Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Stefan Ertl, Joachim Feldmann, Michael Friederici

Stefan Ertl: 2025

FILME: Neu: THE CARPENTER´S SON (Lotfy Nathan) * LE COMTE DE MONTE-CHRISTO (Alexandre de La Patallière & Matthieu Delaporte) * HERETIC (Scott Beck & Bryan Woods) * JUROR #2 (Clint Eastwood) * LA MORSURE (Romain de Saint-Blanquat) * MIROIRS NO. 3 (Christian Petzold) * THE SURFER (Lorcan Finnegan) * TATORT: DER STELZENMANN (Miguel Alexandre) * UN FANTASMA EN LA BATALLA (Augustín Díaz Yanes) *  

Alt: THE DELTA FORCE (Menahem Golan) * FLEUR D´OSEILLE (Georges Lautner) * HELL´S HEROES (William Wyler) * THE LINEUP (Don Siegel) * LA PACHA (Georges Lautner) * LA RED (Emilio Fernández) * THE RUNNER (Austin Stark) * LA 7ÈME CIBLE (Claude Pinoteau) * SIXTEEN CANDLES (John Hughes) * UN AUTRE MONDE (Stéphane Brizé) *

Dok.: JE N´AVAIS QUE LE NÉANT – SHOAH PAR LANZMANN (Guillaume Ribot) * HEAVEN STOOD STILL: THE INCARNATIONS OF WILLY DEVILLE (Larry Locke) * TOPOGRAPHIE: RANGIERBAHNHOF NÜRNBERG (Dieter Wieland) * TOTSCHWEIGEN (Margareta Heinrich & Eduard Erne) * YI-WO (Thomas Campbell) * YOU SHOULD HAVE BEEN HERE YESTERDAY (Jolyon Hoff) *

MUSIK: Neu: BIG THIEF: Double Infinity * GIGI GIRLS: Ragazzo * KADAVAR: Explosions In The Sky *

I Just Want To Be A Sound * LADY GAGA: Abracadabra * WILLIE NELSON: Workin´ Man: Willie Sings Merle * PENTAGRAM: Lightning In A Bottle * PULP: More. * CHRISTIAN STEIFFEN: Du gehst niemals allein * THE WEATHER STATION: Humanhood * WINO: Create Or Die * CAMERON WINTER: Heavy Metal * NEIL YOUNG: Talkin To The Trees *

Alt: MARC ALMOND: These My Dreams Are Yours * MARIANNE FAITHFULL: Times Square * FALCO: It´s All Over Now, Baby Blue * THE WILD TCHOUPITOULAS WITH THE NEVILLE BROTHERS AND DEACON JOHN: Meet The Boys On The Battlefront *

BÜCHER: GARRY DISHER: Desolation Hill * Stunde der Flut * W.G. SEBALD: Die Ausgewanderten * Austerlitz * Die Ringe des Saturn *

BILDER: Tata Ronkholz * Roy Scarfo *

ORTE: Köln * München * Albufeira * Schrecksee *

Stefan Ertl, Autor und Redakteur der Filmzeitschrift SigiGötz-Entertainment

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Joachim Feldmann: Anachron in print

Im Dezember 2027 wird die Literaturzeitschrift „Am Erker“ 50 Jahre alt. Bis dahin gilt es durchzuhalten. Mindestens. Wenn ich richtig gerechnet habe, wird dann die Nummer 95 erschienen sein. Allerdings ist diese Zählung nicht ganz korrekt, denn das Heft vom Frühjahr 1980 war eine Doppelnummer. Was das „Redaktionskollektiv“, wie sich die Herausgeber, ganz dem Zeitgeist verpflichtet, nannten, zu dieser Entscheidung bewegt hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Reaktion auf die erste von mehreren Krisen, die die Zeitschrift in ihren frühen Jahren immer wieder heimsuchten.

Dass „Am Erker“ heute in schöner Regelmäßigkeit zweimal im Jahr erscheint, hätte sich  damals niemand träumen lassen. Vielleicht ist die Ursache dieser Stabilität ein „Rotationsprinzip“, das die Redaktion vor Jahren eingeführt hat.

