Posted On 24. März 2012 By In Crimemag, Vermischtes With 1230 Views

Alf Mayers „Blutige Ernte“: Stephen Hunter, Teil VI

Eines langen Tages Reise in die Nacht

Zur Kulturgeschichte des Scharfschützen und zum Thriller-Autor Stephen Hunter (Teil VI)

13.000 Soldaten, 12.000 Polizisten, hunderte Scharfschützen, Scharfschützen auch in jedem Stadion und jeder Arena, Kriegsschiffe in der Themse, Boden-Luft-Raketen und Eurofighter, so will England jetzt im Juli/August für sichere Olympische Sommerspiele in London sorgen. Auch bei der Fußball-Europameisterschaft in Polen werden Scharfschützen eingesetzt. München ist inzwischen 40 Jahre her, die Welt nicht friedlicher, sondern gefährlicher geworden, die Aufrüstung seitdem exorbitant. Wie halbwegs unschuldig die Welt einmal war – einigermaßen frei auch noch von der explizit auf das Töten ausgerichteten Schattenwelt der Scharfschützen („Taking lives“) – das zeigte sich exemplarisch bei der Olympiade 1972 in München. „Heitere Spiele“ sollten es werden, die Polizisten im Olympischen Dorf waffenlos, ihre Uniformen babyblau, die erstmals in großem Stil als Wegweiser eingesetzten Piktogramme abgerundet an den Kanten. Eine Eiapopeia-Welt.

In sie brach in der Nacht zum 5. September 1972 eine Gruppe pälestinensischer Kämpfer, zum Sterben bereit und für den Einsatz vorbereitet, ihr Anführer hatte zehn Jahre in Deutschland gelebt und studiert. Der Name der Terror-Organisation: „Schwarzer September“. Sie nahmen sich israelische Sportler als Geiseln, ließen an ihrer Entschlossenheit keinen Zweifel. Die deutschen Behörden und „Sicherheitskräfte“ waren überfordert. Schlimmer noch: unvorbereitet. Der Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber hatte zwar unter anderem ein Bedrohungsszenario entworfen, in dem PLO-Kämpfer nachts über einen Zaun des Olympiadorfes steigen und israelische Geiseln nehmen, das aber wurde von der Polizeiführung als völlig unsinnig verworfen.

„Polizeipsychologen sind dazu da, dass man sie erschlägt“, soll der Münchner Polizeipräsident Georg Schreiber im bösen Scherz gesagt haben, berichtet der damalige Stadionsprecher Joachim „Blacky“ Fuchsberger in dem ZDF-Dokumentarfilm „München 72 – Die Dokumentation“. Die Doku aus der Werkstatt Guido Knopp (mit dem üblichen Verschwörungsgeseier über eine „bis heute von der Regierung nicht bestätigte BND-Spezialeinheit Stay Behind“, die das alles hätte verhindern können, wenn man nur das ZDF rechtzeitig gefragt hätte) lief jetzt am 19. März 2012 im Anschluss an den Fernsehfilm „München 72 – Das Attentat“. Die Faction-Schnulze aus dem Hause Nico Hofmann ist mit herkömmlichsten Zutaten angerührt, dass sich die Zehennägel krümmen, vermittelt aber immerhin ein anschauliches Gefühl der damaligen Harmlosigkeiten. Viel stärker dagegen wirken die heute geradezu gespenstisch anmutenden Dokumentaraufnahmen: Polizisten in Trainingsanzügen und Stahlhelm, die sich vor den Fernsehkameras der Welt anschleichen (wollen), stammelnde und schwafelnde Politiker und die davon ungerührten, vermummten Terroristen. Freilich bleibt die Doku weit hinter der britischen, oscar-gekrönten Dokumentation „Ein Tag im September“ von 1999 zurück, bei der Kevin MacDonald (Der letzte König von Schottland) Regie führte und unter anderem der heutige Thrillerautor Gerald Seymour, damals als TV-Reporter in München, als Augenzeuge auftritt.

http://www.youtube.com/watch?v=obXgu2U-VRg

Auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck, von dem aus die Terroristen samt Geiseln ausgeflogen werden sollten, standen dann fünf „Polizeischarfschützen“ acht Kämpfern des „Schwarzen September“ gegenüber. Bis zuletzt war man von fünf Geiselnehmern ausgegangen, die Zahl „acht“ wurde nie nach Fürstenfeldbruck kommuniziert, der Münchner Polizeipräsident Schreiber sieht sich bis heute nicht dafür zuständig (siehe den ZDF-Dokfilm). Die „Polizeischarfschützen“ vor Ort waren fünf normale Streifenpolizisten, denen ihr Chef befohlen hatte: „Holen Sie sich ein Gewehr aus der Waffenkammer!“ Keiner von ihnen war richtig mit solch einem Schießprügel vertraut (ein normales Bundeswehr-G3, jedem Rekruten bekannt, aber gewiss keine Sniper-Waffe), sie hatten untereinander keinen Funkkontakt, verfügten über keine Nachtsichtgeräte und wurden auch noch durch die auf falschen Positionen landenden Hubschrauber beeinträchtigt. Als der bayerische Innenminister Merk (damals ohne Rücktritt oder größere Schande davon gekommen, ich habe ihn selbst als junger Journalist an seinem Ruhestands-Wohnsitz Günzburg erlebt) den Befehl gab „Feuer frei!“, wurde nur ein Entführer getroffen. Manche der fünf Polizisten waren unfähig abzudrücken. Es helfe gar nichts, einen im Visier zu haben. „Egal, ob gut oder böse, das ist schließlich ein Mensch. Da gibt es eine Beißhemmung. Man muss das trainiert haben, da abdrücken zu können“, sagt einer der damaligen Polizeischützen im Dokumentarfilm – mit verstellter Stimme. Wegen der Gefahr, die eigenen Leute zu gefährden, zog die Einsatzleitung ihre sonstigen Kräfte zurück, bis mit stundenlanger Verspätung Panzerwagen eintrafen. Das Ergebnis des Fiaskos: 17 Tote, davon elf tote Israelis und ein toter Polizist. „Alles musste eben improvisiert geschehen“, meint Bruno Merk dazu im Film.

