Geschrieben am 1. März 2023 von für Crimemag, CrimeMag März 2023

non fiction, kurz – März 2023

Sachbücher, besprochen von Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW):

Max Allan Collins, James L. Traylor: Spillane. King of Pulp Fiction
Claudia Gehrke, Regina Nössler (Hg.): Konkursbuch 58. Arbeit
David Graeber: Piraten. Auf der Suche nach der wahren Freiheit
– “ – : Einen Westen hat es nie gegeben & Fragmente einer anarchistischen Anthropologie
Thomas Käsbohrer: Das Rätsel der Orcas
Daniel Kothenschulte (Hg.): Walt Disneys Mickey Mouse. Die ultimative Chronik
Mittelweg 36: Renegaten. Konjunktur einer Kippfigur
Steven Powell: Love Me Fierce In Danger. The Life of James Ellroy
Graham Rayman, Reuven Blau: Rikers. An Oral History
Jarrod Shanahan: Captives: How Rikers Island Took New York City Hostage

Das Glück beim Händewaschen

(AM) Für dieses Buch müsste es Preise regnen (Hallo, Ihr Stiftungen nahe der Arbeitswelt!), das aber nun wirklich nicht, weil ich darin auch ein Beiträger bin. Welch eine Anthologie, welch ein großes – sinnstiftendes – Vergnügen. Klappenbroschur, leichtes Überformat, lesefreundlicher Satzspiegel, schöne Gestaltung, wunderbare Illustration, da hat sich jemand wirklich Arbeit gemacht: 428 Seiten beste Buchqualität, der Preis dafür echt schlank. (Im Paket mit „Mein lesbisches Auge 22″ mit Bildwelten von butches in Arbeitsbekleidung noch günstiger, siehe unten.)

Claudia Gehrke und Regina Nössler haben die Kunst der Anthologie zur Meisterschaft entwickelt. Die Konkursbuch-Themenreihe verblüfft wieder und wieder mit Goldschürferei, siehe etwa das Konkursbuch 56 zum Thema „Tod“ (meine Besprechung hier), zu „Bücher“ (Nr. 55) oder „der, die, das Fremde“ (Nr. 57). Nun also das Konkursbuch 58: Arbeit. 46 Autorinnen und Autoren quer durch die Arbeitsleben und die Arbeitswelt. Köstlich, was zum Beispiel mein Kollege Thomas Wörtche so alles aus dem „Wortfeld Arbeit“ siebt oder Peter Butschkow von einer Büro-Verabschiedung. Faszinierend, wie Suhrkamp-Autor Johannes Groschupf sich die Staatsbibliothek Potsdamer Straße als Platz für sein Schreiben zu eigen macht und wie er damit keineswegs der Einzige ist.

Wir erfahren aus dem Arbeitsalltag einer Ärztin ebenso wie von einer Straßenmusikerin, von „Büroathleten“, Niedriglohn und Kinderarbeit, von French Nails im Nagelstudio „Paradise“ oder von BEM-Gesprächen, vom Schrifstellerinnen-Alltag, von der Arbeit mit Helmut Heißenbüttel, der Vorbereitung einer Chorprobe, dem Kreislauf Arbeitsamt-Berufsberater-Mindestlohn, vom Deutschlehrersein in Kyoto oder unverschämten Kunden auf einem Büchermarkt in La Palma. Die Kapitel heißen Generationen/ Verhasste Jobs und schlecht behandelt/ Harze Jobs/ Arbeitsbiographien/ Ende der Arbeit?/ Nicht mehr arbeiten können/ Kunst, Kultur, Schreiben (mit Geld, wenig Geld, ohne Geld)/ Faulheit und Arbeitssucht. Auch der KZ-Spruch „Arbeit macht frei“ findet Beachtung und MENGELE wird ladewagengroß durchs Allgäu gefahren.

