Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Susan Madsen: Wahre Geschichten (6)

© Susan Madsen

Wahre Geschichten über unechte Kinder

Susan Madsen fotografiert nicht nur – siehe ihre Anschau-Abenteuer bei uns hier nebenan – sie hat auch begonnen, uns Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen.
Wahre Geschichten. Natürlich.

– Wir freuen uns über die fünfte Lieferung, d. Red. Hier geht es zu Folge 1, zu Folge 2, Folge 3, Folge 4 und Folge 5.

Die Kindheit sichtbar machen – in Susan Madsens Fall eine antiautoritäre in Dänemark auf dem Land – wie macht man das? Und das außerdem als Minimalistin, die sie erklärtermaßen ist.

Susan Madsens Ziel ist die Reduktion. Die Mittel dafür: keine direkte Rede, das Wiederholen von Schemata – „Dachte ich“, „Sagten sie“ –, möglichst unverstellte Sprache, in der noch die kindliche Wortaneignung durchscheint.

Minimalismus, der Raum für Phantasie der Leser lässt. In ihrer Fotografie hat sie dafür Wege gefunden (siehe bei uns ihre Anschau-Abenteuer). Mit diesem Manuskript – ein work in progress, weil das ständig Schleusen öffnet – möchte sie das in Worten versuchen: Über Kindheit zu schreiben, Kindheit eine Stimme zu geben, dieser ersten, großen, ungeheuren Welterfahrung, die uns auf immer prägt. Wie in ihren Bildern möchte sie dabei Unmittelbarkeit herstellen. Der Blick durch die Wortlinse soll die Perspektive des Kindes wiedergeben.

Und bald gibt es das Buch.

Susan Madsen: Wahre Geschichten über unechte Kinder. etcetera press berlin, erscheint voraussichtlich 01.11.2025. Hardcover, ca. 128 Seiten, 18 Euro. ISBN 978-3-949792-34-2. – Internetseite des Verlags.
Vorbestellungen unter: www.etceterapressberlin.com

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#Valium

Unsere Großmutter nahm Valium.
Sie hatte Epilepsie. Außerdem war sie synsk. Das ist das dänische Wort für hellseherisch.

Das war ein tragisches Geschenk.
Sie konnte voraussehen, wenn nahe Verwandte sterben würden. Davon war sie psychisch krank geworden.
Die Ärzte verschrieben dagegen vier Valium pro Tag.

Sagte man.

Unsere Großeltern entstammten dem Umfeld von Strenggläubigen aus einer der zahlreichen Freikirchen in Dänemark. Alkohol war strengstens untersagt.
Unsere Großeltern waren zwar nicht gläubig, aber das mit dem Alkohol war hängengeblieben.

Als unsere Großmutter Schlafstörungen hatte, riet ihr der Arzt, abends die Valium-Tabletten mit einem leichten Bier hinunterzuspülen.

Das tat sie dann. Unter allabendlichen Gewissensbissen, die sie allen kundtat, ob sie es hören wollten oder nicht.

Sie erwähnte jeden Abend, das Bier sei ihr vom Arzt verordnet. Und hielt sich für eine Alkoholikerin, weil sie regelmäßig dieses eine Bier trank.

Was folgte, war einmalig. Großmutter wurde betrunken von einem kleinen leichten Bier in Kombination mit den Valium-Tabletten.

Innerhalb einer Viertelstunde fing sie an zu lallen, und wenn das Bier ausgetrunken war, konnte sie sich kaum mehr auf dien Beinen halten.

Wir waren dazu angehalten, unsere betrunkene Großmutter ohne weitere Zwischenfälle sicher ins Bett zu bringen.

Wie sie ins Bett kam wenn wir nicht da waren, blieb mir rätselhaft.

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#Krähenbeeren

Der Deutschlehrer nahm uns mit: Beeren sammeln an der Nordsee- Küste.

Nackt sammelten wir Krähenbeeren. Nackt sein war sehr wichtig.
Es befreite.
Sagte er.

Es war insofern ungerecht, als wir nur sammelten und er nur fotografierte.

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#Pilze

Wenn unsere Mutter im Sommer Ruhe brauchte, durften wir manchmal zu unseren Cousinen und Cousins bei ihrem Bruder.

Wir durften zu ihnen, aber sie nicht zu uns. Weil die Lebensweise unserer Mutter nicht mit der Auffassung unserer evangelischen Tante von einem guten Zuhause übereinstimmte.

Sie waren fünf Kinder und lebten in einem baufälligen Haus ohne Strom und Wasser.

Wir sieben Kinder schliefen in Hochbetten in einem winzigen Zimmer, mit den Füßen am Kopf der anderen, weil nur wenig Platz war.

