Alf Mayers „Blutige Ernte“: Stephen Hunter, Teil 2


Natural-born People of the Gun – lesen Sie heute den 2. von 3 Teilen des großen Stephen Hunter-Porträts von Alf Mayer.

Das einzige Gebot: „Du sollst bewaffnet sein!“

Stephen Hunter ist ein Waffennarr, ein glühender Verteidiger des Rechts auf das Tragen einer Waffe. Er hat den Anspruch, die Waffen auch selbst zu schießen, zu zerlegen und zu reinigen, also zu gebrauchen, die er in seinen Büchern vorkommen lässt. Alleine das schon macht ihn zu einem politisch inkorrekten Autor, aber das ist längst nicht alles. Davon handelt dieser 2. Teil seines Porträts.

In Sachen Waffen bezog er im Februar 2011 zum Beispiel in einem größeren Zeitungsartikel in der Washington Post Stellung, anlässlich eines Massakers in Tucson, bei dem ein junger Amokläufer die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords und zwölf weitere Personen schwer verletzt und sechs getötet wurden. Die Tatwaffe: eine Glock mit einem 33-Schuss-Magazin. Vehement widersprach Hunter dabei der These, dass das vom Täter verwendete übergroße Magazin eine wichtige Rolle bei der Tat gespielt habe. Gerade für Frauen und Senioren seien solche Riesen-Magazine besonders wertvoll bei der Selbstverteidigung, weil sie eine damit aufgerüstete Handfeuerwaffe ebenso effektvoll einsetzen könnten wie ein halbautomatisches Gewehr oder eine Schrotflinte. Kleinfeuerwaffen mit solch einem Magazin seien zudem leichter zu handhaben als ein Gewehr, dessen Umgang zu erlernen sich viele Frauen ohnehin scheuten. Mit einem solchen XL-Magazin dagegen heiße es: „You can load it on Sunday and shoot all month.“ Und dann das rhetorische Argument, ob denn ein Verbot solcher Bewaffnung noch in Ordnung sei, wenn das auch nur ein Leben koste, weil sich jemand nicht schusskräftig genug verteidigen konnte. Die gute alte Aufrüstungslogik also.


Die Kulturgeschichte dieses uramerikanischen Konflikts hat Adam Winkler jüngst materialreich dargestellt in „Gunfight: The Battle Over the Right to Bear Arms in America“ (2011), keineswegs zur Freude der amerikanischen Waffenlobby. Im Sinne der Bildorientierung sei hier auch auf zwei (affirmative) Bildbände verwiesen:  „Chicks with Guns“ von Lindsay McCrum und  „Armed America: Portraits of Gun Owners in Their Homes“ von Kyle Cassidy (hier bei crimemag). Wer keine Erfahrung mit diesem Teil der amerikanischer Kultur hat, muss es dort sehen, um zu glauben, wie sehr Waffen zum Alltag gehören.

„Was ist der Punkt, Waffen zu verbieten, wenn sie zur gleichen Zeit auf der Leinwand als perfektes Symbol von Kraft und Macht präsentiert werden, geradezu als Schlüssel zur Identität, und wenn der, der sie im Film benutzt, die zentrale Figur in etwas wird, was man getrost als die Religion der Gewalt benennen kann?“, meinte Hunter 1995 im Vorwort seiner Filmkritik-Sammlung „Violent Screen“. Keinen Zweifel lässt er daran, was eine Kugel anrichten kann. Auf dreifache Art kann sie dich töten, erklärt er in „Black Light“ von 1996. Da ist der Kopfschuss. Klinischer Tod in weniger als einer Zehntelsekunde. Oder der Schuss ins Herz oder die Aorta, der die Durchblutung stoppt. Das braucht 15 bis 20 Sekunden. Oder ein Treffer in ein wichtiges blutführendes Organ, man verblutet innerlich. In drei bis 20 Minuten.