Bundeswehr HK G3A4, G3A3

Der ZDF-Spielfilm endet nach einer absurden Vogelperspektive mit dem Einschwören einer neuen Truppe auf „harte Einsätze“: Ulrich Wegner und „seine“ GSG 9. Merkwürdig soft ist nicht nur das TV-Movie, auch die dazugehörenden ZDF-Pressetexte sind weichgespült. Zum Beispiel: „Die Geiselnahme einer Gruppe von israelischen Sportlern während der Olympia 1972 in München gerät zu einem Desaster. In einer noch nie dagewesenen Situation kämpfen die Verantwortlichen und Sicherheitskräfte verzweifelt um Rettung. München 72 ist die ‚Stunde Null‘ des internationalen Terrorismus. Mit der Bildung der Spezialeinheit GSG9 werden später die Konsequenzen gezogen.“ Kein Wort zu den Drahtziehern, keinerlei Verbindungslinien zur Gewalteskalation der letzten vier Jahrzehnte oder Kritisches zu den damals Verantwortlichen.

„Der Engländer“ in Paris: Forsyths „Schakal“

Scharfschützen waren zu Anfang der 1970er Jahre noch eine rare Spezies – ausgemustert, abgeschoben, abgemeldet und vergessen, sobald ein Krieg zu Ende war: „The games must go on“, hieß es in München. Umso heftiger die „Einschläge“ ins kulturell Unbewusste – wie etwa beim Kennedy-Mord 1963 (siehe Teil drei) oder dann 1971 auf der literarischen Bühne, als der englische Journalist Frederick Forsyth mit seinem Romanerstling „Der Schakal“ (The Day of the Jackal) über ein (fiktives) Attentat auf den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle einen internationalen Bestseller landete, der bald in elf Sprachen übersetzt wurde. Dabei war es für Forsyth nicht einfach gewesen, einen Verlag zu finden, die Geschichte eines Attentats, das nie stattgefunden hatte, galt als schwierig. De Gaulle war noch kein Jahr tot. Hutchinson in London sagte schließlich zu, der Fama nach half die Empfehlung von Andre Malraux, Kulturminister unter de Gaulle, dass das Buch gewiss erfolgreich würde.

„Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der gegen die Kugel eines Attentäter gefeit wäre“, sagt der englische Profi zu seinen französischen Kunden, die gerade ein Attentat auf ihren Staatspräsidenten versiebt haben. Forsyth, als Journalist nahe an einem Berufsverbot, nachdem er sich in Biafra allzu sehr auf die Seite der Gerechtigkeit geschlagen hatte (ein biografisches Surplus, auf das sich auch Andrew Vachss gerne beruft), steigt für damalige Verhältnisse hart und kühn ein in seinem Erstlingsroman, nämlich mit der Hinrichtung des Oberstleutnants Jean-Marie Bastien-Thiry am 11. März 1963.  Daran war nichts erfunden, Bastien-Thiry war der Verantwortliche des damals zweiten Attentats auf Charles de Gaulle, das die OAS (Organsiation de l’Arrmée Secrète) verübt hatte. Ganze Teile der französischen Armee waren frustriert über die Dekolonialisierung Algerien, ein für sie unrühmliches Ende eines zwölfjährigen, brutal geführten Krieges. Zwei OAS-Attentate gingen fehl, Forsyth strickte einen dritten Anlauf, für den „Der Engländer“ angeheuert wird, ein Profikiller, der noch einen letzten fetten Auftrag braucht, ehe er sich zur Ruhe setzt.

In 35 Tagen geschrieben, ist „Der Schakal“ kaum seines literarischen Niveaus wegen bemerkenswert (bis heute ein Mangel Forsyths), aufregend und neu daran war, dass dieser Thriller auf journalistischen Erfahrungen beruhte und in weiten Teilen äußerst realitätsnah war. Forsyth hatte jahrelang aus Frankreich berichtet, hatte Kontakte zu Polizei und Geheimdiensten wie auch zur OAS. Nur wenige Charaktere waren erfunden, ein paar Namen geändert – ein dokumentarischer Thriller. Die Methoden, die Forsyth zum Beispiel für die Beschaffung falscher Identitäten beschrieb, waren so realistisch, dass die britischen Melde- und Passämter daraufhin die Möglichkeit beschnitten, ohne weiteres Einblick in die Geburtsdaten anderer Personen zu nehmen. Weite Strecken des Buches sind gründlich recherchiert, Forsyth meinte, er habe gefühlte zwölf Jahre in dieses Buch gesteckt. Aufgeteilt in drei Teile (Anatomie eines Plans/ Anatomie einer Menschenjagd/ Anatomie eines Kills) schneidet der Autor zwischen ermittelnder Polizei, Geheimdienstapparat und Verschwörern einer- und dem „Engländer“ andererseits, der seine stets kühl beherrscht seine Vorbereitungen trifft und äußerst methodisch vorgeht. Für einen Regisseur wie Steven Soderbergh (gerade mit „Haywire“ im Kino) ist der Schakal heute noch das „role model“ für einen Thrillerhelden, ultracool und hochprofessionell.

