Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Susan Madsen: 10 wahre Geschichten (1)

Susan Madsen fotografiert nicht nur – siehe ihre Anschau-Abenteuer bei uns hier nebenan – sie hat jetzt auch begonnen, uns Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen. Wahre Geschichten. Natürlich. – Wir freuen uns über diese Premiere, d. Red.

#Feen

In meiner Kindheit gab es Feen in Dänemark. 

Sie wohnten in den Hügeln und waren wunderschön. Die meiste Zeit verbrachten sie damit, Feste zu feiern. 

Gefährdet waren junge Männer. Sie wurden zu den Feen in den Hügeln gelockt. Feierten dann ausgelassen die ganze Nacht. Wenn ein junger Mann dann am Morgen aus den Hügeln herauskam, war er zum Greis geworden. Weil die Zeit sich anders anfühlte bei den Feen.

Sagte man. 

Ich habe oft die Feen gesehen. 

Wenn in der trostlosen, kargen Landschaft von Moor und Heide morgens der Dampf der Suppe, die die Moorfrau kochte über den Feldern lag. 

Ich weiß nicht, für wen sie gekocht hat. Die Moorfrau. 

Vielleicht hatte sie Kinder. 

Ich hatte keine Angst vor den Feen.

Ich war kein junger Mann. 

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#Lesen 

Unsere Großmutter hatte schwache Nerven. So hieß es damals, wenn jemand psychisch krank war. 

Wenn gesagt wurde, Großmutter ist in Risskov, wusste jeder, was damit gemeint war. Und dass man besser nicht darüber redet.

Manchmal wollte sie nicht dort hin. 

Unsere Mutter hatte keine Zeit, sich um die Großmutter zu kümmern. 

Sagte sie.

Ich wurde dann von der Schule genommen, um die zweihundert Kilometer mit dem Bus zur Großmutter geschickt zu werden. 

Ich hatte ein Schild um den Hals, auf dem Ring stand. Ring war das Dorf, in dem unsere Großmutter wohnte. 

Wie ein Paket mit Briefmarke. 

Dachte ich. 

Ich wurde von unserer Mutter angewiesen, der Großmutter auf keinen Fall zu erzählen, dass sie sich die Haare gefärbt und ein neuen Mann hatte …

… und in den Bussen in Vejle und Aarhus, wo ich umsteigen musste, bei den Busfahrern nachzufragen. 

Weil ich noch nicht lesen konnte. 

Da fing es an mit den Büchern. 

Unsere Großmutter hatte viele Bücher. Alle Zimmer waren voll damit. 

Als ich nach Hause fuhr, war ich ein Paket ohne Briefmarke.

Ich konnte lesen. 

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#Partner

Unsere Mutter angelte, räucherte die gefangenen Lachsforellen selbst, war Selbstversorgerin, machte Yoga, züchtete Pilze, schaffte sich italienische Hühner an, las politische Bücher, machte alle pädagogischen Experimente mit, egal wie irrsinnig, las historische Bücher, fand Archäologie auf einmal spannend …

… je nachdem, was für einen Partner sie gerade hatte. 

Unsere Mutter war sehr flexibel, was ihre Leidenschaften betrafen. 

Ihr Musikgeschmack richtete sich auch nach dem jeweiligen Partner. 

Am schlimmsten war es, als sie einen hatte, den Country & Western-Musik glücklich machte.

Immerhin konnte sie sich nicht für Transzendentale Meditation begeistern. 

Wir sind auch nicht, wie geplant, ausgewandert, nachdem sie als Vertreterin der Dänischen kommunistischen Partei in der DDR zu Besuch gewesen war. 

Und veganes Essen war auch noch nicht erfunden. 

Wir haben Glück gehabt. 

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#Handarbeit

Unsere Großmutter war auch ein unechtes Kind. Sie wurde alleine von der Urgroßmutter groß gezogen. 

Es sollte nicht darüber gesprochen werden.