Claudia Gehrkes Interviews sind hochspannend, etwa mit einer Ärztin, einer Care-Arbeiterin oder mit dem Schriftsteller Thorsten Nagelschmidt, dessen Verlag den Romantitel-Vorschlag „Arbeit“ erst eher für geschäftsschädigend hielt. Immer wieder gefreut habe ich mich über die intelligenten und ansprechenden Bildstrecken (viele von Anja Müller), über die Offenheit und Präzision der hier Schreibenden, über all die Anregung aus diesem von zwei klugen Herausgeberinnen orchestrierten Sammelband. Dieses Buch verdient alle Wertschätzung. Bravo.

Claudia Gehrke, Regina Nössler (Hg.): Konkursbuch 58. Arbeit. Mitarbeit Sigrun Casper. Essays, Sachtexte, Geschichten, Berichte aus dem Leben, Gedichte, Interviews und viele Bilder. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2023. Klappenbroschur, 428 Seiten, 16,80 Euro. 

Laura Merritt (Hg.): Mein lesbische Auge 22. Redaktion und Lektorat: Regina Nössler. 208 Seiten, viele farbige Bilder, 16,80 Euro. – Beide zusammen als „Arbeitspaket“: Gesamt 628 Seiten, 25 Euro. Konkursbuchverlag.de

Sie lagen vor Madagaskar

(AM) Sein nun posthum veröffentlichtes Werk Piraten. Auf der Suche nach der wahren Freiheit verstand der im September 2020 verstorbene Anarcho-Anthropologe David Graeber als Beitrag zu einem umfassenden intellektuellen Projekt mit dem Titel „There Never Was a West“. Der 200 Seiten schlanke Text (plus Zeittafel, Anmerkungen und Register) entwickelt seine eigene Rhetorik, liefert, als wäre es ein politischer Roman, mehr Fragen als Antworten, und kreist um eine zentrale Hypothese – nämlich Grund zur Annahme genug dafür zu haben, dass Aufklärung und Demokratie keine zentraleuropäische Erfindung, sondern Importe von der Peripherie waren. Sein Text (und Programm) von 2007, Einen Westen hat es nie gegeben – gerade auf Deutsch zusammen mit Fragmente einer anarchistischen Anthropologie im Münsteraner Unruh-Verlag erschienen – deklariert schon im Untertitel „Or, Democracy Emerges From the Spaces In Between“. Graeber, Begründer der „Occupy Wallstreet“-Bewegung, schreibt hier wie schon in seinem Buch „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ die Alternativ-Geschichte des Westens weiter. 

Natürlich ist es eine spannende Hypothese, dass unsere Demokratie ihren Ursprung in einer Piratengesellschaft auf Madagaskar haben könnte. Dort an der Nordostküste, an einem fast 700 Kilometer langen Küstenstreifen, verortet Graeber gegen Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts – mit allerdings wenig faktischem Beleg – die „Republik Libertalia“. Der Begründer des sogenannten Beksimisaraka-Bündnisses habe den Namen Ratsimilaho getragen, sei der Sohn eines englischen Piraten gewesen. In der Zeit von Hobbes, Locke und Montesquieu machten Erzählungen von diesen Piratenkönigen ihren Weg an die europäischen Höfe und in die Salons, prägten Schriftsteller wie Daniel Defoe, legten die Wurzel zu unserem romantischen Bild von der Seeräuberei bis hin zu Filmen wie „Der roten Korsar“ oder dem heutigen Franchise der „Piraten der Karibik“.

