buch von Gammage versammelte mehr als 1000 Briefe und Augenzeugenberichte von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, machte mit seiner »Oral History« Geschichte sinnlich und fassbar. Prägte den Blick.

Die Recherche des renommierten Historikers Stanley für Beyond the Broken Years: Australian Military History in 1000 Books umfasste mehr als 1300 seit 1974 geschriebene Bücher, darunter die Werke der Kollegen Charles Bean, Henry Reynolds, Joan Beaumont und David Horner oder der »storians« Peter FitzSimons und Les Carlyon und der Welle »populärer« Autoren. Seine Literaturgeschichte ist eine Auseinandersetzung mit Geist und Kern der Militärgeschichtsschreibung, notwendigerweise mit historischer Wahrheit. Und mit dem, was als Genre einen beträchtlichen Teil australischer Identität ausmacht, die gemeinhin als verbürgt angesehen wird.

Ein Buch also mit gewaltigem Spektrum… und Potential,  die eigenen Bücherregale mit NZL (noch zu lesender Literatur) zu erweitern. Ganz so viel freilich will die australische Mehrheit dann lieber doch nicht alles von der eigenen Vergangenheit wissen. Das hat das im letzten Jahr schmählich gescheiterte Referendum zum Status der Aborigines und Bewohner der Torres Strait gezeigt. Dazu hier gleich im nächsten Review mehr.

Peter Stanley: Beyond the Broken Years: Australian Military History in 1000 Books. NewSouth Publishing, Sydney 2024. 272 Seiten, AUD $39.99.

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Australische Geschichte, eher schwarz

(AM) »Truth-telling« nennt man in Australien jene Geschichtswissenschaft und Haltung, die nicht nur die eigene gewalt-haltige Kolonialgeschichte benennt und erforscht, sondern auch die Rechte und die Souveranität der»First Nations« anerkennt. Werke wie »The Other Side of the Frontier. Aboriginal Resistance to the European Invasion of Australia« (1981) und »Forgotten War« (2013) von Henry Reynolds leisteten hier Pionierarbeit. Dazu zählen auch »Blood on the Wattle: Massacres and Maltreatment of Aboriginal Australians Since 1788« (Bruce Elder, 1988), »Australian Frontier Wars, 1788-1838“ (John Connor, 2002) oder »Black War: Fear, Sex and Resistance in Tasmania« (Nicholas Clement, 2014).

Die Kriege, die Australien führte, fanden auch im eigenen Land statt, mit erbarmungslosem Gemetzel der »Siedler« und Ordnungskräfte. Es gibt dafür Namen, Daten, Body Counts und Orte. So mancher Grund- und Landbesitz verdankt sich einer erbarmungslosen Ausrottungshaltung, David Marr zum Beispiel macht das in seinem Buch »Killing for Country: A Family Story« (2024) schonungslos klar.

»We are at war with them«/ Wir sind im Krieg mit ihnen, schreib ein tasmanischer »settler« (Siedler) im Jahre 1831. „Was wir bei ihnen ein Verbrechen nennen, würde man bei einem weißen Mann als Patriotismus bezeichnen.«

Stephen Gapps ist einer jener »public historians«, die Australiens Gründungskriege näher beleuchten und damit die National-, Regional- und Kommunalgeschichte neu zu schreiben helfen. Den »History Award« des Premierministers von New South Wales gab es für seine Bücher »The Sydney Wars: Conflict in the early colony 1788–1817« und »Gudyarra: The first Wiradyuri war of resistance – The Bathurst War, 1822–1824«. Sein neuestes Werk heißt Uprising. War in the Colony of New South Wales, 1838–1844.

