Geschrieben am 1. November 2023 von für Crimemag, CrimeMag November 2023

Einige Bücher über Natur

Band 100 der „Naturkunden“ und die große Reportage „Bauernsterben“ sind uns Anlass, den Blick wieder in die Natur zu richten. – Siehe hierzu auch unsere Specials Natur und Verlust UNO und Verlust Due.

Besprechungen der abgebildeten Bücher finden Sie hier in den nächsten Tagen. Zu unserem Textauszug „Prolog. Die Agrarkrieger“ aus dem Buch von Bartholomäus Grill gelangen Sie hier.

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Isabel Fargo Cole: Die Goldküste: Eine Irrfahrt
Cal Flyn: Verlassene Orte. Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt
Alexander Grau: Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit
Jonathan C. Slaght: Die Eulen des östlichen Eises: Die Suche nach der größten Eule der Welt und ihre Rettung
Stephan Wunsch: Verrufene Tiere. Ein Bestiarium menschlicher Ängste

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Hoffnung, bei aller Düsternis

 (AM) Eigentlich hätte es ein düsteres Buch werden müssen, eine Litanei der schrecklichsten Orte auf Erden. Zwei Jahre hat die schottische Essayistin Cal Flyn mit Reisen an Verlassene Orte verbracht, „an denen das Schlimmste schon passiert ist: Landschaften, die durch Kriege, Kernschmelze, Naturkatastrophen, Desertifikation, Vergiftung, Strahlung oder wirtschaftlichen Zusammenbruch zerstört worden sind.“ Erzählt wird die Geschichte zwölf solcher Orte, rund um die Welt: Sperrgebiete, Geisterstädte, Festungsinseln, Niemandsländer, unwegsames Terrain. Von Menschen verlassen, hat die Natur dort wieder freien Verlauf – und beschert uns, so die Autorin anschaulich und nachdenklich, „unschätzbare Kenntnisse über Ökosysteme im stetigen Wandel“. Rückverwilderung (rewilding) heißt der Fachbegriff für das, was geschieht, wenn der Mensch sich zurückzieht und die Natur sich holt, was ihr einst gehört hat.

Für diese Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt, so der Untertitel, reist Cal Flyn auf die Insel Inchkeith im Meeresarm Firth of Forth, sechs Kilometer vor Endinburgh, zur vernarbten Landschaft des Schlachtfelds von Verdun, zu den Stadtruinen von Detroit, zu den gewaltigen Agrarbrachen Estlands und der hochvergifteten Industriebrache Arthur Kill in New Jersey, in die Pufferzone zwischen Griechenland und der Türkei auf Zypern, ins öde Land der Five Sisters in Schottland, nach Tschernobyl in die Ukraine, nach Amani in den Usambara-Bergen in Tansania (wo die deutschen Kolonialisten einst ein Riesenheer invasiver Arten freisetzten), auf die Karibikinsel Montserrat, wo vor 22 Jahren ein Vulkan die Stadt Plymouth unter Asche und Lava begrub.

Jeder dieser Orte ist Anlass für Exkurse zu dem langen Schatten, den wir als Spezies auf die Erde werfen – etwa zur Geschichte der von uns verursachten Waldzerstörung. Das Buch ist ein Plädoyer für eine radikale Überprüfung dessen, was wir unter „Natur“ verstehen. Es handelt von ökologischer Resilienz und Regeneration. Bei aller Düsternis strahlen all diese Orte mit ihrer ganz eigenen Art von Melancholie und Hoffnung auch so etwas wie Hoffnung aus. – Tatsächlich eine exzellente Wahl für den 100. Titel in der von Judith Schalansky begründeten und herausgegebenen Reihe Naturkunden im Verlag Matthes & Seitz. „Eine Schule des Sehens. Die Welt betrachten – ins Unendliche reisen“, überschrieb ich 2018, aus Anlass des 50. Bandes, mein Porträt dieser für mich – neben Enzenbergers Anderer Bibliothek – schönsten Buchreihe der Welt. Mein Interview mit Judith Schalansky hier: „Über Natur zu schreiben, ist heute politisch.“
Auch Band 100 ist selbstverständlich auf Papier zum Küssen gedruckt (90 g/qm Schleipen Fly 05 spezialweiß, 1,2faches Volumen), wunderbar lesbar gesetzt und gestaltet. So müssen Bücher sein.

