Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Wallace Stroby, Andrea Stumpf, David Ungureit, Jochen Vogt

Wallace Stroby: Still haunted by it

I read a number of historical novels in 2024, something unusual for me, but I’m glad I did. Nice to take a break from contemporary crime fiction, and these novels were no less compelling. Here are four of the best I read this year.

CAPTAIN BLOOD: HIS ODYSSEY by Rafael Sabatini (1922). One of the great adventure novels, and the swashbuckler that set the mold for all that came after. Peter Blood, a doctor by trade, is swept up in civil disorder in 1680s England. He’s arrested, sentenced and sold into slavery in Barbados. Eventually, he and some others escape, steal a ship and become pirates, preying on the coastal trade, while Blood becomes a legendary figure feared by all on the Spanish Main. The book is in the public domain now, and available in many editions. Few novels are as entertaining.

THE LONG SHIPS by Frans G. Bengtsson (1954). It’s the tenth century A.D. and Vikings are plundering the known world with impunity. This episodic novel follows Red Orm, stolen from his home as a boy, and pressed into service as a Viking oarsman. Brave, cunning – and a bit of a hypochondriac – Orm becomes a chieftain himself in time. These are vivid adventures shot through with dry humor. Even at 500 pages, I wished there were more.

BUTCHER’S CROSSING by John Williams (1960). The best novel I read all year, in any genre. In 1870s Kansas, William Andrews, a young Harvard drop-out, heads west to find himself, and joins a buffalo hunt that turns into a hellish ordeal. Part existential adventure, part survival epic, and part meditation on greed, it was likely an influence on Cormac McCarthy’s BLOOD MERIDIAN, published 15 years later. Williams is probably best known for his cult classic academic novel STONER, but I think BUTCHER’S CROSSING is his masterpiece. I’m still haunted by it.

AUGUSTUS by John Williams (1972). Williams only published four novels in his lifetime. This one, following the life of Augustus Caesar, the founder of the Roman Empire, is equally as great as the others. A historical epic imbued with a pervasive melancholy, it won the 1973 National Book Award.

Wallace Stroby is the author of HEAVEN’S A LIE, SOME DIE NAMELESS and the Crissa Stone series. CrimeMag editor Alf Mayer translated the four novels with this hardboiled female robber into German ( Pendragon Verlag).

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Andrea Stumpf: Die Sache mit den Entscheidungen

2024, ein Jahr, in dem sich Entscheidungen ballten. Zum Glück betrafen die meisten nicht mich, aber schon die wenigen ließen es dringlich erscheinen, mich endlich meiner selbstdiagnostizierten Entscheidungsneurose zu widmen: Kategorien von Entscheidungen aufstellen (Lebensentscheidungen, Kaufentscheidungen, Appetit etc. pp.), die spezifischen Problemstellungen systematisieren (ästhetische, zeitliche, finanzielle, Unwissenheit etc. pp.) und nach Lösungsansätzen recherchieren.

Zu Letzterem kam es, offen gestanden, nicht so recht, weil mir sogleich eines der m. E. faszinierendsten Entscheidungsprobleme nebst Lösung einfiel, über das ich vor vielen Jahren im Zuge der Studien zu Hebbels Tagebuch gestolpert war (zu meinem Bedauern gehöre ich nicht zu den Tagebuchschreibern, denn dann hätte ich vielleicht einen besseren Überblick über das Jahr 2024 und wäre nicht wieder an meiner langweiligen Entscheidungsneurose hängengeblieben). Es war das berühmte Geistliche Tagebuch von Ignatius von Loyola, bei dessen Lektüre mir damals die Augen übergingen: Ignatius hatte darin eine regelrechte Buchhaltung seiner vergossenen Tränen vorgenommen, als er vor der Entscheidung stand, ob er einen Orden gründen sollte und wie der auszugestalten war (wir wissen, wie die Bilanz aussah) …

Just an dem Tag also, als mir Ignatius erneut im Kopf herumgeisterte, ploppte in den Nachrichten die Ankündigung eines „Herbstes der Entscheidungen“ auf. Eine selten blöde Formulierung, fand ich, weil gleich klar war, dass es gar nicht um Entscheidungen geht, sondern um Erpressung. Aber egal, nehmen wir sie beim Wort. Und da ließ sich im Laufe der folgenden Wochen ein Beleg für die Validität des von Ignatius gefundenen Entscheidungsfindungsprozesses erkennen: Geweint wird vorher, nicht hinterher!

