Posted On 25. Februar 2012 By In Crimemag With 1650 Views

Alf Mayers „Blutige Ernte“: Stephen Hunter, Teil 3

Der dritte Teil des Stephen-Hunter-Porträts hat sich beim Schreiben gewandelt – heraus kommt eine kleine Kulturgeschichte des Scharfschützen. Heute Teil I, in den nächsten Wochen mehr …

Zur Kulturgeschichte des Scharfschützen – Teil I

„Wie vom Blitz getroffen niedergestreckt“

Der Scharfschütze ist keine Erfindung der Neuzeit. Dennoch ist er es, mit dem die Moderne zutiefst im Mark getroffen und in Frage gestellt wird. Er ist die Rückkehr des Atavistischen: der Jäger als tödlicher Gegner von uns Zivilisten und Sammlern. Im Tun des Scharfschützen – ein Schuss, ein Treffer; eigentlich ein sparsamer Umgang mit Ressourcen – tut sich der tiefe Abgrund unter unserer dünnen zivilisatorischen Decke auf. Zu Krieg und Gewalt fällt uns seit Jahrtausenden einfach nichts Neues ein, bestenfalls ein weiterer Rückgriff in barbarische Zeit. Davon wird gerade angesichts jüngster Kriegsführung – in Irak, Afghanistan, Libyen und zurzeit in Syrien – im Teil II dieses Textes noch einmal die Rede sein. Verwiesen sei hier nur auf die Einschüchterung der Freiheitsbewegungen durch die Heckenschützen der Regimes und die „moderne“ Kriegsführung des Westens, bei der Scharfschützen in bis dahin ungekannter Zahl das Gefechtsfeld „säubern“ und die Risiken für die eigene Truppe minimieren.

Eine Frau mit Kind an einer Hand war wegen einer verdächtigen Bewegung der erste „confirmed kill“ des angeblich erfolgreichsten Scharfschützen der Militärgeschichte, der in den USA gerade mit dem Ekelwerk „American Sniper“ absahnt. Das einzige, was er bedaure, sagt Navy Seal Chris Kyle, eine bekennend christlich-fundamentalistische Dumpfbacke, sei, dass er nicht noch mehr „Wilde“ (savages) als die ihm offiziell zuerkannten 255 gekillt habe. (Man muss dazu sagen, wohl kein US-Marine würde so mit seinen Opfern protzen, das bleibt bislang den Navy Seals vorbehalten.) Auch die Bundeswehr hat, soweit die Zipfel der Geheimhaltung ein wenig gelüftet wurden, mindestens 140 Scharfschützen in Afghanistan.

Der Scharfschütze ist ein Bote des Todes, ein Henker in anonymer Gestalt, und gleichzeitig so etwas wie der Letzte der Zweikämpfer, ein menschliches Bindeglied im technokratischen Kriegswesen, ein Mensch an den blutigen Rändern der Humanität. Eine grausame Erscheinung, ein Pariah, unnahbar fast und unberührbar. Nur wenige Schriftsteller und Filmemacher sind ihm bisher nahegetreten. Es gibt keine Mediengeschichte des Scharfschützen (modern: Sniper), dieser in drei Teile gegliederte Text – Vorgeschichte, 20. Jahrhundert und ihre Fiktionalisierung – soll eine Annäherung sein. Gleichzeitig setzt dies das Porträt des Thrillerautors Stephen Hunter fort, der wie kein anderer den Scharfschützen zum Protagonisten seiner Romane gemacht hat und damit Erstaunliches anstellt. (Zum Teil eins geht es hier, zu Teil zwei hier.)

Der Einschlag des Absurden in unsere Welt

„Es ist unserer Vernunft einfach nicht vermittelbar, dass ein einzelner kleiner Mann einen Giganten inmitten seiner Limousinen, seiner Legionen, seines Gefolges und seiner Leibwächter niedergestreckt hat. Wenn solch eine Null den Führer der mächtigsten Nation der Erde vernichten konnte, verschlingt uns eine Welt der Unverhältnismäßigkeit, und wir leben in einem Universum, das absurd ist.“

Diese Sätze von Norman Mailer stellt Stephen King seinem aktuellen Roman „Der Anschlag“ (Originaltitel: 11/22/63) voran, in dem ein Einzelner in die Lage wie auch die Schwierigkeit versetzt wird, das Attentat auf Kennedy verhindern zu können. Fast ein halbes Jahrhundert nach der Tat arbeitet sich King 1048 Romanseiten lang an der nationalen historischen Wunde ab, bezieht in seine Danksagung Norman Mailer ein. Der hatte sich für seine Studie über Lee Harvey Oswald „Oswalds Geschichte – Ein amerikanisches Trauma“ (1995) sogar sechs Monate in Weißrussland aufgehalten und dort auf KGB-Einladung Akten studiert und Interviews über Oswalds Jahre in der Sowjetunion geführt.