„Ich mag ihn nicht“, sagt im Roman einer der Verschwörer. „Er arbeitet alleine, ohne Helfer. Solche Männer sind gefährlich. Man kann sie nicht kontrollieren.“ Für die Polizei ist der Schakal ein Unbekannter, ein Phantom, er soll in der Karibik den dominikanischen Diktator Trujillo ermordet haben sowie zwei deutsche Raketenspezialisten in Ägypten, die für Nasser Angriffswaffen gegen Israel bauen wollten. Auftraggeber für diesen Kill ein New Yorker Multimillionär, so die schmale Vita, die Forsyth seinem Protagonisten gibt. Der Schakal ist ein Mann der Tat, hierbei entschlüsselt sich sein Charakter, während sein Gegenspieler, der Kommissar Lebel in der Leser Gegenwart etwas mehr denken und vermuten darf. Das eigens von einem Waffenschmied gefertigte, zerlegbare Gewehr transportiert der Schakal als hinkender und kranker Armeeveteran, er hat ein wenig Kordit gegessen, um grau und fahl auszusehen, in eine für das Attentat ausgespähte Pariser Wohnung. Nüchtern und kühl wird beschrieben, wie er die Waffe zusammenbaut und auf den richtigen Moment des Schusses wartet. Lebel, der Polizist, der ihn jagte, stellt ihn im letzten Moment. Den Schusswechsel überlebt der Schakal nicht. Kurzdarauf wird ein Leichnam anoynm bestattet. Fall erledigt. Ohne Aufhebens ist das Buch zu Ende, der Nachhall findet in den Köpfen der Leser statt.

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Die Verfilmung durch den Hollywood-Routinier Fred Zinneman im Jahr 1973 war kein sonderlicher Erfolg, aber sie ließ sich 145 Minuten Filmzeit, um die Thrillerelemente aufzubauen und auszukosten. Vor dem Finale zwischen Polizist und Scharfschützen gibt es eine achtminütige, fast dokumentarische Sequenz ohne jeden Dialog. Edward Fox als Schakal entwickelt hier eine fröstelnde Präsenz. Michael Caine, der für die Rolle des Attentäters vorgesprochen hatte, war damals abgelehnt worden, es sollte ein weniger bekannter Schauspieler sein. Und man muss konstatieren, Edward Fox war perfekt. Bruce Willis dagegen, der selten eine schlechte Figur macht, lag in dem Remake von 1997 (Regie Michael Caton-Jones, der zuletzt bei „Basic Instinct 2“ präejakulierte) als Schakal total daneben, am Rande der Lächerlichkeit chargierend, ebenso wie der als Ex-IRA-Scharfschütze deplazierte Richard Gere. Dieses Remake zählt für mich zu den zehn schlechtesten der Filmgeschichte, allerdings wird dabei Evolution sichtbar. Davon in einem späteren Teil dieses Textes.

Der heute 73-jährige Forsyth wurde jetzt im März 2012 von der britischen Crime Writers Association (CWA) mit dem „Diamond Dagger Award“ ausgezeichnet, begründet vom CWA-Vorsitzenden Peter James damit, dass „Der Schakal“ einer der größten Thriller unserer Zeit bleibe. Forsyth habe damit neue Standards recherchen-basierter Authentizität gesetzt und viele Autoren beeinflusst. Wie einschneidend der Perspektivwechsel zu einem Scharfschützen als Hauptfigur eines Thriller damals war, macht vielleicht jener Vergleich deutlich, den der große alte Krimikritiker und Autor Stanley Ellin 1971 in seiner Rezenion in der „New York Times“ zog: Er verglich „The Day of the Jackal“ mit Miltons „Paradise Lost“, in dem dieser für den Teufel Partei ergreift.

