Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Gerd Conradt – Ein Bunker in Hamburg

Hamburger Flakturm © wiki-commons

Gerd Conradt: Ein Bunker – aufgelöst in Heiterkeit.

Gomorra auf dem Heiligengeistfeld.

Ist es möglich, dass ein begrünter Berg, dessen Innenleben aus Stahl und Beton besteht, der wie ein Hut auf dem größten Hochbunker thront, mitsamt diesem Bauwerk der Gewalt – unkaputtbar, unversöhnlich bis zuletzt, Symbol des Ewigkeits- und Überlegenheitsdenkens der NS- Zeit – zu einem  Weltwunder der Gegenwart wird? Ist dieses Arrangement, Pflanzen gegen Beton, die Versinnlichung einer Idee von Frieden ohne Krieg?  Deutet es an, die Dialektik der Widersprüche müsse  neu gedacht, gestaltet, visioniert werden? Indem man die unterschiedlichsten Materialien neu zusammenfügt ? Sodass das unverrückbar Monumentale aufgelöst wird in Heiterkeit?

Als ich dieses architektonische Ensemble in Hamburg St. Pauli erstmals über den 560 Meter langen Bergpfad mit 389 Stufen, verteilt über fünf terrassenartig abgestufte Geschosse, vom Fuß zum Gipfelplateau umrundete, war ich Teil des Wandertags mehrerer Schulklassen die, wie auf einem Abenteuerspielplatz, lachend, rufend, hüpfend den Gipfel erstürmten. Aufgabe erfüllt? Bewegung wider die Trägheit des Klotzes?

Ohne die farbenfreudigen Bilder des Malers Friedensreich Hundertwasser sähe die Welt anders aus. Seine Bilder strahlen, verbinden Natur und Architektur, sprechen vom „Überweltlichen“. Gerade Linien nannte er „Linien des Todes“, setzt ihnen Spiralen, Kreise, Mosaike, Ikonen, organische Formen entgegen. Gold spielt eine zentrale Rolle. Hundertwasswrs Welt leuchtet, strahlt innere Wärme aus. Gold steht für Zeitlosigkeit und macht die Bilder reich.

Goldrot schimmerte der graue Betonklotz auf dem Heiligengeistfeld, als am 24. und 25. Juli 1943 in der Operation Gomorra aus 732 britischen und amerikanischen Bombern in sechs Wellen enorme Mengen von Brand- und Sprengbomben auf die Stadt niedergingen. Im Hamburger Feuersturm erstickten und verbrannten 35.000 Menschen, 125.000 wurden verletzt.

Es waren heiße Sommertage, das Feuer bis zu 1000 Grad Celsius raubte den Menschen den Sauerstoff, ließ ihre Lungen platzen, zog  Menschen in die Flammen. Die in den Kellern Schutzsuchenden wurden von den einstürzenden Häusern verschüttet.

Der 1942 von 1000 Zwangsarbeitern in 300 Tagen als uneinnehmbare Festung erbaute Flakturm IV bot tausenden Menschen in den Nächten des Feuersturms Schutz, obwohl auch dort der Sauerstoff knapp wurde. Hitler und seine Architekten hatten geplant, den Bunker nach dem „Endsieg“ mit weißen Kacheln zu einer attraktiven Wohnanlage umzugestalten.

Der Bunker im Jahr 1945 – alle Bilder © wiki-commons

Vom Hamburger Feuersturm (einem Fegefeuer) hörte ich erstmals von Wilhelm Meins, dem Vater von Holger Meins (einem Sonntagskind), meinem Studienfreund aus unserer gemeinsamen Zeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 1974 war ich zur Beerdigung des Mannes gereist, der als Kameramann gut gestaltete Bilder geschaffen hatte, jedoch unter dem Eindruck des  Krieges der USA in Vietnam die Kamera gegen die Waffe getauscht hatte und als Mitglied der RAF nach einem langen Hungerstreik in der Strafanstalt Wittlich gestorben war.

„In den ersten Kriegesjahren verlebt Holger bis zum Kriegsende jeden Sommer an der Ostsee, um mit seiner Mutter und seinem Bruder den Luftangriffen auf Hamburg nicht ausgesetzt zu sein“, erzählt der immer, auch in der RAF-Zeit, um seinen Sohn bangende Vater. „Ein beeindruckendes Erlebnis für Holger war, dass er in der Winterzeit nicht rechtzeitig in den Luftschutzbunker gekommen war und einen Luftangriff von außerhalb erlebte. Er sprach von einem schönen Feuer: Da waren herrliche Lichter am Himmel und es machte Bumbum wie ein Feuerwerk. Das hatte er mit strahlendem Gesicht erlebt.*

Im Auftrag einer Hambuger Zeitung fertigte der Maler Friedensreich Hundertwasser eine Zeichnung an, in der er für den Bunker eine Zukunft skizzierte. Eine „grüne Lunge“ sollte es werden. Ein Schwamm, der Regenwasser sammeln, dessen Bäume Früchte tragen, an dessen Berghängen Gemüse und Wein angebaut werden sollten. Bunt gegen Grau. Eine begehbare Installation. Joseph Beuys hätte  an dieser „Sozialen Plastik“ seine Freude.

Das Innere des Bunkers lernte ich 1978 kennen, als ich den Filmemacher Hellmut Costard in seinem Studio dort besuchte. Die massiven Betonwände, die totale Ruhe, kein Hauch, verunsicherten mich. Wie käme ich jemals wieder lebend aus diesem Schutzraum heraus? Es war, als ob er mich verschlingen, einverleiben, versteinern wollte.

