

Max Annas: Daniel Woodrell, James Schamus, Ang Lee, Debra Granik
Schön, die Debatte mal umzudrehen. Als ich Daniel Woodrells WOE TO LIVE ON gelesen habe, der Autor ist unlängst verstorben mit 72 Jahren (siehe auch das Farewell von John Harvey in dieser Ausgabe, d. Red.), war ich erschreckt über die Rohheit und Nacktheit des Geschilderten wie der Sprache. Die gespenstische Mischung aus Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der in der Eröffnungsszene die männlichen Mitglieder einer passierenden Familie ermordet werden, prägt das ganze Buch. Davon bleibt in der Adaption, dem Bürgerkriegsfilm RIDE WITH THE DEVIL, geschrieben von James Schamus, realisiert von Ang Lee, nur wenig. Die Eingangsszene ist opulent, die Brutalitäten sind gesittet verteilt über den Film – und dennoch im angebotenen Rahmen haarsträubend blutig. Woodrells Darstellung des geografischen Herzstücks der USA, wird sind in Missouri, scheint nur schwer in Film zu übersetzen zu sein. Oder tun sich Leute einfach schwer, des Autors Drastik eins zu eins zu übernehmen?
Auch Debra Graniks Meisterwerk WINTER’S BONE (Buch: Granik & Anne Rossellini), nach dem gleichnamigen Roman Woodrells, schafft es nicht, das absolute Elend darzustellen, in dem sich die Figuren moralisch und ökonomisch bewegen. Und verklärt der Erzählbarkeit des Stoffes wegen eine der Kernbeziehungen zweier Figuren, mehr distanzierte Rivalität als sonst etwas, zu einer beinahe Freundschaft. Auch hier habe ich den Roman erst spät gelesen.
Natürlich habe ich in WOE TO LIVE ON nach meiner liebsten Szene aus RIDE WITH THE DEVIL gesucht – und sie, auch klar, nicht gefunden. Es ist die Abschiedsszene, in der sich Jake Roedel und Daniel Holt als Mister, damit als Gleiche ansprechen, die beiden Außenseiter, der eine Weiß, ein Deutscher, der meist „Dutchie“ genannt wird, der andere Schwarz, auf so vielfältige Weise ganz weit draußen als Kämpfer auf Seiten des Südens – Buch und Film sind erzählt aus Südperspektive. Doch nichts davon im Roman. „Good luck, Holt. I wish you well and more.“ Das ist es. Das ist stark und deutlich und sehr zugewandt. Doch die Szene aus dem Film, ich gestehe es, hat mich ungleich mehr beeindruckt und berührt – eine meiner liebsten in der ganzen, schon langen Geschichte des Kinos.
Von Max Annas erschien „Tanz im Dunkel“ 2025 in der Edition TW bei Suhrkamp, ein Textauszug bei uns hier. Seine Texte bei uns hier.
** **
Friedrich Ani: 4 Tanka-Gedichte, und einmal Furor
Elfter September
Warnsirene um Punkt elf
Sicherheit fürs Volk
Derweil spielt ein Präsident
Golf und schont sein Handicap
:::::::
Zweihundertfünfzig
Jahre Ringen um den Staat
Mensch und Recht in eins
Bis Präsident vier-sieben
kam und Rache nahm am Volk
:::::::
In der Zeitung steht
Kim Jong-un hält sich Bären
Putin gratuliert
Große Dinge jeden Tag
Ahmed wurde keine fünf
:::::::
Verschimmeltes Herz
Gedungne Stimmen im Chor
Horden morden so
Zaungäste ihrer Gewalt
wir zu nichts weiter nütze
:::::::
Aus dem Zyklus „Jubel liebste Näherin“ – 131 Tanka
TANKA, japanisch: Kurzgedicht, 31 Silben in fünf Versen: 5-7-5-7-7
** **

