
Wahre Geschichten über unechte Kinder
Susan Madsen fotografiert nicht nur – siehe ihre Anschau-Abenteuer bei uns hier nebenan – sie hat auch begonnen, uns Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen.
Wahre Geschichten. Natürlich.
– Wir freuen uns über die fünfte Lieferung, d. Red. Hier geht es zu Folge 1, zu Folge 2, Folge 3 und Folge 4.
Die Kindheit sichtbar machen – in Susan Madsens Fall eine antiautoritäre in Dänemark auf dem Land – wie macht man das? Und das außerdem als Minimalistin, die sie erklärtermaßen ist.
Susan Madsens Ziel ist die Reduktion. Die Mittel dafür: keine direkte Rede, das Wiederholen von Schemata – „Dachte ich“, „Sagten sie“ –, möglichst unverstellte Sprache, in der noch die kindliche Wortaneignung durchscheint.
Minimalismus, der Raum für Phantasie der Leser lässt. In ihrer Fotografie hat sie dafür Wege gefunden (siehe bei uns ihre Anschau-Abenteuer). Mit diesem Manuskript – ein work in progress, weil das ständig Schleusen öffnet – möchte sie das in Worten versuchen: Über Kindheit zu schreiben, Kindheit eine Stimme zu geben, dieser ersten, großen, ungeheuren Welterfahrung, die uns auf immer prägt. Wie in ihren Bildern möchte sie dabei Unmittelbarkeit herstellen. Der Blick durch die Wortlinse soll die Perspektive des Kindes wiedergeben.
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#Kochen
Vorübergehend wohnten wir am Ort, wo der Pädagoge arbeitete, in einem Abrisshaus.
In meinem Zimmer gab es ein Loch im Holzfußboden. Man konnte durchschauen. Darunter befand sich nichts außer Erde.
Hinter dem Haus häuften sich defekte Herde, Kühlschränke und andere Schätze.
Wir Kinder kochten auf einem defekten Herd imaginäre Mahlzeiten aus Schlamm und Gras.
Wir konnten das Mädchen der Nachbarn nicht ausstehen, weil sie sich als etwas Besseres vorkam.
Ihre Familie hatte ein Haus mit einem Badezimmer, und wir mussten unsere Schuhe ausziehen und die Hände waschen, wenn wir zu Besuch kamen.
Eines Tages kamen zwei der anderen Kinder, die zu Hause auch Löcher im Fußboden hatten, bei uns vorbei und schlugen vor, es dem Badezimmer-Mädchen mal zu zeigen.
Wir kochten auf dem defekten Herd ein Gebräu aus Putzmitteln, Salz und anderen ekligen Sachen und sagten ihr, es sei Kakao.
Das Gebräu hat ziemlich gestunken.
Zu unserer Verwunderung trank sie es dennoch.
Und wurde krank.
Unsere Mutter hatte gerade den Führerschein gemacht und sich einen rostigen VW-Käfer zugelegt.
Zur Strafe durfte ich bei der ersten Fahrt mit dem neuen Auto und dem neuen Führerschein nicht mitfahren …
… wegen des leichtsinniges Badezimmer-Mädchens.
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#Räume
In dem Zimmer des unsichtbaren Mannes, der nicht mehr bei uns wohnte, gab es einen eingebauten Kleiderschrank.
Ohne Kakerlaken.
Sie blieben lieber in der Küche.
In den Oberschrank hatte mir der Pädagoge, damals war er nett, weil unsere Mutter noch neu war, eine Matratze hineingelegt.
Ich schlief im Schrank.
Meine Schwester durfte dort nicht schlafen. Sie konnte ja überhaupt nichts.
Nicht einmal krabbeln.
Der Schrank war meine erste eigene Wohnung.
Außer meinem Kuscheltier und mir passte keiner mehr rein. Das war der schönste Raum, den ich je hatte.
Ich drinnen. Die Welt draußen.
