Posted On 4. Februar 2012 By In Crimemag, Kolumnen und Themen With 795 Views

Alf Mayers „Blutige Ernte“: Stephen Hunter, Teil 1

„You gotta think ahead of your gun!“

Der politisch inkorrekte Thriller-Autor Stephen Hunter. Ein Porträt von Alf Mayer (Teil 1).

Als Filmkritiker war es für Stephen Hunter stets Ehrensache, niemals irgendeine Distanz vorzutäuschen und sich zu gerieren, als wäre man in dieser Profession der Anziehungskraft von Gewalt enthoben. Im Vorwort seiner Kritiken-Sammlung „Violent Screen. A critic‘s 13 years on the front lines of movie mayhem“ (1995), wies er darauf hin, dass just in den Wochen, in denen sich die amerikanische Nation im Jahr 1995 über das Bombenattentat von Oklahoma mit 186 Toten entsetzte, der Film „Die Hard With a Vengeance“ (Stirb langsam – Jetzt erst recht) zum Kassenknüller der Saison wurde, ein Ballerfilm, in dem die Bad Guys in New York zahlreiche Bomben hochgehen lassen. „Es braucht ein scharfes Auge“, kommentierte er, „die Unterschiede zwischen den special effects Hollywoods und den grotesken Effekten des Hasses zu entdecken.“ In diesem Widerspruch sieht er den ganzen Mikrokosmos unserer komplexen Reaktionen auf Gewalt exemplifiziert: „Wir verabscheuen das reale Geschehen und wenden uns in Abscheu ab. Um dann gehen wir hin und zahlen sieben Bucks, um es in Technicolor im Kinocenter zu sehen.“ Für Hunter ist klar,  „dass wir WEGEN der Gewalt ins Kino gehen. Sie ermöglicht es uns, allerlei innere Strömungen und Gefühle auf etwas anderes zu projizieren, es in etwas anderes umzuformen und in einer imaginären Welt dann dessen Herr zu sein, während in der realen Welt solche Selbstbehautungstriumphe oft nicht möglich sind.“

Auschnitt aus dem Film „Stirb langsam: Jetzt erst recht“ (1995)

Das Auge wird von Aktion angezogen, weiß Hunter. Das hat auch eine Entsprechung in der Literatur, besonders der Kriminalen – und vor allem im Thrillergenre, das leider immer mehr zu einer aussterbenden Kunstform wird. Neben oder vor Lee Child und dem seit 2008 abgetauchten Chuck Logan ( „The Price of Blood“, „Hunter’s Moon“, „Absolute Zero“, „Homefront“, „South of Shiloh“) ist Stephen Hunter ein Master des Pulp, des keinen Blutspritzer scheuenden Thrillers. Keine Dumpfbacke, kein Flachschreiber a la Clancy oder (inzwischen) Forsyth, von Brad Thor, Dale Brown und unzähligen Holzschnitzern mehr zu schweigen, sondern ein Autor intelligenter, komplexer, moralisch fordernder (morally challenged, könnte man sagen) und begeisternder Spannungsliteratur feinster Sorte. Präzisionsuhrwerke allesamt, die außer ihrer komplizierten, ingeniösen Mechanik jede Menge Herz, Hirn und Hoden sowie eine nicht zu stillende Unruh‘ in sich tragen.

Hunter erhielt 2003 als dritter Filmkritiker überhaupt den Pulitzerpreis für ‘Authoritative Film Criticism that’s Intellectually Rewarding, Pleasure to Read‘. Hunter arbeitete seit 1971 bei der Sonntagsausgabe der Baltimore Sun, von 1982 bis 1997 als deren Filmkritiker, ehe er in gleicher Funktion zur Washington Post wechselte, zwischendurch immer wieder „Buchurlaub“ nahm und dann 2009 ausschied. Er ist ein Mann der klaren Worte, politisch inkorrekt – und eben deshalb interessant. Lange vor Lee Child und dessen Jack Reacher hat er den knarzigen, aus der Zeit gefallenen Ex-Soldaten und Niemals-Zivilisten als Thriller-Protagonisten etabliert. Ein Vergleich der Männlichkeits- und Arbeitskonzepte zwischen Hunter und Child wäre spannend und einen eigenen Text wert, die in solchen fein ausgearbeiteten Protagonisten angelegten Tugenden, Widersprüche und Überraschungen sind jedenfalls für viele spannende Varianten geeignet und machen interessante, starke Helden. Hunter und Childs Helden haben bei allem Unterschied eines gemeinsam: Wenn es zum Showdown kommt, wird ihm nicht ausgewichen, dann gibt es kein Zaudern. Maximum force, dirty tricks inbegriffen. Wie Child schafft Hunter es, dass man für seine Helden bangt und zittert.