„Gott erschuf den Menschen“, heißt es nebenbei in „Night of Thunder“ (in dem Hunter einen bewaffneten Konflikt ins Motorsportmileu verlegt und sogar zwei Geschwindigkeiten koppelt), „aber erst Colonel Colt konnte ihn gleichberechtigt machen, denn ohne den Colt wären die Alten, die Jungen, die Schwachen und Zahmen, die Dummen und die Sanften nichts als Beute für die Ruchlosen der Welt, egal was die Regeln sagen.“ Die Barrett .50 caliber M107 wird in diesem Roman einmal so beschrieben: „Sie sah aus wie ein Standard M4-Sturmgewehr, aber nach sechs Jahren Krafttraining.“ Im „47th Samurai“ sinniert Swagger: „Yeats sagte: Männer der Tat glauben, wenn sie allen Glauben verlieren, nur noch an die Tat. Ich bin die Sorte von Mann, die man gerne um sich hat, wenn es zu einer Schießerei kommt, ansonsten aber mache ich die Leute nervös. Ich bin wie eine Waffe, die man im Haus hat und mit der man sich nicht wohl fühlt.“ Dessen Vater Earl, ein Arkansas-Sheriff mit Weltkriegserfahrung, benennt das in „Havanna“ so: „Es war immer das Gleiche. Irgendwelche studierten Ärsche kochen etwas aus und überreden sich dann, dass es richtig ist. Und dann muss ein armer Hund mit einem Gewehr es in die Tat umsetzen.“ Und später, noch mal im gleichen Buch zum Tun und Töten: „Er erinnerte sich an Yoda aus einer „Star Wars“-Folge: ‚Es gibt keinen Versuch. Nur Tun!‘ … Es ging nicht um Aktion, es ging um Überzeugung. Du musstest dich der Sache ganz und gar anvertrauen. Du musstet dich selbst aufgeben, denn je mehr von dir übrig war, desto weniger Überzeugung gab es und desto verwundbarer warst du …“

Charlton Heston

Hunters geradezu epischer Nachruf „A Persona Carved in Stone“ für den Filmschauspieler Charlton Heston, den Darsteller des Ben Hur, des El Cid und von Moses in „Die zehn Gebote“, im Zivilleben lange Jahre Präsident der waffenfetischistischen National Rifle Association (NRA), gipfelte in dem Satz: „Die Gesetzestafel, die er trug und verkündete, hatte nur ein Gebot: Du sollst bewaffnet sein!“

Das große Märchen. Abrechnung mit den liberalen Medien.

Über den Umgang der Medien mit dem Thema Waffen kann Hunter sich in Rage reden. „Faktenlosen Umgang“, nennt er deren Praxis. In „I, Sniper“ zieht er vom Leder: „Eure Haltung ist: Wenn es keine Fakten gibt, gibt es auch keine Wahrheit. Für die Medien ist eine Waffe eine Waffe, egal ob Gewehr, Revolver, Pistole. Jede Waffe ist wie die andere und deshalb braucht ihr Vertreter der erleuchteten, gebildeten und ironischen Stände euch nicht mit irgendwelchen Fakten belasten … Jemand hat einmal eine Waffengeschichte in der Zeitung definiert als grundsätzlich etwas mit einem Fehler drin.“ Hunter und die Medien, das ist noch nicht ausgestanden. 38 Jahre war er Journalist (siehe weiter unten). Den großen Medienkonsens nennt er – auch außerhalb seiner Romane – „The Narrative“. Die Erzählung oder Das Märchen.