Mailer, der auch den voluminösen Warren-Report mit der Lupe durchkämmte, kam übrigens zähneknirschend zum Schluss, dass Oswald, ein recht lausiger Schütze, wohl alleine geschossen habe. Das Gewehr wurde damals als Beweisstück schon gleich arg misshandelt, für literarische Spekulationen in Sachen Kennedy-Mord ist bis heute viel Platz.

Das Gewehr des Herstellers Mannlicher-Carcano, das im Schulbuchdepot gefunden wurde.

Einer meiner Lieblingsromane dazu ist Richard Condons gegen den Strich gebürstete Ödipus-Geschichte „Winter Kills“ (1974), einer der großen Romane sicher Don DeLillos „Libra“ (von 1988). Für den Schuss lässt DeLillo den Attentäter erst kurz zuvor auf ein Knie gehen, er stützt sich auf einem Pappkarton ab, sieht den Autolack im Zielfernrohr glänzen – dann feuert er. Das ist alles.

DeLillos wie Mailers Ding sind Charaktere und Deformationen, Ideengebäude und Träume, Beziehungen und Ängste. Von Waffen und Ausrüstung, mentaler wie physischer Vorbereitung und dem Abgeben des einen entscheidenden Schusses selbst wissen sie wenig und wissen andere Autoren besser zu erzählen. (Davon in der übernächsten Folge.)

Waffenbrüder: Wilhelm Tell und Ralph Waldo Emerson

Seit der Mensch Distanzwaffen erfand, gibt es den Ehrgeiz, sie treffsicher über möglichst weite Entfernung einzusetzen. Wurfhölzer und Speere finden sich seit dem Jungpaläolithikum, also seit etwa 40.000 Jahren in Afrika, Australien, Amerika und Europa. Wer einmal mit einer Woomera üben konnte, der Speerschleuder der Aborigines, wird über die mit ihr mögliche Entfernung staunen, erst recht wenn ein mit den dünnen Speeren aufgewachsener Jäger das Katapult treffsicher einsetzt. Im Alten Testament wird König Josia im Kampf gegen die Ägypter von einem Pfeilschuss tödlich verwundet, aber wir spulen hier jetzt vor: Als Vorlage für Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ von 1804 gilt die in lateinischer Sprache um das Jahr 1220 verfasste „Gesta Danorum“ (Die Taten der Dänen), in der es eine Sage vom Apfelschuss gibt, unweit dessen Stammes Schiller dann sein Freiheitsdrama setzt, das letzte von ihm vollendete Werk.

Der Stoff muss damals in den Jahren nach der Französischen Revolution in der Luft gelegen haben. André-Ernest-Modeste Grétrys Oper „Guillaume Tell“ hatte 1791 in Paris Premiere, Rossinis gleichnamige Oper dann 1829. In Szene 3, dem dramatischen Höhepunkt des Schiller-Stücks, verweigert Tell den Gruß vor dem vom Landvogt Gessler ausgestellten Hut und wird verhaftet. Gessler selbst tritt auf und zwingt den Stolzen, zur Rettung des eigenen und seines Sohnes Leben, diesem mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf zu schießen. Tell entnimmt seinem Köcher zwei Pfeile, den Apfel trifft er mittenzwei gleich mit dem ersten. Auf die Frage Gesslers, wofür denn der zweite Pfeil bestimmt gewesen sei, antwortet er zunächst nicht. Als ihm seine Freiheit zugesichert wird, was immer er antworte, sagt Tell Gessler ins Gesicht, dass der zweite Pfeil ihm gegolten hätte, wenn sein Sohn durch den Schuss zu Schaden gekommen wäre. Gessler bricht seine Zusage und lässt Tell fesseln und einkerkern.