In Deutschland ist Hunter schmächlich unbekannt, von seinen insgesamt 17 Romanen sind ganze drei übersetzt, und auch das ist schon eine ganze Weile her. Zeit, an ihn zu erinnern. Zu seine besten Bücher zähle ich „I, Sniper“, „Dead Zero“, „The 47th Samurai“, „Dirty White Boys“, aber auch den Erstling „The Master Sniper“ und seinen zweiten Roman „The Second Saladin“, in dem (1982 geschrieben) die Amerikaner es durch erst Unterstützung und Fallenlassen von Freiheitskämpfern es schaffen, eine arabisch-terroristische Saat zu züchten. (Mehr zu einzelnen Romanen weiter unten.)

„Shop to kill“: Das Weihnachtsgeschäft und dessen Verletzlichkeit

Mit den zwei wichtigsten amerikanischen Obsessionen beschäftige sich sein jüngster Roman, spottet Hunter: „Shoppen und Massenmord.“ Ähnlich wie der Piper Verlag 2010  pünktlich zum Münchner Massenereignis mit Christoph Scholders Geisel-Thriller „Oktoberfest“ die politisch korrekte Öffentlichkeit schockierte (ein renegates Spetsnaz-Kommando bringt ein ganzes Festzelt in seine Gewalt; was ist eigentlich aus dem nicht uninteressanten Autor geworden?), brachte Simon & Schuster jetzt VOR dem Weihnachtsgeschäft Stephen Hunters jüngstes Werk auf den Markt. In „Soft Target“ geht es um ein ebensolches, es geht um die Mall of America in Minneapolis, in die am Tag nach Thanksgiving ein „Kommando Mumbai“ einfällt, als Erstes den Weihnachtsmann erschießt und über 1000 Geiseln nimmt. Solche Aktionen, ob Oktoberfest oder Shoppingcenter, sind der Alptraum aller Sicherheitsleute weltweit, „harte Ziele“ wie das Pentagon, Militärbasen oder Botschaften lassen sich weit besser schützen als die „weiche“ Zivilwelt. Was, wenn Terroristen sich nicht mehr „militärisch“ mit den Profis messen oder ikonographische Ziele wie das Word Trade Center treffen wollen, sondern den Terror wirklich auf die Straße und in unsere Konsumwelt bringen?

Innenansicht der Mall of America

Bei Stephen Hunter genügt dafür ein Dutzend junger, mit Kalaschnikows bewaffneter Somalis, denen Fast Food und US-Girls in beliebigen Mengen versprochen wurden, und dass sie jede Menge Amerikaner über den Haufen zu schießen kriegen, ehe sie nach glorreich islamistischem Märtyrertod den vielen Jungfrauen im Paradies begegnen.

