Brigitte Helbling: Lesen, Schauen, Wiederlesen

LESEN: MRX MASCHINE
MRX-MASCHINE: Ich habe das Buch jetzt schon zum dritten Mal gekauft, und das will etwas heißen für jemanden, die Bücher lieber erstmal aus der Bibliothek holt (und nicht nur wegen Platzmangel in den Regalen). Natürlich war grad Weihnachten, und ich wollte das Buch verschenken. Es ist ein hübsches, knapp 200 Seiten umfassendes Bändchen von Matthes & Seitz, erschienen bereits 2018 in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“. Weshalb wollte ich es verschenken, wo ich es selbst noch gar nicht fertig gelesen hatte. Vermutlich, damit auch die Beschenkten an diesem performativen oder auch transformativen Wahnsinn teilnehmen, den Luise Meyer hier veranstaltet. Das sage ich nach 50 Seiten, wer weiß, was ich am Ende sage. MRX Maschine will langsam und genüsslich gekostet werden, wie ein sehr guter Whisky (von dem ich nichts verstehe, aber ein Freund dafür umsomehr). Wahrscheinlich brauche ich für die Lektüre noch das ganze Jahr 2026 und kann dann in der nächsten Culturmag-Highlights-Runde berichten, wie es mir mit MRX Maschine erging. Wer mehr wissen will (oder mitbekommen, wie unglaublich hinterher ich bin mit diesem Buch-Tipp) lese Kersty Grether (Ko-Autorin von Rebel Queens) zu ihrem Lieblingsbuch von 2018 im Online-Musik-Magazin Ich brauche eine Genie. Mich hat sie spätestens mit diesem Satz gekriegt: „Ich hatte die ganze Zeit das Bedürfnis alle Sätze zu unterstreichen und auswendig zu lernen.“ Genau.
SCHAUEN: THE PHOENICIAN SCHEME
THE PHOENICIAN SCHEME: Wes Andersons neuster Film hat sehr wohl die eine oder andere unerwartete Wendung zu bieten, ich aber, eine zunehmend schreckhafte Kinogängerin, sitze entspannt in meinem Sessel. Warum. Anderson ist mein Freund. Der macht keine Filme die sich anfühlen wie Geisterbahn. Oder doch nur sehr freundliche. Vielleicht liegt mir einfach seine Deko-Kunst. Und die überlebensgroßen Charaktere, Futter für Stars mit riesiger Spielfreude. Und das klug verdrehte Erzählen, dessen Verlauf voraussehbar ist, ohne im Einzelnen auf der Hand zu liegen. Große Kunst. Eigentlich erinnere ich mich bei The Phoenician Scheme vor allem daran, wie die Kamera es kaum schafft, sich von Benicio del Toros (der einen Multimilliardär spielt) Gesicht zu lösen. Und wie gut mir das gefiel (auch eine Überraschung).
WIEDERLESEN: ESSAY ÜBER DEN ESSAY
ESSAY ÜBER DEN ESSAY: Michael Hamburgers kleiner Theorie-Exkurs (Hamburger war selbst Essayist und Dichter, außerdem ein nicht unbedeutender Apfelzüchter) erfuhr bereits in meinem Culturmag-Special einen Auftritt. Für jeden Essay-Schreibworkshop, die ich seither ein paarmal im Jahr gebe, lese ich ihn wieder. Er ist nur zweieinhalb Seiten lang. Erschienen ist er 1963 im Journal Akzente. In seinem Essay über den Essay erklärt Hamburger den Essay für tot, schließt aber nicht aus, dass irgendwann eine Renaissance eintreten könnte. Scheint, als sei diese Zeit jetzt gekommen. Was mir in den ersten Jahren nicht so aufgefallen war, ist die ungeheure Dichte dieses Textes, der leicht und luftig daherkommt. Er geht los mit Schmetterlingen und Feldern und Wolkengebilden: Der Essay als Spaziergang. Inzwischen finde jedes Mal, wenn ich ihn wiederlese, andere feine Dinge darin. Schweinebraten und das Parkgelände der Philosophie. Das Echo von Adorno darin. Essay über den Essay ist wie ein Musikstück, an das man sich wieder und wieder setzt, ohne es je in seiner ganzen Fülle auszuloten. Ein Text wie ein kleines Wunder. So etwas über die Jahre zu erleben kann einem schon auch wie ein Highlight vorkommen.