Quiller in Bangkok: „All diese Wochen nur die Gesellschaft des Fernstechers …“

Forsyth war freilich nicht der Erste, der einen Scharfschützen wirkungsvoll als Hauptfigur in einem Thriller einsetzte. Diese Ehre gebührt dem ohnehin außerstellar innovativen, englischen Thrillerautor Adam Hall (Elleston Trevor aka Trevor Dudley-Smith, 1920–1995), dessen bekanntestes Buch wohl „Der Flug des Phönix“ ist, von Robert Aldrich kongenial verfilmt und ebenfalls im Remake hingerichtet. Neben Halls Agent Quiller – kein Vorname, kein Familienleben, manchem vielleicht bekannt aus dem „Quiller-Memorandum“ (dtsch. Das Berlin-Memorandum) – bleibt James Bond ein Salonlöwe, eine Pussy. Für mich ist Quiller der interessanteste aller Agenten, Adam Halls Bücher sind Feuerwerke an Cliffhanger-Kunst, Reflexion und spielerischer Dekonstruktion aller Elemente, die im Agentenroman heilig und praktisch sind. Nicht umsonst machte der Kommunikationssoziologe Erving Goffman Quillers Auffächerungen praktischer Handlungstheorie 1974 zum lustvoll zitierten Anschauungsmaterial seiner „Rahmen-Analyse“, einer spieltheoretisch geprägten Theorie des „Individuums im öffentlichen Austausch“ (i. e. was die Leute auf der Straße miteinander tun) und der „strategischen Interaktion“ bei Ungewissheit, Risiko und nur scheinbar Vertrautem. Quillers Verhalten im Feld, so interpretiert Goffman, ist das eines „beteiligten Beobachters“ – eine wirklich nette Charakterisierung eines Agenten –, „der Rahmen für das Verstehen sucht, die ihm als Handelnden in seinem Tun einen Sinn geben“. Quiller greife notfalls auch zum (lebensgefährlichen) „Spießherumdrehen“, um „die Auffassung von dem zu ändern, was vor sich geht“. Quillers Manöver sind für Goffman „Einschätzungsspiele: Aufdeckungszüge und Gegenzüge gegen das Aufgedecktwerden“ mit Hilfe von „Eindrucksmanipulationen und mehrdeutig kommunizierbaren Informationen“ als „Ausdrucksspiele“ und „vielschichtige Eigensituationsanalysen“.

Das alles also ein wenig mehr als die bloß dichotomische Konfrontation Schakal/Kommissar, ein mit den Instrumenten der Wahrnehmungspsychologie aufgeschlüsseltes Beziehungsdrama, eine Lektion darin, wie der Scharfschütze die Welt sieht – und wie viel er von ihr sieht. Sehen kann. Sehen muss. Sehen sollte.

Als ich jetzt nach Jahren Adam Halls zweiten Quiller-Roman wieder las, war ich elektrisiert, wie frisch und modern das alles geblieben ist. „Der neunte Befehl“ (The 9th Directive, London 1966) führt den englischen Geheimagenten nach Bangkok, wo es gilt, einen Anschlag auf den königlichen britischen Staatsgast zu verhindern. Quiller lehnt erst ab, weil das lediglich ein Polizeijob sei. Dann aber erfährt er, dass sein Gegner der Profikiller Kuo sein wird, einer der wenigen international renommierten „Attentäter, die eine Regierung zu Fall bringen können, indem sie deren Führungsspitze eliminieren“. Kuo ist Profi. Quiller ebenso. Es wird ein mit viel Scharfsinn ausgetragener Kampf, eine Sache des Köpfchens und der Wahrnehmungsstrategien ebenso wie der richtigen Bewaffung. Adam Hall etabliert hier einen Topos des Scharfschützengenres, den der US-Autor Stephen Hunter dann ab den 1980er Jahren  zur Meisterschaft perfektionieren wird: das Duell der Scharfschützen (siehe Teil eins und zwei). Bei klugen Autoren muss solch eine Konstellation nicht langweilig werden, wie auch die Geschichte des Western-Genres zeigt. (Zum Verhältnis, Können und Potential von Literatur und Film in Sachen Scharfschützen in einer späteren Folge mehr.)

Die beiden gegnerischen Scharfschützen belauern sich mitten in Bangkok, legen falsche Fährten, tricksen sich aus. Als Quiller im entscheidenden Moment den Abzug drückt – er hat die Position seines Gegners über Tage ausgemacht und belauert: „All diese Wochen nur die Gesellschaft des Feldstechers, ihn wie einen Bruder kennenlernen, bald schon würden wir wieder Fremde sein“ – und im Zielfernrohr sieht, wie sich Gesicht und Kopf seines Gegners mit einem dunklen Rot überziehen, weiß er plötzlich, dass er umsonst getötet hat. „Irgendetwas stimmte nicht, denn die Menge unten hatte zu schreien begonnen.“ Das Attentat, das er verhindern sollte, hatte auf Straßenebene stattgefunden, es war gar nicht um einen Schuss aus einer größeren Entfernung gegangen, sondern, wie sich herausstellen wird, um eine Entführung. „Da hatte also ein wildes Tier das andere gefressen“, sinniert Quiller, „und das alles ohne jeden Sinn. Jetzt kauerte es sich in seine Ecke und leckte seine Wunden.“ Sätze von 1966, ein Echo von Geoffrey Households „Einzelgänger, männlich“ (siehe Teil vier): „Wir sind zu alt, zu sehr Tier, um uns zu sehr in unseren eigenen Gedanken zu verlieren, dass wir unsere Umwelt nicht mehr registrieren“, heißt es bei Adam Hall. Gemeint ist: gattungsgeschichtlich zu alt, denn: „Unsere Umwelt ist der Dschungel … Du sollst an nichts als die Mission denken. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Wenn du nur blinzelst, kann dir Lebenswichtiges entgehen.“