Womit die Terroristen nicht gerechnet haben, ist der Scharfschütze Ray Cruz, der gerade mit seiner Verlobten in der Mall auf Shoppingtour ist. Die macht sich beim Verkäuferinnen-Beruhigen nützlich, während Cruz – ein gerade nach 22 Jahren Dienst ehrenhaft entlassener Marine Corps Sniper („a few months past 22 years of gung ho“) sich Waffe und Überblick verschafft und, von allerlei Hindernissen beschwert, mit dem angerückten, aber nicht zum Einsatz befugten SWAT-Team das Schlimmste verhindern will und wird: die Erschießung von hunderten Geiseln während der Prime Time, denn, darin sind sich die Profis einig, darauf läuft das Geisel- & Verhandlungsspiel hinaus.  Zurückgehalten wird die Posse vom Superintendent der Minnesota State Police, einem gewissen Colonel Douglas Obobo. Hunter hat erzählt, dass diese Figur ihm den größten Spaß beim Schreiben bereitet hat. Der „Verhandlungsprofi“, Zauderer, Pazifist und Feigling, der nur zu gern seine eigene Stimme hört,  ist ein praxisfernes Weichei – und bis in Zitate und Gestus hinein nach US-Präsident Obama geschneidert. Gewalt muss unter allen Umständen vermieden werden, ist sein Credo, Reden könne man doch immer, einen möglichen Dialog dürfe man nicht wegen einiger, möglicherweise im Stress getöteten Opfer aufs Spiel setzen. Außerdem seien arabisch anmutende Kopftücher kein Beweis dafür, dass darunter verhandlungsunwillige  islamische Terroristen stecken, hasserfüllt, nicht ansprechbar und zu allem entschlossen. Es ist ein vernichtendes Politiker-Porträt, das Hunter da zeichnet.

Schließlich sind es Scharfschütze Cruz und ein unbotmäßiges SWAT-Team, die alles retten. Zuvor aber legt Hunter noch eine Schippe drauf. Mastermind der Terrorattacke ist der 22-jährige Manager der Schießarkade „First Person Shooter“ – in eben jener Mall. Er hat einen islamistischen Hassprediger organsiert, ihm bei der Mannschaftsaufstellung geholfen, Bewaffung, Logistik und Ablaufplan organisiert, außerdem alle Gewehre mit Miniaturkameras bestückt (was irgendwann auch Cruz mit seiner erbeuteten Kalaschnikow in Bedrängnis bringt), er hat das alles als „Material“ für die Produktion eines gigantischen Video Games inszeniert: „Get the disc to Wikileaks and it’ll astound the world. It is First Person Shooter as art, as ‚Odyssey’ or ‚War and Peace‘.“ Und er freut sich: „Ich war es, der das Zeug hatte, das alles auf die Beine zu stellen. Und das alles vor 25, wie Zuckerberg.“ Beim Showdown im Multiplex der Mall, wo der Filmklassiker „Die Hard“ läuft, kommt die Aufforderung, sich zu ergeben. „Ich kann nicht“, sagt der junge Geek, „ich bin schon auf dem Hyperlevel des Spiels. Ich muss sehen, wie es ausgeht.“ Dann, von Cruz tödlich angeschossen, lacht er auf: „Memo, für nächstes Mal. Spiel immer den Bösewicht. Nur so wirst du berühmt. Helden sind so etwas von letzter Woche.“

Als „apokalyptische Allegorie“ will Stephen Hunter den Roman verstanden wissen. Im Nachwort erklärt er ausdrücklich: „BTW, ich will das Buch nicht als Tirade gegen Videospiele verstanden wissen. Kids, spielt weiter, was ihr wollt, blow up shit left and right. Solange eure Vorstellungskraft arbeitet, seid ihr Teil der menschlichen Rasse und ihr seid nicht auf der Straße und raubt alte glatzköpfige Kerle aus.“

Als Leser lernt man in „Soft Target“ nicht nur die Unterschiede zwischen einer AK-47 und einem AK-74, es gibt einen kleinen, handlungsintegrierten Exkurs, in dem gezeigt wird, wie einfach sich in Amerika kriegstaugliche Waffen oder deren Teile legal importieren, beschaffen und umfrisieren lassen. Und Ähnliches mehr. Ähnliches mehr, da würde Mr. Hunter schnauben. All die Technothriller-Autoren eingeschlossen, gibt es keinen lebenden Schriftsteller, der Munitions- und Waffentypen, Zielfernrohr- und andere Schießzeugmodifikationen schneller herbeten könnte als ein Bischof das Vaterunser. Anders als die meisten Autoren der Sorte Techno-Thriller findet er immer wieder Methoden, solche Sachinformationen eben anders als in hölzern pädagogischen (Tatort-)Dialogen zu plazieren. Das reicht von allerlei „rifle & gun lore“, militärischer Ausrüstung und paramilitärischer „tactical culture“ zu kulturhistorischen Bezügen. (Auch dazu unten mehr.)