Cal Flyn: Verlassene Orte. Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt (Islands of Abandonment: Life in the Post-Human Landscape, 2021). Aus dem Englischen von Milena Adam. Reihe Naturkunden, Band 100. Matthes & Seitz, Berlin 2023. 344 Seiten, 34 Euro. – Internetseite der Autorin; die Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz.

Kulturgeschichte, bewaldet

(AM) Ohne den Lebensraum Wald wären wir andere Wesen, erklärt uns Alexander Grau in seinem sich als philosophischer Essay verstehenden Buch Vom Wald. Es ist schlank, geradezu süffig lesbar, in sechs Kapitel gegliedert: Wald und Zeit, Der Wald und das Nichts, Die Wege der Freiheit, Die stille Revolution, Wald und Revolte und Wald, Kontingenz, Freiheit. Jenseits von Kitsch und Esoterik nimmt Grau uns mit zu einer Kulturgeschichte des Waldes, dekliniert die damit zusammenhängende Ökologie und Literatur und die philosophischen Projektionen, die in der Moderne unser Bild vom Wald geprägt haben.

Der Wald stutzt uns Menschen zurecht. „Als unseres Lebens Mitte ich erklommen, befand ich mich in einem dunklen Wald, da ich vom rechten Wege abgekommen“, eröffnet Dante seine „Göttliche Komödie“. Heideggers „Holzwege“, Adalbert Stifters „Der Hochwald“, die vom Wald beschattete Märchen der Gebrüder Grimm, der Freiheitsbegriff in Ernst Jüngers „Waldgang“, Thoreaus „Walden“ natürlich, Jean-Paul Sartres „Der Ekel“, Nietzsches Zarathustra, Heinrich Heines Reisebilder, sie alle zeigen den Wald als Ort der Freiheit oder zumindest als Freiheitsschule.

Auf die Berge will ich steigen, wo die dunklen Tannen ragen…“, so Heine. Im Gegensatz zur „cultura“, zum gerodeten Ackerland, ist der Wald größer, wilder und ewiger als wir, war immer schon der Ort der Anarchie – für Kriminelle, Vogelfreie, wilde Denker. Tatsächlich also, so der Untertitel: Eine Philosophie der Freiheit. – Und eine Fortschreibung der epochalen (im Literaturverzeichnis leider nicht genannten) Studie „Wälder. Ursprung und Spiegel der Kultur“ von Robert Pogue Harrison (Hanser, 1992). „Wenn der Wald verschwindet, ist das auch das Ende der Kultur. Denn die Kultur kann ohne ihn nicht existieren, ohne ihren Ursprung und Spiegel“, hieß es darin.

Alexander Grau: Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit. Claudius Verlag, München 2023. Klappenbroschur, 184 Seiten, 20 Euro.

Into the Wild, auch familienbiografisch

(AM) Dieses unglaubliche Buch beginnt mit Charlie Chaplins Stummfilm „Goldrausch“ (1925), das zugehörende Foto zeigt jene beinahe schon zu weit über den Abgrund gerutschte Hütte. Drinnen kraxeln die zwei Goldgräber übereinander. Alles Wahnsinn. „Ich lache mich jedes Mal tot: Der Film ist so unglaublich, und ich weiß, dass er wahr ist“, notiert Isabel Fargo Cole im Prolog. Sie hat den besten Grund, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen (übrigens eine Bildmetapher aus dem Film): „Mein Ururopa Arva Fargo war zur Goldsuche nach Alaska abgehauen. He ran off to the Yukon. He ran off to the Klondike. Eine Geschichtsscherbe, hervorgekramt, ratlos zurückgelegt.“

Die Goldküste. Eine Irrfahrt, ist ein Glücksfall von Buch – und so großzügig illustriert  und wunderbar ausgestattet wohl nur in Judith Schalanskys „Naturkunden“-Reihe denkbar. Die in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Amerikanerin Isabel Fargo Cole schürft ihrer Familiengeschichte nach. Sie hat Franz Fühmann, Annemarie Schwarzenbach, Friedrich Dürrenmatt und Wolfgang Hilbig ins Englische übersetzt, für ihren Debütroman „Die grüne Grenze“ Preise abgeräumt. Ihr Stil ist ebenso süffig wie das traumhaft haptische Papier (90 g/qm Schleipen Fly 05 spezialweiß, 1,2faches Volumen). 

