
Wahre Geschichten über unechte Kinder
Susan Madsen fotografiert nicht nur – siehe ihre Anschau-Abenteuer bei uns hier nebenan – sie hat auch begonnen, uns Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen.
Wahre Geschichten. Natürlich.
– Wir freuen uns über die dritte Lieferung, d. Red. Hier geht es zu Folge 1 und hier zu Folge 2.
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#Fliegen
Wenn ein Schulfest anstand, übernachtete ich am Ort der Schule.
Entweder bei Klassenkameraden oder bei dem Deutschlehrer.
Manchmal nahm er mich zum Fliegen mit.
Er hatte einen Pilotenschein für Segelflugzeuge.
Die Verschwiegenheit der Lüfte und zwischen uns war von aufdringlicher Intensität.
Danach schlief ich auf dem Sofa in dem Zimmer, wo die Bücher in Verbindung mit den schwarz-weißen Fotografien von nackten Schulfreunden und uns die Wände verschwinden ließen.
Morgens machte er uns, bevor wir in die Schule mussten, Omelett mit Pilzen und Tomaten.
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# Esel
Unsere Mutter wünschte sich einen Esel.
Hatte sie schon.
Dachte ich.
Ich sagte nichts.
Liebenden ist nicht zu helfen.
Der Esel zusätzlich zu den zwei Pferden, den fünfzehn Ziegen, den unzähligen Federviechern, den Katzen und den Kaninchen.
Es fehlte eindeutig ein Esel.
Es fand sich bedauerlicherweise keine Gelegenheit für risikobehaftete Kaffeetrinkerei mit Eselsbesitzern.
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#Ärzte
Unsere Mutter hatte etwas gegen Ärzte.
Sie, also die Ärzte, hatten von nichts eine Ahnung.
Sagte sie.
Wenn wir krank waren, bekamen wir warmen Holundersaft.
Wunden wurden nur in Ausnahmefällen behandelt.
Mit Eutercreme von Nachbars Kühen.
Einmal bekam ich Antibiotika.
Daran waren die Lehrer aus unserer Schule schuld.
Das war, als die Katze mich in die rechte Hand gebissen hatte und die Lehrer mich zum Arzt brachten, weil die Hand so groß geschwollen war. Ich konnte nicht mehr damit schreiben.
Unsere Mutter regte das sehr auf…
…und ich wünschte mir, ich wäre Linkshänder gewesen.
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#Kinder
Unsere Großmutter hatte zwei lebende und zwei tote Kinder.
Was für ein Glück.
Unsere Mutter war nicht eins der toten Kinder.
Sonst hätte es uns nicht gegeben.
Ich kannte keines von den toten Kindern persönlich.
Das eine tote Kind nur von einem Familienfoto.
Es hatte sehr, sehr große Ohren.
Gehabt.
Vom anderen toten Kind gab es kein Foto.
Es war als Säugling in der Klinik gestorben …
… weil die Großmutter krank war und das Personal es verhungern ließ.
Sagten sie.
Und dann sollte auch nicht mehr darüber geredet werden.
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#Singen
An Weihnachten trafen unsere Großmutter, unsere Mutter und wir uns zum gemeinsamen Feiern.
Der aktuelle inoffizielle Partner unsere Mutter musste zu Hause bleiben.
Wir wurden vorher gründlich gebrieft, was wir alles besser nicht erzählen sollten.
Unsere Mutter wurde wegen ihrer Haarfarbe getadelt.
Jede, die sich die Haare färbte, war, aus Großmutters Sicht automatisch ein Flittchen.
Unsere Mutter hätte auch den aktuellen inoffiziellen Partner mitnehmen können.
Dachte ich.
Nachdem das geklärt war, stritten sich Mutter und Großmutter, wie der Weihnachtsbraten zubereitet werden sollte.
Uns nervte es, weil es dann noch länger dauerte, bis es Geschenke gab.
Das Ergebnis des Kochens, das viel besser geworden wäre, wenn jeweils die Andere es zubereitet hätte, wurde dann gemeinsam eingenommen.
Nachdem das erledigt war, kam der Programmpunkt, der all unsere Stärke forderte.
Großmutter wollte Weihnachtslieder singen.
Aber sie war unmusikalisch.
Bei Großmutters Unfähigkeit, auch nur einen Ton zu treffen, war es bei jedem Lied eine Herausforderung, gemeinsam zu singen.