Stephen Hunter ist ein bekennender Gun-Freak und war der wohl weltweit einzige Filmkritiker, der Actionfilme auch danach beurteilte, wie fachmännisch, doof oder bizarr dort Waffen eingesetzt, wie sie gehalten, geschossen und nachgeladen wurden. Hielt ein Film für ihn nichts Bemerkenswertes bereit, wurde aus der Kritik leicht ein Stück Waffenkunde. Ich empfehle das Nachlesen der Kritik von John Woos „Face Off – Im Körper des Feindes“, in dem sich Nicolas Cage und John Travolta eines der unglaublichsten Revolver-Ballette der Filmgeschichte liefern und Hunter einen bleihaltigen Freudentanz aufführt. Das „Bourne Ultimatum“ beschrieb er so: „Schneller als Ton, Licht und Gedanken, was dieses Ding an Geschwindigkeit hat. Es ist kein Film; es ist ein Trip durch einen Gewehrlauf, an der Spitze einer explodierenden Gaswolke: Du landest hart, an die Wand geklatscht, in den Staub hinunter rutschend, den Ton der Explosionen noch für Stunden in deinem Kopf.“

Die jüngsten Hunter Novels. Kurzer Abriss.

Keine Fünf-Zeilen-Synopse kann der ausgetüftelten Mechanik und den Dichotomien eines Stephen-Hunter-Thrillers Genüge tun, dennoch hier einige Kurzhinweise.
Bei “Soft Target” – aber das kann beim 17. Buch passieren – handelt es sich nicht um Hunters bestes Buch im Hinblick auf Spannung, ingeniöse Mechanik und Action. Scharfschütze Ray Cruz, gerade nach 20 Jahren Dienst  im Marine Korps entlassen, ist recht neu im Hunter-Kanon, sein Aktionsradius in der Mall sehr eingeschränkt. So richtig zeigen, was er kann, das konnte er in Hunters vorletzten Buch „Dead Zero“, wo er als „verlorener“, im Dschungel gezeugter Sohn des Scharfschützen und Vietnamhelden Bob Lee Swagger auftauchte und die Handlung an entscheidender Stelle beflügelte. Es macht Lesevergnügen, einen Deus ex machina als funktionierend und handlungsfördernd zu erleben.

Hunter balanciert in seinem Werk inzwischen eine ganze Dynastie. Bob Lees Vater, der Arkansas-Sheriff Earl Swagger, ist ein Scharfschützen-Veteran des Kriegs im Pazifik. Cruz, sein Enkel, wuchs zwar bei philippinisch-vietnamesischen Adoptiveltern auf (woraus Hunter noch nicht richtig etwas gemacht hat), wurde ein Marine Corps Sniper, führt also die Familientradition fort. We will see. (Siehe auch das Werkverzeichnis am Schluss.)

In „Dead Zero“ (von 2010) kommt der Krieg gegen den Terror nach Amerika. Protagonist Bob Lee Swagger wird vom action hero zum Detektiv und Strategen und umgekehrt, hat es mit einem bestens ausgerüsteten Feind zu tun, wird böse von einem Söldnerteam mit Water Boarding gefoltert – von Amerikanern für Amerikaner sozusagen. Der milliardenschwere Bereich der ausgelagerten „Private Security Contractors“ kriegt sein Fett ab, echte Militaristen hassen Söldner und Kriegsgewinnler, inzwischen ein sich auch im Kino verbreitender Topos. Eine größere Rolle spielen auch der Drohnen-Krieg in Afghanistan und eine M82 Barrett Sniper Rifle, eine Waffe, bei der gun freaks eine Erektion bekommen.

