
Dinkelkleie und Gerstengrütze
Ich sitze in einem großen, vom Sonnenlicht hell erleuchteten Raum irgendwo in Pankow. Auf Holztischen stehen Körbe, darin ordentlich aufgefächert Kräuter und Teemischungen. Es riecht wie in einem Reformhaus nach Gesundheit und guter Verdauung. Vor mir sitzen Anna und Jakob, die Geschäftsführer von HERBA Ltd., einem Onlinehändler für Kräuter und Tees, bei dem ich mich wegen eines Mini-Jobs beworben habe. Anna und Jakob tragen Wolle direkt vom Lamm, ich dagegen Baumwolle des Weddinger Modedesigners Kalle Kasulke aus seiner Serie „Beyond Fashion“. Die Unterschiede sind gewaltig.
Ich habe 5 Jahre im Onlinehandel gearbeitet, allerdings im Bereich Unterhaltungselektronik. Ich sehe zwischen Plattenspieler und Gerstenkleie in der 500 Gramm Packung keinen großen Unterschied, was das reine Verkaufsgut anbetrifft, deshalb habe ich mich beworben.
„Was uns als erstes aufgefallen ist, ist dein Geburtsdatum. Du bist 55 Jahre alt. Wie ist es dazu gekommen und glaubst du, dass du in dem Alter noch bei uns arbeiten kannst?“
„Wie es dazu gekommen ist, dass ich 55 Jahre alt geworden bin?“, frage ich nach. Beide schauen mich gespannt an. „Ich hatte Glück, dass mich niemand überfahren hat, dass ich nicht mit harten Drogen angefangen und mir keine Überdosis gesetzt habe. Ich war nicht involviert in einen Krieg oder eine Naturkatastrophe und ich bin nicht lebensmüde geworden angesichts der Weltlage und den Zukunftsaussichten, weshalb ich mich nicht vor einen Zug geschmissen habe oder mit einem Strick in den Wald gegangen bin. Ich denke, dass ich mit 55 Jahren noch hier arbeiten kann. In 30 Jahren werde ich die Frage vermutlich verneinen, vielleicht schon früher, aber jetzt dürfte es noch gehen.“
Ich habe seit Ewigkeiten kein Vorstellungsgespräch mehr gehabt. Wenn ich richtig überlege, dann war mein Letztes im zarten Alter von 15 Jahren und da habe ich mich nicht besonders klug angestellt, was aber egal war, denn wegen Vitamin B war das Gespräch nur pro forma gewesen. Später hatte ich Jobcenter-Maßnahmen mit Zuweisung oder habe für Nachbarn oder Freunde gearbeitet, und da ging es ungezwungen zu.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das so mit 55 Jahren ist“, sagt jetzt Anna. „Ich bin ja erst 40 Jahre alt und Jakob 42 und da ist es für uns beide schwierig, mit Menschen über 50 Jahre umzugehen.“
Soll ich darauf was antworten? Die beiden sind die ersten, die offen ältere Menschen im Bewerbungsprozess diskriminieren.

Ich hatte zuvor einige Bewerbungen verschickt und Absagen erhalten, die zwar andere Gründe geltend machen wollten wie inkompatible Arbeitszeiten oder fehlende Reaktion auf Nachfragen, die aber nie gestellt worden waren, doch insgeheim spielte immer das Alter eine Rolle. Ich habe gelesen, dass inzwischen jeder 10. Bewerber über 50 in den Unterlagen sein Alter verschweigt und erst die Katze aus dem Sack lässt, wenn er/sie zum Gespräch eingeladen wird.
„Ehrlich gesagt, dein Lebenslauf hat uns Angst gemacht“, sagt Anna jetzt. „Da stehen so fürchterliche Sachen drin. Du warst bei der Bundeswehr. Hast du da Menschen getötet? Ich glaube, das wäre ein wichtiger Faktor für deine Einstellung.“
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich habe Wehrdienst abgeleistet, bevor die Bundeswehr mit Auslandseinsätzen begonnen hat. Mit den Einsätzen im Ausland ging ja erst das Töten los. Meine Kameraden und ich haben viel Bier getrunken und in den Zügen der Bundesbahn Leute belästigt.“
„Habt ihr so konventionelles Bier getrunken“, will Jakob wissen. „Das mit den ganzen Schadstoffen?“
Vorsicht, denke ich. Mir ist es scheißegal, ob die Gerstengrütze oder Molotow-Cocktails verkaufen, aber ich habe gehört, dass man so tun soll, als wäre die Firma und die Produkte das wichtigste, was man sich vorstellen kann.