Schon von Cicero als „gemeinsamer Feind aller“ (communis hostis omnium) geächtet, waren Piraten faktische Meuterer gegen die Obrigkeit, waren Kriminelle und/ oder Rebellen, in der politischen Folklore zu Proto-Revolutionären und bei Greaber noch höher geadelt. „Die Republik Libertalia mag vielleicht nicht existiert haben, zumindest nicht im Wortsinn, aber Piratenschiffe und Piratensiedlungen … waren… in vielerlei Hinsicht bewusste Experimente in Sachen einer radikalen Demokratie“, betont Graeber und insitiert: „Man kann sich kaum vorstellen, dass es nicht so war…“  

Natürlich ist das schöner Stoff. Nochmal Graeber: „Lasst uns also eine Geschichte über Zauberei erzählen, über Lügen, Seeschlechten, entführte Prinzessinnen, Sklavenaufstände. Menschenjagden, Fantasiekönigreiche und betrügerische Botschafter, Spione, Juwelendiebe, Giftmischer, Taufelsanbetung und sexuelle Obsessionen, die mit dem Ursprung der modernen Freiheit verbunden sind.“

David Graeber: Piraten. Auf der Suche nach der wahren Freiheit (Pirate Enlightenment: Or the Real Libertalia, 2022). Aus dem Englischen von Werner Roller. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2023. Gebunden, 256 Seiten, 24 Euro.

David Graeber: Einen Westen hat es nie gegeben & Fragmente einer anarchistischen Anthropologie (Possibilities: Essays on Hierarchy, Rebellion, and Desire, 2007). Aus dem Englischen von Werner Petermann. Unrast, Münster 2022. 204 Seiten, 16 Euro.

Orcas mit Hütchen

(TW) Das Phänomen beobachte ich medial schon seit geraumer Zeit: An der spanisch-portugiesischen Westküste greift eine Gruppe von Orcas, ca. 16 Tiere, in der Fachwelt „Orca Iberica“ genannt, kleinere Segelboote (bis zu ca. 15 Metern) und Fischkutter an. Besonders auf die Ruder haben sie es abgesehen, Menschen attackieren sie nicht direkt. Bei anderen Orca-Populationen irgendwo auf der Welt ist ein solches Verhalten noch nicht beobachtet worden. Und eine Erklärung, die mich überzeugt (schließlich sind Orcas meine absoluten Lieblingstiere), habe ich bisher noch nicht gefunden.

Thomas Käsbohrer hat sich jetzt in dem klugen Sachbuch Das Rätsel der Orcas mit genau dieser Frage beschäftigt – und dabei ein spannendes Buch über Orcas überhaupt geschrieben. Glücklicherweise wartet er nicht mit der großen Lösung des Rätsels auf. Sind diese speziellen Orcas einfach Rüpel? Oder haben sie die Schnauze voll von homo sapiens, der ihren Lebensraum zerstört? Treten sie in Fresskonkurrenz zu den Menschen (Thunfisch)? Trainieren junge Orcas an den Booten, wie man anderen Meeresbewohnern die Flossen abbeißt (wg. Ruder). Aber warum nur ein bisschen Ruderabbeißen und Boote rumschubsen, und nicht gleich versenken und die Menschen töten, was die Orcas ohne Zweifel leicht könnten? Und, diese Frage treibt mich am meisten um, sind die Schwertwale humorbegabt? Haben sie einfach Spaß und Freude am Herumalbern? Aber wäre das nicht eine unzulässige Anthropomorphisierung?

Ein Detail bei Käsbohrer finde ich besonders reizend: Anscheinend  haben Orcas einen Sinn für Mode. Kanadische Meeresforscher haben beobachtet, dass in den 1980er Jahren erst ein Orca einen toten Lachs auf dem Kopf balanciert wie einen Hut, dann viele Orcas ein paar Wochen lang dasselbe getan haben, dann nie wieder, vermutlich, weil der Gag durch war. Jahrzehnte später allerdings, 2022, also mitten in der Retro-Welle, hat ein Orca namens Alder mit demselben Spiel wieder angefangen.  Und wenn Orcas einen Sinn für Humor und Komik haben – ist das nicht ein Kriterium, das dringend untersucht werden sollte? (Ich hatte mal eine Katze, die deutlich Humor hatte – und der war ziemlich schwarz). Emotionen billigt man Tieren ja inzwischen zu. Und könnte gerade bei den hochintelligenten Orcas der Sinn für Komik entschlüsselbar sein? Und somit ein Bausteinchen, um endlich mit den Biestern kommunizieren zu können? Und dann würde man vielleicht auch herausfinden, was am Booterumschubsen so interessant sein könnte. Käsbohrers Buch ist gerade wegen seiner Skrupel gegenüber einfachen Antworten schwer zu empfehlen.