Andrea Stumpf arbeitet als Übersetzerin und freie Lektorin. Hier geht es zu ihrem Beitrag zum Special Thomas Wörtche, mit dem sie bereits für die Reihe penser polar bei Diaphanes zusammenarbeitete: penser und pulp in einem Atemzug. 2024 erschien, von ihr übersetzt, in der Edition TW bei Suhrkamp „Im Auftrag der Zwillinge“ von Lisa Sandlin.

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David Ungureit: Dahinter steckt ein Plan

Eine Ellen müsste man haben. Eine Freundin, die einen rausreißt aus Lethargie, Jammerei und dem unbändigen Verlangen, einfach nicht mehr aufzustehen. In ihrem wunderbar optimistischen Roman „Das Fest“ hat Lucy Fricke ihrem Protagonisten Jakob eine Ellen geschenkt.  Und diese Ellen schenkt dem alten Freund an dessen 50. Geburtstag, den Jakob am liebsten ignorieren würde, einen Tag, der ihm neuen Mut gibt und den Grauschleier und die Verzagtheit vertreibt – vermutlich für immer.

Jakob ist Regisseur, hat aber schon lange keinen Film mehr gedreht. Die Karriere, die einst so erfolgreich und hoffnungsvoll begann, führte nicht in die erhofften Höhen, sondern verflachte und stagnierte. Beziehungen hat er in den Sand gesetzt, Chancen vertan, und der ehemals sportliche Körper ist vor allem ehemals sportlich. Was soll das alles noch, fragt Jakob und ist schon vor einiger Zeit in Resignation verfallen. Was soll denn da noch kommen? Mit 50 plus. Gut, dass er Ellen hat.

Lucy Frickes Blick auf ihre Figuren ist geprägt von Zuneigung und Hoffnung. Ohne den Ernst der Lage jemals einem Gag zu opfern, ist das Buch trotzdem auf eine Weise lustig, die nur funktioniert, wenn die Beobachtungen und  Beschreibungen exakt sind und die Charaktere so lebendig, dass man sie fast riechen kann. Und es ist ein ganzer Reigen von Menschen, denen Jakob an diesem Tag begegnet: Inken, die Ex, die er im Schwimmbad trifft, in das Ellen ihn gelockt hat. Georg, den alten Weggefährten, der mit ihm noch eine Rechnung offen hat. Anne, die Mentorin, die ihm vor langer Zeit eine Super-8-Kamera geschenkt hat, die sein Leben veränderte. Und  Neela, die Freundin aus Kindergartenzeiten, die genauso verloren war, wie er selbst.

Es ist wohl kein Spoilern, wenn verraten wird, dass hinter all diesen Begegnungen ein Plan steckt, ausgeheckt und in die Tat umgesetzt von Ellen. Lucy Fricke verrät es selbst am Ende des ersten Kapitels: „Und alle wussten Bescheid.“

Als müsste Jakob Buße tun, fordert jede Begegnung von seinem Körper ein Opfer. Mal verliert er einen Zahn, mal quetscht er sich einen Finger ein, mal bezieht er völlig zu Unrecht Prügel von einem Drogendealer. Aber all das ficht ihn nicht groß an. Im Gegenteil. Trotz der Schmerzen und Einschränkungen, geht es Jakob von Stunde zu Stunde besser. Der Blick nach hinten, auf alles, was gut und richtig war in seinem Leben, was schön war und wichtig, öffnet plötzlich den Blick nach vorne. Schließlich gehört alles zusammen. Am Ende der Geschichte ist das Leben besser als am Anfang. Nicht nur Jakobs Leben, sondern auch das von Ellen.

Das ist ein großer Verdienst von Lucy Fricke: Sie schafft es, ohne große Sentimentalität und gänzlich ohne den Kitsch, der in solch einer Geschichte an jeder Ecke lauert, eine zutiefst menschliche Geschichte zu erzählen, in der man andauernd kluge Sätze und Gedanken unterstreichen möchte und die einen nach der Lektüre glücklicher, klüger und optimistischer sein lässt.

