Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Christian Y. Schmidt, Dirk Schmidt

Christian Y. Schmidt: Das Jahr 2024 im SchnelldurchlaufPersönliche Höhepunkte

Der größte Tag des Jahrs 2024 war wohl für mich der 8. April, als Volker Häring und ich den obersten Oberst der chinesischen Volksbefreiungsarmee, Ao Wei, auf unserem Langen Fahrradmarsch ungefähr bei Kilometer 5.000 zufällig wieder trafen. Wir hatten schon im Jahr zuvor seine Bekanntschaft gemacht, am 19. November, noch in der Provinz Guizhou, rund 3.000 Kilometer von dem zweiten Treffen entfernt. Ao Wei war zu Fuß auf der Route unterwegs, die die chinesische Rote Armee 1934 und 1935 marschiert war, und wir mit E-Bikes.

Es war also nicht völlig ausgeschlossen, dass wir uns wieder treffen würden, aber doch eher unwahrscheinlich. Wie diese beiden Treffen im Detail abliefen, wird man in dem Buch zum Langen Fahrradmarsch nachlesen können, das hoffentlich im Herbst bei Ullstein erscheint. Und weil Volker Häring und ich es gerade fertig schreiben müssen, bleibt mir auch für diesen Jahresrückblick nicht viel Zeit. Man möge also meine Kurzangebundenheit entschuldigen.

Nur noch so viel zum obersten Oberst: „Da xiao“ ist ein echter Dienstrang in der Volksbefreiungsarmee, direkt unter einem General. Es gibt sicher keinen Deutschen, der mit einem hochrangigen chinesischen Stabsoffizier so lange über den Langen Marsch geplaudert hat, wie Volker und ich. Dass ich den knapp 7.000  Langen Fahrradmarsch am Ende überlebt habe, und nicht irgendwo im tibetischen Hochland den Aasgeiern vorgeworfen wurde, war natürlich auch ganz schön.

Der zweite Höhepunkt dürfte wohl die Einladung zu einem KulturSommerAbend am 16. Juli in die Kanzlerwohnung im Bundeskanzleramt gewesen sein, von Olaf Scholz persönlich. Ich haderte für einen kurzen Moment, ob ich ihr auch wirklich folgen sollte. Bin ich doch als vehementer Kritiker der deutschen Sozialdemokratie seit mindestens 1914 bekannt. Ich entschloß mich aber doch, sie anzunehmen, zumal es bereits die zweite war. Die erste musste ich in den Wind schießen, weil ich gerade in einer Besprechung mit dem obersten Oberst in China war.

Ausschlaggebend für die Annahme aber war nicht nur das gute Essen, das ich erwartete, sondern auch, dass ich mich fragte, wie korrumpierbar ich  durch eine solche Festivität in unmittelbarer Nähe der Macht sein würde. Und ich muss sagen: Äußerst korrumpierbar. Ich mochte nicht nur das Fest und die meisten der anderen geladenen illustren Gäste. Ich fand auch Gastgeber Scholz sehr sympathisch, klug und gewitzt. Leider kann ich auch hier nicht mit Details dienen, denn der ganze Event war, wie es in der Hauptstadt gerne heißt, „nicht presseöffentlich“. Aber das ist sicher auch ganz gut so. Ach so: Wählen tu ich die Sozis trotzdem nicht, doch kann ich die, die es bei der kommenden Wahl tun werden, inzwischen ein bisschen besser verstehen. Mein Gott, bin ich korrupt. Das ist ja kaum auszuhalten.

Das war es eigentlich auch schon an Höhepunkten. Den Rest des Jahres, nach der Tour, die am 25. Mai in Yan’an in der Provinz Gansu endete, habe ich mehr oder weniger am Schreibtisch verbracht. Für mich immer noch der Platz, der meiner Vorstellung von der Hölle auf Erden am nächsten kommt, vor allem, wenn mir nichts einfällt. Wer mehr wissen will, den verweise ich auf den bekannten Satz von Dorothy Parker.

Die Toten

Kommen wir, wie in jedem Jahr, noch schnell zu den Toten des Jahres 2024. Damit sind keine weithin Prominenten gemeint, sondern Menschen, die mir in irgendeiner Weise nahestanden.