Thomas Käsbohrer: Das Rätsel der Orcas. Wie Orcas sich das Meer zurückholen. Warum sie Boote angreifen. Millimari Verlag, Iffeldorf, 2022. 208 Seiten, 16,99 Euro.

Nüchterne Dusche für Romantiker

(AM) Dies ist keine Schonkost für Piratophile. Siegfried Kohlhammer serviert in seinem schlanken, aber gehaltvollen Essayband Piraten: Vom Seeräuber zum Sozialrevolutionär manch hartes Brot für Romantiker. Sein Buch ist sozusagen die Gegenthese zu David Graebers „Piraten. Auf der Suche nach der wahren Freiheit“ (siehe weiter oben), sein Interesse ist es, das vorherrschende Weichzeichnerbild vom edlen Piratentum mit Fakten zu konturieren. Piraterie ist für ihn, zusammen mit John L. Anderson „Makroparasitismus“, verantwortlich etwa für den langsamen Verfall Venedigs, manchmal ein Teil staatlicher Gewalt und mit der Piratenflagge ein Terrorsymbol auf den Meeren. Heute noch wird der Schaden durch Piraterie auf jährlich 18 Milliarden Euro geschätzt; bis an unsere Zapfsäulen zu spüren war zum Beispiel das lokale Phänomen der somalischen Schiffskaperer anfang des neuen Jahrtausends.

Kohlhammer legt die Finger an den kulturhistorische Bedeutungspuls, erinnert an Nietzsches Loblied der „Raubmenschen“ und Barbaren als „die ganzeren Menschen“ (in seinem zutreffend betitelten „Jenseits von Gut und Böse“), an Hobsbawms „Sozialbanditentum“ und Werner Sombarts Verklärungen, an das, was Slotderdijk „kriminalromantisches Begehren“ nennt. Er brandmarkt die Geringschätzung von Kaufmann und Händler durch die intellektuellen Eliten und deren Wertschätzung von Räuber, Dieben und Mördern, „solange sie nur wie die Piraten ausreichend pittoresk und antibourgeois auftreten“, Andreas Baader inklusive. Piratenkostüme und Piratenfilme möchte Kohlhammer nicht mit dem Bann des Inkorrekten belegen, wünscht sich aber, dass Erwachsene besser zwischen Populärkultur, Utopien und Wunschträumen und der Wirklichkeit andererseits unterscheiden könnten.

Siegfried Kohlhammer: Piraten: Vom Seeräuber zum Sozialrevolutionär. zu Klampen Verlag, Springe 2022. Gebunden, 168 Seiten, 16 Euro.

Große Dosis Fröhlichkeit

(AM) Dieser Band ist neben allem inhaltlichen Jubel, den er auszulösen vermag, ein schönes Beispiel dafür, wie die Publikationsstrategie des Kunstbuch-Verlags Taschen funktioniert – nämlich top down, von zuerst luxuriösen XXL-Ausgaben mit limitierter Auflage bis dann hin zu Volksausgaben mit schier unglaublichem Preis-Leistungsverhältnis. Das exerziert nun auch Walt Disneys Mickey Mouse. Die ultimative Chronik durch: XL-Format, 25 x 34 cm, 3,16 kg Gewicht, 496 Seiten mit rund 1.500 Abbildungen, 60 Euro. 

