Der Buchbau zu Basel
Notiz zu einem mustergültigen Geschichtsprojekt: zehn Bände über die Stadt an der Grenze
Im Herbst 2026 wird es abgeschlossen und dennoch auf immer ein work in progress sein, das Mammutprojekt Stadt.Geschichte.Basel. Ein Wahnsinns-Unternehmen, ein Meilenstein. Ein Vorzeigeprojekt. Zehn Bände, eigene Internetseite, Social Media (sta.ge-ba), Blog (stadtgeschichtebasel.ch), Podcast, Community Building im Bereich Digital History, Download-Möglichkeiten in Fülle. Die Reihe schlägt den zeitlichen Bogen von 50 000 v. Chr. bis in die Gegenwart.
Das alles unverstaubt, modern und frisch und großzügig. Bestens illustriert und gestaltet. Gestochen scharfe Reproduktion und Illustration, süffig-feines Papier, klare Typografie. Süchtig machende Haptik. Diese Bücher möchte man streicheln. Welch ein Aushängeschild für den Christoph Merian Verlag aus – natürlich – Basel. Gestaltet wurde die Reihe von @iconabasel.
Die Inhalte: mustergültig multiperspektivisch. Texte und Auffächerungen großartig. Allgemeinverständlich, abe rnie unter Niveau. Geschichtsschreibung vom Feinsten. Dazu beigetragen haben Wissenschaftler und Praktiker, Archäologen und Denkmalschützer, Historikerinnen und Archivare, Geologinnen und Karthografen, Botaniker und Medizinhistoriker, Genetikerinnen und Kulturwissenschaftler.
Und doch ist das vorliegende, wissenschaftlich-präzise, zehnbändige Geschichtswerk kein universitäres Projekt. Alle Bände sind reich bebildert und luftig, modern und übersichtlich gestaltet, erlauben Lesefluss. Machen Spaß. Sie zeichnen sich aus durch frischen Blick und neue Themen, immer aber mit longue durée, die Epochen übergreifenden Prozesse im Blick.
Über fast vier Jahrzehnte entwickelte sich die Idee, eine umfassende und zeitgemäße Gesamtgeschichte der Stadt Basel für ein breites Publikum zu erarbeiten. Auf Initiative des Vereins Basler Geschichte nahm der lang gehegte Wunsch ab 2011 konkrete Formen an. Bürgersinn at work. Zuständigkeiten und Finanzierung wurden geklärt, bevor das Projekt im Jahr 2016 mit einem internationalen Team von über 70 professionellen Forschenden aus der Archäologie und den Geschichts- und Kulturwissenschaften Fahrt aufnahm. Seit 2024 sind im Christoph Merian Verlag neun bestens ausgestattete und gestaltete Bände erschienen. Ein Übersichtsband folgt noch. (Subskriptionsinfo hier.)
Welch ein Konzert. Hier ein schneller Überblick, inklusive Links:
Band 1: Auf dem langen Weg zur Stadt. 50 000 v. Chr. – 800 n. Chr.
Hardcover, 308 Seiten, 124 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 2: Eine Bischofsstadt zwischen Oberrhein und Jura. 800 – 1273.
Hardcover, 332 Seiten, 135 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 3: Stadt in Verhandlung. 1250 – 1530
Hardcover, 336 Seiten, 129 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 4: Aufbrüche, Krisen, Transformationen. 1510 – 1790
Hardcover, 336 Seiten, 117 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 5: Hinter der Mauer, vor der Moderne. 1760 – 1859
Hardcover, 336 Seiten, 102 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 6: Die beschleunigte Stadt. 1856 – 1914
Hardcover, 336 Seiten, 142 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 7: Stadt an der Grenze in einer Zeit der Gefährdung. 1912-1966
Hardcover, 324 Seiten, 140 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 8: Auf dem Weg ins Jetzt. Seit 1960
Hardcover, 328 Seiten, 137 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Band 9: Stadträume. Offen und begrenzt, gestaltet und umkämpft
Hardcover, 336 Seiten, 148 meist farbige Abbildungen, 39 Euro
Überblicksband: Basel. Eine neue Geschichte der Stadt
Hardcover, 350 Seiten, ca. 180 meist farbige Abbildungen, 39 Euro (Oktober 2026).
Typisch für Basel auf dem Weg durch die Jahrhunderte ist die internationale Vernetzung von Kaufleuten und Gelehrten, aber auch die lokale Ausrichtung des Alltags mit oft noch naturgebundenen Lebensrhythmen. Stets gilt dabei, das zeichnet diese Stadt aus, das Prinzip der Ungleichheit als Grundlage des Zusammenlebens.
Zwischen 1250 und 1530 entwickelt sich Basel von einer kleinen Bischofsstadt zur mittelgrossen Zunftstadt. Bauliche Verdichtung, Bevölkerungswachstum und politischer Wandel prägen die Stadt auf eine Weise, die bis heute greifbar ist: von Dienstleuten des Bischofs zu den Zünften, vom Gewerbe zu den Handelsgesellschaften, vom Rat des Bischofs zum städtischen Rat, vom Städtebund zur Eidgenossenschaft, von den Bettelorden zu Humanismus und Reformation, von der christlichen Mehrheitsgesellschaft zur reformierten Stadt, vom traditionsbewussten Zunftwesen zu früh- und hochkapitalistischen Wirtschaftsformen.