Lucy Fricke: Das Fest. Ullstein Verlag, Berlin 2024. Hardcover, 144 Seiten, 20 Euro.

David Ungureit ist Drehbuchautor, schreibt Filme und Serien und wohnt in Frankfurt am Main.

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Jochen Vogt: Der Dichter als Detektiv

Große Ereignisse ­– so sagt man wohl ­­– werfen ihre Schatten voraus. In diesem Fall, dem 150. Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann am 6. Juni 2025, wirft das Ereignis allerdings, mit Hilfe diverser Verlage, schon jetzt die ersten Bücher auf den Markt. Heinrich Breloer, mit seinen Filmversionen ein effektiver Propagandist der sagenhaften Mann-family, rückt unter dem Titel „Ein tadelloses Glück“ dem jungen Familienvater und dem „Preis seines Erfolges“ auf den Leib (Deutsche Verlags-Anstalt), der Germanist Kai Sina hingegen dem „politischen“ d. h. „demokratischen Aktivisten“ Thomas Mann (Propyläen). Gleichzeitig hat der Unterhaltungskünstler Heinz Strunk ohne falsche Bescheidenheit, aber mit viel erzählerischer Boshaftigkeit das Nebenjubiläum von Thomas Manns „Zauberberg“ (erschienen 1924!) zu einem parodistischen „Zauberberg 2“ verwurstet (bei Rowohlt).

Wenn man bedenkt, wie wichtig der Tod und das Sterben in Manns Werken waren, vom ersten Roman (Buddenbrooks, 1901) bis zur letzten Novelle (Die Betrogene, 1953), konnte kaum ausbleiben, was wir hiermit vermelden dürfen: Der Großschriftsteller ist endlich auch im Krimi angekommen, und zwar ganz persönlich, perfekt gekleidet und bei bester Gesundheit. Das verlangt eine Erklärung.

Der Autor Tilo Eckardt hat bisher zwei Ligurien-Krimis verfasst, inzwischen aber seine Neigung zum Norden entdeckt, genauer zu Kurischen Nehrung und dem Ort Nidden (damals wie heute in Litauen), wo die Familie Mann ja tatsächlich ein hübsches, vom Nobelpreisgeld finanziertes Sommerhaus besaß und 1930, -31 und -32 die Sommerferien verbrachte, ehe dann der Weg notgedrungen ins Exil führte. 

An dieses historische Faktum knüpft Eckardt eine hochfiktive (also „erfundene“) Episode an, die er uns nun unter dem Titel „Gefährliche Betrachtungen. Der Fall Thomas Mann“ präsentiert. Erzählt wird das rückblickend aus der Sicht eines alten Herrn namens Miuleris, der einst als ehrgeiziger junger Übersetzer die Bekanntschaft der verehrten Dichters suchte und fand, was sie allerdings beide in ein echtes, nicht ungefährliches Schlamassel brachte. Dabei geht es um den entwendeten Entwurf zu Manns letzter großer Rede in Deutschland (Deutsche Ansprache – Ein Appell an die Vernunft, Berlin 1930), um ein entführtes Mädchen, das Miuleris (für Mann einfach: „Müller“) besonders am Herzen liegt, um einen toten Fähnleinführer der Hitlerjugend und schließlich um Manns briefliches Angebot an „Herrn Hitler“, alle „lesefähigen Mitglieder“ in dessen Partei mit einem Vorzugsexemplar vom „Tod in Venedig“ zu versorgen!

Wir sehen also: Ernst und Spaß, Historie und Erfindung sind sehr  freihändig gemischt und verlangen entsprechend flexible Leser und Leserinnen.

Der Autor ist jedenfalls optimistisch: Ein zweiter Band mit den Detektiven „Mann & Müller“ ist bereits angekündigt. 

Tilo Eckardt: Gefährliche Betrachtungen. Der Fall Thomas Mann. Kriminalroman. Verlag Droemer, München 2024. 304 Seiten, 22 Euro.

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