Die Zusammenstellung einer Ausgabe liegt seitdem in den Händen eines verantwortlichen Redakteurs. Im Frühjahr 2025 war ich an der Reihe und konnte ein lange gehegtes Projekt verwirklichen, nämlich eine Sammlung autobiografischer Texte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern über ihre literarischen Anfänge. Unter dem Motto „Das will ich auch“ erschien die Ausgabe über „Literarische Lebensentwürfe“ mit großartigen Beiträgen von Andreas Pflüger, Ute Cohen, Gerhard Henschel, Sylvia Geist und vielen anderen. Dass das Heft schon bald vergriffen war, spricht für sich.

Ein gedrucktes Literaturmagazin herauszugeben, scheint in unseren digitalisierten Zeiten anachronistisch. Doch diese Annahme ist offenbar falsch, wie die Vielzahl physisch präsenter Zeitschriften zeigt. Zum Glück!

Es gibt ja auch immer noch Bücher. Und junge Menschen, die sie sammeln und ausgiebig über ihre Anordnung im Regal diskutieren können. Ich selbst bin ja bemüht, die Bestände in unserer Wohnung zu reduzieren. Doch dieses Unterfangen hat sich bislang als ebenso mühselig wie nutzlos erwiesen. Kaum hat man einen Stapel von Romanen, deren einmalige Lektüre vollauf genügt, in einem öffentlichen Bücherschrank deponiert, nehmen Neuerwerbungen ihren Platz ein, als ob die häusliche Bibliothek bestrebt wäre, ihren Umfang zu erhalten wenn nicht zu erweitern. Dass die Regale inzwischen nicht mehr ausreichen, und an allen möglichen Stellen Büchertürme aus dem Boden zu wachsen scheinen, spricht für ein unkontrollierbares Eigenleben. Ein Problem, das durch meine Vorliebe für Zeitungen und Zeitschriften auf Papier noch verstärkt wird, obwohl deren Inhalt im Vergleich zu ihren digitalen Ausgaben immer mehr schrumpft.

Was mich zu einer traurigen Nachricht bringt: Die Wochenzeitung „der Freitag“ stellt ihre Rubrik „A – Z“ ein. Seit vielen Jahren waren in diesem „Lexikon“ alphabetisch geordnet Beiträge zu einem aktuellen, nicht selten skurrilen, Thema zu lesen. Klassisches Feuilleton. Und mir war es immer ein großes Vergnügen, kleine Texte zu Stichwörtern wie „Schulsport“, „Kinkerlitzchen“ oder „Raubdrucke“ zu verfassen. Das wird mir fehlen.

Joachim Feldmann bespricht für uns regelmäßig Kriminalromane in unseren „Bloody Chops“. Seine Texte bei uns hier.

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Michael Friederici: Schöner sterben

Für den gemeinen Wiener, den ich bewusst nicht besterne, war es ein wahrhaft sahniges Jahr. Schließlich sagt man ihm ja eine innige Beziehung zum Tod nach. Aus meiner Abschlussklasse leben gerade noch sechs Exemplare, und die Mehrzahl der reinen Knabenklasse von damals hat heute Prostata (ohne Gendersternchen). Ja, die Sensenfrau rückt näher. Aber seit ich das Wiener Bestattungsmuseums kennenlernen durfte, dämmert ein tröstliches Licht im schwarzen Loch des Schnitters. Ich bezeichne mich inzwischen als überzeugten Zentralfriedhofianer.

Ein Freund, Reinhard, brachte mir von dort ein schwarzes T-Shirt mit. Auf der Vorderseite prangt die lebensbejahende Losung „Bestattung Wien – Turnleiberl“, und auf der Rückseite steht gut lesbar: „Ich turne bis zur Urne“. Das trag ich gern. Kommt hervorragend an, vor allem im Fitnessstudio – und dort speziell bei den flotten Best-Silver- oder sogar Golden-Agern, die dann a bisserl pikiert Weiterschwitzen-für-ein-paar-Tage-mehr.