Der Band ist ein Herzensanliegen des Verlegers selbst (directed and produced by Benedikt Taschen heißt es stolz auf der Schmutztitelseite), herausgegeben hat ihn Disney-Kenner Daniel Kothenschulte, der an einer mehrbändigen Disney-Ausgabe arbeitet. 2016 erschien von ihm „Das Walt Disney Filmarchiv. Die Animationsfilme 1921–1968“ (meine Besprechung hier) und 2018 der hier nun vorliegende Band als XXL- und außerdem als Vorzugs-Edition. Gegenüber diesen Luxusausgaben, die marktpolitisch nur als mehrsprachige Ausgaben zu stemmen sind und mit einem deutschen Textheft erscheinen, handelt es sich jetzt hier um eine durchgängig deutsche Ausgabe. Für die immerhin 122 Mickey-Zeichentrickfilme werden die jeweils frühesten deutschen Titel angegeben und es wird in Kino-, DVD- und TV-Titel unterschieden. Bei der Benennung der Comic-Geschichten dienen die Veröffentlichungen des Ehapa-Verlages als Orientierung.

Sämtliche der rund 150 klassischen Cartoons, die zeitlosen Comic-Abenteuer und die gigantische Welt des Micky-Merchandise werden in über 1.500 Abbildungen lebendig. Behind-the-Scenes-Fotos, Skizzen, Storyboards, Plakate, Zeichnungen, Cover wechseln sich mit seltenen Animationszeichnungen unvollendeter Projekte, einzelne Comics werden seitengroß reproduziert, die Abbildungsqualität stets von museumsgleicher Sorgfalt. Für die Gestaltung zeichnet Anna-Tina Kessler verantwortlich. Der Weltbürger Mickey bringt sein Publikum nun seit fast 100 Jahren (offiziell seit dem 18.11.1928) zum Lächeln. Glücklich, wem seine unverdrossene Fröhlichkeit auch in diesen Zeiten Medizin sein kann. Dieser Band bietet davon die größtmögliche Dosis.

Walt Disneys Mickey Mouse. Die ultimative Chronik. Herausgegeben von Daniel Kothenschulte, Texte von J.B. Kaufman & David Gerstein, directed and produced by Benedikt Taschen. Verlag Taschen, Köln 2023. Hardcover, Format 25 x 34 cm, 3,16 kg, 496 Seiten, 60 Euro. www.taschen.com

Höllenort auf Erden

(AM) Der Name alleine reicht, um Gänsehaut zu machen. Rikers ist der Stoff, aus dem die Albträume sind. Rikers ist „Amerikas Horror-Knast“, so der „Focus“ 2021: „Kein Essen, kein Wasser, aber Kakerlaken. Absolutes Horrorhaus.“ In der sehr empfehlenswerten Miniserie „The Night Of“ von 2016, geschrieben von Richard Price, ist es ein kleiner Fehltritt, der einen jungen Mann pakistanischer Herkunft ins Untersuchungsgefängnis Rikers bringt. Der Film zeigt, wie ihn das auf immer verändert, ihm die letzte Unschuld raubt. Herzzerreißend.

Sechs Meilen Luftlinie vom Empire State Building im East River zwischen den Stadtteilen Queens und der Bronx gelegen, ist Rikers Island der größte Gefängniskomplex der Welt, mit zehn Gefängnissen und an die 18.000 Untersuchungshäftlingen. Die „West Facility“ ist für Gefangene mit ansteckenden Krankheiten vorgesehen. Fast eine Milliarde Dollar kostet der Unterhalt der Anlage, jährlich werden auf Rikers bis zu 130.000 Gefangene registriert, bewacht und verwaltet von über 7000 Vollzugsbeamten und 1500 Zivilangestellten. Etwa 80 Prozent der Rikers-Insassen sind drogenabhängig, psychiatrisch behandelt wird ein Viertel, fast 90 Prozent der Gefangenen sind Afroamerikaner oder Hispanics (55 und 34 Prozent), etwa ein Drittel der Gefangenen ist ohne Wohnsitz. Wegen Gewaltverbrechen sitzt weniger als ein Viertel ein.

