Geschrieben am 31. August 2013 von für Bücher, Crimemag

Sylvie Aubenas/Quentin Bajac: Brassaï. Flaneur durch das nächtliche Paris

Brassai_Cover_fullInszenierte Realität

‒ Mit seinen Fotos des nächtlichen Paris hat der in Ungarn geborene Fotograf Brassaï wesentlich zur Ikonografie des letzten Jahrhunderts beigetragen. Eine Besprechung von Thomas Wörtche.

Zwischen 1929 und 1934 hat Gyula Halász (1899–1984), der unter dem Namen Brassaï weltberühmt werden sollte, eine ganze Serie von Schwarz-Weiß-Fotos gemacht, die allesamt das nächtliche Paris zum Thema hatten. Veröffentlich in drei Fotobänden: „Paris de nuit“ (1932), „Voluptés de Paris“ (135) und dann – mit erheblicher Verspätung „Le Paris secret des années 30“ (1976). Jetzt haben Sylvie Aubenas und Quentin Bajac das gesamte Material zu einem großen Band zusammengefasst und kommentiert. Das ist sehr gelungen gemacht und sinnvoll obendrein – wegen der ästhetischen Freude, die ein prächtiger Fotoband immer bringt und wegen der vielen Bezüge und Kontexte, um die sich die beiden Herausgeber umfassend kümmern.

Licht & Dunst

Man kann Brassaïs Fotos völlig unbefangen und staunend betrachten, eintauchen in die Atmosphären, die er vermittelt. Man kann sich an seiner Licht-Kunst erfreuen, seine Kompositionen und die Stringenz seiner Motivwahl und seiner Figurenensembles bewundern. Man kann sich hineinziehen lassen in eine anscheinend versunkene Welt und sie unter historischen Auspizien betrachten. Oder sich einfach kleine vergnügliche ästhetische choques versetzen lassen. Das sind an sich schon Qualitäten genug, um sich mit den Fotos zu beschäftigen.

In den Folies-Bergères, 1931/32

In den Folies-Bergères, 1931/32

Schnittstellen

Noch spannender wird es allerdings, wenn man Brassaïs Nacht-Fotos als eine Art Relais zwischen Geschichte und Zukunft begreift, als Relais auch zwischen den Künsten, und zwischen Fiktionen und Realitäten, Dokumentation und Stilisierung, Abbildung und Inszenierung, Irrealem, Surrealem und Hyperrealem.

Brassaïs Sujets sind im Grunde einfach: nasses Pflaster, Licht und Schatten, Pariser Atmosphäre jenseits der großen, hellen Boulevards, und auch die grandiose Atmosphäre der cité lumière, Nacht-Leben mit Polizisten, Gaunern, Huren und Subkultur. Momentaufnahmen aus Cabarets, Bordellen, Kneipen, geschlossenen Gesellschaften (wie Schwulenbälle), Nightqueens & -kings, menschenleeren Gassen und Treppen, immer wieder Lichtquellen, Scheinwerfer, Laternen, beleuchte Fenster, mal strahlend, mal gedämpft, dunstig. Brassaïs Fotos sind keine Reportagen, nicht sozial engagiert, noch nicht einmal gedacht und angelegt als Aufzeichnung und Archiv dessen, was damals war.

Ein Grundnarrativ

Ihr Grundnarrativ ist wenig anekdotisch, eher statisch. Denn das Paris des flâneur nocturne siedelt auf vielen Schnittstellen. Die haben alle zu tun mit dem Geheimnisvollen à la Eugène Sue, dem fantastischen Verbrechen à la Fantômas. Sie sind Material und Konkretisation der latent gewalttätigen surrealen Visionen und Halluzinationen à la André Breton, Paul Eluard oder Philippe Soupault. Sie bedienen das Irreale, das „gespenstische, irreale Paris in Nacht und Nebel“, wie Brassaï selbst sagte. Sie beziehen sich auf das Exzessive à la Henry Millers „Tropic of Cancer“ (zu dem Verhältnis von Henry Miller und Brassaï siehe hier) und auf die Avantgarde à la Picasso. Sie verweisen genauso auf das true crime von Paris, das sich nicht nur in Brassaïs Opiumhöhlen und Bordellen manifestiert, sondern auch handfeste Gangsterbanden und Schläger zeigt. Wobei man auf manchen Bildern sieht, dass Ausstattung und Design einiger Puffs direkt an aktuelle Kunstströmungen anschließen, Picasso und die Fauves sind da nicht weit. Alles ist eng verzahnt. Zusammengenommen fügt es sich zu einem großen, diffusen, aber dennoch deutlich sichtbaren Kontinuum: Paris bei Nacht. Paris secret ist ein Ort des tendenziell Gefährlichen, Verlockenden, Numinosen und Subversiven. Eine große fiction criminelle.

Im Lesben-Club „Le Monocle“: die Chefin, Lulu de Montparnasse (links), im Gespräch mit einer Besucherin, um 1932

Im Lesben-Club „Le Monocle“: die Chefin, Lulu de Montparnasse (links), im Gespräch
mit einer Besucherin, um 1932

Tradition

Brassaï steht damit in einer malerisch-fotografischen Tradition seit Goya. Sein großes Vorbild Eugène Atget, seine Kollegen Germaine Krull, André Kertész und Robert Doisneau haben wie er an diesem Grundnarrativ gebastelt, das in den 1930er Jahren alles andere als neu und originell war. Im Gegenteil – fotografische Nachtstücke der Großstadt gab es im 19. Jahrhundert in London so gut wie in Berlin und New York. Sie galten sogar schon seit geraumer Zeit als ausgelutscht und abgedroschen – zumindest was die fotografisch-technischen Aspekte betraf.