In seinem Abrechnungs-Thriller „I, Sniper“ kommt es zu folgendem Dialog zwischen Swagger und einer FBI-Agentin. „Sie sind so jung“, sagt Swagger. „Sie scheinen wirklich an so etwas zu glauben wie Gerechtigkeit oder eine ähnliche Fiktion. Lassen Sie mich Ihnen sagen, was wirklich abgeht, und warum das jetzt so schwierig ist. Wir kämpfen hier gegen ‚Die Erzählung‘. Aber man kämpft nicht gegen die Erzählung, denn sie wird dich zerstören. Die Erzählung regiert. Sie beherrscht uns, sie beherrscht Washington, sie beherrscht alles. Nun fragen Sie mich, was ist ‚Die Erzählung‘.
„Was ist die Erzählung?“
„Die Erzählung ist der ganze Bausatz von Annahmen, an die alle Medien glauben, vermutlich sogar, ohne zu wissen, dass sie an so etwas glauben. Das Ganze ist so mächtig, weil es unbewusst abläuft. Es ist nicht so, dass sie sich jeden Morgen zusammensetzen und entscheiden: ‚Das sind die Lügen, die wir heute erzählen.‘ Es ist die Art, wie man die Dinge auf eine Weise anordnet, an die sie alle glauben, ohne dass sie das jemals wirklich auf den Prüfstand stellen. Sie WISSEN zum Beispiel, dass Bush ein Schwachkopf ist und Obama ein Heiliger. Sie wissen, sanfte Macht ist gut, harte Kraft ist schlecht. Sie WISSEN, Kommunismus war eine Vogelscheuche, die von rechtsradikalen Spinnern benutzt wurde, um unserem Staat mehr Macht gegenüber den Bürgern zu verschaffen. Sie wissen noch nicht einmal, dass sie fanatische Ideologen sind, weil sie in der Theorie allen Fanatismus verachten.“

Auch den eigenen, für herausragende Filmkritik erhaltenen Pulitzer-Preis stellt er, wenn schon dabei, in Frage, spielen sein Held Swagger und dessen FBI-Freund Nick Memphis doch geschickt auf dem Medien-Klavier, indem sie in der Presse „Beweise“ lancieren: „Ein Scoop. Ein großer regierungsbeschmutzender, karrierezerstörender Scoop. So werden Pulitzer-Preise gewonnen. Korruption und Fehlurteile, aufgespürt von einer wehrhaften Presse – das ist der Drogenstoff, der sie wahnsinnig macht.“

Gunfighter Nation – Die Verbindung mit der Vergangenheit

Stephen Hunter, der sich selbst scherzhaft als „der Dostojewski des Scharfschützen-Romans“ bezeichnet – eine Darstellung dieser Thriller-Kategorie folgt in einem 3. Teil dieses Textes –, hält bewusst die Fahne des „anderen“, des einfachen, ländlichen Amerika hoch, was ihn für manche US-Kritiker zu einem Nachfahren William Faulkners macht. Erhobenen Hauptes stellt Hunter sich in eine Tradition des Lumpenproletariats und der gewalttätigen Vergangenheit, die der Kulturhistoriker Richard Slotkin in drei Standardwerken zu Amerikas Gründung in ungezügelter Gewalt aufgeschlüsselt und aufgedröselt hat: „Regeneration through Violence“ (1973), „The Fatal Environment“ (1985) und „Gunfighter Nation“ (1992) heißen Slotkins heute noch lohnenden Bücher. Bei Hunter gibt es eine unterirdische Linie aus der Vergangenheit des Indian Territorys um Fort Smith in Arkansas („Hell on the Border“ genannt und 20 Jahre lang die Hauptstadt der Revolverduelle), aus der Zeit der brutalen Indianerumsiedlungen, aus der Tradition des Vigilantentums und der Überzeugung, der gerechten Sache wegen das Gesetz in die eigene Hand nehmen zu müssen und zu dürfen.

In „Black Light“ (1996) wird dieser Teil der Familiengeschichte der Swaggers ausführlich geschildert: „Jeder respektiert den Krieger. Wir sind so gepolt, tief im Reptilienteil unseres Gehirns.“ Die Swaggers, so heißt es in „I, Sniper“, sind „natural-born people oft he gun“. Anders als in seiner eigenen Biografie entwirft Hunter für die Swagger-Dynastie einen eigenen, ungebrochenen, „natürlichen“ Mythos der Waffe und der Tat. In „I, Sniper“ klingt das so: „Er hat nie etwas anderes als seine Pflicht getan, hart und geradeaus, ohne Beschiss. Und er musste dabei mehr Blei ausweichen, als es braucht, einen Flugzeugträger zu versenken. Er hat es für etwas getan, was er als sein Vaterland betrachtet, und dem geht es ein ganzes Stück besser, eben weil er die Risiken auf sich nahm, seine Pflicht tat, seine Wunden davontrug und die Verantwortung übernahm.“