Der „Atlantic“ urteilte 2018, Rikers Island sei ein Mikrokosmos von allem, was im US-Strafvollzugssystem schiefläuft. Jahrzehntelange unmenschliche Zustände, Gangkriminalität und Rechtlosigkeit innerhalb der Gefängnismauern bewogen zu dem Vorhaben, die Zahl der Inhaftierten bis 2026 auf 3300 zu reduzieren. Erst aber herrscht dort immer noch grimmigste Realität.

Nach Jennifer Wynns „Inside Rikers: Stories from the World’s Largest Penal Colony“  (St. Martin’s Press, NY 2001, 2002 als „Convicted at Birth“) gibt es nun ein Buch, das dieser Gefängniswelt unerschrocken ins Auge sieht. Die Lektüre ist nichts für Zartbesaitete. Wer nach Rikers kommt, betritt eine Kriegszone. Die altgedienten Journalisten Graham Rayman und Reuven Blau haben sich für Rikers: An Oral History mit über 130 Personen und Zeugen unterhalten: Insassen, Ehemaligen, Vollzugsbeamte („Wärter“ hassen das Wort „Wärter“), Rechtsanwälte, Sozialarbeiter, Priester, Mafiosis, Gangmitgliedern und Anführern, Krankenhaus- und Therapiepersonal, Polizisten. Der Blick ist 360 Grad. Hardcore. Gegenwart.

Jarrod Shanahan, Juraprofessor und Aktivist, selbst einmal in Rikers eingesessen, unternimmt in Captives: How Rikers Island Took New York City Hostage so etwas wie eine Biografie dieses 1932 eröffneten, nun seit 90 Jahren bestehenden Höllenorts. Er geht dafür ins Archive, zitiert Zeitungen, Interviews, Gefangene, bringt Massen-Einkerkerung und Neoliberalismus zusammen, rüttelt an den Gittern.

Graham Rayman and Reuven Blau: Rikers: An Oral History. Mit 25 Fotografien von Mariela Lombard. Random House, New York 2023. 452 Seiten, Hardcover, USD 28.99.

Jarrod Shanahan: Captives: How Rikers Island Took New York City Hostage. Verso, NY & London 2022. 448 Seiten, USD 29.95.

Seitenwechsler im Zeitalter der Polarisierung

(AM) Drei Auslöschungs-Bildschritte braucht es, bis Stalin alleine am Schreibtisch steht. Erinnerungspolitisch manipuliert, verschwinden die Renegaten eine rnach dem andern im Nirwana. Lange schien diese besonders Sozialfigur bereits vergessen, im Zeitalter von zunehmender gesellschaftlicher Spaltung, von Querdenkern und „Alternativen“ allerlei Art, von Nachrichten bis hin zu einer Partei, ist der Renegat nun wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt. Der Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, nimmt ihn in ihrer neuen Ausgabe ins Visier. Tatsächlich handelt es sich meist kaum um eine Sie; „Der Renegat: männlich und rechts?“, fragen Carolin Amlinger/ Nicola Gess und Lea Liese in ihrem Leit-Text. Jan Fleischhauer, Matthias Matussek, Manfred Klein-Hartlage oder Reinhard Mohr mögen mit ihren Rollen noch so sehr kokettieren, was sie, gewollt oder ungewollt, eben auch bewirken, ist weniger die Politisierung der Gesellschaft als vielmehr die Normalisierung politischer Radikalisierung. 

Der Renegat, eigentlich ein Abtrünniger, Überläufer, Konvertit, Seitenwechsler, Wendehals, Proselyt oder Apostat, inszeniert sich heute eher als Opfer. Sein mit Ressentiments beladenes Rachemotiv hat als Reflex, „alles mit Schmutz zu bewerfen, was einem vorher heilig war“ (Georg Seeßlen). Der Rest ist Pose.