Aber sprechen wir von erfreulicheren Dingen, beispielsweise von der erlesenen Vielfalt an Särgen, die es einst gab: Den Prachtsarg, den Geiz-ist-geil-Sparsarg – und für unsere lieben Kleinen das Tischsargl… In Wien, so scheint mir, hätte sogar meine Geschäftsidee „Nahtoderlebnisse als immersives Abenteuer-Event für die ganze Familie“ eine Chance. 

Um meine Beziehung zur Simmeringer Hauptstraße zu vertiefen, habe ich mir dorten noch eine kleine Tube Sonnenmilch für die authentische Leichenblässe besorgt, Lichtschutzfaktor 30 – und einen Taschenrettungswecker von der „Initiative gegen den Scheintod“. Diese Kostbarkeiten stehen nun bei mir im Regal, als mahnende memento mori für die Bücher, die demnächst sozialverträglich ableben und vor der Haustür landen werden.

Vom Lumumba in Kassel bis zum Kongo-Leopold in Tervuren

Der gute, alte Kolonialismus ist ja nun auch dahingeschieden, wie sich beispielsweise vor Venezuela zeigt. Wie tröstlich, dass es Pazifisten gibt, die wie in Jugoslawien, am Hindukusch und anderswo unsere wertebasierte Ordnung und natürlich „unsere“ Freiheit mitverteidigen – und „den Russen“ besiegen, der gerade mit dem Weihnachtsmann vor der Tür steht. In Kassel waren diese bellizistischen Friedensfreunde wohl auch ganz vorn mit dabei.

Im vergangenen Jahr hatten sich dort einige Antikolonialisten beschwert, dass sich punschgeile Märchenweihnachtsmarktpartygänger unmoralisch in Advents- also Kauflaune an einem „Lumumba“ – Schokolade mit Rum – besaufen. Das sei rassistisch. Fakt ist: Der Antikolonialist Patrice Lumumba (erinnert sich noch jemand?) wurde  im Januar 1961 von einer Koalition der Willigen – bestehend aus wertebasierten Belgiern, MAGA-Amerikanern der ersten Stunde und bezahlten Afrikanern – erst im Kongo regimegechangt und anschließend im rohstoffreichen Katanga von einem Erschießungskommando unter Beteiligung belgischer Militärs in den Ideenhimmel des freiheitlich-demokratischen Universalismus  befördert. Der bislang einzige gefundene sterbliche Überrest dieses Mannes war ein Zahn. Den hatte einer der Mörder als Andenken mit nach Belgien genommen. Dieser Zahn wurde vor drei Jahren – in einem Sarg – restituiert. – 

Nun gibt es zaghafte Ansätze einer kritischen Aufarbeitung, des einen (Kassel) wie des anderen Falles (Belgisch-Kongo). Letzterer wird in Tervuren thematisiert. Dahin fährt man etwa drei Viertelstunden Straßenbahn aus der Brüsseler Innenstadt. Der belgische König Leopold II. hatte dort 1897 anlässlich der Weltausstellung eine Art Schaufenster für die lukrative Ausbeutung des Kongo errichten lassen. Denn bevor der belgische Staat 1908 übernahm, führte Leopold diesen Landstrich als Privatbesitz.

Die „Seltenen Erden“ hießen damals Elfenbein, Kautschuk, Gold und Kupfer. Da die Geschäfte anfangs nicht wie gewünscht liefen, benötigte er ein staatliches Darlehen und musste die Landeskinder vom Investment überzeugen. Das gelang unter der Überschrift Zivilisationsmission, die heute unter z.B. unter freedom & democracy firmiert: Hunderttausende besuchten die Kolonialschau, zu deren Höhepunkten ein „afrikanisches Dorf” gehörte. 267 Afrikaner mussten den neugierigen Betrachtern dort vorführen, wie „die Wilden” leben – hinter Zäunen, an denen Schilder mit der Aufschrift „Bitte nicht füttern!” hingen.