Hunter lässt seine Helden keineswegs Amok laufen. Er sichert sich (und sie) ab, zum Beispiel mit Swaggers Hauptverbündetem Nick Memphis, der eben wegen seiner mutigen, unkonventionellen und immer wieder die eigene Karriere riskierenden „Schützenhilfe“ im FBI immer höher steigt. Gegen viele Widerstände, Feiglinge und Verräter sind sie es, die mit einigen wenigen Verbündeten „tun, was richtig ist“: Forget what’s legal and do what’s right – ein Motto, das den Charles Bronson-Film „10 to Midnight – Ein Mann wie Dynamit“ (1983) zierte.

Der Stoff von Mythen, Sagas und Legenden

Für richtige Männer, die durchs Stahlbad müssen, geht es letztlich um nichts anderes als Ehre – für welchen realexistierenden Rest auch immer da gekämpft wird.  In „Dead Zero“ sinniert der Böseste der Bösen, ein irischer Legionär, gegenüber eben jenem Swagger, den er zuvor im Handlungsverlauf gefoltert und dem Waterboarding ausgesetzt hat: „Sterben für einen Kodex, an den du nicht glaubst. Das war es, was die Samurai wussten. Sie starben für einen Herren, von dem ihnen klar war, dass er korrupt, feige, bestechlich und jämmerlich war. Sie starben dennoch. Es war ihr Kodex, und ich würde sagen, das war verdammt härter als die Melodie, die man Patriotismus nennt.“ Dann gibt er sich, der Kampf gegen Swagger ist verloren, die Kugel. Wie ein Krieger, ein Ronin, ein ehrenwerter Feind at last, gegen den bestanden zu haben für Swagger mehr bedeutet, als sie ihm in Washington auf die Schulter klopfen können. Es ist eine letztlich archaische Welt, in die Hunter seine Leser expediert. Es ist der Stoff von Mythen, Sagas und Legenden.

Hunters Axiom lautet schlicht: „Ohne Verteidiger sind wir zum Untergang verurteilt.“ In „I, Sniper“ – ich merke, es ist sein wichtigstes Buch der letzten Dekade – stellt sich der Bösewicht, der den islamischen Terror nach Amerika bringt, als durchgeknallter amerikanischer Patriot heraus, der sein Land mit einer Schocktherapie aufrütteln will: Terror im Rosengarten des Weißen Hauses, Terror in den Städten. Der Westen sei dabei, seine Wehrhaftigkeit zu verlieren. Schuld daran: der Feminismus und seine sinkenden Geburtenraten. „Soldaten können nicht mehr zu Tausenden sterben, jeder Gefallene wird zum Problem.“ Der Heldenfriedhof von Arlington lässt grüßen. Der Islam gehe mit Leben ganz anders um. Verschwenderisch eben, kaltblütig. Hunter verpackt das als Geständnis eines Ausgeflippten, das ganze Buch aber ist der mit dieser Haltung angerichteten perversen Logik gefolgt (man erinnere: erst einmal werden vier Anti-Vietnam-Ikonen von einem Sniper ausgelöscht, dann ein Kriegsheld als Täter diffamiert, ein weiterer als Sündenbock präsentiert, das Beschaffungswesen des Pentagons als zu soft desavouriert usw). In „Titan“ (The Day before Midnight), 1989 auf dem letzten Peak des Kalten Krieges entstanden, orchestriert Hunter einen Alptraum: Ein kleiner, normaler Schweißer wird aus seinem Haus in Maryland entführt, die „Provisional Army of the United States“ braucht ihn, um in ein Raketen-Silo einzudringen und an die Atomsprengköpfe zu kommen, die auf Moskau UND Washington niedergehen sollen. Gottverfluchtete Regierungen. Es wird ein nervenzerfetzender Wettlauf um Zeit und Sicherheitssysteme, der Dritte Weltkrieg als Kammer- und Strategiespiel – und gleichzeitig eine Warnung vor rechtsgerichteter, „patriotischer“ Militia.