Unser Cousin und ich waren ein eingeschworenes Team, wenn es darum ging, Ideen für Spiele zu haben, in denen die kleineren Geschwister die Rolle der Versuchskarnickel hatten.

Unser Cousin hatte zu Weihnachten ein Buch über Pilze bekommen. Er versicherte uns, dass er wusste, welche Pilze essbar sind.

Nach dem Sammeln kochten wir die Pilze über einem selbst gemachten Feuer in einer alten Teedose.

Der Cousin und ich waren der Meinung, dass es besser wäre, seinen kleineren Bruder die Pilze zuerst probieren zu lassen.

Während wir versuchten, auch der kleinere Bruder davon zu überzeugen, explodierte die Teedose und er bekam den Deckel ins Gesicht.

Er lief daraufhin zu seiner Mutter und erzählte ihr alles.

So erfuhren wir bedauerlicherweise nie, ob die Pilze wirklich essbar waren.

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© Susan Madsen

#Strom

Klaus war nicht mit Intelligenz gesegnet.
Es war ganz einfach, ihn zu dummen Sachen zu motivieren.

Neben dem Haus von Klaus floss ein kleiner Bach.

Der Bauer von nebenan hatte jenseits vom Bach die Weide für seine Tiere.

Auf der Weide stand ein einsamer Stier.

Wenn wir am oder im Bach spielten scharrte der Stier gefährlich mit den Hufen. Direkt vor uns.
Er blähte bedrohlich seine dampfenden Nüstern, in denen ein riesiger Ring steckte. Das Tier war ein einziges Hormonmonster.

Damit der Stier auch da blieb, wo er bleiben sollte, war Elefantenstrom auf dem elektrischen Zaun.

Das merkte Klaus, als wir ihn dazu überreden konnten, mit den nackten Füßen im Bach auf den Zaun zu pissen.

Eine ganze Weile wollte er nicht mehr mit uns spielen.

Bis wir ihm reumütig das Angebot machten, ihm unser gesamtes Taschengeld zu geben, wenn er einen lebendigen Frosch aß.

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#Ostereier

Wir fuhren manchmal zu den Kommunistenfreunden unserer Mutter nach Fredericia.

Das Ganze endete in sehr viel Alkohol und Diskussionen mit den untergetauchten RAF-Sympathisanten über die Fragen rund um den bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus.

Die Erwachsenen am Tisch prügelten sich fast.

Wir nutzten die Gelegenheit, um die Ostereier von den Fredericia- Kindern zu klauen.

Wir selbst bekamen nie welche, weil unsere Mutter der Überzeugung war, dass hinter Ostereiern kapitalistische Machenschaften steckten.

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#Schnee

Im Winter lag oft eine dicke Schicht Schnee auf dem Blechdach der Scheune.

Das Dach lud zum Spielen ein.
Das hatte unsere Mutter strengstens verboten.

Man konnte sich beim Herunterrutschen an den scharfen und rostigen Blechkanten die Beine aufschlitzen.

Sagte sie.

Unsere Mutter war noch bei der Arbeit, wenn wir aus der Schule nach Hause kamen.

Bis unsere Mutter nach Hause kam, musste ich auf meine vier Jahre jüngere Schwester aufpassen.

Wir konnten dem Dach nicht widerstehen. Es stand auch zufällig eine Leiter herum.

Ich war sehr verantwortungsbewusst.
Sicherheitshalber nahm ich meine Schwester mit auf das Dach.

Wir rutschten mit Klaus den ganzen Nachmittag auf den Hintern bis auf das Vordach herunter. Der große Moment war, wenn man von dem steilen Dach auf dem Vordach landete.

Sensationell.

Meine Schwester lernte viel an diesem Nachmittag. Nach ein paar Versuchen, bei denen sie fast vom Vordach gestürzt wäre, bewies sie Talent und hatte es endlich begriffen.

Ich war stolz auf meine Schwester und auf meine pädagogischen Fähigkeiten.

Unglücklich war, dass ich vernachlässigt hatte, ihr etwas Übles anzudrohen, falls sie unsere Mutter etwas sagen sollte.

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#ValiumZweiPunktNull

Unsere Tante, eine sehr anständige evangelische Frau, tat Großmutters Valium-Tabletten ein wenig ab. Laut unserer Tante war Großmutter eine Drogensüchtige, also ein Hippie. Auf jeden Fall sei es Sünde, das mit den Tabletten.

Die Tante fragte trotzdem einmal die Großmutter, ob sie einer ihrer Valium-Tabletten haben könnte.

Sie hatte Angst vor der Fahrprüfung am nächsten Tag.

Psalm 51: Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde; denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir…

Unsere Tante verschlief die Fahrprüfung und war erst gegen Nachmittag wieder einigermaßen ansprechbar.

Sie holte die Fahrprüfung nie nach.