„Die anderen“, sage ich schnell. „Ich habe Hibiskus-Bier mit Erikablüten und Melisse getrunken. Der Rausch war erleuchtend für mich. Dadurch erlangte ich das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung, wofür ich hundertprozentig einstehe.“
Anna und Jakob nicken und lächeln mich an. Womöglich glauben sie den Mist, den ich da erzähle. „Das ist gut“, sagt Anna jetzt. „Wir können natürlich niemanden einstellen, der mit unserer Philosophie nicht im Einklang ist. Wir wollen niemanden diskriminieren, aber gewisse Kenntnisse über die Produkte und eine aufgeschlossene Haltung zu ihnen setzen wir schon voraus, wenn wir zusammenarbeiten.“
„Verstehe ich vollkommen“, sage ich möglichst ernst und wünsche mir gleichzeitig, ganz woanders zu sein.
„Du hast geschrieben, dass du eine Ernährung mit Distelkleie und Tschaka-Tee bevorzugst, die von einem gewissen Dr. Mabuse stammt. Ehrlich gesagt, sind uns sowohl die Ingredienzien als auch Dr. Mabuse unbekannt, obwohl wir seit zwanzig Jahren in diesem Bereich arbeiten und leben.“
„Das wundert mich nicht“, antworte ich, ohne nachzudenken und bin erstaunt, wie ich ohne Luft zu holen so einen Scheiß erzählen kann. „Also das mit Dr. Mabuse. Der war Arzt in meiner rheinland-pfälzischen Heimat und kam in den sechziger Jahren zum Konzept der ganzheitlichen Ernährung. Er schrieb darüber ein Buch, wurde aber von der Fachwelt wegen seiner fortschrittlichen Ideen angefeindet.
Die Distelkleie und die Tschaka-Pflanze wachsen nur in meiner Heimat. Zufälligerweise wohnt mein Bruder in der Nähe der Felder und schickt mir immer was nach Berlin.“ Anna und Jakob nicken langsam.
„Sprichst du Deutsch?“, fragt mich Anna.
Ich zögere einen Moment.
„Also, ich kann verstehen, dass du zögerst. Es ist nur so, dass Jakob und ich eine To-Do-Liste im Vorstellungsgespräch haben und die möchten wir gerne abarbeiten, denn das gehört zu den fundamentalsten Arbeitsschritten in unserem täglichen Business. Wir haben schlechte Erfahrungen mit Leuten gemacht, die uns Unterlagen auf Deutsch geschickt haben und im Gespräch konnten die dann plötzlich kein Deutsch, sondern haben englisch geredet. Jakob und ich sprechen aus Gründen kein Englisch und wir möchten solche Leute auch nicht in unserem Laden haben. Du hast bislang deutsch gesprochen, womit wir relativ sicher sein können. dass du Deutscher bist.“
Ich überlege kurz, ob ich sie darauf aufmerksam machen soll, dass sie „To-Do“ und „Business“ gesagt hat, verzichte aber drauf. Das ist so ein typischer Moment in einer sozialen Interaktion, wo man besser die Klappe hält, um sich bestmöglich zu präsentieren. Ich lenke mich ab mit dem Gedanken, ob sich in diesem Teil von Pankow, kurz vor der Grenze zu Brandenburg englischsprachige Expats hintrauen. Eigentlich sind Expats überall in Berlin. Explodieren die oder lösen sich in Staub auf, wenn sie hierherkommen? Was ist mit englischsprachigen Bestellungen? Englischsprachige Leute kommen irgendwann immer auf irgendwelche Online-Shops, aufgrund der schieren Masse an englischsprachigen Menschen in dieser Welt. Die Vorstellung, just in diesem Moment will jemand aus Texas im Shop Distelöl und Anti-Depression Räucherwerk bestellen und bekommt die Meldung, er sei aufgrund eines IP-Adressenscans als Amerikaner identifiziert worden und dürfe nichts bestellen, erheitert und erschreckt mich zugleich.
Letztlich habe ich den Job nicht bekommen. Vielleicht lag es daran, dass ich mich mit „Ciao“ verabschiedet habe, was zwar nicht englisch ist, aber wer weiß, vielleicht haben die beiden auch was gegen Italiener. Oder war der nicht unterschriebene Lebenslauf schuld? Ja, das hatte ich versäumt, aber ich würde niemals glauben wollen, dass so ein Detail zu einer Absage führen kann. Oder das mit dem Doktor Mabuse war ihnen letztlich nicht geheuer, sie haben recherchiert und herausgefunden, dass das ein Superschurke aus alten Filmen ist und kein innovativer Landarzt und haben gerafft, dass ich sie verarscht habe.
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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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