Etymologisch zog der „Renegat“ im 16. Jahrhundert in den deutschen Wortschatz ein, wurde dem spanischen Adjektiv „renegado“ (abtrünnig) entlehnt, mit dem die während der spanischen Reconquista zum Islam übergelaufene Christen belegt wurden, als „Treuebrüchige gegenüber Gott“. Der eigentlich religiös konnotierten Semantik des Wortes sei also bereits „ein politischer Herrschaftskonflikt eingelagert, in dem ein Territorium vor einem äußeren Feind (und seinen inneren Agenten) geschützt werden soll“, so der Mittelweg 36. Während die Stalin’sche Bildgeschichte das Heft einleitet, treffen wir uns ausgangs zum obligaten „Ortsermin“ in der Universität Bielefeld. Wie viele Soziologenherzen hierbei wohl aufjuchzen?

Mittelweg 36: Renegaten. Konjunktur einer Kippfigur. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Heft 1, Februar/ März 2023. 104 Seiten, 12 Euro. Verlagsinformationen.

Wo der Hammer hängt

(AM) Keine Besprechung, nur eine Notiz. Zum 75. Jubiläum des Erstauftritts von Mike Hammer, des vielleicht brutalsten Privatdetektivs der Kriminalliteratur, der Nachnahme Programm, ist jetzt die erste Biographie seines Schöpfers erschienen. Biograf Max Allan Collins hat mit dem Segen Spillanes einige Romanfragmente vollendet und bewegt sich gern – und kundig – in den Spuren seines Meisters. So gut wie er kennt ihn niemand.

Mickey Spillane (1918–2006), der King of Pulp Fiction, wie sein Held ein Weltkriegsveteran, ließ sein skandalumwittertes, aber bestseller-trächtiges Geschöpf erstmals 1947 mit „I, the Jury“ auf die Menschheit los. Ein Klassikercheck von Joachim Feldmann, Marcus Müntefering und Thomas Wörtche von „Ich der Richter“ erschien bei uns 2014. Spillane, der mit seinem P.I. Mike Hammer Millionenauflagen erzielte, reagierte in den 1960ern mit einem eigenen Geheimagenten auf den Aufschwung der Spionageromane. Sein Tiger Mann arbeitete für die Geheimorganisation eines ultrakonservativen Millionärs, der selbstverständlich nur „patriotische“ Ziele hatte.

Jörg Fauser, 1984 im Spiegel: „Man mag von Spillane halten, was man will – diese Wirklichkeit hat er zwar vereinfacht, aber keinesfalls geschönt. In ihrer Art bringen seine Bücher es fertig, private Obsessionen so zu schildern, dass wir ihre Ursachen – die soziale Verrohung – deutlich erkennen, ein Verdienst, das doch angeblich nur Schriftstellern vorbehalten ist, mit denen sogar die Großwesire der Literaturkritik essen würden.“

Max Allan Collins, James L. Traylor: Spillane. King of Pulp Fiction. A Biography. Mike Hammer „75“ – 1947-2022. Mysterious Press, New York 2023. 384 Seiten; USD 26.95.

Nahe an der Heiligenverehrung

(AM) Für den Herbst 2023 ist sein neuer Roman „The Enchanters“ angekündigt, nun ist seine erste Biografie erschienen, der Autor von ihm selbst ausgesucht: Es ist der Brite Steven Powell, Ehrenmitglied des English Department an der University of Liverpool, UK, der auch die volle Mitwirkung von Helen Knode hatte, Ellroys Ex-Frau und (immer noch) Muse, Autorin der Romane „Wildcat Play“ (2012) und „The Ticket Out“ (2003). Es ist bereits Powells viertes Buch über Ellroy. Der Buchtitel „Love me fierce in danger“ entstammt einem Gedicht, das dieser auf ein frühes Foto von Helen Knode schrieb. 