In Schiller Drama heißt es:  „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, | wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, | wenn unerträglich wird die Last – greift er | hinauf getrosten Mutes in den Himmel, | und holt herunter seine ew’gen Rechte, | die droben hangen unveräußerlich | und unzerbrechlich wie die Sterne selbst – | Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, | wo Mensch dem Menschen gegenübersteht – Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr | verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben – | Der Güter höchstes dürfen wir verteid’gen | gegen Gewalt […]“

Der alte Urstand der Natur kehrt wieder – diese Formulierung verweist auf Schillers Auffassung des Naturrechts: Für Schiller verkörpert Tell das Ideal des freien Menschen, der sich von keinem anderen mehr unterjochen lässt. Der Widerstand gegen die Okkupationsmacht ist gerechtfertigt, weil man mit der Freiheit nichts weniger als die Menschenwürde verteidigt. Dafür braucht man – wenn die Zeiten es erfordern – eben auch Waffen. „Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt“, sagt Tell.

Hier angelegt und auf den Punkt gebracht ist nichts weniger als eine Zeitenwende. Das, was der amerikanische Philosoph und Einzelgänger Ralph Waldo Emerson 1827 als 24-Jähriger in sein Tagebuch notierte als „Beginn des Zeitalters der Ersten Person Singular“. Der moderne Mensch also. Das Individuum. Und auch Emerson bekräftigt: „Unsere Kultur darf die Bewaffnung des Menschen nicht unterlassen.“  Denn, so wieder Tell: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, / Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“

Vom Bogen zur Büchse

Vor den Tyrannen gab es Könige, denen zu dienen eine Ehre war. Im Mittelalter wurde die Bezeichnung „Scharfschützen“ (marksmen) für die königlichen Bogenschützen üblich, sie waren Palastwache und Leibgarde, eine Elitetruppe. In England ist die Bezeichnung seit dem 9. Jahrhundert dokumentiert, sie meint jemanden, der mit Genauigkeit das „mark“ (Ziel) trifft. Der heute üblich gewordene „Sniper“ stammt aus dem Jagdwesen. Jemand, der eine „snipe“ (Schnepfe) mit einer Büchsenkugel anstatt dem dafür sonst üblichen Schrotgewehr treffen konnte, musste schon ein sehr guter Schütze sein, da die Vögel äußerst scheu und im Flug sehr gewandt sind.

Vor der Büchse aber war die Armbrust. Sun Tzu, der chinesische Philosoph des Krieges, erwähnt sie im 4. Jh. vor Christus, in Europa kam sie erst im 11. Jh. In Gebrauch. Statt des Pfeils der Bogenschützen verschoss diese Waffe einen Bolzen, der auf kürzerer Entfernung die meisten Rüstungen durchschlug; spätere Entwicklungen konnten mit Blei- oder Marmorkugeln noch auf 200 Meter einen Harnisch durchdringen. Das Laterankonzil von 1139 verbot die Armbrust, weil sie eine zu schreckliche Waffe sei. Richard Löwenherz wurde 1199 bei der Belagerung einer Burg durch einen Armbrustbolzen tödlich verwundet. Überliefert sind seine Worte: „Wer fähig ist, mich, den König, zu töten, der ist es wert, ein Ritter zu sein.“ (Der Schütze freilich wurde gehäutet, nicht geadelt.) Noch 1519 nahm Cortez Armbrustschützen nach Mexiko mit, die Eingeborenen waren davon kaum weniger als von den Pferden und Arkebusen der Spanier beeindruckt und terrorisiert.

In England wurde die Armbrust im 13. Jh. durch den jahrtausendealten Bogen verdrängt, der dank einer neuen Technik und Taktik an die 300 Jahre lang auch gegen Armbrust- und Musketenschützen bedeutende Siege bescherte und englische Bogenschützen zu begehrten Söldnern machte – der Deutsche Orden heuerte sie etwa im Kampf gegen Polen an. Als englischer Weitschussrekord wurden damals 560 Meter registriert, 350 Meter waren üblicher Durchschnitt. Möglich machte das der alte walisische Langbogen ((mit dem Ridley Scott auch Russel Crowe in „Robin Hood“ (2010) ausstattete und interessant machte)). Die Durchschlagskraft erhöhte sich dadurch, dass die Sehne nicht nur wie bei den Griechen, Arabern und Normannen bis zur Brust, sondern bis zum Ohr gespannt wurde. Im 17. Jahrhundert verzeichnete ein Wettschießen der türkischen Janitscharen, einer Bogenschützenelite, die schier unglaubliche Distanz von 845 Metern.

