
Wahre Geschichten über unechte Kinder
Susan Madsen fotografiert nicht nur – siehe ihre Anschau-Abenteuer bei uns hier nebenan – sie hat auch begonnen, uns Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen.
Wahre Geschichten. Natürlich.
– Wir freuen uns über die vierte Lieferung, d. Red. Hier geht es zu Folge 1, zu Folge 2 und Folge 3.
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#Schwachsinnige
Einer der zahlreichen Männer unserer Mutter war Pädagoge. Er arbeitete als Lehrer in einer Schule für Åndssvage. Das ist das dänische Wort für Schwachsinnige.
Damals nannte man sie nicht Menschen mit besonderen Bedürfnissen, sondern Schwachsinnige.
Das war ganz normal.
Ich war oft mit in der Schwachsinnigen-Schule. Auch auf deren Schulfahrten war ich dabei.
Ich hatte viel Spaß mit den Schwachsinnigen. Sie waren liebevoll und lustig.
Mehr als normale Menschen.
Der Pädagoge versuchte mir, das Fahrradfahren im Schullandheim beizubringen.
Er war kein geduldiger Mensch.
Er gab es auf, mit der Bemerkung, ich würde es nie lernen.
Einer der Schwachsinnigen hielt mich beim Üben am Gepäckträger auf Kurs. Er hatte unendliche Ausdauer und sagte mir immer wieder, das Fahrradfahren wäre ein Kinderspiel.
Als der Pädagoge und ich nach Hause fuhren, konnte ich Fahrrad fahren.
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#Moral
In der Nordseegegend, wo wir aufwuchsen, hatten die Menschen eine sehr hohe Moral.
Sie tranken keinen Alkohol. Außer nach dem Fußballspiel oder zum Feierabend oder…
…es gab Gelegenheiten.
Wer eine besonders hohe Moral hatte, versteckte den Schnaps im Kaffee.
Man brühte Kaffee auf, deckte einen Kaffeetisch, reichte Kuchen. Sieben Sorten mussten es sein. In einem anständigen Haushalt. Dann wurde gesittet Kaffee mit Zucker und Schnaps getrunken. Sehr viel Kaffee. Bis die Schnapsflasche leer war.
Man ließ nichts verkommen.
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#Zimtschnecken
Meine Schwester und ich kamen zu einer liebe Familie in Tagespflege.
Unsere Mutter musste arbeiten.
Wir sollten uns nur im Kinderzimmer und nur zum Mittagessen in der Küche aufhalten.
Zum Mittagessen gab es zwei dicke Stullen Schwarzbrot, mit Leberwurst dazwischen.
Jeden Tag.
Mittwochs gab es bei der lieben Familie zusätzlich zum Leberwurstbrot frische Zimtschnecken, die noch warm vom Bäcker kamen und verführerisch dufteten. Der Zucker unten am Schneckenboden war herrlich karamellisiert. Obendrauf war Schokoladenguss. Jeder klebrige und süße Biss war himmlisch.
Meine Schwester war noch sehr klein.
Wenn sie die Windeln voll hatte, schloss sich die liebe Pflegemutter mit ihr ins Schlafzimmer ein.
Und verprügelte sie.
Ich frage unsere Mutter, warum die liebe Pflegemutter das tat. Unsere Mutter nahm uns aus der Tagespflege.
Nun war es mit den Zimtschnecken vorbei.
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#Mao
Da unsere Mutter ihrer Realschulabschluss an der gleichen Schule nachmachen wollte, die wir auch besuchten, kannten unsere Lehrer sie gut.
Oft musste ich nach Schulschluss unsere Mutter in der örtlichen Kneipe suchen, wo sie mit ihren Klassenkameraden, unserem Mathelehrer und dem Deutschlehrer, wenn er sich mal wieder am Quartalsende befand, versackt war.
Der Mathelehrer war gefürchtet.
Zusätzlich zum Unterricht hatte er die Pausen-Aufsicht auf dem Schulhof.
Ihm saß die Hand locker. Man konnte bei ihm schnell eine Ohrfeige kassieren.
Ich aber nie. Mir gegenüber war er freundlich. Wahrscheinlich, weil er regelmäßig mit unserer Mutter soff. Oder sie attraktiv fand. Oder beides.
Dachte ich.
Es hatte also Vorteile, wenn ich an solchen Tagen mit dem Bus fahren musste.
Weil es keinen Sinn machte, darauf zu hoffen oder warten, mit dem rostigen VW-Käfer unserer Mutter mit nach Hause genommen zu werden.
Der Mathelehrer war trotzdem fragwürdig.
Da er die politische Gesinnung unserer Mutter kannte, nannte er mich im Unterricht liebevoll Madsens kleine Rote.
Wahnsinnig witzig. Dachte er.
Anmerkung der Autorin: „Das kleine Rote Buch“ oder „Die Mao-Bibel“ hatte im Dänischen den Titel „Maos kleine Rote“.
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#Zigarren
Unser Großvater wurde nicht alt.
Bis er starb fuhr er mich mit der Schubkarre überall im Garten umher. Wir fütterten gemeinsam die Hühner und die Tauben.
Er war nie böse. Nie laut.
Ich hatte schon damals viel mitzuteilen.
Das, was ich mehr redete, redete er weniger.
Nur beim Wetterbericht im Fernseher musste ich leise sein.
Er trug eine Baskenmütze. Sie ließ erahnen, dass er mal ein schneidiger Typ gewesen war.
Großvater fuhr immer mit der Baskenmütze auf seinem nach Benzin miefenden Moped einkaufen.