Als meine Räume größer wurden, hat sich die Welt immer mehr mit hineingeschlichen.
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#Holzklotz
Woher wir den Holzklotz hatten, ist mir entfallen.
Im Zimmer von dem unsichtbaren Mann, der nicht mehr bei uns wohnte, überzeugten mich zwei der größeren Mädchen aus dem Haus, dass der Sohn vom Gemüsehändler im Erdgeschoss ein Idiot sei.
Wir schauten aus dem Fenster im vierten Stock und sahen ihn im Hof unter uns beim Spielen.
Man ermunterte mich dazu, den Holzklotz aus dem Fenster fallen zu lassen.
Was ich auch tat.
Die großen Mädchen mussten dann dringend nach Hause.
Kurz darauf klopfte es bei uns.
Die Frau des Gemüsehändlers stand mit dem Idioten vor der Tür.
Das Blut lief ihm über den Kopf und seine dicke Brille, die auch ziemlich mitgenommen aussah.
Ich staunte über meine Treffsicherheit.
Die Frau des Gemüsehändlers sagte sehr viel.
Und zum Abschluss, wir müssten darauf Rücksicht nehmen, dass ihr Sohn ein Brillenträger sei.
Ich habe sie so verstanden, es wäre in Ordnung gewesen, das mit dem Holzklotz…
…wenn der Idiot keine Brille getragen hätte.
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#Feiern
Die Achtundsechziger Freunde unserer Mutters feierten regelmäßig Feste bei uns auf dem Resthof.
Es waren mehr Orgien als Feste.
Das wusste ich deswegen so genau, weil man erst nach mehreren ausschweifenden Festen auf den Gedanken kam, es könnte unsere Entwicklung negativ beeinflussen, was wir da alles mitbekamen.
Immerhin war sexuelle Aufklärung nicht mehr notwendig bei uns.
Ab da an mussten wir bei der Familie von Klaus übernachten, wenn eine Feier anstand.
Das fand ich nicht logisch.
Es konnte doch nichts mehr passieren.
Unsere Entwicklung musste doch bereits ruiniert sein. Sie wollten einfach ihre Ruhe.
Dachte ich.
Besser nie als zu spät.
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#Freund
Meine Schwester war vier Jahre jünger als ich und ich musste immer auf sie aufpassen.
Sie war nicht so klug wie ich.
Ich musste deswegen viel und oft mit ihr schimpfen.
Das tat unsere Mutter auch.
Meine Schwester hatte jahrelang einen imaginären Freund. Ein sehr unartiger Freund.
Sie rügte ihn ständig wegen seiner Missetaten.
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#Schlamm
In dem Alter, in dem ich Piratin werden wollte, wenn ich einmal groß bin, wusste unser Cousin von bereits, dass er Steuerberater wird.
Wir haben uns ansonsten prächtig verstanden.
Neben ihrem Haus hatte der Vorbesitzer des Grundstücks, der, laut unserer Tante, die es ja wissen musste, nicht alle Latten am Zaun hatte, zwei künstliche Seen angelegt.
Zwischen den beiden Seen lag deshalb ein hoher Berg Erde. Wir spielten Bergsteiger, Überlebenimwildnis und Piraten.
Steuerberater spielen ging nicht, mangels Büro. Wir wurden immer vor die Tür gesetzt, um draußen zu spielen.
Oft trockneten die Seen den Sommer über aus. Zurück blieb eine herrliche Lehm- und Schlammschicht.
Mit der uns in die Wiege gelegten Gerissenheit erwärmten wir unsere kleineren Geschwister dafür, doch auf der Schlammschicht zu hüpfen. So lange, bis sie irgendwann bis zur Brust im Schlamm standen.
Den kleineren Geschwistern wurde der Zutritt zum Haus verweigert …
… solange sie sich nicht mit dem eiskalten Wasser aus der Pumpe im Hof vom Schlamm gesäubert hätten.
Nackt. Nachts. November.