Der Militärhistoriker Martin van Creveld (Supplying War: Logistics from Wallenstein to Patton, 1977), berichtet, dass der Bogen als „widerwärtig“ und „bösartig“ galt, weil er die Waffe des armen Mannes war und eine Gefahr für das Waffenmonopol der Elite darstellte. Mit dem Bogen konnte jeder siegen, der sich darin geübt hatte, auch der allerärmste, „ehrlose“ Wicht, bemerkt Cora Stephan in ihrem „Handwerk des Krieges“ (1998).

Napoleons Revolution: der Tirailleur

In Preußen, Österreich und Frankreich gab es zu Zeiten von Clausewitz („Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf“) bereits Jägerbataillone, eine Elitetruppe besonders guter Schützen. Frankreich und Brandenburg hatten im 17. Jahrhundert damit begonnen, den Kompanien einzelne Jäger (chausseurs) zuzuteilen. Diese Scharfschützen rekrutierten sich meist aus Wildhütern und Förstern. Auch die Scharfschützen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, die in einem Turm oder auf einem Baum versteckt aus großer Entfernung einen Meldegänger oder Essenholer ins Visier nahmen, taten technisch nichts anders als ein Jäger auf dem Hochstand. „Wie Federwild“ knallte 1914 der britische Major C.S. Baines deutsche Soldaten bei Ypern ab, und wenn ein weiteres potentielles Opfer auftauchte, rief ihm einer seiner Männer zu: „Ihr Vogel, Sir!“

Die vielleicht wichtigste militärtaktische Neuerung Napoleons war der „Tirailleur“. Als „Plänkler“ verdeutscht, meint das Verb zerren, reiben, unruhig hin- und herhüpfen. Der einzelne Tirailleur war im Kampf auf sich allein gestellt, es waren Schützen, die in aufgelöster Linie, im Gelände nach Deckung suchend, das Gefecht eröffneten. In größerem Umfang hatte es solch einen Kampfstil bis dahin nur bei primitiven Völkern gegeben – etwa bei den Britanniern, die so die schwerfälligen römischen Legionen aufrieben. Das pure Gegenteil also der bisherigen, als geschlossene Menschengruppe in Formation auftretenden Kampfmaschinen, sei es die spartanisch-mazedeonische Phalanx, der schweizerische Gewalthaufen, das friderizanische Peloton. Einem einzelnen Individuum die eigene Entscheidungsmacht auf dem Schlachtfeld zu überlassen, auch das war eine Art von (französischer) Revolution, der Beginn einer klassenlosen Gesellschaft. Der von Offizieren geleitete, taktische Körper stand gegen den guten Willen des einzelnen Mannes. Ein Stoff, aus dem die Helden sind – und die guten Thriller, siehe Stephen Hunter.

Die Sharpe-Romane von Bernard Cromwell, in den 90er Jahren auch als recht aufwendige 16-teilige Fernsehserie mit dem Titel „Die Scharfschützen“ verfilmt, spielen zur napoleonischen Zeit und bringen den Helden und seine Männer quer durch Europa und hinter viele feindliche Linien. Sean Bean als Sergeant Richard Sharpe des 95th Rifles Regiment hat darin eine ziemlich kernige Präsenz.

„Wollt ihr tiraillieren, Kerls!“, wird von Friedrich dem Großen berichtet, als er 1770 bei einem Manöver seine Jäger auseinandertrieb. Fünf Jahre später begann der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Er etablierte für die offene Schützenlinie die moralische Voraussetzung wie die pragmatische Notwendigkeit – nämlich die Begeisterung der Kämpfenden für das eigene Vaterland, ausreichend Hass auf den Feind und des oft fehlenden Drills (etwa für die rollende Pelotonsalve) wegen die Notwendigkeit, jeden so angreifen und schießen zu lassen, wie er es eben konnte. Die amerikanischen Tirailleurs besiegten die Engländer und ihre deutschen Hilfstruppen, die drei Glieder tief Schulter an Schulter kämpften.