Für „I, Sniper“, von dem in diesem Text öfter die Rede sein muss, macht Hunter sich gleich fünf reale Biographien zu eigen und interpretiert sie eigenwillig. Das Buch ist eine Abrechnung mit 38 Jahren als Journalist bei der „Eastern Asshole Press“, ein Revisionsversuch jüngerer amerikanischer Geschichte, ein feinst geölter Thriller und gleichzeitig ein waffentechnischer wet dream. Die Anti-Vietnam-Promis Ted Turner, Jane Fonda, Bill Ayers, and Chuck Mawhinney müssen – leicht verfremdet – durch die Kugel eines Scharfschützen sterben. Der ist dem legendären, hochdekorierten Carlos Hatchcock nach empfunden, auf dessen Konto 93 „konfirmed kills“ in Vietnam gehen, sein alter Ego im Roman bringt sich um, hinterlässt eine wenn auch unter hohem Blutzoll gewonnene Traumsituation für Linke und deren PR-Maschinerie. Wenn da nicht jemand vom FBI den im Ruhestand befindlichen Marine und Scharfschützen Bob Lee Swagger anheuern würde, der die Indizien als allzu perfekt und die dafür notwendige Technologie als fast fiktiv identifiziert. In der Tat gibt es das von Stephen Hunter in allen Details geschilderte, computergesteuert so gut wie unfehlbare iSniper911-Zielfernrohr so (noch) gar nicht. Das Schlussduell mit Swagger – immer braucht es, alte Sniper-Weisheit, einen Scharfschützen, um einen Scharfschützen aufzuspüren und auszuschalten – wird so auch zu einem Kampf zwischen Mann und Maschine. Wer da wohl gewinnt? Aber eben wie, das macht den echten Stephen Hunter. Lesen und die Hände trocknen.

„The 47th Samurai“ aus dem Jahr 2007 ist Hunters riskantester Roman und kombiniert den elaborierten Ehrenkodex der Hunter-Protagonisten mit dem der japanischen Krieger. Aus einer Verpflichtung der Väter, Gegner auf der Insel Iwo Jima, wird ein Rachefeldzug Bob Lee Swaggers – (fast) alleine gegen die Yakuza und einen schwertschwingenden Bösewicht. Leonard Schraders „Der Yakuza“ von 1974, Vorlage für den großartigen Film mit dem stoischen Robert Mitchum, ist da noch die kleinste Hürde, die Hunter sich selbst auf den Parcours legt. Die Abrechnung mit der oberflächlich-westlichen Sicht auf die Samurai-Kultur – am hassenswertesten für Hunter im Tom-Cruise-Vehikel „The Last Samuarai“, für ihn ein zu Wilden von Japan verlagerter  „Der mit dem Wolf tanzt“ –  ist dieser Blei&Schwert-Thriller, und dazu eine kundige, warmherzige Hommage an all die Samuarai-Filme. Hunter sah sich zur Vorbereitung zum Teil zwei Filme pro Nacht an, die Widmungsseite des Buches umfasst an die 50 Namen von Darstellern und Regisseuren. Was Hunter hier versucht, ist die Wiederbelebung des Mythos der 47 Ronin – „eine der coolsten Rachegeschichten, die ich kenne“. Im Jahr 1701 brachten sich diese 47 Samurai um, nachdem ihr Herr gestorben war. Eine Soldatenlegende auf Ewigkeit. (Auch dazu unten mehr.) Obwohl ein furioser Action-Roman, gibt es viele ruhige Momente, in denen es um das Konzept von Ehre, Würde, Verpflichtung, Rache und Tod geht. Die Unterschiede der japanischen und amerikanisch-westlichen Kultur werden auf oft verblüffend lakonische Weise herausgearbeitet. Alles steuert auf einen ungeheuerlichen Schwertkampf zu, den Swagger unmöglich gewinnen kann, dem er sich aber dennoch nach viel kurzem, harten Training stellt. „Dies sind die einzigen Wahlmöglichkeiten“, sagt sein Sensei: „Stahl schneidet Fleisch/ Stahl schneidet Knochen/ Stahl schneidet keinen Stahl. Werde Stahl oder du wirst geschnitten, das ist die Welt, die du betrittst.“ Mit wirklich höchstem Körpereinsatz – ein Einfall, für den es einen Extra-Preis geben müsste – entscheidet Swagger den ungleichen Kampf für sich.