Exkurs: The Wild Bunch und Hunters Kino

Hunter wuchs in Evanston, Illionois, auf. Drei Kinos gab es in der Stadt, jeder Kinogang war ihm „eine Selbsterziehung – und Gotte helfe dir, wenn der erste Film, in den du alleine gehst, ‚The Beast from 20,000 Fathoms‘ ist.“ Seinem Lieblingskino setzte er in „Now Playing at the Valencia“ ein Denkmal, einer Sammlung seiner „Pulitzer Prize Winning Essays on Movies“. Das schäbige Lichtspieltheater wurde ihm ein „weit nährhafteres Heim als jenes, in das ich hineingeboren worden war“, sein Platz war die 15. Reihe, rechts außen.

Lesenswert und unterhaltsam sind sie alle, seine Filmkritiken. Nur zu Ingmar Bergman mochte ihm nichts einfallen. Die Kurzkritik von „Szenen einer Ehe“ bestand aus zwei Zeilen voller „Zzzzzzzzzzzz…“  , die Reaktion des feinsinnigen französischen Kritikers André Bazin, Vater der Autorentheorie, zu „Blade II“ imaginierte er sich als: „Aieeeeeeeee-ahhhhhhhmmmm“. In Hunters Romanen gibt es immer wieder witzige Querverweise ins Kino, viele seiner (jüngeren) Protagonisten leben mit der Movie-Kultur. „I’m so psyched“, sagt ein durchgeknallter Killer in „Dead Zero“: „Man, this is so ‚Heat‘.“ Oder in „I, Sniper“: „Das ist hier nicht ‚Die Bourne Verschwörung‘, Swagger.“ Und der, ahnungslos, weil aus der Zeit: „Was ist das?“

Einer von Hunters Lieblingsfilmen ist Peckingpahs „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ von 1969, ein, so Hunter, „outlaw work“ mit Dialogen wie Revolverduelle. Er schreibt: „It’s the original and best pulp fiction, obsessed with the impact of bullets on flesh, that proudly beats its anthem of anarchism throughout, reaching a last act Gotterdammerung of carnage the likes of which had not been seen before and has not since.“ Darauf muss man erst mal kommen: „Götterdämmerung“. Und das ist es, das Ende der Soldatenwelt as we know it, das Balgen gesetzloser Banden um abgenagte Knochen, die Auflösung aller Regeln. Pure, nackte Gewalt, ohne Chance auf Überleben. Haltung ist da noch alles. Und die hat er, der wilde Haufen, jedenfalls ihr Anführer Pike Bishop, verkörpert von William Holden. Dessen verwittertes Gesicht gleiche „einem Schild der Spartaner“, bemerkt Hunter. Aus Holdens Bewaffnung leitet er einen zivilisatorischen Bruch ab: Holden trägt nicht nur einen Colt single action wie Tausende anderer ehrenhafter Westernhelden vor ihm, geeignet für Kleinduelle, sondern auch zwei brandmoderne .45 Automatics, und zwar das Army 1911 Modell. (Der Film spielt 1913, im gesetzlosen Südtexas und in Mexiko.) Holdens Pike ist ein Profi auf der waffentechnischen Höhe seiner Zeit und gleichzeitig von altem Schrot & Korn, ein Mann nach Hunters Geschmack – aus vielerlei Gründen. Hunter erwähnt es nicht (weil er in seiner Filmkritik dann anderen Linien folgt), für mich ist auf ewig einer der zentralen Sätze in diesem Film über eine aus der Zeit gefallene Söldnertruppe der gegrummelte Ausruf von William Holden: „You gotta start thinking ahead of your guns!“ Nutzt euren Kopf, ballern alleine hilft nicht mehr. Ein Motto durchaus für Hunters Helden, durch alle drei Swagger-Generationen Männer der Tat, Mitwissende auch des grausamen Satzes, wer die Waffe erhebe, werde durch die Waffe umkommen (können).

