Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

TW zu einem neuen Band mit Fotos von Helmut Newton

Eleganz & Noir

In einer längeren Besprechung habe ich schon 2009 versucht zu zeigen, wie massiv der Tinge of Noir das Gesamtwerk von Helmut geprägt hat. Eine neue Sammlung von bekannteren und unbekannteren Fotos hat jetzt die Helmut Newton Foundation unter dem Titel „Legacy“ zusammengestellt. Diese neue Kompilation ändert nichts an dem Umstand, dass viele von Newtons Fotos auf einer Ästhetik des Noir basieren, beziehungsweise zu einer Ästhetik des Neo-Noir beitragen.  Belege finden sich dafür in Hülle und Fülle. Es gibt nicht nur Newtons Aussagen, wie sehr er von Raymond Chandler etwa beeinflusst sei. Ein begleitender Text von Philippe Garner umreißt sehr schön die künstlerischen Kontexte, in denen sich Newton bewegt. Es fallen nicht nur Namen wie Chandler oder James Bond, Hitchcock (die North by Northwest Variationen von 1967, S. 56f), Fritz Lang, Jean-Luc Godard, Alain Resnais oder David Lynch (einschlägig mit Isabella Rosellini, 1988, S. 287), die mehr oder weniger sichtbar oder eher assoziativ in den entsprechenden Fotos spürbar sind.

Manchmal kann es auch eine Person sein, die größere thematische und ästhetische Zusammenhänge repräsentiert. Charlotte Rampling zum Beispiel. Newton hat sie mit dem berühmten Bild „Charlotte Rampling at the Hotel Nord Pinus, Arles 1973“ (S. 169) ikonografiert, als Schauspielerin war sie eine wichtige Figur des Neo-Noir: in Filmen wie „Farewell, my Lovely“ von Dick Richards, in Viscontis „Die Verdammten“, in Liliana Cavanis „Nachtportier“ etwa. Die andere Protagonistin des Neo-Noir, Faye Dunaway, hat Newton auch fotografiert (Los Angeles, 1987, S. 271) – ebenso Jody Foster – eisiger blickte sie nimmer – (Hollywood 1987, S. 291) oder, als Referenz, Jeanne Moreau (Paris, 1985, S. 292).

Interessanterweise zeigen Bildstrecken aus den späten 1950ern und frühen 1960ern schon, dass das Thema „Noir“ bei Newton kein Modethema war, sondern von Anfang an ein wesentlicher Teil seiner ästhetischen Konzeption (S. 33 – S. 45), bis weit in die 1990er, David Hockney als Fantômas, etwa (1999, S.376). Auch abseits seiner berühmten „Murder Scenes“ aus den 1970ern (hier etwa S. 176ff) – einschlägiger geht nicht – oder seiner programmatischen Statements zum Thema wie „Chicken and Bulgari Jewels“ (1994, S.330f) oder „Fat Hand with Dollars“( Monte Carlo 1986, S.229) stehen viele Newtons Fotos in Beziehungsfeldern des Noir. Pariser Straßenszenen etwa, die ihren kulturellen Untergrund in den Fotos von Brassaï haben (meine CM-Besprechung hier), werden von Newton als Noir-Vignetten mit narrativen Implikationen adapiert, am deutlichsten in „Rue Aubriot“ (1975, S. 165). Newtons Blick war, wie seine Frau June sagte, sicher „abartig“ und ganz sicher voyeuristisch – „Heather looking through a Keyhole“ 194, S. 347) reflektiert das sehr schön – , wobei wir natürlich wieder bei Hitchcocks „Rear Window“ wären.  

Wenn wir also davon ausgehen, dass „Noir“ ein Set von ästhetischen Konventionen und einem bestimmten Blick auf die Welt meint, also sich in allen Arten von „Schreibweisen“ (und deren Analogien in Film, Foto und anderen Medien) manifestieren kann, also eher Stil als Form ist, dann könnte man Newtons Ästhetik als pointiertesten Ausdruck einer Tendenz sehen, die schon seit den 1930er und 1940er-Jahren vorhanden war: Noir präsentiert sich konstitutiv auch mit einer gewissen Eleganz (schauen Sie sich die Ikonen, das Ambiente und die Interieurs der „klassischen Noirs der 1940er Jahre an), mit einer ästhetischen Stilisierung und Überhöhung, die durchaus auch blutig sein darf („Jerry Hall with Steak“, 1974, S. 205 ist, so gesehen, die Essenz davon), die dem heutigen abgeschliffen und banalisierten Begriff von Noir abhandengekommen sind. Noir steht nur noch als banale Chiffre für „die-Welt-ist-schlecht“, ist dadurch eindimensional geworden, und hat seine ästhetischen Möglichkeiten an Sozialreportagen mit fragwürdiger Teleologie oder platter, sich sozialkritisch aufgeplusterter Ideologie verschenkt. Newtons Bilder stemmen sich diesem Trend zur Unterkomplexion entgegen – gerade, wenn man sie heute noch einmal genau betrachtet.

Und noch ein weiterer Aspekt, der in diesem Sammelband sichtbar wird, hat mit dem Themenkomplex Noir zu tun: Etliche Bilder verweisen direkt oder deutlich indirekt auf das Universum von James Graham Ballard, der seinerseits heftige Bezüge zu Noir, Crime Fiction oder wie auch immer hat (so wie sein Genre, das man hilfloserweise als Science Fiction rubrizieren will: siehe auch „Desaster as usual“ und „Willkommene Irritation„). Newtons Bilder von körperlicher Beschädigung – „Jenny Capitana, Pension Florian, Berlin, 1977“, S. 167, „American Vogue, Monte Carlo 1999“, S. 335 – , bizarrer Kombinatorik von Körper und Technik – „Bernice Coppieters, Monte Carlo 1994“, S. 316, „X-Ray, 1994“, S. 323 oder „Thierry Mugler, 1995“, S. 307 – oder die Ästhetik zerfallener sozialer Räume (schon fast ein direkter Verweis auf Ballards Roman „High Rise“) „Thierry Mugler, 1994“, S. 355, ergeben neue Bezüge, wenn man sie dergestalt kontextualisiert.  

Natürlich decken solche Beobachtungen nicht das Gesamtwerk von Helmut Newton ab, geschweige denn alle, auch neuralgischen Aspekte und Implikationen (siehe dazu den oben angesprochenen Text von 2009). Hier und heute interessiert mich die Brauchbarkeit seiner ästhetischen Konzeption von Noir, die die künstlerischen Potentiale und die Multidimensionalität dieses geschundenen Begriffs wieder zum Leuchten bringen kann. Natürlich ein dunkles, mysteriöses, nicht restlos auflösbares, irrlichterndes Glühen und Glimmen. 

Thomas Wörtche

Helmut Newton: Legacy. Hg. von der Helmut Newton Foundation. Konzept von Matthias Harder und Marc Naroska. Verlag Taschen, Köln 2021. Hardcover, Format 24 x 34 cm, 3,04 kg, 424 Seiten, 80 Euro. Verlagsinformationen.

(PS in eigener Sache:  Im Juni 2022 erscheint in der TW-Edition Jonathan Moores dazu passender Roman „Poison Artist“)

Tags : , , ,