Jeder Versuch, das Repertoire zu kürzen, wäre sinnlos gewesen. Das hätte Großmutter nicht mitgemacht.
Wer das Singen meisterte …
… bekam endlich Geschenke.
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#Rammler
Wir hatten viele Tiere. Neben Hühnern, Pferden, Ziegen und einem Schwein auf Zeit auch zwei Rammler.
Die Rammler fühlten sich unwohl im Käfig.
Dachte ich.
Und ließ sie frei.
Fortan wurden sie ab und zu irgendwo auf dem Gelände des Resthofs gesichtet.
Irgendwann dann nicht mehr.
Bis zum Frühjahr.
Da drängten aus einem Loch im ungepflegten Vorgarten kleine Kaninchen.
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#ThorFreja&Co
Ich las alles, was ich in den Fingern bekommen konnte, über die nordischen Götter.
Bei den Dänen genossen Thor, Freja und die Anderen ein entspanntes Dasein – neben dem evangelischen Glauben.
Die blutigen Sagen rund um die nordischen Götter hatten eine ähnliche Qualität wie die Märchen des Alten Testaments.
Dachte ich.
Die nordischen Götter waren mir sympathischer.
Bei Thor, Freja und den Anderen wurde gezankt, gehurt, gesoffen und gemordet wie bei den Menschen.
Ich las aus Höflichkeit und Respekt gegenüber der Bibel auch das Neue Testament, obwohl es im Verhältnis zum Alten langweilig war.
Ich kam zu der Erkenntnis, dass Jesus die gleiche psychische Störung wie unsere Großmutter gehabt haben musste.
Oder so ähnlich.
Zur Jesus-Zeit gab es leider kein Valium.
Meine Gedanken dazu fanden wenig Gehör.
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#Randnotitz
Über den elf Jahren alten Jungen aus der Nachbarschaft, der sich mit der Schrotflinte seines Vaters den Kopf wegschoss, weil er sein Leben mit ihm unerträglich fand, und dann im Grab der Unbekannten entsorgt wurde…
…kann ich nichts schreiben.
Man sollte sich nicht in den Angelegenheiten Anderer einmischen.
Sagte man.
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#LebensWert
Der Hauptarbeitgeber am Ort, wo unsere Schule lag, war eine große Chemiefabrik.
Man wusste ungefähr, was am jeweiligen Tag produziert wurde.
Die Luft roch entweder verlockend nach Buttersäure oder nach Vitamin B.
Die Chemiefabrik entsorgte ihr Abwasser im Fluss.
Ungeachtet dessen wollten drei Internatsschüler an einem kleinen Wasserfall im Fluss ihren Mut beweisen.
Einer der Schüler wurde vom Strudel des Wasserfalls hinuntergezogen.
Die anderen Zwei retteten sein Leben.
Dafür kassierten sie vom Direktor der Schule sicherheitshalber Ohrfeigen.
Bei der wöchentlichen gemeinsamen Schulversammlung dann jeweils einhundert dänische Kronen von den Eltern des geretteten Jungen.
Feierlich, mit Rede. Und alles vom Direktor überreicht.
Ich war beeindruckt davon, wie viel den Eltern das Leben ihres Kindes wert war.
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#Keller
Unsere Großmutter wohnte alleine in einem winzigen Haus in einem winzigen Dorf.
Das Haus hatte eine unheimliche Atmosphäre. Ich konnte dort schlecht schlafen.
Aber oft war ich bei ihr alleine über längere Zeit zu Besuch.
Die Großmutter konnte wenig mit Kindern anfangen.
Uns beide verbanden die Bücher.
Ich las die isländischen Sagas, die Bibel wegen der interessanten blutigen Geschichten im Alten Testament, Odysseus, die Werke vieler dänischer Schriftsteller, die dänische Mythologie.
Großmutter sagte nie, ich könne oder dürfe dies oder jenes nicht lesen, weil ich dafür zu jung sei.
Ich nahm mir die drei Bände von den Sagen über die Geister in Dänemarks Schlössern vor.
Ich habe zuviel Fantasie.
Ab da war ich mir sicher, dass im Haus meiner Großmutter Leichen im Keller waren.
Sie liegen noch heute da.
Einbetoniert im Fußboden im Keller.
Das Haus wird keine Ruhe geben, bevor sie gefunden werden.
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