Großmutter durfte das nicht. Wegen der Epilepsie. Sie kochte dafür das ganze Gemüse und die Beeren aus Großvaters und meinem Garten ein.
Wenn Großvater zum Schrank im Wohnzimmer ging und den Schlüssel in die Schublade steckte, wussten ich und die Katze, was kam.
Er nahm sich eine Zigarre. Und die Katze und ich bekamen Schokolade.
Als er tot war, blieb seine Baskenmütze in Großmutters Flur noch Jahre hängen.
Mir blieb nur der Geruch von Benzin und Zigarren als Erinnerung an ihn.
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#Gemüsegarten
Unserer Deutschlehrer war ein freundlicher, gebildeter, schöner Mann. Er war pädophil und Quartalstrinker. Das wusste jeder.
Weil er im Zweiten Weltkrieg im dänischen Widerstand war und deswegen im Fröslev-Lager inhaftiert, durfte er das.
Wenn er trank, wurde uns im Unterricht ein Vertreter gestellt und es sollte nicht darüber gesprochen werden.
Da er wie meine Mutter Mitglied der Dänischen Kommunistischen Partei war, waren sie befreundet.
Wir wohnten auf einem Resthof mit ein wenig Ackerfläche dabei. Er hatte die Idee, bei uns als Projekt unserer Schulklasse einen Gemüsegarten anzulegen.
Das Ergebnis war, dass wir keinen Deutschunterricht hatten, alle spielend herumliefen und er den Garten alleine pflegen durfte.
Das tat er konsequent unbekleidet.
Wenn es regnete war das ein besonders erheiternder Anblick. Denn dann zog er einen gelben Regenmantel an über seine Nacktheit und pflegte den Garten in Gummistiefeln weiter.
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#Kleopatra
Wir wohnten in einer Wohnung, die zuerst zwischen zwei Männern und uns und unserer Mutter aufgeteilt war.
Später wurden die Männer auf die Straße gesetzt, weil sie die Miete nicht bezahlten.
Die Männer waren meistens in ihren Zimmern. Einer von ihnen war unsichtbar. Wir bekamen nichts von ihm mit. Vom anderen schon.
Die Küche war gemeinsam.
Es gab keinen Kühlschrank, und das Brot musste man, bevor man es essen konnte, von Kakerlaken befreien.
Unsere Mutter musste regelmäßig bei einem der Männer einbrechen.
Er nahm oft ihre Brille mit in sein Zimmer, wenn sie in der Küche liegen geblieben war.
Dabei hatte er doch selbst eine Brille mit dicken Gläsern.
Unsere Mutter sagte, er sei ein Kleptomane. Darunter konnte ich mir nichts vorstellen.
Kleopatra war eine Frau und hatte nichts mit Brillen zu tun. Dachte ich.
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#Jägerundsammler
Wir wohnten in einem Zelt.
Wir hatten keine Wohnung.
Und unsere Mutter und der Pädagoge keine Arbeit.
Erst war es Abenteuer.
Im Herbst dann nicht mehr.
Wir wurden krank und bekamen Parasiten.
Der Pädagoge und ich gingen angeln.
Ich schlug vor, die Parasiten als Köder zu nehmen. Meine wegweisende Idee wurde abgelehnt.
Stattdessen nahmen wir Regenwürmer. Es wäre besser.
Sagte er.
Mir taten die Regenwürmer leid.
Ich sagte nichts.
Es ging schließlich um unser aller Überleben.
Der Pädagoge fing nichts.
Während er jede Menge Regenwürmer tötete, ließ ich die von den anderen Anglern gefangenen Fische, die am Ufer herumlagen, unauffällig in meinen Eimer gleiten.
So gab es frisch gesammelte Seezungen und Kartoffeln vom Feld des Bauers nebenan zum Abendessen.
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#BildungZweiPunktNull
Der Pädagoge regte unsere Mutter dazu an, ihren Realschulabschluss nachzuholen.
Es war ihm unangenehm, mit einer ungebildeten Frau zusammen zu sein.
Dachte ich.
Zwei Jahre lang ging unsere Mutter in der gleichen Privatschule wie wir.
Das war erbärmlich.
Der Wunsch nach einer gebildeten Frau führte zur Absetzung des Pädagogen.
Unsere Mutter verliebte sich in einen anderen Mann von der Schule. Das wiederum war erbaulich.
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#Schwein
Unsere Mutter kaufte jedes Jahr vom Nachbarn ein junges Schwein.
Das Schwein wohnte ein Jahr bei uns, um danach in der Tiefkühltruhe seine letzten Ruhe zu finden.
Unsere Mutter hatte die schlechte Gewohnheit, sich mit dem Schwein anzufreunden.
Das Schwein wurde gekrault, es wurde mit ihm gesprochen und es bekam Leckerbissen aus der Küche.
Damals durfte man noch Haus-Schlachtungen durchführen lassen.
Wir Kinder durften aber auf keinen Fall zuschauen.
Das taten wir auf jeden Fall trotzdem.
Gruselnd lagen wir in einem Versteck, von dem aus man alles mitbekommen konnte.
Der Moment, als das Tier getötet wurde, war läppisch.
Als es mit kochendes Wasser übergossen wurde, damit der Schlachter die Borsten herunterbekam, auch.
Der Höhepunkt war, wenn der Schlachter das Tier an den Hinterbeinen am Balken aufhängte und ihm den Bauch aufschnitt.
Die Eingeweide explodierten förmlich aus dem Tier heraus. Sensationell.
Unsere Mutter bekam von allem dem nichts mit, weil sie bei den Schlachtungen immer krank vor Trauer im Bett lag.
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