
Sophia by Eisenstaedt. Photographs by Alfred Eisenstaedt 1961–1979. Von Sophia Loren signierte Collector’s Edition (No. 201–1.200). Verlag Taschen, Köln 2025. Hardcover in einer Schlagkassette, Format 28,6 x 38,8 cm, Gewicht 3,61 kg, 268 Seiten, 850 Euro. – Auch erhältlich in zwei Art Editionen mit signiertem Print (No. 1–200). Verlagsinformationen: taschen.com
** **
Was würde Sophia Loren tun?/ What Would Sophia Loren Do? heißt ein bezaubernder Netflix-Kurzfilm von 2021. Ross Kauffman porträtiert darin die Hausfrau Nany Kulik, die den Titel des Films quasi zur Leitfrage ihrer Lebens gemacht hat. Der Film steckt voller Lebensweisheiten. Und es geht auch um »die Loren« selbst, die mit über 80 bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film »aussieht wie eine sagenhaft schöne Landschaft, eine Naturgewalt, man kann sich an ihrem Gesicht nicht sattsehen und möchte sich alles darin merken. … Und dann sehen wir in kurzen Filmszenen und Bildern wieder ihren ganzen Zauber. Sehen Sophia Loren, diese große stolze wunderschöne Frau mit dem italienischen Temperament, mit Riesenschritten auf hohen Absätzen durch ihre Filme laufen und den Männern links und rechts den Kopf verdrehen. Sie strahlt zugleich Sinnlichkeit und Mütterlichkeit aus. Solche Frauen gibt es sonst nicht, schon gar nicht in Deutschland, aber vielleicht auch in Italien nur ein einziges Mal«, merkte die Kritikerin und Schriftstellerin Johanna Adorján dazu in der Süddeutschen an. Der Film, von dem hier die Rede ist, war Du hast das Leben vor dir (2020), ebenfalls eine Netflix-Produktion. Regie führte ihr Sohn Edoardo Ponti. Sophia Loren zeigt sich darin vollkommen unglamourös. Ihr Gesicht gealtert, die Augen ausdrucksstark. Man will nicht wegschauen.
»Herrlich, eine Frau zu sein!«, überschrieb 1994 Marli Feldvoß ihren Auftaktessay im Festivalkatalog »Sophia Loren. Hommage.«, herausgegeben von der Stiftung Deutsche Kinemathek. Die Loren war in diesem Jahr Ehrengast bei den 44. Internationalen Filmfestspielen Berlin, die Retrospektive war ihrem Lebenswerk gewidmet und es gab einen Ehrenbären. (Natürlich machte das auch wunderbare Fotos für den Berlinale-Direktor Moritz von Hadeln samt Weltstar, deswegen werden Retrospektiven gemacht. Seinen Nachfolger Dieter Kosslick stachelte das nicht wenig an.)
Ihren letzten großen mondänen Filmauftritt hatte sie im gleichen Jahr 1994 in der Modewelt-Satire Prêt-à-Porter (Ready to Wear) von Robert Altman. Sophia Loren spielt darin Isabella de la Fontaine, die Frau des Chefs der Pariser Modewochen. Der Cast ist unglaublich: An die 50 Stars und Models geben sich die Ehre, von Björk und Cher bis Harry Belafonte, Ute Lemper, Julia Roberts, Kim Basinger, Anouk Aimée, Lauren Bacall bis Claudia Schiffer, Carla Bruni, Tatjana Patitz oder Linda Evangelista. Dazu Jean-Pierre Cassel, Tim Robbins, Rupert Everett, Forest Whitacker und Marcello Mastroianni. Der darf als wiederaufgetauchter alter Lover von Sophia Loren noch einmal mit ihr ins Bett – und als Filmzitat legt »die Loren« noch einmal jenen Strip hin, mit dem sie einst 1965 in Vittorio de Sicas Gestern, heute und morgen Marcello und das männliche Kinopublikum der Welt betörte.
Beim Dreh mit Robert Altman war sie 59 Jahre alt.
40 Minuten, hieß es am Set hinter den Kulissen, mache sie jeden Tag »work-out«. Die kalifornische Filmkritikerin Barbara Shulgasser, die sich Robert Altman für das Drehbuch seines Mode-Films als Co-Autorin holte, hielt die Arbeit am Set in Paris in einem schönen Text für Vanity Fair und für die Ewigkeit fest. Auch Shulgasser ist fasziniert von der »überirdischen Symmetrie« dieser Frau, von ihrem ganz und gar natürlich daher kommenden Sex Appeal. Ihr Busen widersteht immer noch der Schwerkraft, während »ihr absurd großer Mund ‹Alle Männer an Deck!› ruft und sie gleichzeitig alle auslacht«.
Vor 32 Jahren haben Mastroianni und Sophia die Szene schon in Gestern, heute und morgen gespielt. Immer noch haben sie miteinander ihren Spaß. Altmans Film ist Zeuge.
Die Loren ohrfeigt Mastroianni. So viele Jahre, so viele Ohrfeigen, rekapituliert Barbara Shulgasser. Ja, sagt Sophia Loren: »Er ist meine Ohrfeigen gewohnt. Er erinnert sich daran.«
Hat es wehgetan?
»Nooooooo. Sie ist eine Künstlerin«, sagt Mastroianni.
»Doch, das tut es«, widerspricht Loren. »Innerlich weint er dabei.«
Mastroianni fährt fort, sie zu lobpreisen. »Sie macht eine große Geste. Sie holt weit aus, sie kommt so nah an mein Gesicht, und dann…« Er macht es nach. Seine Hand stoppt wie an einer unsichtbaren Mauer, es gibt das richtige Geräusch.
»Ist wie im Comic«, lacht Loren entzückt. (House of Altman, Vanity Fair, November 1994)