Achim Frenz, zuletzt Leiter des Museums für Komische Kunst „Caricatura“ in Frankfurt am Main, starb am 11. März, während ich auf dem Fahrrad in China unterwegs war. Ich hatte ihn schon gekannt, als er noch gar nichts war, sondern genauso wie ich und andere in der Schriftsteller- und Satirewelt irgendetwas werden wollte. Achim war ungefähr in meinem Alter, was mich verständlicherweise immer etwas mehr mitnimmt, als wenn jemand stirbt, der zur Generation meiner Eltern gehört.

Seltsamerweise begleiten mich die Toten, die ich persönlich näher kannte, noch eine ziemliche Weile nach ihrem Tod, teilweise monatelang. So war denn auch Achim in China immer bei mir. Auf dem Fahrrad sprach ich oft mit ihm. Kam ich über einen Pass und sah hinunter in ein sonnendurchflutetes Tal, zeigte ich es ihm und sagte Sachen wie: „Kuck mal, so schön ist diese Erde. Wir müssen uns wirklich nicht vor anderen Planeten verstecken. “ Natürlich bin ich mir nicht sicher, aber ich glaube, es dürfte ihm gefallen haben. Auf jeden Fall war Achim Frenz ein angenehmer Reisebegleiter.

Im Fall von Jörg Metes ging es mir anders. Jörg war der Mann, der mich und andere Bielefelder in den Achtziger Jahren für die Titanic verpflichtet hatte. Ohne ihn wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Vielleicht hätte ich was Vernünftiges gearbeitet, und würde jetzt vernünftige Meinungen äußern wie die, dass man Raketen tief nach Russland hineinschießen sollte. Jörg setzte seinem Leben am 16. Juni ein Ende. Das war für mich besonders erschreckend, weil er in meiner unmittelbaren Nachbarschaft gewohnt hatte, ohne dass ich etwas davon wusste. Wir waren…, nein, nicht wirklich zerstritten. Jörg hatte nur zu mir schon vor Jahrzehnten jegliche Verbindung abgebrochen, womit ich allerdings nicht der Einzige war. Er war sehr begabt, aber hatte allerhöchste Ansprüche nicht nur an andere, sondern auch an sich. Wer sie nicht erfüllte, von dem hat sich Jörg getrennt, bis zu der Konsequenz, dass er sich schließlich zu sich selbst den Kontakt abbrach.

Auch Jörg begleitet mich seit dem Tag, an dem ich von seinem Ende wusste. Nur fällt es mir schwer, ihm die Schönheiten dieser Welt zu zeigen. Ich beschimpfe ihn vielmehr im Geiste immer wieder für seinen Schritt. Es kommt einfach über mich, mitten im Alltag, bei den banalsten Verrichtungen. Ich weiß, dass ich dazu kein Recht habe, aber ich kann mir nicht helfen. Für mich bleibt das, was viele „Freitod“ nennen, ein Skandal, den es zu verhindern gilt.

Serie des Jahres: The Fall of the House of Usher

Und nun noch zu den kulturellen Highlights, ebenfalls nur kurz und schnell. Die Serie, die auf Netflix läuft, ist zwar schon von 2023, aber ich habe sie erst in diesem Jahr gesehen. Und wahrscheinlich kucke ich sie mir im nächsten Jahr gleich noch mal an. Kaum zu glauben, wie es Mike Flanagan schafft, diverse Motive aus Edgar Allen Poes Kurzgeschichten zu verflechten und gleichzeitig so zu aktualisieren, dass der Poesche Geist erhalten bleibt. Die Serie zum aktuellen Zustand der USA, ach was, der ganzen westlichen Welt. Ankieken!

Buch des Jahre: Heinz Strunk. Sommer in Niendorf

Auch schon zwei Jahre alt, aber das ist egal. Ich bin sowieso jedes Mal empört, wenn ich ein Buch von Heinz Strunk lese: Das habe ich doch selbst geschrieben. Wieso steht da ein anderer Name drauf? Nun gut, habe ich nicht. Aber wie gut Heinz Strunk in meinem Kopf Bescheid weiß, das geht auf keine Kuhhaut.