Exkurs: The Shooter und Target

Ein einziger Roman des Filmkritikers hat es bisher auf die Leinwand gebracht: Antoine Fuquas „Shooter“ (2007). Richtig empfehlen kann ich ihn nicht; wenn, sollte er unbedingt in der FSK-18-Fassung  angesehen werden. Hunters Vorlage „Point of Impact“ stammt von 1993, es ist ein komplexer Thriller, dem der Film kaum gerecht wird. Bob Lee Swagger wird von Mark Wahlberg gespielt. O.k., aber nicht aufregend. 13 Jahre brauchte der Roman bis auf die Leinwand, zwei Studios, drei Produzenten und nicht weniger als 16 Drehbuchautoren waren involviert. Fünf oder sechs Filmstars waren vor Wahlberg in der engeren Wahl, zum Schrecken von Hunter auch Keanu Reeves. Die ihm liebste Variante wäre Tommy Lee Jones gewesen. Nach all den Irrwegen mochte Hunter dann weder den Film noch dessen Ende: „Mein Bob Lee Swagger würde nie einem 75 Jahre alten Mann in den Kopf schießen.“

„Target“ (1985) ist zwar ein Film mit immerhin Gene Hackman und dem jungen Matt Dillon, Regie der „Bonnie & Clyde“-Regisseur Arthur Penn. Hunter hatte damit jedoch nur nacherzählend zu tun. Insofern zählt dieses Buch nicht als Hunter-Thriller.

 

Nun der Mann – und seine Traumata

Verlags-Bios sind eine Sache, vor allem wenn ein Autor in den Adelsstand des Bestsellings erhoben wurde. In einem einzigen Interview für einen Waffenkumpel hat Hunter bislang über seine Kindheit Auskunft gegeben. Er wuchs als ältestes von vier Kindern in einem Haushalt auf, in dem Waffen verboten waren. Seine Mutter Kinderbuchautorin, sein Vater Uni-Professor für Rhetorik, ein gemarterter Alkoholiker, der seine Kinder schlug; bei einem Streit mit zwei homosexuellen Strichern kam er ums Leben, erst da erfuhr die Familie von der Doppelexistenz. Hunter begann im Alter von drei Jahren Pistolen und Revolver zu zeichnen, heute sieht er das als Ausdruck eines Wunsches nach Selbstschutz. Er studierte Journalismus, wurde 1968 in die Armee eingezogen und diente als Soldat der Ehrengarde (The Old Guard, 3rd Infantry Regiment) auf dem Friedhof von Arlington in Washinton, DC, an jenem Ort, an dem amerikanischer Heldenmut und Tapferkeit ihre letzte Ruhestätte haben. „Where Valors Rests“ heißt der zugehörende Bildband von Rick Atkinson.

Immer wieder klagt Hunter in seinen Thrillern die andere Seite ein, nicht unähnlich dem, was auch uns deutschen Nachkriegsgeborenen an ihren Vätern so auf den Keks ging und geht: dass die, die im Krieg dabei gewesen sind und ihn überlebt haben, eine ganz andere Agenda haben als wir Zivilisten, und sich – selbst wenn sie nur einfache, beschissene und verheizte Landser waren – ums Verrecken nicht damit abfinden wollen, dass a) „ihr“ Krieg per se bescheuert und verbrecherisch war, b) verloren wurde und c) dass die Zeit für einen neuen Umgang mit Konflikten gerade durch solch einen zivilisatorischen Zusammenbruch notwendig und gekommen ist. Auf ewig aber halten sie, späte Feldherren ihres Mitmachertums an verweigerter Ehre fest, klammern sich an allerlei Dolchstoßlegenden, klagen eine Anerkennung ein, die es nie geben wird und kann, sind und bleiben Underdogs. Verfemt, traumatisert, ungehört, marginalisiert, unverstanden, verbittert. „Was sie meinten, war: Killt all die kleinen Schufte, aber erzählt uns nichts davon, weil wir darüber nicht nachdenken wollen. Wie es der Mann über die Huren sagte: Es ist nicht der Sex, für den du eine Hure bezahlst, es ist dafür, dass du danach einfach und ohne Konsequenzen gehen kannst“, heißt es in „I, Sniper“. Verletzter Soldaten-Elitestolz quillt dort aus allen Fugen, etwa hier: „Eine prominente Zeitung in New York hält es für richtig, einen Marine einen Soldaten zu nennen.“ Oder an anderer Stelle: „Always corrupt, that’s the rule. I hate the stink of headquarters.“ Eine Ablehnung der Großkopferten, die auch jeder deutsche Landser unterschreiben könnte.