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© Susan Madsen

#Unecht

Unsere Mutter hatte mich in Aarhus im Redningshjemmet for forførte Piger (Rettungsheim für verführte Mädchen) entbunden. Ein Heim für Frauen, die nicht aus einer anständigen evangelischen Ehe Kinder hervorbrachten.

Man ließ sie zwei Tage in Wehen links liegen, bis man auf die befreiende Idee kam, mich per Kaiserschnitt zu holen.

Bald nach der Kaiserschnitt-Entbindung schickte man meine Mutter in den Keller, um meine Windeln im eiskalten Wasser zu waschen.

Sie bekam Fieber.

Es starben Frauen und Kinder in dem Rettungsheim.

Insbesondere die Inuit.

Unsere Mutter floh über Nacht mit mir zu ihrem Bruder und zu der anständigen evangelischen Tante.

Zu den Großeltern konnten wir nicht, da die Großmutter kurz vor der Entbindung das Haus in Brand gesteckt hatte.

Danach war Großmutter lange in Risskov.

Die gesamte Kleidung, die unsere Mutter für mich gehäkelt, gestrickt und genäht hatte, war mit dem Haus zusammen verbrannt.

Wir konnten auch nicht bei dem Bruder und bei der Tante bleiben. Sie fanden es unangenehm, ein unechtes Kind im Haus zu haben.

Unecht waren die Kinder, die außerhalb einer christlichen Ehe zur Welt gekommen waren.

Verständlich.
Der Bruder selbst war ein unechtes Kind.
Ich hatte ihn daran erinnert.
Mein erstes Lebensjahr verbrachte ich bei einer Pflegefamilie. Davor wurde ich evangelisch getauft.

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#Trolle

Unsere Mutter hatte es strengstens verboten, an den Mergelgruben in unserer Gegend zu spielen.
Der Mangel an ausreichender Aufsicht kam uns zugute.

Meistens wurden die Mergelgruben genutzt, um ganz legal Müll zu entsorgen.
Das machte die Wasserlöcher zum idealen Spielplatz.

Wir hüpften gemeinsam mit Klaus auf den entsorgten Traktoren und anderen Fahrzeugen herum. Suchten nach Schätzen und wurden oft fündig.

Es waren gefährliche Spielplätze.
Selbstverständlich erhöhte das den Reiz.
Die Mergelgruben hatten eiskalte Unterwasserquellen, die Schwimmer herunterzogen.

Sagte man.

Die Legende über einen Badesee in unserer Nähe, eine ehemalige Mergelgrube, besagte, es säße ein Troll am Boden des Sees und er fresse die jungen Kühe, die ins Wasser gingen. Später fraß der Troll dann auch die Schwimmer.

Die Legende gefiel mir besser als Fakten.

Da sich die Position der kalten Löcher dauernd änderte, wurde der Badesee mit Hubschrauber mehrmals im Jahr überflogen, um genau auszumachen, wo die Löcher waren.

Ich nahm an, der Troll versuchte, sich zu verstecken. Er baute laufend neue Höhlen unter Wasser.

Tatsächlich ertranken jedes Jahr ein paar Schwimmer, welche die Bojen missachteten, die den gefahrlosen Bereich markierten. Oft wurden die Schwimmer nicht mehr gefunden.

Logisch.
Dachte ich.
Der Troll hatte sie gefressen.

Mich betraf es nicht. Ich konnte nicht schwimmen. Und Angst vor Wasser hatte ich auch.

Vor Trollen weniger. 


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#Nissen

Jeder Hof in Dänemark hatte eine Nisse. Die Nisse war eine Art Hausgeist.

Man musste gut mit ihr umgehen wissen. Sie war launisch und ärgerte gerne die Menschen. Wenn man die Nisse gut behandelte, blieben die Bewohner und die Tiere gesund. Aber nicht, wenn sie verärgert wurde. Dann gingen Sachen kaputt oder man wurde krank. Oder beides.

Besonders Weihnachten war es wichtig, sich darum zu kümmern, dass die Nisse mit Essen versorgt wurde. Sie bekam traditionell Reisbrei auf einen Teller, mit einem Löffel dazu, auf den Heuboden gestellt.

Am nächsten Tag war immer alles aufgegessen.

Falls man eigene Unzulänglichkeiten erklären musste, konnte man es auf die Nisse schieben.
Zum Beispiel verschwundene Werkzeuge, die in der angefangenen Baumhütte abhanden gekommen waren.

Einmal ging es aber nicht.

Das war, als wir die Pornohefte, die im Haus herumlagen, gemeinsam mit Klaus auf den Heuboden mitgenommen hatten.

Nissen hatten mit Pornoheften nichts am Hut. Sagte man.
Woher sie das wussten, weiß ich nicht.

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