Der Vanity Fair-Artikel… 


Sophia und Marcello

Drei Stills aus Prêt-à-Porter 

All dieser Vorspann aber nur, um an die Leichtigkeit anzuknüpfen, die uns aus den Bildern des neuen Geniestreichs aus dem Verlag Taschen entgegenleuchtet. »Sophia« enthält knapp zweihundert bisher unveröffentlichte Farb- und Schwarzweißfotografien aus den 60er- und 70er-Jahren, die aus den Archiven des Magazins LIFE stammen und deren Originalnegative in New York extra für dieses Buch gescannt wurden. Kuratiert und zusammengestellt wurden sie mit viel Liebe in einer beispiellosen Zusammenarbeit von Sophie Loren und dem Nachlass von Alfred »Eisie« Eisenstaedt. Dazu gibt es viele Ausszüge aus den zahlreichen LIFE-Titelgeschichten, für die Eisenstaedt die Loren fotografiert hat. (Zu ihrer Biografie mit über 100 Filmen siehe u.a. hier.)



Collection, Dotdash Meredith Corporation



Sophia Loren und Alfred „Eisie“ Eisenstaedt trafen sich 1961 zum ersten Mal, als er sie für LIFE fotografierte. – Es war das bedeutendste Fotomagazin des 20. Jahrhunderts. Für die Beiden war es der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft, sie ein Weltstar und er der »Vater des Fotojournalismus« (auch wenn er diesen Titel gar nicht so gerne hörte). Auf seinen Bildern ist sie mühelos schön, temperamentvoll und unerschrocken, manchmal aber auch tief in sich gekehrt in ihrer privaten Welt, die Eisenstaedt miterleben durfte. Wir sehen Loren am Set von Filmen wie Madame (1961), Ehe auf italienisch (1964) und Die Gräfin von Hongkong (1967) an der Seite von Legenden wie Marcello Mastroianni, Marlon Brando und Charlie Chaplin; ihr bescheidenes Familienhaus in der Nähe von Neapel; private Momente in ihrer imposanten Villa bei Rom mit Ehemann Carlo Ponti; als sie im Jahr 1969 Mutter wurde; ihr Familienleben in Paris mit ihren Söhnen Carlo Jr. und Edoardo im Jahr 1976 und schließlich 1979 in New York City, wo wir sie als weisere, äußerst souveräne Autorin auf einer Pressetour für ihre Memoiren kennenlernen. Eisenstaedts Fotos erzählen mit charakteristischer Mischung aus Kunstfertigkeit und Menschlichkeit die Geschichte der dynamischsten Phase ihrer Karriere und ihres Lebens.
Eisenstaedt war ein Meisterfotograf. Und die Loren, wie jeder Star, war an ihrem eigenen Abbild interessiert und an denen, die es produzierten. Eisenstaedts Bilder von ihr aber zeigen mehr. Sie zeigen eine Verbindung. Sie zeigen, dass Sophia Loren ihm vertraute – nicht nur am Set, auch auf der Straße, auch in ihrem Zuhause, auch mit ihrer Familie und dann auch mit ihren Kindern. Das macht das Buch zu einem sehr besonderen Familienalbum. In der Tat war es Eisenstaedt, der mehr als jeder andere Professionelle das öffentliche Bild der Loren schuf, nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Frau.
Sophia Loren erschien zum ersten Mal am 22. August 1955 auf einem Cover von LIFE, es markierte ihren Auftritt als Fischhändlerin in Pane, amore e… (Scandal in Sorrento, deutscher Titel: Liebe, Brot und tausend Küsse, Regie: Dino Risi, 1955). Die Schlagzeile kündigte sie an als »Europe’s No. 1 Cover Girl«, innen wurde das mit zwölf in Europa erschienenen Zeitschriften-Covern illustriert. Insgesamt war sie dann in den 1950er und 60er Jahren sieben Mal auf dem Cover von LIFE zu sehen.
Eisenstaedt traf zum ersten Mal im Sommer 1961 mit ihr zusammen, er begleitete sie bei einem Familienurlaub auf der Insel Ischia. LIFE war das dann am 11. August 1951 eine zehnseitige Magazinstrecke wert. Loren schwelgte damals im Rausch des jüngsten Erfolgs, obwohl die Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin für die Rolle in La ciociara (Zwei Frauen, Vittorio De Sica, 1960), die im folgenden Jahr folgen sollte, und ihr endgültiger Sieg bei der Oscar-Zeremonie im April 1962, als sie als erste die Auszeichnung für einen fremdsprachigen Film gewann, noch in der Zukunft lagen. – Den gab es für die Rolle der starken Witwe in La Ciociara (Und dennoch leben sie).
