Posted On 15. September 2016 By In Bücher, Crimemag With 1183 Views

Roman: Stephen Hunter: Einsame Jäger

51vteeybffl-_sx310_bo1204203200_Ein notwendiger Mann

Stephen Hunter zieht wirklich alle Register in Sachen Spannung – findet Alexander Roth und erzählt auch, warum:

Es beginnt wie eine handelsübliches Bibi und Tina-Hörspiel: Julie Swagger und ihre Tochter reiten durch wunderschöne Landschaft, die Haare wehen im Wind, die Vögel zwitschern, Idylle ist gar kein Ausdruck. Dann fällt ein Schuss, und man befindet sich plötzlich mitten in der deutschen Erstveröffentlichung von Stephen Hunters Time to Hunt (Einsame Jäger). Beziehungsweise fast. Denn das erste Kapitel bestätigt erst einmal alle Befürchtungen, die man bezüglich eines Scharfschützen-Romans  so haben kann. „Der Meisterschütze atmet aus, sucht die Stille in sich, erzwingt aber nichts. Er fasst nie einen konkreten Entschluss, folgt keinem inneren Zwang. Es geschieht einfach“. Soso. Zielfernrohr-Zen, comichafte Figurenzeichnung, übernatürliche Fähigkeiten sowie ein ausgeprägter Waffen- und Körperfetisch, lassen eher ein kitschiges Heldenepos erwarten als das, was tatsächlich folgt: Ein enorm vielschichtiger, verdammt gut geschriebener Roman – Porträt einer Epoche US-amerikanischer Geschichte, schwindelerregender Politthriller, Ein-Mann-gegen-den-Rest-der-Welt-Action-Feuerwerk und fieberhafte Antikriegs-Erzählung, die keinen Vergleich scheuen muss, in einem.

Veteran Bob Lee Swagger ist natürlich schockiert, als er von dem Angriff auf seine Familie erfährt. Für ihn ist sofort klar, dass der Schuss eigentlich ihm, Amerikas berühmtestem Scharfschützen, galt – was unweigerlich zu der Frage führt, welcher seiner „Kollegen“ es denn auf ihn abgesehen haben könnte. Swagger durchforstet seine Erinnerungen und stößt bei seiner Suche nach Antworten bald auf einen Ort, den er am liebsten ein für alle Mal vergessen würde: Vietnam. Da überlegt selbst ein abstinenter Ex-Alki und liebender Familienvater, ob er nicht doch wieder mal zur Flasche greifen sollte.

„Eine nicht ironisch gemeinte Flagge wehte am Ende einer hohen Stange über dem Platz; rot, weiß und blau bauschte sie sich schamlos im Wind.“

Hinein in die klaffende Wunde

Ab hier übernimmt Corporal Donny Fenn für eine ganze Weile die Erzählung. Der junge Marine wird Anfang der 70er-Jahre von der Führung des US-Millitärs auserwählt, die Friedensbewegung zu infiltrieren. Er soll herausfinden, was die Bewegung plant und dabei alle Verbindungen zu Helfern und Sympathisanten aus den eigenen Reihen aufdecken – heißt, etwas weniger euphemistisch formuliert, seine Kameraden ans Messer liefern. Bei der Durchführung seines Auftrags begegnet er dem charismatischen Trig Carter. Carter ist zu der Zeit die Gallionsfigur der jungen Kriegsgegner und wirkt auf Donny so harmlos und gleichzeitig rechtschaffen, dass er ins Grübeln kommt. Wer würde solche Leute ernsthaft einsperren wollen? Welche Gefahr stellen sie eigentlich dar?

Der Teil der Geschichte, der sich im Umfeld der Friedensbewegung abspielt, gehört (wenn man denn überhaupt einen hervorheben möchte) zu den stärksten des ganzes Buches. Donny Fenn und Trig Carter stehen symptomatisch für die zwei Parteien, die sich in gesellschaftlichen Schützengräben gegenüber stehen, während eine halbe Welt entfernt ein sinnloser Krieg tobt. Sie unterscheiden sich durch kaum mehr als die Länge ihrer Haare. Beide lieben sie ihre Heimat über alle Maßen, beide wollen sie nur das Beste für ihr Land. Lediglich bei der Frage danach, wie dieses „Beste“ denn auszusehen habe, gibt es eine Meinungsverschiedenheit. Während die einen zur Verteidigung dessen, was ihnen gehört, zur Waffe greifen, sehen die anderen gerade darin eine Bedrohung.

Eine Reihe junger Amerikaner schleppte also Gewehre in ein Regierungsgebäude, Helme auf dem Kopf und 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken, während sechs oder sieben Meter höher, in einem perfekten rechten Winkel zu ihnen, eine andere Reihe junger Amerikaner mit Kerzen in den Händen die verlassene Straße entlangschritt, deren seltsam flackerndes Licht auf ihre zarten Gesichter fiel. In diesem Moment begriff Donny: Egal was die feurigen Soldaten oder die Friedensschreihälse behaupte mochten, diese beiden Gruppen ähnelten sich unheimlich.“

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We Gotta Get Out of this Place

Eine solche Erkenntnis lässt sich nicht ungeschehen machen. Corporal Donny Fenn verweigert seinen Vorgesetzten den Gehorsam und wird deshalb nach Vietnam strafversetzt. Dort lernt er einen Mann kennen, dessen legendäre Fähigkeiten im Umgang mit dem Gewehr jede Menge Ehrfurcht hervorrufen – bei Amerikanern (überwiegend „Ehr“) ebenso wie Vietnamesen (überwiegend „Furcht“): Sergeant Bob Lee Swagger. Swagger entpuppt sich als der personifizierte Schrecken des Krieges, als zu Fuß gehender Kamikaze-Pilot – verheiratet mit Gewehr und Pflichtbewusstsein, das Marine Corps als einzige Familie. Er befindet sich an dem Ort, an dem Tiere wie er existieren können und hat scheinbar sowohl seine Menschlichkeit als auch jede Perspektive auf ein Leben verloren, das außerhalb des vietnamesischen Dschungels liegt. „Falls er über ein Innenleben verfügte, behielt er es für sich“. Erst bewundert Donny Swagger. Dann verändert er ihn. Und letztendlich stirbt Donny bei einem gemeinsamen Einsatz, den es so eigentlich gar nicht hätte geben dürfen.