Die Geschichte Belgiens im Kongo kann man – um es verharmlosend auszudrücken – als brutal und blutig bezeichnen. In den 23 Jahren von Leopolds Privatbesitz kamen schätzungsweise zehn Millionen Einheimische ums Leben. Für Joseph Conrad, der in dieser Zeit auf einem belgischen Handelsschiff den Kongo hinauffuhr, lieferte diese praktische Form der Überzeugungsarbeit für freiheitlich-christliche Werte den Stoff für „Herz der Finsternis“ (1899).

Tervuren ist offen, weit und hell. Ein Jahr nach der Weltausstellung, 1898, gründete Leopold dort das große Kolonialmuseum, das 1910, kurz nach seinem Tod, fertiggestellt wurde. Der Name des Museums hat sich zwar im Laufe seiner Geschichte mehrmals geändert, aber Tervuren gilt als eines der letzten Museen, das ursprünglich als reines Kolonialmuseum gegründet wurde. Am 9. Dezember 2018 wurde es nach fünfjähriger Renovierung wiedereröffnet. Die alte Dauerausstellung war seit 1957 unverändert geblieben, als die Demokratische Republik Kongo noch eine belgische Kolonie war – bis 1960, um genau zu sein.

Heute ist König Leopold in Brüssel immer noch allgegenwärtig; große Plätze, breite Straßen sind nach ihm benannt. Einen Square Lumumba gibt es inzwischen auch. Zwei Hauptverkehrsachsen kreuzen sich hier, eingerahmt von viel Beton. Ein paar Monate nach der Einweihung dieses unansehnlich-unwirtlichen Ortes wurde auch das Königliche Museum für Zentralafrika in Tervuren neu eröffnet. Die Neubearbeitung des Kolonialismus im letzten Kolonialmuseum Europas ist erschreckend harmlos. – Bis Redaktionsschluss stand nicht fest, ob bereits ein Museum für Venezuela – vielleicht auch für die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin – in Planung ist.

Brüssel sehen und im Palais des Beaux-Arts (Bozar) überleben

Im Bozar wäre dafür Platz. Mitten im historischen Zentrum Brüssels liegt dieses Wunderwerk, eines der dynamischsten und hochkarätigsten Kunstzentren des Landes: ein Art-Déco-Palast, der von außen fast gemütlich wirkt und sich mit grandioser Schlichtheit in die Straßenflucht schmiegt. Dieses gute Art-Déco-Stück von Victor Horta gehört zu den großen architektonischen Sehenswürdigkeiten Brüssels. Das ehemalige „Palais des Beaux Arts“, das seit 2002 offiziell als „Bozar“ firmiert, ist Sitz des Belgischen Nationalorchesters und beherbergt ein Zwei-Sterne-Restaurant; auf zigtausend Quadratmetern bietet es Konzerte, Ausstellungen, Theater, Tanz, Literatur, Konferenzen, Film… – alles unter einem Dach. Und ganz oben, auf dem Dach, da gibt es noch ein Cafe. Und da soll es neben Tee und Kaffee auch Angebote geben, von denen es auch heißt, dass sie – nun ja – anregend wirken sollen. 

Weil wir dort den Altersdurchschnitt erheblich angehoben haben, sind sind wir schnell wieder abwärts verschwunden. Jedenfalls: Die Idee zu diesem erstaunlichen Tageslicht-Museum entstand nach dem Ersten Weltkrieg. Ein gemeinnütziger Verein sammelte die Mittel. „Wir verdanken es dem Palais des Beaux-Arts, dass Brüssel von seinem Provinzialismus befreit wurde“, schrieb ein Kritiker zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 1953. Bozar ist ein Ort, der einen mit Brüssel versöhnen könnte – trotz einer gewissen deutschen Frau namens „von der Laien“, wie der EU-Abgeordnete Martin Sonneborn nicht müde wird zu betonen. Sie allerdings wird dieser Titulierung so professionell gerecht, dass ich, wenn ich das abschließend bemerken darf, Sonneborns hübsche Volte für eine Diffamierung der Laienkultur halte.

Michael Friederici organisiert in Hamburg die Schwarzen (Lese) Nächte. Über Lesekleinkunst in Zeiten von Corona hat er bei uns hier geschrieben. Seine Texte bei uns hier.   

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