Brigitte Helbling ist CulturMag-Redakteurin und Autorin seit Gründung des Projekts. Sie schreibt Romane (zuletzt: Meine Schwiegermutter, der Mondmann und ich, 2022 bei rüffer & rub) und seit zwei Jahrzehnten eine ganze Menge für Theater, meist in Zusammenarbeit mit Niklaus Helbling als Regisseur und Ko-Konzeptor. Mit MASS & FIEBER OST (Hamburg) entstand 2024 als jüngste Theaterproduktion KATER DER ZUKUNFT, das im Februar 2026 noch zweimal in Hamburg gezeigt wird. Mit MASS & FIEBER (Schweiz) entwickelte sie als Teil des Kurationsteams 2025 die großformatige Foto/Literatur-Ausstellung MEYERAMA. Das Spiel von Macht und Leidenschaft im Strauhof Zürich. Nebenher leitet sie regelmäßig Schreibwerkstätten zum literarischen Essay.
Website: brigittehelbling.com
Niklaus Helbling: Meine Highlights von 2025
One Battle After Another
One Battle After Another ist für mich ganz eindeutig der Film des Jahres. Es wird sich weisen, ob er auch der Film zur zweiten Amtszeit von Donald Trump, dem Sultan von Mar-a-Lago, sein wird. Ich bin seit Jahren wieder ein zweites Mal ins Kino gegangen, um diesen Film nochmal zu sehen. Ein Meisterwerk der Genre-Beherrschung, der Schauspielerei, der Settings, der Aktualität ohne Verlust an Tiefe. Allein wie Paul Thomas Anderson, der Regisseur und Drehbuchautor, Thomas Pynchons Roman Vineland aus der dunklen Reagan-Zeit auf die Gegenwart des ICE-Terrors legt, und trotzdem die Widerständigkeit der THC-beflügelten Hippie-Anarchos von damals anerkennt, hat Größe.
Groß ist zu klein, wenn man über Leonardo di Caprios Schauspielkunst spricht. Ein Superstar, der komplett in seiner Figur, in diesem Film aufgeht, in dem er auf ganz eigene Art der Kunst und dem politischen Kampf dient. Man sieht da eine radikale, zärtliche Hingabe, die der Mehrzahl des deutschen Spielpersonals, das die öffentlich-rechtlichen Sendeplätze quasi als ihre Eigenheime besetzt, vollkommen fremd ist. Di Caprio spielt Brian Ferguson, einen ängstlichen, tapferen Mann, der kämpfen will, erst angeleitet, dann überfordert von seiner radikalisierten Frau (Teyana Taylor). Sie überfordert auch den gemeinsamen Feind Colonel Lockjaw (sensationell grotesk und gefühlvoll: Sean Penn) und überlässt Brian die Babytochter Willa, die später sein Leben ähnlich und anders dominieren wird.
Paul Thomas Anderson bringt es fertig, eine Geschichte über sechzehn Jahre zu erzählen, ohne dass irgendein dröger epischer Moment aufkommt. Ein nervöses Klavier dominiert den Soundtrack von Johnny Greenwood, niemand kommt zur Ruhe und gleichzeitig bekommt man beste Polizeiauto-Karambolagen zu sehen, man erlebt in einem Landhausbunker eine weiße Suprematisten-Sekte, wie sie Lars von Trier nicht unangenehmer hätte erfinden können, man denkt an Kill Bill, wenn Col. Lockjaw mit Willa (Chase Infinity) in einer mexikanischen Landkirche einen Vaterschaftstest macht, man ist unglaublich erleichtert, mit Brian in der Kampfsportschule von Sensei Sergio (Benicio del Toro!) Zuflucht zu finden, um dann mit den Skater-Jungs über die Dächer der Stadt zu springen – und runterzufallen. Von diesen Szenen werde ich noch träumen, dachte ich schon im Kino. Wann hatte ich das zum letzten Mal? Bei Fellini? Kubricks Shining? Und wir waren noch nicht bei den Sisters of the Great Beaver, wo die Nonnen Weed anbauen und Maschinengewehr schießen.