Dennoch blieb das Faszinosum ausgerechnet von Brassaïs Bildern ungebrochen. Sie unterschieden sich trotz paralleler Programmatik und analogem Sujet von denen der Kollegen, die eher anekdotisch, reportagenhaft, schnappschuss-artig arbeiteten und ihre ganz eigenen Poetiken und Intentionen des Fotografierens hatten (zum Verhältnis von Brassaï zu Atget und dessen Verbindungen zu Proust, der auch für Brassaï als Führer durch die nuits de Paris ein wichtiger Bezugspunkt war).

Liebespaar in einem Café des Quartier Italie in Paris, um 1932

Liebespaar in einem Café des Quartier Italie in Paris, um 1932

Das Auge

Brassaï hat das nächtliche Paris in den fünf Jahren zwischen 1929 und 1934 nicht nur durch das Auge seiner Kamera, sondern auch durch die seiner Kollegen, und gefiltert und geprägt durch seine einschlägigen Lektüren zum Thema von Rétif de la Brettone über Balzac, Sue, Baudelaire („Spleen de Paris“) und Nerval bis hin zu Proust, gesehen.

Brassaïs Bilder von Paris brannten sich in die Netzhäute der Welt. Vergleichbar vielleicht mit dem New York Weegees und dem Mexiko von Enrique Metinides.

Diese Art, Paris zu sehen, hat Bestand bis in die Gegenwart. Brassaïs Fotos verknüpften sich bruchlos mit dem amerikanischen film noir von Robert Aldrich oder Samuel Fuller und floss zurück in die Ästhetik des französischen Kriminal-Films à la Louis Malles „L’Ascenseur pour l’Échafaud“ und weiter zu Jean-Pierre Melville.

Der Maler, Fotograf und Buchcovergestalter Nicolas Yantchevsky bediente sich nicht nur für seine eigenen Fotos bei Brassaï (er war, sagen wir, stark beeinflusst), sondern benutzte Brassaï-Motive, Stimmungen und Atmosphären für Umschläge u. a. von Simenon-Romanen. Je mehr französische Filme und Kriminalliteratur sich mit dem US-amerikanischen urban noir amalgierten, desto verbindlicher wurden Brassaïs Bilder. Sie illustrieren bis heute ein noirfeeling, das sich von Paris als Ort längst gelöst hat. Synästhetisch, möchte man sagen, denn zu Bildern und Texten mischte sich noch seit 1957 Miles Davis’ epochale Musik zu L’Ascenseur pour l’Échafaud, die dann bei dem führenden Kopf des néo-polar, Jean-Patrick Manchette, leitmotivisch wird, wenn er seine diversen Figuren zu Jazzklängen auf der Périphérique kreiseln lässt, die so beschrieben wird, als habe Brassaï sie gerade fotografiert.

Haltbarkeit

Vielleicht liegt da ein Geheimnis der eminenten „Haltbarkeit“ seiner Fotos – natürlich neben der evidenten ästhetischen Qualität: Brassaï hat seine Bilder nicht nur sorgfältig komponiert, er hat sie, insofern Menschen im Spiel waren, auch inszeniert. Quentin Bajac rekonstruiert in seinem Essay „Paris bei Nacht, latente Bilder“, dass Brassaïs Huren und Freier nicht immer und unbedingt „authentisch“ waren, sondern auch öfters engagiert und bezahlt. Seine Gangster ließen sich nicht einfach „ablichten“, die Szenen aus den Opiumhöhlen und Bordellbetten, aus Subs und einschlägigen Kneipen sind keine Schnappschüsse, sondern auf Effekt getrimmte Tableaus (so, wie seine explizit erotischen Fotos, die er mit Profi-Models realisierte). Brassaï simulierte und manipulierte Realität, um diese simulierte und manipulierte Realität als die „echte“ und „authentische“ Wirklichkeit verkaufen zu können. Das ist nichts Neues oder Originelles, aber bei Brassaï extrem virtuos gemacht. Krawallblätter wie „Détective, le grand hebdomadaire des faits divers“ konnten dieses so entstandene Material bestens für Verbrechensreportagen gebrauchen, so wie die Surrealisten Brassaï’sche locations zum Ort ihrer Halluzinationen und Projektionen machten.

Wir schätzen heute noch nächtliche großstädtische Szenarien als bedrohlich, opak, geheimnisvoll, unheimlich und doch gleichzeitig vertraut ein – vermutlich mit Bildern von Brassaï im Kopf. Wir sind seinen Inszenierungen aufgesessen, so wie wir den Inszenierungen von Kriminalromanen aufsitzen, die sich mit realen Realitäten befassen. Dass es einen Unterschied zwischen diesen beiden Realitäten gibt, ist unbestreitbar. Kunst kann genau aus diesen Differenzerfahrungen, aus der Verfremdung, aus dem ästhetischen Spiel mit all dem Erkenntnisse gewinnen. Besonders solche, wie man sie mit crime fiction über die Wirklichkeit gewinnen kann. Brassaïs Fotos zeigen, wie so was funktioniert.

Thomas Wörtche

Sylvie Aubenas/Quentin Bajac: Brassaï. Flaneur durch das nächtliche Paris (Brassaï – le flâneur nocturne, 2012). Übersetzt und bearbeitet von Matthias Wolf. München: Schirmer/Mosel 2013. 310 Seiten. 68,00 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Fotos: © Estate Brassai, RMN-GP/courtesy Schimmer/Mosel.

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