„Die Schulter kannte jetzt das Ausmaß des Rückschlages“

Kuo ist gar nicht tot, es war ein Statist, den Quiller erschoss, das Schachspiel geht weiter, und Quiller wird seinen Gegner doch noch ins Visier bekommen. Durch das Zielfernrohr blicken sie sich in die Augen, zwei ebenbürtige Profis. Dass Quiller dann nicht abdrückt, ist die Konklusion eines raffiniert gedrechselten Plots, der komplett aus der Innensicht Quillers erzählt wird.
„135 x 2 x 8 = 2160. Der Neigungswinkel des Planeten selbst war ein Faktor …“, misst er die vermutet beste Position seines Gegners aus, fotografiert ihn gar mit einer teuren Optik, für Leser ein Schnellkurs in Telemetrie. Und dann besorgt Quiller sich eine Waffe, „die selbst Kuo gefallen würde“. Husqvarna ist das nächste Kapitel überschrieben, der Name war mir bis dahin nur bei Kettensägen und Nähmaschinen geläufig, und es dauert eine Adam-Hall-üblich quälend lange Sequenz, bis Quiller auf dem Tausend-Meter-Schießstand des Bangkoker Rifle Clubs eintrifft und das Ding mit dem ominösen Namen auspackt. „Der Waffenhändler hatte sie auf meine Anweisung hin zum Club geschickt, das Zielfernrohr war bereits montiert. Ich benötigte eine großkalibrige Waffe, die selbst auf große Distanz noch exakt ihr Ziel zu treffen vermochte, die eine hohe Mündungsgeschwindigkeit und große Durchschlagskraft der Kugel gewährleistete. Deshalb musste ich mich für eine halbautomatische Repetierwaffe entscheiden, bei der man zwar einige Zeit zum Nachladen benötigt, die aber dafür äußerst zuverlässig ist. Alle Husqvarnas sind wunderbare Waffen, aber die Beste ist die 561. Das ist eine .358er Magnum mit einem Drei-Schuss-Magazin, einem fünfundsechzig Zentimeter langen Lauf, einem handgearbeiteten Schaft aus Walnussholz mit gerippter Schulterstütze und Tragriemenhalterung. Der Pistolengriff ist mir Rosenholz eingelegt. Die ganze Waffe wiegt gut dreieinhalb Kilo, und der Rückstoß liegt irgendwo in der Gegend von zwanzig Tonnen pro Quadratinch, was eine extrem hohe Mündungsgeschwindigkeit und mit einer Zehn-Gramm-Kugel eine beinahe waagerechte Flugbahn bewirkt.“

Es folgen aufschlussreiche Angaben zur Zieloptik und diese Zitate stehen hier nicht aus einem waffenfetischistischen Grund, sondern weil solche Informationen und Kenntnisse 1965/66 einem englischen Autor, 1972 aber auch nicht annähernd irgendwelchen Polizeiverantwortlichen in München zur Verfügung standen – man muss die Gesichter in den Dokumentationen gesehen haben. Die Polizisten in Fürstenfeldbruck mussten mit ihnen ungewohnten Gewehren zum Einsatz, der fiktive Quiller in Bangkok lässt sich Zeit, um mit seiner Waffe vertraut zu werden: „In zwei Stunden feuerte ich fünfzig oder sechzig Schuss und ging mit äußerster Sorgfalt vor, überprüfte das Ziel und korrigierte die Justierung des Zielfernrohres, bis ich schließlich ein gutes Dutzend Treffer genau im Zentrum der Zielscheibe landete. Dann hörte ich auf. Das Zurückzucken, das noch die ersten Schüsse begleitet hatte, war verschwunden, die rechte Schulter pochte zwar, kannte aber jetzt das Ausmaß des Rückschlages; das Auge war so sehr auf das Fadenkreuz eingestellt, dass ich selbst noch dann ‚sah‘, als ich bereits wieder auf dem Weg zurück zum Clubhaus war. Ich war bereit für mein Rendezvous mit Kuo.“ Der Thriller „Der neunte Befehl“, wie die ersten zehn Quillers ehemals bei Ullstein erschienen, wurde 1990 bei Bastei-Lübbe wieder aufgelegt, vielleicht hat ihn ja noch ein Antiquar im Keller.

Freelings Inspektor Van der Valk, angeschossen am Hang

Ebenfalls aus dem Jahr 1966 stammt ein Roman, der prototypisch für einen anderen Typus des Scharfschützen steht, und der ebenso wie dann „Der Schakal“ einen „Edgar“ erhielt. Es ist „Bluthund“ von Nicolas Freeling. Gleich zu Beginn liegt sein Inspektor Van der Valk angeschossen und schwerverletzt an einem Hang und verblutet langsam. Im Wundfieber zieht noch einmal der ganze Wahnwitz des Falles an ihm vorbei, die grausame Hetzjagd nach dem Mann, der alles besaß, nur nicht das, was er sich wünschte: mit seiner jungen Geliebten allein zu sein. Angefangen hatte es mit einem Ruf zum Chef, wie alle Tage, und nun sollte es hier enden, an einem Hang in den Pyrenäen. Niedergeknallt hatten sie ihn wie einen Hund, einen tollen Hund. Ein Bluthund.