Song des Jahres: Father John Misty Mahashmashana

Natürlich ist das Bombast und Kitsch. Aber es ist genau das, was ich zum Ausklang dieses Jahrs brauche. Und wenn Sie ehrlich sind: Sie auch.

Christian Y. Schmidt, 1956 geboren, war von 1989 bis 1996 Redakteur der «Titanic». Seitdem arbeitet er als freier Autor, u. a. für FAZ, SZ, taz, Stern, konkret, NZZ, Zeit sowie für verschiedene Fernsehredaktionen. Er ist Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur und war Gesellschafter und Redakteur des Weblogs «Riesenmaschine». 2003 zog er nach Singapur, 2005 nach China. Er lebt heute in Berlin und Peking, hat etliche Bücher veröffentlicht, so etwa Bliefe nach dlüben. Der China-Crashkurs oder Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu. 2018 erschien sein erster, vielbeachteter Roman: Der letzte Hülsenbeck. CulturMag mit zwei Stimmen dazu hier. Im März 2020 erschien Der kleine Herr Tod. Dazu bei uns Georg Seeßlen, weitere Texte hier.
Siehe auch in unseren Highlights 2023: »So weit die Füsse radeln« – Unsere Rekordfahrt durch China. In 2025 wird dazu ein Buch erscheinen.

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Dirk Schmidt: Da sind wir gerade

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wahrscheinlich das Alter. Und das Internet. Gestern hat Markus Söder in Warschau den historischen Kniefall Willy Brandts auf Insta nachgestellt. Auch wenn die Reaktionen entsprechend ausfallen und es böse Kommentare hagelt – die Tatsache, dass sowas, das sowas macht, überhaupt in das Amt kommen konnte, in dem sowas sich befindet, lässt mich die Welt nicht mehr verstehen. Kein Trost nirgends. Schon überhaupt nicht auf der anderen Seite des Atlantiks, wo es noch am 5. November selbst nicht vorstellbar war, dass sowas … you know what I mean. Okay, wenn schon kein Trost, dann vielleicht eine andere große Aufgabe der Kunst: Verständnis-evozierendes Abbilden. Schauen wir mal auf zwei gelungene Beispiele und die sind, weil der orangefarbene Mann nun mal alles andere überstrahlt, auch zugleich zwei meiner Highlights.

1. Succession

Ja, klar, das ist ein bisschen wie im Louvre auf die Mona Lisa gucken oder in New York vom Empire State Building – machen alle und dazu ist es bereits die vierte Staffel. Welche TV-Serie hat jemals in der vierten Staffel noch mal einen rausgehauen? Ja, genau und bei Succession ist es sogar umgekehrt, die anderen drei waren im Vergleich nur lauwarmes Vorspiel und Pillepalle gegen Staffel 4.

Kurze Metakritik, vielen Leuten fallen zum Vergleich nur Shakespeares Königsdramen ein und ich wäre da eher vorsichtig, weil da eine Sprache hinzukommt, die ziemlich ohne Vergleich ist. Andererseits habe ich nur selten so oft zurückspulen müssen, um die letzte böse, dreckige, abgründige Nebenreferenz der unfassbar großartigen Dialoge mitzunehmen. Aber wie bespricht man sowas ohne zu spoilern?

Stellen Sie sich vor, Rupert Murdoch, der Medientycoon, der uns Fox News und damit eine schöne Halbumdrehung des amerikanischen Abgleitens in den Faschismus geschenkt hat, habe zwei Söhne und könne sich nicht so richtig entscheiden, welcher von beiden eher geeignet wäre, das Evil Empire nach seinem Ableben weiterzuführen. Das braucht man sich nicht großartig vorzustellen, das ist ungefähr so. Bei Succession kommt noch eine Tochter hinzu und ein weiterer Sohn aus erster Ehe, der so dumm ist, dass es weh tut. Und man muss sich vorstellen, dass die Menschen, die hinter „The thick of it“, „Black Mirror“, „In the Loop“ und „Death of Stalin“ gestanden haben, aus dieser Grundkonstellation eine Serie machen. Und einer der Macher hatte die Idee, jede der drei wesentlichen erbberechtigten Figuren mit einer überragenden strategischen Intelligenz auszustatten, also ungefähr so Markus Söder hoch 50. Und zugleich haben sie keinerlei alltäglich-gesellschaftlich-relevanten-irgendwie fassbaren humanen Gebrauchs- oder Nutzwert, also ungefähr so wie … ja, genau. Und dann wird die sich daraus ergebende Spannung immer weiter hochgefahren und das sorgt für wunderbare Unterhaltung. Bis schließlich am Schluss von Staffel vier ein Faschist auftaucht, der Präsident werden will.