Sagte man.

Unsere Großmutter war hochbegabt. 

Das gab es damals nicht. 

Es wurde Flusen im Kopf genannt. 

Sie durfte nicht studieren. Das war etwas für feine Leute. 

Nach viel Überzeugungsarbeit vom Pfarrer bei Urgroßmutter durfte Großmutter an die Realschule. Weil der Gottesdiener es gewünscht hatte. 

Nur für ein Jahr, war die Bedingung von Urgroßmutter.

Großmutter sollte lieber als Tagelöhnerin oder Dienstmädchen an den Schlössern in Nordjütland arbeiten, wie unsere Urgroßmutter es tat. Statt ihre Zeit in der Schule zu verschwenden. 

Bücher lesen war auch nicht gern gesehen. Das Petroleum für die Lampen war schließlich nicht für so eine unsinnige Beschäftigung gedacht. Sondern für Handarbeiten wie Sticken, Nähen und Häkeln.

Wahrscheinlich verabscheute unsere Großmutter deswegen Handarbeit und liebte die Bücher so sehr.

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#Badewanne

Mein erstes erotisches Erlebnis hatte ich mit zehn Jahren. 

Wir waren über den Sommer im Hippie-Camp.

Er war 18 und in meine Augen wahnsinnig attraktiv. Er war ein freundlicher, mir gegenüber hilfsbereiter Kerl.

Ich bin Langschläferin, ging aber um 6:00 Uhr morgens zum Yoga, weil er auch Yoga machte. Ich kochte immer mit, wenn er mit Kochen dran war. Ich wurde rot und stotterte, wenn er anwesend war. Ich war verliebt.

Im Camp gab es kein warmes Wasser. Das Wasser für die gemeinsame Badewanne im ehemaligen Stall musste erst auf dem Gasherd erwärmt werden.

Deswegen mussten mehrere Personen das gleiche Badewasser nutzen. 

Als ich eines Morgens baden wollte, saß er in der Badewanne.

Er stieg aus und sagte mir, jetzt muss ich in seinem Wasser baden.

Ich erinnere mich an das aufregende prickelnde Gefühl auf meine Haut, als sein Wasser meinen Körper umarmt hat. 

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#Loch im Kopf

Mein Spielfreund Klaus wuchs auf einem Resthof auf, mit Autowracks im Vorgarten, vier Geschwistern und einer Mutter, die übergewichtig den ganzen Tag unbeweglich im Sessel saß. Der Vater war ein hagerer Kettenraucher, der immerzu etwas reparierte. 

In Dänemark an der Nordsee-Küste hatte damals jeder ein Jagdgewehr zuhause. Das war ganz normal. 

Eines Tages hatte Klaus das Jagdgewehr seines Vaters herausgekramt. Er hatte beobachtet, wo sein Vater die Munition aufbewahrte und wo der Schlüssel zum Schrank war. 

Als seine große Schwester mit ihrer Freundin aus der Schule kam, zielte Klaus im Wohnzimmer mit dem Gewehr auf die Schwester. 

Drück doch ab du Idiot, sagte sie ihm. Im Glauben, das Gewehr sei nicht geladen.

Klaus tat es. 

Und schoss ihr durch den Kopf. 

Die Kugel steckte danach in der Wand. Neben der Tür. 

Weil damals nur wenige ein Telefon hatten, setze ihre Freundin sie auf den Fahrrad-Gepäckträger und fuhr mit ihr zum nächsten Hof. 

Die große Schwester hielt sich währenddessen das Loch im Kopf zu. 

Aber weil die Hofherrin am ersten Hof einen Friseursalon hatte und nicht das ganze Blut in ihren Räumen haben wollte, musste die Freundin die große Schwester bis zum übernächsten Hof fahren.

Verständlich. 

Die große Schwester kam ins Krankenhaus. Sie hatte dann auf beiden Seiten eine Narbe im Gesicht.