Im Jahr 1859 entschließt sich Basel, seine Mauer abzubrechen. Band 5, «Hinter der Mauer, vor der Moderne» befasst sich mit den hundert Jahren der «Sattelzeit», die diesem Ereignis vorausgehen und die neuzeitliche Grossstadt vorbereiten. Damals werden Begriffe wie Politik, Industrie oder Massengesellschaft geprägt, die wir heute noch ähnlich verwenden. Und inmitten der rivalisierenden Ideen zu Staat und Gesellschaft kommt es zu einem der einschneidendsten Ereignisse der Basler Geschichte: der Kantonstrennung.

Schnell weiter geht es in «Die beschleunigte Stadt», Band 6, er umfasst den Zeitraum von 1856 bis 1914. In dieser Zeit veränderte sich Basel rasant. Basel boomt. Die Stadt wird grösser, mobiler, demokratischer und industrieller. Zehntausende Menschen ziehen nach Basel, die Stadt wächst in nur zwei Generationen um ein Mehrfaches. Die Stadtmauer wird abgerissen, denn die Eisenbahn braucht Platz, neue Quartiere entstehen. Das Grossbürgertum verliert an Macht, eine neue Verfassung ermöglicht mehr politische Teilhabe. Aber Frauen und andere Teile der Bevölkerung bleiben weiter ausgeschlossen. Nur ein Bruchteil der Gesamtbevölkerung ist auch nach der neuen Verfassung von 1875 stimmberechtigt, die sozialen Unterschiede bleiben gross. Die Textilindustrie, die Basler Mission in Afrika, Amerika und Asien, Pferdekutschen vor dem Bahnhof SBB, ein Schwingfest in Basel, das erste Training des FC Basel auf dem Landhof im Jahr 1893 – das alles wird hier behandelt.
Band 7: »Stadt an der Grenze … 1912 – 1966« (322 Seiten) erzählt von Kriegen, internationalen Konflikten und von ihrem Einfluss auf die Grenzstadt Basel und ihre Bewohner; von der Fasnacht, von Seidenbändern, Insektiziden und Geldflüssen; vom Werden einer »Chemiestadt«, die in der ganzen Welt aktiv ist; vom unaufhörlichen Wachstum Basels bis in die 1960er-Jahre; vom Aufbau eines modernen Verwaltungsapparats und dem jahrzehntelangen Kampf um die politische Mitsprache der Frauen; vom Aufstieg der Wissensgesellschaft in einer Stadt, die sich von der Religion nicht verabschiedet hat.
Am Anfang des Zeitraums steht ein Friedenskongress, am Ende die Annahme des Frauenstimmrechts. In den fünf Jahrzehnten dazwischen prägt die Grenzlage die Geschicke der Stadt: Die Schweiz bleibt von den großen kriegerischen Ereignissen verschont, aber gerade in Basel kommen diese Ereignisse sehr nahe. Der Nationalsozialismus hat auch hier seine Ableger. Doch selbst in einer Zeit der Gefährdung erstarrt diese Stadt nicht. Hier der Anfang von Franziska Schürichs Einführungs-Essay »Immer Krieg, nie Krieg. Der Rhythmus des Jahrhunderts«. Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaars im Juni 1914 löste innerhalb weniger Wochen den Ersten Weltkrieg aus.
»Basel grenzte nun an Kriegsgebiet, statt Touristen und Touristinnen durchquerten Soldaten und Flüchtlinge die Stadt. Auch die anschliessende Friedenszeit trägt den Krieg in ihrem Namen. In dieser Nach-, Zwischen- und Vorkriegszeit prägte das Aufflammen des Nationalsozialismus in der unmittelbaren Nachbarschaft das Leben in Basel. Bald reihte sich an den «ersten» ein «zweiter» Weltkrieg, und noch einmal verband ihre geografische Lage die Geschicke der Stadt auf besondere Weise mit dem Weltgeschehen und dem kriegerischen Rhythmus des Jahrhunderts. Kaum wähnte man diesen Krieg hinter sich, fror ein Kalter Krieg den Ost-West-Konflikt ein und drängte verschiedene kolonisierte Länder in weiterhin heiße Kriege. Immer herrschte Krieg, aber nie in Basel: Die Stadt lernte, mit dem Schlimmsten zu rechnen, das für sie doch nie eintraf. Angst und Erleichterung wechselten sich ab und mischten sich ineinander…«
Alf Mayer
Caroline Arni (Hg.), Céline Angehrn, Noemi Crain Merz, Isabel Koellreuter, Franziska Schürch: Stadt an der Grenze in einer Zeit der Gefährdung. 1912–1966. Stadt.Geschichte.Basel, Band 7. Christoph Merian Verlag, Basel 2024. 324 Seiten, 140 Abbildungen, gebunden, 39 Euro.
Stadt.Geschichte.Basel 1 – 9. Neun Bände, Format je 18 x 24,5 cm. Rund 3000 Seiten, ca. 1000 Abbildungen, gebunden, CHF 351/351 Euro. – Verlagsinformationen hier und als PDF.
Mehr zum Projekt auf stadtgeschichtebasel.ch