In Hellmuts Anwesenheit jedoch fühlte ich mich sofort wohl. Hellmut bewegte sich schwerelos in diesem Sarkophag. Für seinen neuen Film, „Der kleine Godard“*, hatte er ein Experiment geplant. Vor drei synchron zu startenden Super-8-Kameras wurden Texte in wechselnden Rollen verlesen, die im Zusammenhang mit seinem Projekt „einen Spielfilm vollkommen phantasielos drehen“entstanden waren. Gelesen wurden Projektbeschreibungen, Anträge auf  Filmförderung und deren Ablehnungsbescheide. Marie-Luise Scherer als Freundin, Hark Bohm und Rainer-Werner Fassbinder als Regisseure spielten mit. Als Gast hatte Hellmut den Star der französischen Nouvelle Vague, Jean-Luc Godard, mit dem Angebot für ein Stipendium nach Hamburg gelockt. Wenn damit die Möglichkeit für die Realisierung eines Films verbunden wäre, würde er das Angebot annehmen. Zu dem Projekt kam es nicht, da der zuständige Redakteur beim NDR nicht wusste, wer Jean-Luc Godard war.

Costards Film ist satirisch lustvoll. Er gilt als Meilenstein der Geschichte des deutschen Experimentalfilms. Ein Bunkerprojekt. Die Umkehrung oder Erfüllung von dessen Funktion. Schutzraum im Krieg, Schutzraum für die freie Kunst im Frieden, im Kalten Krieg.

Vom Plateau in 58 Metern Höhe hat man einen „atemberaubenden“ 360-Grad-Blick über Hamburg. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, als ich an den Ausblick bei meinem Besuch der Zugspitze dachte. Flache Dächer, einige Kirchtürme, das Bismarckdenkmal (32m), ein Wald von Kränen im Hafen und natürlich Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie (110m).

Faszinierend jedoch ist der Blick auf das grüne Stadion  des FC St.Pauli mit seinen weißen Linien und auf den mehrmals jährlich stattfindenden DOM. Der ist das Volksfest des Nordens. Im Mittelalter entstanden, findet er in dieser Jahrmarktstraditon seit 125 Jahren statt. Auch im Jahr des Feuersturms sorgte, obwohl stark beschädigt, der DOM für Belustigung. Und es ist natürlich toll, von ganz oben hinabblicken zu können auf die bunte Glitzershow.

Als ich aus luftiger Höhe wieder im zugigen, kühlen Tal angekommen war (in Hamburg weht immer ein Wind), lockte mich ein Glühwein. Jetzt sah ich das bunte Treiben, Schwingen, Fliegen, hörte die entzückten Rufe der Menschen aus den diversen Fahrgeschäften nicht mehr aus der Vogelperspektive, sondern war mittendrin.

Nach dem Krieg wurde aus dem unverrückbaren Betonklotz der Medien- und Musik-Bunker. Axel Springers Redakteure arbeiteten hier, die erste Ausgabe der Tagesschau wurde aus dem Bunker gesendet, die schalldichten Räume boten der Musikindustrie beste Arbeitsbedingungen.

Der Unternehmer Matthias Müller-Usig (sein Motto: anfangen und machen) spazierte täglich an diesem Monument der Grausamkeit vorbei, dessen Existenz die Zeit anzuhalten schien. – Er beschloss, sich die Wehrhaftigkeit des Bauwerks zunutze zu machen. Die wuchtigen Wände des Bunkers als Sockel zu nutzen, auf dem etwas Neues entstehen sollte, nicht grau, sondern grün, nicht abweisend, sondern offen für alle. Aus dem Unort sollte ein neues Wahrzeichen entstehen, eine Ikone des Aufbruchs.

Unter dem Plateau gibt es, kunstvoll verschachtelt, ein Hotel mit 134 Zimmern, dazu Restaurant, Bar, Café, ein Shop, eine Veranstaltungshalle für 2000 Menschen, die tagsüber für Schulsport genutzt werden kann. Seriös-Bieder-Schick, als  Auflockerung St. Pauli Graffitis, das nahe Schanzenviertel lässtt grüßen.

Geführt wird das Unternehmen von dem amerikanischen weltweit agiereden Hard Rock Hotel und Casino Gastgewerbeunternehmen.

Der Bau soll 60 Millionen € gekostet haben, finanziert vom Immobilienunternehmer Thomas Matzen, der bereits 1993 das Erbbaurecht bis 2099 für 6 Millionen € von der Stadt gekauft hatte. Die Stadt hatte eine Beteiligung am „Grünen Bunker“ abgelehnt. Wer das Geld besitzt, hat das Sagen. Die ehemaligen Partner sollen zerstritten sein.  Matthias Müller-Usig wollte mehr wilde Landschaft, die blüht und verblüht, die rankt und wuchert.  Rankgitter, Hängeflieder, Teppichwacholder, Kriechmispeln sollten einen strömenden, sich ergießenden Wuchs entwickeln. Noch ist der Betonkörper des Bunkers an vielen Stellen nur grün angestrichen.

Am 5. Juli 2024 fand die Eröffnung statt. Hundertwassers Vision ist Wirklichkeit geworden.

Gerd Conradt, 12, 2025 – seine Texte bei uns hier.

* Hellmuth Costard, „Der kleine Godard an das Kuratorium junger Deutscher Film“. Dokumentarfilm, Regie , 81′, 1978

** Gerd Conradt, “Starbuck Holger Meins. Ein Porträt als Zeitbild“, Espresso Verlag, 2001.

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