»Eisie« war ein bescheidener, eleganter Mann, ganze 1,63 Meter groß. Seine Leica platzierte er gerne auf einem Stativ, so konnte er den Blickkontakt zu seinen Motiven halten, während er sich mit ihnen unterhielt. Seine Fotos haben nichts Statisches, sie wirken ungezwungen. Unverkrampft. Dem Voyeurismus des Betrachtens gibt das eine gewisse Unschuld, das ist ein besonderer Reiz.
Eisenstaedts bevorzugte Kamera war eine kleine, unauffällige Leica. Sie war seine Lieblingskamera. Und sein Markenzeichen. In seiner langen Karriere als Fotograf für das Magazin LIFE erwarb er sich den Respekt und die Zuneigung von Redakteuren, Lesern sowie den Prominenten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die er fotografierte. Von der ersten Ausgabe bis zur Einstellung des wöchentlichen Erscheinens von LIFE im Jahr 1972 schuf er 90 Titelbilder und erledigte über 2.500 Aufträge. Für das Magazin wurde er Zeuge der Folgen von Kriegen, Unabhängigkeitsbewegungen, kulturellen und sozialen Umbrüche wie auch des Alltags in aller Welt. Seine beliebtesten Bilder fingen Optimismus, Herzlichkeit und sanften Humor ein. Er war ein Menschenfreund.
Der »Bildjournalismus« war noch neu, als er begann, ungestellte Fotos zu machen. Er verfeinerte seine Methoden und nutzte Kompaktkameras, um unauffällig zu fotografieren, während er für europäische Bildmagazine arbeitete. 1935 floh er aus Nazideutschland in die USA. Dort stellte er fest, dass viele amerikanische Magazine immer noch eher formale, künstlich ausgeleuchtete Bilder bevorzugten. Da kam ihm Henry Luce, der Gründer von LIFE, gerade Recht. Der hatte eine bestimmte Vision und war davon überzeugt, dass Eisenstaedts beobachtender Stil perfekt dazu passte. Die Fotoessays Eisenstaedts, so schrieb Luce später, »zeigten, dass die Kamera ein ganzes Thema erfassen konnte – sei es ein Mensch, ein historischer Akteur oder ein soziales Phänomen«. 1936 stellte er Eisie als einen der vier ursprünglichen festangestellten Fotografen des Magazins LIFE ein.
Der gebürtige Westpreuße wusste: »Die Leute wollen nicht ehrfürchtig angestarrt werden.« Deshalb das Stativ, deshalb der Blickkontakt, deshalb die ablenkenden Gespräche, die dafür sorgten, dass der Gesichtsausdruck seiner Porträtierten nie statisch wirkte. »Oft fragen sie mich ganz überrascht, wenn ich fertig war und meine Ausrüstung zusammenpacke: ‹Wann fangen Sie an?› Sie haben die Kamera gar nicht bemerkt.« Nach jedem Shooting holte er sein Autogrammbuch hervor, das er immer bei sich trug. Im Laufe der Jahre füllten sich dessen Seiten mit Botschaften von Musikern, Dichtern, Politikern, Monarchen, Aktivisten, Schauspielern und Schauspielerinnen, von denen er viele mehr als einmal fotografierte.
Niemanden aber so viel wie Sophia. Das dürfen wir jetzt auch sehen. Sophia Loren übrigen wusste immer:
»Charme ist der unsichtbare Teil der Schönheit, ohne den niemand wirklich schön sein kann.«
Alf Mayer
In Hollywoodwaren es Film-Diven wie
Rita Hayworth (17.10.1918),
Lauren Bacall (16.9. 1924),
Marilyn Monroe (1.6.1926),
Elizabeth Taylor (27.2.1932),
die den Typus des Vamps verkörperten, im europäischen Film Frauen wie
Gina Lollobrigida (4.7. 1927),
Jeanne Moreau (23.1.1928),
Monica Vitti (3.11.1931),
Claudia Cardinale (15.4.1934),
Sophia Loren (20.9.1934),
Brigitte Bardot (28.9.1934),
Elsa Martinelli (30.1.1935),
Romy Schneider (23.9.1938),
Catherine Deneuve 22.10.1943.
Es war mir auch noch nicht so klar, dass Claudia Cardinale, Sophia Loren und Brigitte Bardot der gleiche Jahrgang sind und zum Teil nur wenige Tage auseinander liegen.
** **






