Into the Wild, dem Goldgräbermythos, dem von Freiheit, Abenteuer, Frontier, Tellerwaschen, Reichtum und Scheitern spürt sie – von einer direkten Recherchereise durch den weltweiten Corona-Lockdown verhindert – in einem mehrschichtigen, sehr abgefahrenen Reisetagebuch nach. Auch das Erzählen selbst wird thematisiert. Darf man überhaupt nacherzählen? Die Perspektiven von anderen übermitteln? Wenn ein Fremder die Geschichte eines Ortes lernt, kann der Ort dann auch ihm gehören? Nein, denn er kann die Geschichte gar nicht lesen, höchstens nachempfinden. Egal.

Wie ein Lachs gegen alle Reibung und Widerstand die Bäche hochwandert und springt, die ihn einst ins Meer führten, so reist Isabel Fargo Cole die Inland Passage nach Alaska hoch. Auf Seite 193 ist sie an den „Golden Stairs“, jenem wahnwitzig steilen Anstieg durch den Schnee, den auch Chaplin inmitten einer lange Reihe anderer Goldgräber im Film hochgekrabbelt ist. Buckelwale, Potlach (samt gleichnamiger Zeitschrift der Situationisten), Waljagd und Ausrottungen, Totempfähle, der Fischmarkt von Seattle, Entdeckergeschichten zuhauf, Gold, Erdöl, Sozialismus, der Naturforscher (und Naturkunden-Autor) John Muir und seine dunkle Vergangenheit, Glücksritter, Vagabunden und Helden, verblasste Zeitungsmeldungen, San Francisco und sein Sauerteig – ungezählte Goldnuggets siebt die Autorin aus dem Sturzbach der Geschichte. Im Jahr 1900 rechnet der Sozialist Jack London vor: 220 Millionen Dollar sind in den Klondike geflossen, um Gold für 22 Millionen Dollar zu fördern. Das neue Klondike, notiert er, gehört dem industriellen Bergbau, dem rastlosen Weltkapital. So wie dem heute auch San Francisco gehört; die Utopie von damals fast verwirklicht: eine Stadt, in der alle reich sind, notiert die Autorin.

Eine Bildungsreise nach Alaska mit den Eltern, 2018, bizarre Details und viele schöne Scherben inklusive, ganz viel Internetrecherche und nie versiegende Neugier sind die beiden Hauptzuflüsse dieses Buches. Zwei winzige Nuggets, so weit ich den Überblick zu halten vermochte, sind der Autorin entgangen: der Luis-Trenker-Film „Der Kaiser von Kalifornien“ (1936) und Trumps Großvater als Hurenhausbesitzer im Goldrausch (in André Georgis während Corona leider untergangenem Roman „Trump“ ein Thema, meine Besprechung hier). Aber das sind Kinkerlitzchen in diesem unglaublich reichhaltigen erzählerisch-essayistischen Schürffeld voller Geschichten und Reflexionen über ein Grenzland fremder Heimat.

Isabel Fargo Cole: Die Goldküste: Eine Irrfahrt. Reihe Naturkunden, Band 88. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 368 Seiten, gebunden, 38 Euro.– Internetseite der Autorin.

Vogelwild, buchstäblich

(AM) Feldforschung, hautnah. Mitreißend wie ein Abenteuerroman, das ist Die Eulen des östlichen Eises. Die Suche nach der größten Eule der Welt und ihre Rettung. Das Buch stand auf der Longlist für den US-amerikanischen Book Award und war für das „Wall Street Journal“ eines der „10 Best Books of 2020“. Viele Monate, meist im Winter und meist in Wäldern weit jeder Zivilisation hat Jonathan C. Slaght im Fernen Osten Russlands verbracht. Dort, in der Region Primorje nördlich von Wladiwostok und nahe am Japanischen Meer, wurde 1971 in den Auenwäldern zum ersten Mal ein Nest einer äußerst seltenen, scheuen Spezies entdeckt: ein Riesenfischuhu (engl. Blakiston’s fish owl), zotteliges Haarkleid, gelbe Augen, zwei Meter Flügelspannweite, vier Kilo Gewicht. Weltweit gibt es heute weniger als 2.000 dieser Tiere, 186 Paare davon leben in der Region Primorje.