Zunächst reagieren unsere Protagonisten eher reserviert „Fascists are kind of cool but … not really“ dann entscheidet man, was am besten für die Company ist. Sorry – offenbar ist der Brillanz der Serie mit einzelnen Bits and Pieces nicht beizukommen. Den Grand Canyon muss man auch selbst gesehen haben. Aber ich mache trotzdem noch einen Versuch: Nachdem sie dem Faschisten den Sieg geschenkt haben, indem ihr Network ihn einfach mal vorzeitig zum Wahlsieger erklärte, hat Sohn1 einen seltenen hellen Moment. Er findet es jetzt doch ein wenig bedauernswert, dass er das Land in die Tonne getreten hat, weil Amerika ja eigentlich doch eine ganz gute Idee war – so viele verschiedene Leute und alle zusammen und so … Ach du Scheiße. Und dann hat die Realität die Fiktion sogar noch locker rechts überholt und der Sieger der Präsidentschaftswahl hatte Hilfe von außen gar nicht mehr nötig. Da sind wir gerade.

2. Civil War

Witzig – als Frau Harris haushoch führte und ihr der Sieg nicht mehr zu nehmen war, dachte ich: Schau, schau, da hat aber mal jemand den Teufel ein bisschen zu früh an die Wand gemalt. Was die Welthaltigkeit angeht, ist das wohl doch eher Marvel als Roma città aperta. Zu früh gefreut, Civil War ist aktueller denn je. Und der Film ist ein herausragendes Kunstwerk.

Handlung: eine berühmte Fotoreporterin beschließt mit ihrem schreibenden Gegenstück und einem alten Hasen der Branche mitten im Bürgerkrieg 2024 von New York nach Washington DC zu fahren, um ein (so wie sich der Kriegsverlauf darstellt) letztes Interview mit dem noch amtierenden Präsidenten zu führen. Die aufständische Texas-Kalifornien-Koalition wird den Sieg erringen und der Krieg vielleicht schon vorbei sein, bevor sie es schaffen. Ein junges Mädchen schließt sich ihnen an, sie will in die Fußstapfen der Reporterin treten. Nach einigen Diskussionen darf sie mit an Bord des abgefuckten, aber zuverlässigen SUVs, der die Gruppe über kampfhandlungsbedingte Umwege in die Hauptstadt bringen wird.

Und dazwischen erleben die vier jede Menge Abenteuer. Allesamt surreal und, in ihrer Intensität, wie sich das gehört, sauber gesteigert. Die vorletzte Station hat es zu einem millionenfach geteilten Internet-Meme gebracht und selten war Ruhm so verdient. Ich fahre hier gerade eine Schleife, weil die Handlung nicht so entscheidend ist – es sind die Bilder, die den Film so beklemmend großartig machen. Da sind anrührende Stillleben und manische Combat-Scenes in denen der Tod beiläufig ums Eck schaut. Da sind schöne Reflexionen und ein brennender Wald, den man so berückend zum letzten Mal bei Kollegen wie Andrei Tarkowski gesehen hat. Und das Ganze wird von einer Kamera geliefert, die zum allergrößten Teil dokumentarisch angelegt ist. Es gibt im Grunde nur ein Wort für das, was der Film auslöst. Es ist das überstrapazierte hypnotisch – und hier stimmt es mal.

Und am Schluss ist es vorbei und nichts ist besser. Der Film scheint behaupten zu wollen, wir seien über das Stadium der Versöhnung hinaus und auch ein Sieg der Vernunft würde nicht viel ändern. Als einzige Alternative wird nur das Heraushalten, eine Art innere Emigration, angeboten. Da sind wir gerade auch. 