In „I,Sniper“, dessen Titel nicht von ungefähr an Mickey Spillanes „I, the Jury“ von 1947  erinnert, gibt Hunter diesen Komplexen fettes Futter. Ein Scharfschütze tötet vier linksliberale Ikonen, darunter eine Jane Fonda („Hanoi-Jane“) nachempfundene Schauspielerin. Hunter setzt das in klaren Bezug zu seinem Protagonisten, dem als „Baby Killer“ verfemten Swagger, der es in Vietnam als Scharfschütze auf 87 „konfirmed kills“ brachte, in Wahrheit aber insgesamt 391 Gegner erledigte, alleine mit seinem Spotter zwei Tage lang ein ganzes Bataillon niederhielt und niederstreckte. Im Roman heißt es: „Es war eine Art Konterbiografie: für jede Demonstration, die sie geführt hatten, war er auf einer Mission tief im Dschungel gewesen; für jeden Cop, den sie angegriffen hatten, hatte er einen bewaffneten Gegner erledigt; für jedes Mal, wenn sie vor dem Tränengas davonliefen, war er dem Napalm entronnen oder heftiger Bombardierung oder etwas Ähnlichem. Selbe Münze, verschiedene Seiten, und nun waren die Jahre vergangen und was sich dreht, das kommt auch wieder, und wer ist der, der sich kümmert, warum euch Arschlöchern das Gehirn weggepustet wurde, das bin ich allein, der Kerl, den ihr als Kriegsverbrecher angesehen habt, als Psychokiller.– Ist es nicht eine scheiß beschissene Welt!“  – Ain’t it a strange fucking world, though!
Auch wenn das nun wie eine etwas bittere Wendung klingt. Hunters Haltung quer durch sein Werk ist das, was Pike zu Dutch oder Dutch zu Pike in „The Wild Bunch“ sagt, als sie kurz davor sind, im von ihnen selbst heraufbeschworenen finalen Kugelhagel zu sterben: „I wouldn’t have it any other way.“

Alf Mayer

Zu Teil I des Stephen Hunter-Porträts.

Die Bücher von Stephen Hunter
Ray Cruz:

  • 2011: Soft Target

Bob Lee Swagger:

  • 1993: Point of Impact (dtsch. Im Fadenkreuz der Angst, 1994)
  • 1996: Black Light
  • 1998: Time To Hunt
  • 2007: The 47th Samurai
  • 2008: Night of Thunder
  • 2009:  I, Sniper
  • 2010:  Dead Zero (mit Ray Cruz als Swaggers “verlorenem” Sohn)

Earl Swagger:

  • 2000: Hot Springs
  • 2001: Pale Horse Coming
  • 2003: Havana

Stand alones:

  • 1980: The Master Sniper
  • 1982: The Second Saladin
  • 1985: Target (Film-Novelisierung, vergessenswert)
  • 1985: The Spanish Gambit
  • 1989: The Day Before Midnight (dtsch. Titan, 1989)
  • 1994: Dirty White Boys (dtsch. Die Gejagten, 1997)

Non fiction:

  • 1995: Violent Screen: A Critic’s 13 Years on the Front Lines of Movie Mayhem
  • 2005: Now Playing at the Valencia : Pulitzer Prize Winning Essays on Movies
  • 2005: American Gunfight: The Plot to Kill Harry Truman and the Shoot out that