Es stützt sich nicht nur auf Akten und Archive, sondern bezieht auch die mündliche Überlieferung der Stammesältesten mit ein. Mit frappantem Ergebnis. Der erste Wiradyuri-Krieg endete 1824 mit einer Serie von Massakern an den Urweinwohnern, danach nahmen sich die Kolonialisten mehr und mehr Aboriginal-Land, füllten es mit Rindern und Schafen. In Folge kam es ab 1838 zu einer breiten Widerstandbewegung, dem sogenannten Zweiten Wiradyuri-Krieg, 1839 bis 1841. Stephen Gapps präsentiert nun erstmals Einzelheiten dieser konzertierten Resistance, macht klar, wie viel an Koordination und innovativer Gegenwehr dahintersteckte. Auch Australien hatte seine Geronimos. – Ein schöner Fund meiner Reise übrigens die Zeitschrift »Dawn«, 1952 bis 1969 vom New South Wales Aboriginal Protection Board veröffentlicht und mittlerweile digitalisiert.

Stephen Gapps: Uprising. War in the Colony of New South Wales, 1838–1844. NewSouth Publishing, Sydney 2025. Paperback, 336 Seiten, AUD $36.99.

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Den Horizont erweiternd

(AM) Über die Meere zu schreiben sei etwas ganz anderes als übers Land, bemerkt Amitav Ghosh eingangs in seinem aktuellen Buch Rauch und Asche. Die geheime Geschichte des Opiums. Der Horizont sei weiter und die Begrenzung fehle, die es einem Romanautor erlaube, an einem spezifischen Ort heimisch zu werden. Notwendiger Weise schweife man mehr. Gosh hat aus dieser Offenheit eine Tugend gemacht und große Romane geschrieben. Neben Salman Rushdie und Kiran Nagarkar (»Krishnas Schatten«, »Gottes kleiner Krieger«) ist er einer jener zeitgenössischen Erzähler Indiens, die für ein Weltpublikum die west-östliche Kolonialgeschichte aus anderen Perspektiven erzählen.

Zwischen 2008 und 2012 (in den Übersetzungen etwas verzögert) entstand so seine große Ibis-Trilogie mit »Das mohnrote Meer«, »Der rauchblaue Fluss« und »Die Flut des Feuers«. Hintergrund der drei Romane, übrigens auch als maritim-Lektüren veritabel, ist der Erste Opium-Krieg zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China, ihr Angelpunkt die darin exemplifizierte Tatsache, dass die Finanzkraft des britischen Kolonialreichs wesentlich vom Opiumhandel mit China abhing und dass dafür rücksichtslos Millionen von Menschen in China und Indien in die Opiumsucht getrieben wurden. Gosh benennt das auch als Quelle jener Probleme, an denen Indien bis heute leidet: Kasten- und Klassendiskriminierung, feudalistische Mentalität, postkoloniale Frustration, soziale Blindheit.

»Rauch und Asche« – teils memoir, Reisebericht, Archivrecherche, Werkreflexion – rundet für Ghosh den eigenen Horizont und ist eine so noch nicht gesehene Kulturgeschichte des Opiums mit einem neuen Blick auf China und dessen subkutaner, geschichtsträchtiger Verbindung mit dem Westen. Erst für »Das mohnrote Meer« befasste sich der West-Bengale (also eigentlich China nahe) Gosh näher mit dem großen Nachbarn und dessen blutreicher Kolonialisierungsgeschichte. Als Inder wie als Westler sieht er unseren eingeübten Blick auf China durch die Verhärtungen der aktuellen Weltlage immer mehr verfinstert und verdeckt. Indem er der Botanik- und Finanzgeschichte des Opiums nachgeht, dem Geldstrom folgt und den Transformationseffekten, die der Opiumhandel bewirkte, legt er das verbindende Wurzelwerk und so manchen Mythos des Kapitalismus frei. Lesenswert.

Amitav Ghosh: Rauch und Asche. Die geheime Geschichte des Opiums (Smoke and Ashes. Opium’s Hidden Histories, 2024). Aus dem Englischen von Heide Lutosch. Matthes & Seitz, Berlin 2025. 432 Seiten, gebunden, 28 Euro.

(rechts): Edward Duncan: Die Raddampferfregatte der Britischen Ostindien-Kompanie Nemesis beschiesst chinesische Dschunken in Ansons Bay am 7. Januar 1841 – © wiki-commons

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