Vom Schuss durch den Kopf. 

Klaus war damals neun Jahre alt und ab dann der Held der Schule, weil er seine große Schwester angeschossen hatte. 

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#Erwachsene 

Die untergetauchten RAF-Sympathisanten kreuzten gelegentlich bei uns zu Hause auf. Und auch die Angehörigen eines Kollektivs, die in der Nähe auf einem Hof hausten.

Die aus dem Kollektiv waren Hippies.

Love and Peace. 

Die Sympathisanten waren das Gegenteil davon. 

Das konnte nicht gut gehen. 

Wenigstens waren sie sich in einem einig. 

Im Konsum von Alkohol und anderen Substanzen. 

Uns gingen die Erwachsenen und ihre ständigen Diskussionen, bei denen mit zunehmenden Alkoholpegeln der Beteiligten die Argumentation immer absurder wurde, auf die Nerven. 

Wir mussten frühmorgens aufstehen, die Tiere füttern, unsere Stallkleidung für die Schule wechseln, fünf Kilometer radeln, bei jedem Wetter, und noch mit dem Bus fahren, um pünktlich um acht Uhr in der Schule zu sein. 

Ich war eine gute Schülerin. 

Ich war oft in der Bibliothek.

Da war Ruhe.

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#Rosinen 

Ich kann mich nicht daran erinnern, wem wir die Rosinen, die wir mit Kaninchenscheiße vermischt hatten, gegeben hatten und warum.

Tut mir leid. 

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#Ratten

Unsere Mutter hatte ein eigenes Verständnis von Schädlingsbekämpfung. 

Als unser Hof über Nacht von einer Rattenplage betroffen wurde, kaufte sie uns Luftgewehre. 

Wir schossen im Hof auf Dosen und Flaschen, mit Klaus oder Freunden aus der Schule. Einer davon verschaute sich in meine Schwester.  

Als wir nach Ansicht unsere Mutter treffsicher genug waren, setzte sie Kopfgeld auf die Ratten aus. Für eine große Ratte bekamen wir fünf dänische Kronen und für eine kleine zwei Kronen. 

Das fanden wir ungerecht, weil es einfacher ist eine große Ratte zu treffen, als eine kleine.

Der eine verliebte sich immer heftiger in meine Schwester. 

Um ihr seine Liebe zu zeigen, schoss er sich selbst mit dem Luftgewehr durch die Jeans in den Oberschenkel. 

Er war ja aus Kopenhagen. 

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#Bildung

Die Regale im Haus waren voll mit Büchern. Es gab aber nichts Gescheites zum Lesen. Brecht, Böll, Marx, Engels, Bildbände über den Vietnamkrieg.

Ich bekam pädagogisch wertvolle Comics, wo die Arbeiterklasse von Kapitalisten zu Ader gelassen wurde. Das Ende war immer gleich. Die Arbeiterklasse erhob sich, wie Phönix aus der Asche, und besiegte die Kapitalisten. 

Ich ging am Ort, wo ich zur Schule ging, in die Bibliothek.

Als ich die Kinderabteilung leer gelesen hatte, verlangte ich von der Bibliothekarin ein Buch von Martin Andersen Nexö. 

Das Buch wurde mir verweigert. Die Bibliothekarin war der Ansicht, ich könnte unmöglich das Buch lesen, weil ich erst in die 2. Klasse ging.

Nach viel Diskussion, bei der noch eine weitere Bibliothekarin eingeschaltet wurde, holten sie mir das Exemplar für Senioren. 

Die Schrift im Buch war viel größer als im Original. Dementsprechend groß und schwer war das Buch. 

Ich hatte Schwierigkeiten, den Schinken nach Hause zu tragen. 

Aber ich habe durchgehalten. 

Ich las das Buch heimlich unter die Bettdecke in wenigen Tagen. 

Bildung war ein Geschenk, für das ich hart arbeiten musste.

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