Wenn Stephen Hunter von Vietnam erzählt, ist das ein feuchter Alptraum. Stickige Luft, dichtes Buschwerk, Schreie und Explosionen. Der Geruch von Dreck, Erde, Exkrementen. Jeder Schatten, jede Bewegung kann den Tod bedeuten. Wenn ein hohes Adrenalin- und Angst-Level zum Dauerzustand werden, wird das Leben zur Grenzerfahrung. Auf diesem schmalen Grat tänzelt der Autor entlang, driftet mal in die eine, mal in die andere Richtung ab, und schafft dabei Bilder, die einem Francis Ford Coppola zu Ehre gereichen würden. Intensiv? Das trifft es nicht. Man hat nach der Lektüre fast das Gefühl, jetzt eigene Erinnerungen an diesen Krieg zu besitzen.

stephen-hunter_time_10_hcZwischen Kreuzverhör und Kreuzfeuer

Zurück in der Gegenwart. Swagger fühlt, dass die Antwort irgendwo in diesen alten Erinnerungen vergraben liegt, doch sie entzieht sich ihm. Wahrscheinlich funken seine Schuldgefühle, die den Tod von Donny betreffen immer dann dazwischen, wenn er kurz davor ist eine Verbindung herzustellen. Dabei müsste er sich eigentlich mit seinem Gegenspieler befassen. Doch irgendetwas fühlt sich falsch an, irgendetwas von dem, was damals geschah, muss erklären können, was gerade passiert ist und noch passieren wird, und er ist bereit, es aus den Personen herauszuquetschen, die es möglicherweise wissen könnten. Swagger verlässt seine Heimat in den Bergen und steigt abermals hinab in die Vergangenheit. Zweck der Reise: Ein Besuch bei alten Bekannten.

Er verschafft sich die notwendigen Informationen, und dann kommt es zum Showdown. Das letzte Viertel des Romans bietet ein Scharschützen-Duell, das in seiner Intensität schwer zu übertreffen sein dürfte. Stephen Hunter zieht wirklich alle Register in Sachen Spannung – dabei wirkt es auf den ersten Blick teilweise so, als verkomme das Ganze zu einer rein technischen Angelegenheit, bei der vor allem die Wetterbedingungen und die perfekt darauf abgestimmte Ausrüstung den Sieger bestimmen. Da wird akribisch das Gewicht der Kugeln bestimmt, der Lauf und das Zielfernrohr auf den Millimeter genau justiert und die Umgebung mithilfe modernster Technik in Winkel und Entfernungen zerlegt. Letztendlich geht es aber nicht um Zahlen. Sie sind lediglich Ausdruck der Recherchelust von Stephen Hunter, der Liebe zum Detail, mit der er die ganz besondere Atmosphäre seiner Romane erzeugt. Letztendlich geht es vor allem darum, zu verdeutlichen, wie viel Energie zwei Menschen darauf verwenden, sich gegenseitig umzubringen. Ob sie sich damit nun an die Spitze der Nahrungskette setzen, oder einfach nur überleben wollen.

 „Das klingt sehr gefährlich und zugleich romantisch.“

„Ist aber ‘ne ziemlich miese Art zu leben.“

Unter dem Radar

Stephen Hunter hat mit „Einsame Jäger“ (Originaltitel: Time to Hunt) einen Roman geschrieben, der uns aus verschiedenen Blickwinkeln anvisiert, immer mehr an Fahrt aufnimmt, je länger er in der Luft hängt, und trotz der hohen Distanz von mehr als 750 Seiten mit, nun ja, übernatürlicher Präzision einschlägt. Wer nach diesem Buch nicht zum glühenden Verehrer seiner Werke wird, dem kann wohl auch Kollege Alf Mayer nicht mehr helfen. Absolutes Highlight.

Traurig nur, dass sowohl Bob Lee Swagger als auch sein Schöpfer trotz tatkräftiger Unterstützung von Mark Wahlberg & Co. hierzulande immer noch ein Schattendasein fristen müssen. Ein Umstand, an dem wohl auch der begrüßenswerte Einsatz des Festa Verlags nicht viel ändern wird. Potential dazu hätte allerdings die geplante Swagger-Fernsehserie „Shooter“ mit Ryan Phillippe. Doch die ist erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben worden, nachdem in den USA diesen Sommer erst in Dallas und später in Baton Rouge mehrere Polizisten von Heckenschützen ermordet wurden.

Alexander Roth

Stephen Hunter: Einsame Jäger (Time to Hunt, 1999). Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann. Taschenbuchausgabe. Festa, Berlin 2016. 768 Seiten, 13,95 Euro.

Mehr zum Autor und seinem Werk im achtteiligen Porträt (inkl. Kulturgeschichte des Scharfschützen) von Alf Mayer (Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII).

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