Der Steuerberater und die Piratin genossen währenddessen im warmen Haus ihren wohlverdienten Feierabend.
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#Demokratie
Unsere Mutter brauchte Ruhe im Sommer.
Der befreundete Deutschlehrer nahm uns mit ins Hippie-Camp.
Es war ein Haufen Kreative, die alles gemeinsam machten. Essen mit Sand drin kochen, aus alte Kaffeekannen Musikinstrumente bauen, nackt herumlaufen und bei ständigen Plenas stundenlang diskutierten.
Es war für uns Kinder Pflicht, an den Plenas teilzunehmen, da man es für wichtig hielt, dass wir uns früh mit Politik auseinandersetzten.
Bei einer dieser Diskussionen wurde heftig darüber gestritten, ob man das gemeinsame Essen nackt einnehmen durfte.
Nach stundenlangem Streiten gewann die Fraktion NEIN diese Schlacht.
Die Fraktion JA nahm ab da, aus Protest und egal wie das Wetter war, alle Mahlzeiten nur mit lila Windeln bekleidet ein.
Politik und Demokratie sind völlig überbewertet. Dachte ich.
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#Fahnen
Was genau in der DDR mit unserer Mutter losgewesen war, habe ich nie richtig erfahren.
Wir waren wahrscheinlich so lange bei den schwarzen Feen.
Jedenfalls war sie bei ihrem Besuch in der DDR, als Repräsentantin der dänischen Kommunistischen Partei, kurz inhaftiert.
Sie hatte versucht, eine Fahne zu klauen. Und wurde dabei erwischt.
Deshalb mussten wir uns zu Hause mit der UdSSR-Fahne als Dekoration an der Wand begnügen.
Wo unsere Mutter die geklaut hatte, das blieb ihr Geheimnis.
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#Plagegeister
Weil wir nicht in der Dorfschule gehen durften, mussten wir fünf Kilometer mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle fahren, um danach die zwanzig Kilometer mit dem Bus zur Privatschule zu kommen.
Unsere Mutter war der Überzeugung, dass die Dorfschule voller minderbemittelter Kinder war, die Resultate von Jahrhunderten Inzucht.
Wahrscheinlich hatte ihr das der Pädagoge eingeredet. Dachte ich.
Jedenfalls wurde bei unseren Fahrrädern fast jeden Tag die Luft aus den Reifen gelassen.
Wenn die Dorfkinder nicht anderweitig beschäftigt waren, trafen wir auf dem Heimweg auf eine Meute, die darauf wartete, uns zu drangsalieren.
Die Frau eines Bauern von einem der Höfe auf dem Weg nach Hause, hatte bei uns als Reinigungskraft gearbeitet, bis sie in der Küche aus Versehen alle Teller zerbrach und vergaß, Bescheid zu sagen.
Weil sie nichts gesagt hatte, wurden wir beschuldigt und kassierten Ohrfeigen von dem Pädagogen.
Eines ihrer Kinder war der Anführer der Meute.
Bis die Bauersfrau beziehungsweise die Reinigungskraft das mitbekam.
Als er verprügelt wurde, haben wir uns an seinen Schreien ergötzt. Wir fanden es hochanständig von der gekündigten Reinigungskraft.
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#Eskimos
Bei uns in der Schule waren viele Inuit. Damals nannte man sie nicht Inuit, sondern Eskimos.
Das war ganz normal.
Die Privatschule, an der wir zum Unterricht gingen, hatte auch ein Internat.
Die Eskimos konnten kaum Dänisch und froren in Dänemark. Was wir merkwürdig fanden, wo sie doch sonst im Iglu wohnten.
Die Eskimos standen immer verloren und zitternd auf dem Schulhof. Als wären sie aus einer anderen Welt entführt worden.
Wie großzügig, dass sie dänische Kultur und Lebensweise in der Schule beigebracht bekamen.
Was hätte sonst aus ihnen werden sollen. Sagte man.
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