Solchermaßen begründet sich der deutsche Titel für „The King of the Rainy Country“ von Nicolas Freeling (1927–2003). Der in Frankreich  seßhaft gewordene Brite, ein leider viel zu wenig bekannter, eleganter und ungemein gebildeter Autor, ein Europäer der ersten Stunde, sozusagen der Stendhal der Kriminalliteratur, hat ein feines Gespür dafür, wie sich die Nachkriegswelt verändert und in welchen kulturellen Untergrund das Blut sickert, das heute vergossen wird. Sein Van der Valk weiß, dass nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der er niedergeschossen worden war („eine Zehn-Fünfundsiebziger Mausergewehrkugel“) einstmals General Soult den Grenzfluss Bidassioa überquert

Nicolas Jean-de-Dieu Soult

hatte. Nicolas Jean-de-Dieu Soult war ein französischer Revolutionsgeneral, dann Marschall Napoléons, zweimal französischer Kriegsminister und letzter Generalfeldmarschall in der Geschichte Frankreichs, der Vertreter einer Zeit, in der in geordneten Formationen gekämpft wurde und Scharfschützen auf dem Schlachtfeld weithin unbekannt waren (siehe Teil drei). Jetzt 150 Jahre später, so fiebert Van der Valk, „war der letzte der Marschälle mit einem Gewehr in einem Flecken Buschwerk gelegen und hatte darauf gewartet, dass ein holländischer Geschäftsmann namens Canisius mit seinem Wagen an der Grenze hielt“.
Freelings „Bluthund“ hat einen gänzlich anderen Ansatz als Adam Halls „Neunter Befehl“, bei beiden jedoch  ist der Gebrauch einer Scharfschützenwaffe programmatisch. Quillers Duell in Bangkok ist eine Sache unter Profis, Freeling interessiert sich für den Anteil des Amateurs, des Halbgebildeten und nur Halbzureichenden, des Dilettantischen – auch dies ein Vorschatten auf München.

„Es war niemand da, der improvisieren konnte, niemand mit etwas Phantasie. Aber Amateure wurden auch gebraucht. Was konnte ein Berufspolizist unter diesen Umständen tun? Seine berühmten Vorschriften und Verfahrensregeln waren sämtlich sinnlos und unbrauchbar … Was ich brauche“, sinniert Van der Valk, „ist eine Welt wie Kiplings Indien, wo die Eingeborenen Eingeborene sind, wo untergeordnete Beamte sensibel und voller Selbstaufopferung ihren Dienst tun, wo die ganze Welt von der Dame von Windsor regiert wird und es nichts gibt, was ein einundzwanzigjähriger Journalist nicht mit fünfzehnhundert Worten gemeinverständlich berichten könnte.“ Van der Valk „tat, was er tat, weil hier für einen Professional kein Platz mehr war. Er hatte keinerlei Beweise und handelte aus Instinkt.“ Das Nebenfeld, die Auseinandersetzung zwischen zwei Unternehmertypen einem Überlebenden des Banditentums des 19. Jahrhunderts und einem modernen Finanzjongleur (im Jahr 1966!), muss hier leider beiseite bleiben. Keiner von ihnen jedoch war der Schütze, es war die Ehefrau des Alten, „die sich aufgemacht hatte, um ein letztes Gefecht für den Marschall zu liefern – mit einem Gewehr.

Möglicherweise stellte sie sich vor, dass der alte Herr unter ähnlichen Umständen genau eben das getan hätte.“ Mit bloßen, unbewehrten Händen geht Van der Valk gegen sie an: „Anne-Marie! Es hat keinen Zweck. Auf diese Art erreichen Sie nichts! … Er hatte das Gewehr überhaupt ganz vergessen, oder beinahe jedenfalls, und als der Schuss fiel, überrumpelte er ihn auf eine Weise, die er nie für möglich gehalten hatte. Es war eine körperliche Überraschung, falls man es eine Überraschung nennen konnte, wenn etwas wie eine riesige Eisenhand einen plötzlich von nirgendwoher mit gewaltiger Wucht in der Leibesmitte packte und zehn Meter weit den Abhang hinunterschleuderte wie ein Bündel schlaffer Kleider. Und doch hatte er, ehe er das Bewusstsein verlor, noch Zeit, auch die geistige Überraschung über den Schuss zu registrieren. Sie hat mich angeschossen, sagte er sich mit einer zänkischen Stimme. Die blöde, blöde Ziege.“

Nicolas Freeling, der hier den Affekt in den kleinen Kanon der Sniper-Literatur einführt, gibt all seinen Epigonen ganz am Ende ein Zitat von La Bruyère auf den Weg: „Alles ist schon gesagt worden, und man kommt um siebentausend Jahre zu spät, die nun schon Menschen existieren und denken“, schließt sein Kriminalroman. („Tout est dit, et l’on vient trop tard depuis plus de sept mille ans qu’il y a des hommes, et qui pensent.“)