Daniel Woodrell, Autor von „Winter’s Bone“ und aktuell der Storysammlung „The Outlaw Album“, war von Hunters Samurai-Roman derart begeistert, dass er eine Eloge schrieb. Woodrell sieht Bob Lee Swagger als „eine heroische Figur, die sich auch im Kampf neben Beowulf oder im Dienste König Arthurs wohlfühlen würde. Er ist immer noch bei uns, narbenübersät, missbraucht von Politikern und Regierungen, aber auf ewig einer stolzen Haltung gegenüber Pflicht und ihrer Erfüllung verpflichtet. Er ist ein Samurai und stammt von einer langen Linie von Kriegern ab. Solche Figuren sind nicht wie du und ich, normale Leute, die noch nie ehrenwerte Feinde im Kampf besiegt, ihre klaffenden Wunden ohne jedes Wimmern mit Nadel und Faden selbst genäht haben. Deshalb wollen wir über sie lesen. Hunter ist ein Meister des klassischen, vorwärtstreibenden, blutgetränkten amerikanischen Thrillers. Er schreibt die großen Geschichten jener Männer, die alleine auf sich gestellt, für uns alle hingehen und den Drachen töten müssen.“

Eines der drei ins Deutsche übersetzen Hunter-Romane ist „Dirty White Boys“ (Die Gejagten’) von 1994,  mit dem Hunter  in den USA den Durchbruch schaffte. „Ich bin der beste Schriftsteller, von dem Sie noch nie gehört haben“, gelang es ihm damals, die Aufmerksamkeit eines Agenten in New York zu erregen. Es ist eine Lumpenproletariat-Geschichte. Das Motto zitiert einen Pete-Townsend-Song: „No one knows what it’s like to be the bad man.“ Drei Gefängnisausbrecher, reinster White Trash, der eine aber ein Halbbruder von Earl Swagger, ziehen da durch die Lande, hinterlassen eine Blut- und Rachespur, bis die Überlebenden am Ende wieder „zuhause ankommen“: im McAllister State Penitentiary. „Seine hohen weißen Mauern glitzerten in der Sonne, gaben ihm die Anmutung von Camelot, einer sagenumwobenen maurischen Stadt, einer ummauerten Festung in Tibet. The Mac. The Big Mac. Es würde ihn wieder haben, endlich wieder daheim.“

(Teil 2 folgt …)

Alf Mayer

Die Bücher von Stephen Hunter:

Ray Cruz:

  • 2011: Soft Target
  • Bob Lee Swagger:
  • 1993: Point of Impact (Deutsch: Im Fadenkreuz der Angst, 1994)
  • 1996: Black Light
  • 1998: Time To Hunt
  • 2007: The 47th Samurai
  • 2008: Night of Thunder
  • 2009:  I, Sniper
  • 2010:  Dead Zero

Earl Swagger:

  • 2000: Hot Springs
  • 2001: Pale Horse Coming
  • 2003: Havana

Stand alones:

  • 1980: The Master Sniper
  • 1982: The Second Saladin
  • 1985: Target (Film-Novelisierung, vergessenswert)
  • 1985: The Spanish Gambit
  • 1989: The Day Before Midnight (Deutsch: Titan, 1989)
  • 1994: Dirty White Boys (Deutsch: Die Gejagten, 1997)

Non fiction:

  • 1995: Violent Screen: A Critic’s 13 Years on the Front Lines of Movie Mayhem
  • 2005: Now Playing at the Valencia : Pulitzer Prize Winning Essays on Movies
  • 2005: American Gunfight: The Plot to Kill Harry Truman and the Shoot out that Stopped It

Homepage von Hunter. Ein Interview mit der National Rifle Association auf youtube. Radio Houstoned: Stephen Hunter and The 47th Samurai. America’s Soft Target: Stephen Hunter Discusses Terrorism’s Permanence (Audio).

 

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