Generalmajor John Sedgwick war der Ranghöchste unter den Gefallenen der Unions-Seite im Amerikanischen Bürgerkrieg. Getötet wurde er von einem Scharfschützen, als er 1864 – aufrecht stehend – seine Männer zurechtwies, weil sie sich vor dem gegnerischen Feuer duckten. Seine letzten Worte: „Auf diese Entfernung trifft man doch nicht einmal einen Elefa...“

Ambrose Bierce

Das amerikanische Schlachtfeld

Ambrose Bierce war der einzige amerikanische Schriftsteller von Format, der im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte und ihn überlebte, seine „Geschichten aus dem Bürgerkrieg“ übten Einfluss auf unter anderem Stephen Crane, John Dos Passos, Ernest Hemingway, Norman Mailer – und Stephen Hunter. Bierce kämpfte zeitlebens gegen eine Verklärung des Krieges, er war als Soldat  bei Chickamauga und Missionary Ridge mitten in blutreiche Kämpfe verwickelt, bei denen die weitreichenden Whitworth-Gewehre der Scharfschützen der Konförderierten aus einer Meile Entfernung „die Männer wie vom Blitz getroffen niederstreckten“. Seine Kriegsmemoiren „What I Saw at Shiloh“, zu Weihnachten 1881 in San Francisco veröffentlicht, brachen die inoffizielle Verschwörung des Schweigens, berichtet von Schlachtfeldern, an denen an einem einzigen Tag an die 30.000 Menschen starben. „Faugh! I cannot catalogue the charms of these gallant gentlemen who had got what they had enlisted for.“ Bierce brach mit der Darstellung metaphorischer Schönheit des Opferns auf dem Schlachtfeld, er nannte das Blutvergießen beim Namen und beschrieb kalt und hart das buchstäblich tote Fleisch. Er selbst wurde bei der Schlacht von Kenesaw Mountain schwer verwundet, sein Kopf von einer Kugel „aufgeknackt wie eine Walnuss“. Seine „Civil War Stories“ („Geschichten aus dem Bürgerkrieg“) haben bei aller Nüchternheit und Brutalität auch einen Sinn für die schönen Seiten des Lebens und der Natur –  „a delight in the wonders of the world“, wie er selbst es nannte, eine sehr anrührende Eigenschaft, die seine Prosa immer noch lesenswert macht.

In seiner berühmten Erzählung „Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke“, in der die letzten Sekunden eines zum Tod durch den Strang verurteilten Soldaten sich zu etwas unerwartet Großem dehnen, sieht der Delinquent – sein Name ist Peyton Farquhar, wer die Geschichte liest, vergisst den Namen eine ganze Weile nicht mehr –  im Wasser „das Auge des Mannes auf der Brücke durch das Visier des Gewehres in seines Auge starren. Er nahm war, dass das Auge grau war, und erinnerte sich, gelesen zu haben, dass graue Augen die schärfsten sind und dass alle berühmten Scharfschützen sie haben. Dennoch hatte dieser danebengeschossen.“
David Madden legt seinen Roman „Sharpshooter“ (1996) als die simplen Lebenserinnerungen von Willis Carr an, der 13 war, als er von den Bergen Tennessees aus für den Norden in den Krieg zog. Gefangen genommen, wechselt er die Seiten und wird ein Scharfschütze, überlebt die grausamen Schlachten von Gaines Mills, Gettysburg und der Wilderness. Er desertiert, wird geschnappt, landet als Wächter im berüchtigten Gefängnis von Andersonville und lernt bei einem früheren Sklaven die Kunst des Lesens. Das alles erzählt Madden ohne Schnörkel, in einfacher Sprache und mit gedrosselten Emotionen. Die Kriegsschrecken wirken umso eindringlicher.

Ambrose Bierce war kein Kriegsgegner, er verschwand in den Wirren der mexikanischen Revolution. Einige Jahre zuvor schrieb er: „Eine moderne Schlacht ist ein Gerangel von Großköpfen, die alles dafür tun, das Töten möglichst weit weg von ihnen erledigen zu lassen.“

Schlacht von Shiloh, Gemälde von Thure de Thulstrup

„South of Shiloh“ – ein Scharfschützen-Thriller von Chuck Logan

Die Schützen des Amerikanischen Bürgerkrieges sind das explizite Thema des Thrillers „South of Shiloh“ von Chuck Logan (nicht zu verwechseln mit Chuck Hogan, von dem in letzter Zeit die Verfilmung eines Romans ins Kino kam, Ben Afflecks „The Town“). Logan ist ein Vietnamveteran, Autor von insgesamt acht hierzulande unübersetzt gebliebenen Thrillern (was verstehe, wer will),  in denen die Militärvergangenheit seiner Protagonisten eine wichtige Rolle spielt: Hunter’s Moon / The Price of Blood / The Big Law / Absolute Zero / Vapor Trail / After the Rain / Homefront.