In Ed McBains 87. Revier: „Eben ein Kerl, der durch die Straßen lief“

Van der Valk war jedoch nicht der erste fiktionale Ordnungshüter, der es mit einem Scharfschützen zu tun bekam. Die erste richtige polizeiliche Ermittlung in Sachen Scharfschütze erdachte sich Ed McBain, der Altmeister des police procedurals, im Jahr 1963 als Folge 16 seiner 87.-Polizeirevier-Serie. „Ten plus One“ erschien 1966 als rororo-Thriller  und in Reinbek bei Hamburg werden sie wohl eine Weile gerechnet haben, bis die Zahlenangabe des Originaltitels als „Neun im Fadenkreuz“  korrigiert war. Die rororo-Krimis mochte ich immer auch wegen ihrer pfiffigen Auflistung der dramatis personae, „Die Hauptpersonen“ genannt. Sie beginnt mit DIE TOTEN, zählt acht Namen, die „nichts gemeinsam haben außer ihrem Tod“, eine mutwillige Irreführung, wie sich herausstellen wird. Dann gibt es DIE LEBENDEN und DIE MÄNNER VOM 87. REVIER: Steve Carella, Meyer Meyer und Bert Kling „haben die Nase voll“ – und einen Toten nach dem anderen als ungelösten Fall. Das Buch startet ein wenig perfide mit harmlosen Frühlingsgefühlen: „Niemand denkt an einem strahlenden Frühlingstag an den Tod“, lautet der erste Satz. „Im Frühling müsste das Sterben verboten werden. Der Mann, der aus dem Bürohaus auf der Culver Avenue trat, war vermutlich auch dieser Ansicht. Und er hätte sich bestimmt an ein solches Verbot gehalten. Er war ein guter Bürger, ein fleißiger Arbeiter, ein treuer Gatte, ein liebevoller Vater“, der an allerlei Frühlingsfreuden denkt, „als die Kugel durch die frische, klare Frühlingsluft schwirrte, als sie, fast unsichtbar, vom Dach des gegenüberliegenden Hauses, hoch über die Verdecke der käferkleinen Wagen und die Köpfe der ameisenkleinen Menschen hinweg, die sich des Frühlings freuten, unbeirrt, rasch und gefährlich, mit tödlicher Sicherheit hinabflog zum Bürgersteig der anderen Straßenseite, um zwischen seinen Augen zu landen.“

Mitten am hellen Tag, mitten in der Stadt schlägt ein anonymer Scharfschütze zu – ein Topos, den wir aus dem Film Noir „The Sniper“ kennen (siehe Teil fünf).

„Scharfschützen sind immer interessant“, stimmen sich die Polizisten vom 87. auf den Fall ein, und einer erzählt: „Wir hatten mal einen, der Kerl schoss nur auf alte Damen. Das war seine Spezialität, nette kleine, alte Damen. Und als wir den Kerl erwischt haben, haben wir ihn auf einen Stuhl gesetzt und versucht, herauszukriegen, warum er’s ausgerechnet auf alte Damen abgesehen hatte. Wir dachten, er hätte vielleicht so’n Ödipus-Dings, wisst ihr? Aber …“
„Was für’n Dings?“ fragte Monoghan.
„Ödipus“, sagte Monroe. „Das war doch dieser griechische König, der mit seiner alten Dame schlief.“
„Das ist gegen das Gesetz“, erklärte Monoghan.
„Ich weiß. Aber auf jeden Fall dachten wir, der Scharfschütze wäre nicht ganz richtig … Aber er wollte es uns nicht sagen.“

„Und wo liegt die Pointe bei der Geschichte?“
„Was für ‚ne Pointe? Er war eben so’n Kerl, der durch die Straßen lief und auf kleine, alte Damen schoss“, erklärte Monroe etwas beleidigt.

„Einfach so?“
„Ja. Was dachtest du denn? DAS ist die Pointe.“


Nach nochmaligem Rekurrieren auf „den griechischen Kerl“, den Monoghan für einen tatsächlich potentiell Tatverdächtigen hält, nimmt sich wenige Seiten weiter Carella ausführlich der Ballistik an („Fabrikat: Remington; Kaliber: .308“). In Anbetracht der Distanz von über 150 Metern hatte der Schütze vermutlich ein Zielfernrohr benutzt – ein echter Scharfschütze also. Das aber, diskutieren Carella und Meyer, kann jeder sein. Einer aus dem Militär, aktiv oder Veteran, „aber auch ein Junge, der sein neues Kleinkalibergewehr ausprobiert. Es kann ein Mann sein, der auf alles, was rot ist, schiesst. Es kann ein neuer Jack the Ripper sein, der jede wohlproportionierte Blondine, die er zu Gesicht bekommt, aufs Korn nimmt. Er kann ein Antiklerikaler, ein Antivegetarier, ein Antisemit, ein Antipazifist sein; er kann eine Abneigung gegen alle Achtzigjährigen oder gegen die ganze Menschheit haben.“ Für manchen Scharfschützen, sinniert Carella, „ist das todbringende Spiel nichts mehr als eine Zielübung. Für andere ist es eine Jagd, und sie sitzen im Hinterhalt wie der Jäger auf dem getarnten Anstand. Für wieder andere ist es eine Form der sexuellen Befriedigung. Der Kriegs-Scharfschütze hat einen Grund, und ein Ziel; der Friedens-Scharfschütze hat oft weder das eine noch das andere. Der Kriegs-Scharfschütze ist gewissermaßen auf einen Platz festgenagelt, manchmal sogar an einen Baum gebunden. Sobald er sich bewegt, wird er entdeckt, und dann beginnt die Jagd auf ihn. Seine taktische Schwäche ist der Mangel an Bewegungsfreiheit. Der Friedens-Scharfschütze hingegen kann schießen und sich dann aus dem Staub machen. Er kann das tun, weil seine Opfer fast stets unbewaffnet und auf keinen Gewaltakt gefasst sind. „Der Krieg ist eine schlechte Sache, aber Kriegs-Scharfschützen sind nur gut ausgebildete Spezialisten, die ihre Pflicht tun“, findet Carella. „Friedens-Scharfschützen sind Mörder.“ Zehn Millionen Menschen gibt es in seiner Stadt „und jeder von ihnen konnte entweder der Mörder oder das nächste Opfer sein“.  McBain blättert hier 1963 ein ganzes Motiv- und Krimi-Plot-Arsenal auf, von dem noch viele Autoren zehren werden.