Schließlich kommt das Finale auf den hügeligen Straßen von Südkalifornien und die Euthanasie-Coda im Suprematisten-Büroturm. Entgegen anderen Meldungen möchte ich behaupten, dass Paul Thomas Anderson seine chaotisch wirkende Komödie vollkommen im Griff hat. Wer zum Schluss wen über den Haufen fährt und schießt, entspricht total der Logik dieses Thrillers mit dem überforderten Weltretter. Zum guten Ende übernimmt Tochter Willa den Job von Brian. Sie fährt los zu einem Einsatz, und man möchte fast beten, dass ihr nichts Schlimmes passiert und dass sie die Arschlöcher besiegen wird.
Salman Rushdie schrieb am 14. Januar 1990 in der New York Times über Thomas Pynchons Vineland: „A major political novel about what America has been doing to itself, to its children, all these many years.“
Die anderen Highlights
Es werden schöne Tage kommen von Zach Williams. Aufgeräumte und beunruhigend abschüssige Geschichten mit surrealen Verwachsungen.
Pluribus von Vince Gilligan. Möglicherweise die nächste Dimension einer Science-Fiction-TV-Serie, aber so langsam angelegt, dass man erst in ein, zwei Jahren mehr sagen kann, wenn die nächsten Staffeln raus sind.
Die Eisenbahnen Mexikos von Mario Gritti. Pikarischer Roman im italienischen Partisanen-Milieu des zweiten Weltkriegs. Pynchonesk und Bolañionisch.
Die Jahre von Annie Ernaux, inszeniert von Jette Steckel am Thalia Theater. Der unverschnörkelte Text der Mutter der Autofiktion verwandelt sich in ein sanftes Karussell aus Lichtern, Schattenbildern, Stimmen und Live-Musik. Sieben glänzend aufgelegte Schauspieler:innen und eine wiederkehrendere Parade des gesamten Thalia-Ensembles zeigten bestes Erzähltheater und eine würdige Abschlussfeier der Intendanz von Joachim Lux.
Viper’s Dream von Jake Lamar. Kriminalroman im Jazz-Milieu von Harlem NY zwischen 1936 und 1961. Die Geschichte von Clyde Morton, der aus Alabama nach New York kommt, um Trompete zu spielen, und stattdessen Viper, der Marihuana-Dealer wird, der die Jazz-Szene versorgt. Lamar liefert dazu eine coole Mörderballade auf drei Zeitebenen.
Niklaus Helbling lebt in Hamburg, schreibt und inszeniert Theater mit inzwischen gegen 80 Inszenierungen in Deutschland, Österreich, Schweiz. Seit 25 Jahren ist er zudem mit der freien Theatertruppe MASS & FIEBER / MASS & FIEBER OST unterwegs, mit Gastspielen bis Lissabon und Teheran. Aktuelle Produktionen: MEYERAMA. Das Spiel von Macht und Leidenschaft, kuratiert von MASS & FIEBER im Museum Strauhof (noch bis 11. Januar 2026): Kater der Zukunft. Theater, Parkinson und die Kunst des Betrugs (Premiere in Hamburg 2024, letzte Vorstellungen Februar 2026 in Hamburg). Nächste Produktion in 2026: Diener zweier Herren (Goldoni) im Theater Kanton Zürich.
Website: niklaushelbling.com