Für eine Doktorarbeit an der University of Minnesota kam Slaght immer wieder in die höchstens über Holzfällerstraßen erreichbaren Fischeulengebiete an der Küste, wo sich auch Bären und Tiger tummeln. Er tat sich mit russischen Wissenschaftlern und Abenteuern zusammen, mit Jägern, Wilderern, Einsiedlern, Fischern, Mystikern, Schnapsbrennern und anderen seltsamen Gestalten, fast so exotisch wie die Wildtiere selbst. Und manchmal auch kriminell. Sein Ziel war es, einige der Eulen zu fangen, mit Peilsendern auszustatten, sie zu beobachten und zu erforschen, Hirschlausfliegen im Bart inklusive oder klatschnasse Kleidung. Die Suche nach dem nachtaktiven majestätischen Vogel führte ihn über tausende Kilometer unwegsames Gelände, durch verschneite Wälder, über tauende Permafrostböden und zugefrorene Seen, ein Kapitel heißt „Der Ritt über das letzte Eis zur Küste“. 

Anders als in vielem aktuellem „nature writing“ ist Jonathan C. Slaght „old school“. Er nimmt die Natur nicht zum Anlass, die eigene emotionale Landschaft und Verfassung zu erforschen oder tiefer in allerlei Aspekte der Kulturgeschichte zu steigen, seine geradlinige und zum Nägelkauen spannende Erzählung hat nicht nur den Berichterstatter im Blick, sondern auch dessen Begleiter, Mitarbeiter und die Menschen, denen er begegnet. Ein ebenso vogel- wie menschenfreundliches Buch vom Rand der Zivilisation. Großartig.

Jonathan C. Slaght: Die Eulen des östlichen Eises: Die Suche nach der größten Eule der Welt und ihre Rettung (Owles of the Eastern Ice: A Quest to Find and Save the World’s Largest Owl, 2020). Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. Reihe Naturkunden, Band 87. Matthes & Seitz, Berlin 2023. 326 Seiten, 42 Euro. ­– Internetseite des Autors.

Menschenkunde, ganz tierisch

(AM) Was wohl wäre, wenn Haifische Menschen wären, wird Herr Keuner bei Brecht gefragt. Ob’s den kleinen Fischen dann besser erginge? – Es ist ein Spiegel, ein großer, den Stephan Wunsch uns mit Verrufene Tiere. Ein Bestiarium menschlicher Ängste purzelbaumschlagend vorhält. Haie, Spinnen, Schlangen, Hyänen, Quallen, Geier, Fledermäuse, Wespen, Kraken, Affen hat er sich ausgesucht, stellt sie – und ihre Kultur- und Projektionsgeschichte – ebenso augenzwinkernd wie ernst und tiefschürfend vor. Zitat: „Das vom Menschen erblickte, erzählte, besungene, das an die Höhlenwand gemalte Tier ist ein klingender Echoraum menschlichen Seins, menschlicher Ängste und Aversionen, Irrtümer und Selbstbetrügereien. Comiczeichner, Puppenspieler ((wie der Autor)) und Fabeldichter wissen das… Das mannigfaltige Reich der Tiere ist ein Welttheater der Natur.“

Wir lesen von Schlangen und Nacktheit, von Hunden und Untertanen, Weibern und Hyänen, Wespen als Müttern, Affen als Narrenspiegel. Das Tier, vor allem das monströse, ist uns eine Projektionsfläche. In ihm entdecken wir das, was wir vor uns selbst verstecken: das Monster, das wir in uns ahnen. Das Buch stellt uns Tiere vor, mehr aber noch, was sie in uns wachrufen. Es ist ein Katalog unserer Nöte. Eine Menschenkunde.

Ungemein launisch formuliert, schlägt der Text oft wundersame Volten. Es gelingen Sätze wie: „Ein einziger Hai konnte die Verletzlichkeit des amerikanischen Traums offenlegen. Offenbar ließ sich einiges über die amerikanische Gesellschaft lernen, wenn man sie einem Hai-Angriff aussetzte…“ Oder: „Für die Aufladung der Spinne mit finsteren Absichten könnte ihr Gestus eine Rolle spielen. Die Spinne schlendert nicht.“

Stephan Wunsch: Verrufene Tiere. Ein Bestiarium menschlicher Ängste. Reihe Naturkunden, Band 97. Matthes & Seitz, Berlin 2023. 240 Seiten, gebunden, 25 Euro.

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