3. James Jani

There is a new Sheriff in town. Und sein Name ist YouTube. Wahrscheinlich komme ich als letzter darauf, aber was manche Jungs und Mädels da in diesem Internet veranstalten, ist aller Ehren wert. Ausführliche, (ja, mit Sponsorenwerbung mittendrin) tiefgründige, zum Teil hochkomplexe Videoessays, die es mit allem aufnehmen können, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk produziert. Zum Teil ist das ziemlich fringe und richtet sich nur an eine Minizielgruppe. Trotzdem haben die feministischen Disney- und Michael-Bay-Explorationen von Lindsay Ellis Millionen von Aufrufen und Georgie Taylor alias münecat erreicht ähnlich hohe Userzahlen mit ebenso klugen, wie messerscharfen Analysen aus der Welt der Psychologie-Scharlatanerie.

Jimmy the Giant wäre noch zu nennen. Nicht so beschlagen wie seine zuvor genannten Kolleginnen, aber dem ehemaligen Parcours-Sportler, der es geschafft hat, der Alt-Right Bubble zu entfliehen, gelingt es, auch komplizierte politische und historische Themen clever und voller Humor auf den Punkt zu bringen und so wahrscheinlich eine Zielgruppe zu erreichen, die ansonsten bereits beim Vorspann einer Nachrichtensendung aussteigt. Noch einmal, mit ausführlich meinte ich bis zu 120 Minuten lang.

Jetzt aber zu James Jani und meinem Highlight. Jani hat eine sehr spitze Thematik gewählt und auch noch kein besonders großes Portfolio. Im weitesten Sinne drehen sich seine Videos um Internet-Betrug, falsche Propheten und die Macht der Suggestion. Er hat über Megachurches gearbeitet, Self-Help-Gurus, selbstverständlich Krypto und diese blöden Investment-Onlinekurse, die einem andauernd zwischen zwei Clips angeboten werden. Vor zwei Monaten ist ein neues Video von Jani erschienen: The Cult of the Dead Stock (siehe oben). Fazit statt Zusammenfassung: Da draußen sind Menschen, die sich fanatisch an die Hoffnung klammern, dass ihre Aktien eines US-Einzelhandelsunternehmens eines Tages Millionen wert sind. Obwohl diese Aktien gar nicht mehr existieren.

Sie haben daran geglaubt, als die Aktien ins Bodenlose fielen, als die Firma in Konkurs ging und als die Aktien von der Börse genommen wurden. Und sie glauben (wahrscheinlich) bis heute daran. Jani geht dem akribisch nach, setzt alles (wenn überhaupt möglich) in einen Kontext und wir landen in einer Welt, von der man sich nicht hätte vorstellen können, dass sie existiert. Diese Menschen (soweit ich das überblicken kann, sind es ausnahmslos Männer), haben eine Sekte gebildet und ihr Sektenführer hat nichts weiter getan, als mal vor ein paar Jahren ein Smiley hinter einen Tweet zu setzen. Das und noch einige weitere kryptische Tweets haben gereicht. Der Typ schreibt, nachdem er seine Aktien rechtzeitig abgestoßen und 30 Millionen Dollar gemacht hat, Kinderbücher. Mit kapitalistischer Message natürlich. Und seine Follower kaufen die Bücher und diskutieren tagelang über die versteckten Botschaften. Und was diese für ihre nichtexistierenden Aktien bedeuten könnten.

Noch einmal, offensichtlich muss man heute nicht mehr mühsam eine Sekte gründen. Einfach ein Smiley und die Sekte gründet sich von selbst. Ach ja, drumherum ist natürlich noch mal eine Blase aus Blendern und Verbrechern, die den armen Schweinen auch noch den letzten Dollar aus der Tasche ziehen. Ich frage mich, für welche Sorte Kandidat diese Sorte Schaf bei der letzten Präsidentenwahl ihre Stimme abgegeben hat.

PS: Im März erscheint in der Edition TW bei Suhrkamp mein neuer Roman „Die Kurve“.

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