Letzte Fantasie
Der Glückliche, so hieß er und wars, wie
es schien. Er spülte Geschirr mit seinem
Freund, sie stellten die Teller ordentlich,
ordneten Messer, Gabel, das Kleinzeug,
verließen heiter die Küche, trugen
heimlich sechs Messer, es war jetzt so weit.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Der Glückliche, so hieß er und ging, wenn
ein anderer fiel, nicht vorbei, sondern
streckte ihm hin seine Hand, half ihm auf
in der Gegenwart von Blödianen
auf dem Schulhof, sonstwo unter Glotzern,
für niemand schämte er sich, wie es hieß.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Seine Mutter, sein Vater, sie lehrten
ihn, Nachbarn zu grüßen, seine Schwester
zu trösten, sie brachten ihm bei, was zum
Anstand gehört, und sein Benehmen war
unauffällig und gut, nicht auffallend
unauffällig, nur gut, er war siebzehn.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Polizist wollte er werden, manchmal
sprang ihn das Elend an, ein Monster, ein
außerirdischer Krieger, der alles
vernichtet, das ließ er nicht zu, so feig
wie sein Vater, ein peinlicher Ghandi
für Asis, so einer wird er niemals.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Er hat einen Freund, sein Name: Ramon.
Der sitzt oft nur stumm auf der Kante des
Betts und feuert aus dem Hintergrund mit
hackendem Nicken seinen Kumpel an,
wer Angst hat, verreckt, aber Felix, der
Glückliche, siegt, sein Hass ist genial.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Januar, kein Schnee, ein Backsteinhaus, ein
Mann, die Stille, Sonntag, samtner Morgen
und: die Straße runter, Nummer zweiund
zwanzig, da stehn die Leute, wispern, als er
näherkommt, er fragt, was ist, sie sagen:
zwei Jungen, siebzehn, beide ausm Dorf,
in seinem Kopf schlägt etwas ein, Fäuste,
Hagelschloße, außerirdisch, Hunde
heulen, der Himmel ein Lumpen, mit dem
der Schöpfer sein Gesicht bedeckt und schnieft.
Heul doch, du Hund!, und er, auf einmal, glaubt,
ein Herrgott wär da, so einer aus der
Kindheit, als er kniete und Gebete
ins gebenedeite Antlitz einer Jungfrau
brummte, in Gedanken an die Jungfrau
Evelin, die ihn mit siebzehn ranließ.
So einer und sein Sohn. Sein Sohn ist da,
der andre ein Gespinst, das keiner braucht.
Er steht allein auf der Terrasse, es
ist Sonntag, wie vorher, bloß ohne Welt.
Felix, er klingelte an der Tür, und
Ramon stand hinter ihm, schräg, zwei
Messer im Gürtel, und nickte, nickte
noch immer, als Felix dem störrischen
Nachbarn befahl: Auf die Knie, du Müll!
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Und oben die Frau, und der Sohn, er ist
siebzehn, er verriegelt die Tür, seine
Mutter, sie schreit, ihr Schreien, es dauert
zweiundsechzig Stiche lang, so oft hebt
Felix den Arm. Und am End und am End,
am endlichen End ist alles schneestill.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Und draußen im Schuppen liegt gefesselt
ein Mädchen, das ist ihre Geisel, ein
Held steht vor ihr, siehst du mich? sagt er, das
Messer am Scheitel der Frau. Ja, sagt das
Mädchen, was hast du getan? Und er, mit
letzter Fantasie, zersplittert den Kopf.
Das sind so die Sachen, schauen ist schwer
von der Finsternis abwärts,
das Menschenmögliche ists und nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
Später im Auto, Japan ist ihr Ziel,
berühren seine blutigen Hände
ihr Haar, und sein Mund sagt: ich lieb dich so.
Sie reibt die Beine aneinander und
sagt ungeniert: ich muss dringend aufs Klo.
Da wirft er sie raus, ohne ein Wort, und
das Messer hinterher. Er dreht sich um
zu Ramon und sagt: lass uns gehn, mein Freund.
Und er geht die Finsternis abwärts.
Und den Leuten fällt das Schauen schwer.
Sie begreifen das Menschenmögliche nicht mehr
vorm Haus, auf der Haut und im Herz.
(Final Fantasy: ein Computerspiel
aus: „Die Raben von Ninive“, Gedichte, Suhrkamp)
** **

Ulrich Baron: Auch ohne Zarinnenkuß manche Reize
In diesen interessanten Zeiten lese ich gerne in alten Büchern. Und das immer wieder. In seinen „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ etwa gedenkt der Maler Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) auch einer Auszeichnung, die seinem Großvater mütterlicherseits bereits in der Wiege von der Zarin Elisabeth zuteil geworden sei. Bei einem Besuch auf dem elterlichen Gut habe die Zarin ein solches Wohlgefallen an dem „kleinen runden Teufelskerl“ gefunden, „daß sie ihn hoch in die Luft hob und ihm einen herzhaften Kuß auf sein derbes Hinterteil versetzte“. Einer solchen Zuwendung, so mutmaßt der alte Kügelgen, habe sich damals wahrscheinlich im ganzen russischen Reich sonst niemand rühmen dürfen. Und fürwahr ist sie auch in unserem Tagen weder den Herren Chinas und Ungarns noch dem unergründlichen Herrn Trump zuteil geworden. Zumindest offiziell nicht.
Aber im langen Neunzehnten Jahrhundert hatte das Leben auch ohne Zarinnenkuß manche Reize; etwa das unbeschwerte Bahnreisen: „How pleasent it can be“, erinnerte sich später ein Engländer, der 1862 geboren wurde als Kügelgen schon an seinen Erinnerungen schrieb, „alone in a first-class railway carriage, on the first day of an holyday that is to be fairly long, to dawdle through a bit of English country that is unfamiliar, stopping at every station.“ So nämlich beginnt M. R. James von mir immer wieder gern zitierte Geschichte „A View From a Hill“, die den Protagonisten tief in die englische Provinz und auf ein Landgut bringt, wo er von einem Hügel weit in die idyllische Landschaft des alten England und bald auch in deren durchaus schauerliche Geschichte blicken wird.
Doch wendet der Poeta doctus M. R. James seinen erzählerischen Blick vom Manuskript vor sich ab und bekennt: „Writing as I am now with a winter wind flapping against dark windows and a rushing, tumbling sea within a hundred yards“ falle es ihm schwer, sich und seinem Leser in jene Juni-Idylle zu versetzen. Obwohl er das ja gerade getan hat. Es ist wohl auch und gerade der eiskalte Schauder angesichts der winterkalten Realität jenseits solch dunkler Fenster, der den sirenenhaften Sog des Erzählens ausmacht, in dem sich Erinnerungen und Fiktionen, Ängste und Hoffnungen, Erwartungen und Begehren mischen.