„Warum haben Sie denn nicht ein Kind adoptiert?“

Und nicht genug, McBain zieht auch eine Linie zum Voyeur, die er vom Psychologielehrer einer Zeugin vortragen lässt: „Sie wissen doch sicher, was ein Voyeur ist?“ – „Hm.“ – „Er meinte, dass beim Scharfschützen wie beim Voyeur die gleiche dynamische Ursache vorliegt.“ – „Und welche wäre das?“ – „Eine Reaktion auf den Anblick der Urszene im frühen Kindesalter“, sagte Cindy. – „Was ist die Urszene?“, fragte Casella unschuldig. – „Der Geschlechtsverkehr der Eltern“, antwortete Cindy, ohne mit der Wimper zu zucken. – „Oh. Ja, ich verstehe.“ – „Mein Lehrer sagte, dass jedes Kind darauf achtet und dabei den Anschein zu erwecken versucht, als täte es nichts dergleichen. Der Scharfschütze ist mit dem typischen Symbol, dem Gewehr, versehen und benutzt gewöhnlich auch ein Zielfernrohr. So wiederholt er die verstohlene Handlungsweise, die er in der Kindheit geübt hat, das Sehen und Nicht-gesehen-Werden, das Tun und Nicht-ertappt-Werden. Dem Wesen nach ist die Tätigkeit des Scharfschützen ein sexuell aggressiver Akt. Der Anblick der Urszene kann sich neurotisch auf zweierlei Art auswirken: entweder durch das Beobachten beim Voyeur oder durch das Gegenteil, nämlich die Angst davor, selbst beobachtet zu werden…“

Der Autor zeigt sich nicht nur in Sachen Urszene „modern“ und aufgeschlossen – hat Salvatore Lombino, wie McBain ursprünglich hieß, eigentlich eine Analyse gemacht? Er behandelt auch das Thema Prostitution und erfasst nüchtern, wie der polizeiliche und juristische Alltag Nutten diskriminiert. Die Paranoia, die solch ein Scharfschütze in einer Stadt verbreiten kann – „Dirty Harry“ (von 1971) lässt grüßen – breitet sich bis ins 87. Revier aus, wo Kling bei einem harmlosen Besucher beinahe ausflippt.  McBain gibt jedem Opfer eine Biografie, macht die Ermordeten zu Menschen und Hilfslosigkeit, Schmerz, Zorn und Ratlosigkeit der Hinterbliebenen anschaulich. Nebenbei entstehen Berufs- und Familienporträts eines Strafverteidigers, eines Importeurs, eines italienischen Gemüsehändlers, einer Prostituierten, eines Zeitungs-Comic-Zeichners, eines Bauunternehmers. Das Kapitel 10 bietet einen Musterfall polizeilicher Übergriffe (nicht im 87.), unter dem Druck der Öffentlichkeit reagiert die Polizei nervös und überhart. Die Todesfälle werden in polizeilicher Ermittlungsmanier gelöst, alle Opfer hatten vor Jahren zusammen Theater gespielt, in O‘Neills Einakter „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Der Schütze, schließlich  gestellt, ist ein Kriegsveteran – und er hat ein, wenn auch sehr variiertes, ödipales Motiv. „Sie haben acht Menschen getötet, ist Ihnen das klar?“, sagt Carella im Verhör- „Warum haben Sie denn nicht ein Kind adoptiert? Sie haben all diese Morde so überlegt geplant, aber den Weg zu einer Adoptionsagentur haben Sie nicht gefunden. Warum in aller Welt …?“ – „Ich bin nie auf den Gedanken gekommen“, sagt der Schütze.

McBains Roman wurde 1971 zur Drehbuchvorlage für den französischen Film „Neun im Fadenkreuz“ (Sans mobile apparent), Regie Philippe Labro.  Als „Stéphane Carella“ ermittelte Jean-Louis Trintignant in Nizza, die Musik besorgte Ennio Morricone. Beachtlich übrigens, wie gelassen Ed McBain das Scharfschützen-Thema 1963 anging. Viele Szenen lesen sich wie Aufrufe gegen voreilige Hysterie und gegen allerlei Vorurteile. Als der Scharfschütze gestellt und geständig ist und ins Untersuchungsgefängnis überführt, sitzen die Polizisten am nächsten Tag zusammen und räsonieren ein wenig. Unaufgeregt, menschlich, und mit dem Versuch, den Täter zu verstehen.

Die Zeit der Paranoia kommt erst – in den Siebzigern, mit Richard „Tricky Dick“ Nixon, mit „Dirty Harry“ und der Angst vor dem schwarzen Mann. Dazu mehr im nächsten Teil.

(Hier geht es zu den Teilen eins, zwei ,  drei und vier und fünf des Stephen-Hunter-Porträts und der Kulturgeschichte des Scharfschützen. Fortsetzung folgt.)

Alf Mayer

„München 72 – Das Attentat“ in der ZDF-Mediathek

Die Erklärung der RAF zur Aktion des Schwarzen September, bei der auch Baader und Meinhoff freigepresst werden sollten.