Die Schlacht von Shiloh vom 6. und 7. April 1862 war eine der wichtigsten militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Unions-Armee des Nordens und den rebellischen Konförderierten des Südens. Diese und andere Schlachten nachzustellen ist für viele Amerikaner eine geradezu patriotische Sache geworden. Es gibt Tausende von Enactment-Groups, alleine im „Project Appleseed“ sind über 10.000 Schützen registriert, die im letzten Jahr bei knapp 1000 Veranstaltungen in historische Kostüme schlüpften und mit alten Waffen feuerten. 900 Schuss Munition sind für solch ein Wochenende mitzubringen, heißt es in den Anmeldeformularen. In „Rifle Marksmanship Clinics“ können schon Kinder zweitägige Schießkurse belegen. Bei Chuck Hogan nutzt ein Heckenschütze das Historiengetümmel, um Menschen abzuknallen. Ein Polizist, für den eine der Kugeln bestimmt war, und ein Fotograf machen sich ans Ermitteln, der Roman zieht aus dem Gegensatz von Heute und Gestern großen Gewinn – und teilweise auch ziemlichen Spaß. „Jesus, die Luft muss damals anders gewesen sein, keine Autos, keine Fabriken. Und Tausende von Männern, die niemals eine Fernbedienung drücken mussten, um einer Fernsehwerbung zu entkommen.“ Der Cop, mit Leib und Seele halb in der Bürgerkriegsvergangenheit, liest wieder und wieder Stephen Cranes „Red Badge of Courage“, so „als wäre es ein wertvolles Fundstück, ein Überbleibsel aus eine reineren Zeit. Denn im Bürgerkrieg fand er seine Zuflucht, dort glaubte er, hatte das, was ein einzelner Mann an einem bestimmten Tag tat, tatsächlich den Lauf der Geschichte bestimmt.“

So war es – ob wir nun Mailer, DeLillo oder Stephen King folgen und glauben wollen – auch mit Kennedy. Nach dem Debakel der kubanischen Schweinebucht  kündigte er in einer Rede vor Zeitungsherausgebern im April 1961 an, die Ausbildung für den Guerillakrieg zu verstärken: „Diese älteste Form der Kriegsführung wird gerade im Zeitalter der modernsten und tödlichsten Waffen eine entscheidende Bedeutung erhalten. Zu lange haben wir unsere Augen auf die traditionellen, militärischen Erfordernisse gerichtet, auf Armeen, die zum Überschreiten von Grenzen, auf Raketen, die zum Abschuss bereit sind.“

Wenn alle Verbindungslinien zerstört sind und weder Nachschub noch Befehle kommen, dann schlägt die Stunde des Kämpfers, der alles gelernt hat, der nichts braucht – und vor nichts zurückschreckt. Jeder von ihnen ein Ein-Mann-Krieg. Ein Scharfschütze, der alleine operiert.

P.S.: Waffentechnische Ausrüstungsfragen sind in diesem Text zugunsten einer breiteren Darstellung unterblieben. Natürlich wäre es interessant zu verfolgen, wie die langen Musketen der amerikanischen Waldläufer und die aus Europa mitgebrachten Schützengewehre im amerikanischen Bürgerkrieg eine rasante Modifizierung erfuhren, wie die Erfindung des Knallquecksilbers die Steinschlosswaffen ablöste, wie etwa das bayerische Podewils-Lindner-Gewehr, eine adaptierte Perkussionswaffe, nach Amerika kam, wie sich die Papierpatronen verfeinerten (daraus macht Chuck Logan in „South of Shiloh“ eine erzählerische Volte), wie der in Magdeburg geborene Hugo Borchardt das Sharps-Gewehr mitentwickelte und welchen Herren er alles diente, welche Konkurrenz die Whitworth Rifle hatte, von welcher Beschaffenheit die Scharfschützenkugel war, die Admiral Nelson 1805 in der Schlacht von Trafalgar niederstreckte und 375 Millionen Details mehr. Dazu gibt es Wikipedia und auch einschlägerige Webseiten (no pun intendend). Und natürlich weiß ich, dass ein Sniper heutzutage meist mit einem Spotter (Beobachter) auftritt. Das mindert aber nicht seine hier beschriebene Furchtbarkeit als Einzelkämpfer.

Alf Mayer

Zum Teil eins geht es hier, zu Teil zwei hier.

Gallery der Waffen, Gallery von Scharfschützen

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