James Ellroy kann man mögen oder hassen, literarisches Gewicht und Einfluss auf die Kriminalliteratur sind ihm nicht zu abzusprechen. Kaum ein anderer Krimi-Autor hat sich schon früh so sehr selbst inszeniert wie er – ich erinnere mich an ein Edgar-Dinner in New York, 1985, wo Otto Penzler ihn mir vorstellte, einen großen, schlaksigen Kerl in viel zu großem, klar geliehenen Smoking, der mir ungefragt ein Buch signierte, dies mit „Har, har, I’m your Demon Dog of crime fiction“. Und dann gab es 2015 noch ein Treffen in Köln, bei der Buchtour für „Perfidia“, es wurde ein bemerkenswerter Schlagabtausch, von mir mit „Unterwegs zum ‚Übermenschen’“ betitelt. Ellroy outete sich am Ende als Wiedergeburt des reaktionären L.A.-Polizeichefs William H. Parker. Sonja Hartl übrigens sprach am gleichen Tag mit ihm, und da war er katzenzahm.

Was man von ihm wissen solle, das dosierte und dosiert Ellroy immer noch selbst. Seine beiden memoirenhaltigen Bücher „My Dark Places“ und „Der Hilliker-Fluch“ (meine Besprechung „Damit mich die Frauen lieben“ hier) lassen ganze Jahrzehnte seines Leben im Dunkel. Andrew Nette legt in einem sehr instruktiven Interview mit Steven Powell den Finger in die Wunde, dass Ellroy wie noch kein anderer Kriminalautor seine eigene Vergangenheit und die Ermordung seiner Mutter literarisch kapitalisiert hat, und auch, wie sehr er sich als Autor in Pose wirft.

Powells Buch erzählt bemerkenswert wenig Anstößiges vom stets gern grenzwertigen Benehmen Ellroys, eine der wenigen „Stellen“ die, wo er bei einer eigentlich als Trauer-Treff für den Regisseur gedachte Vorführung von „L.A. Confidential“ im April 2018 den gerade verstorben Curtis Hanson übel beschimpfte. Joseph Wambaugh wird mit seinem Romanerstling „The New Centurions“ (1971) ebenso als Einfluss genannt wie George V. Higgins mit „The Friends of Eddie Coyle“, aber das war es dann auch schon. Andrew Nette zieht ihm aus der Nase, dass er Wambaugh einmal Ellroys (jugendliche) Strafakte zeigte und der das aus Polizistensicht mit „Hilfeschrei eines jungen Delinquenten“ kommentierte. So etwas jedoch bleibt in Powells Buch außen vor. Abgesehen davon, dass etwas Verlagshintergrund zu erfahren ist und einiges zu der non-fiction-Arbeit Ellroys, bleibt das Buch doch eher Hagiographie – Heiligenverehrung.

Thomas Wörtche ergänzt: „Ich habe Ellroy irgendwann in den 80s in einem Zug von Paris nach ichweißnichtmehr kennengelernt. Mit mir unterwegs Derek Raymond und Julian Rathbone. Ellroy hatte rausgekriegt, dass ich damals für den PLAYBOY arbeitete und wollte dringend interviewt werden. Aber er ging uns auf die Nerven und ich habe „nein“ gesagt. Daraufhin hat er stundenlang gequält, lief wolfsheulend auf dem Gang auf und ab, behauptete, der Hitler der Crime Fiction zu sein und bratzte mit seiner Bildung – verwechselte aber andauernd Schumann und Schubert. Später, auf einem Podium, filetierten ihn dann die beiden Brits genüsslich (kann aber auch ein anderes Event gewesen sein). Dann – Jahre später –  habe ich ihn noch ein paar mal bei irgendwelchen Essen in Paris getroffen, da war er immer ganz höflich und Gentleman. Und Joseph Wambaugh hat mir von nächtlichen Anrufen erzählt, bei dem er ihm entweder: ´Du bist Gott` ins Ohr geraunt, oder gezischt hat `Spürst Du meinen Atem in Deinem Nacken?`…“

Steven Powell: Love Me Fierce in Danger: The Life of James Ellroy. Bloomsbury Academic, Ney York/ London 2023. 334 Seiten, Paperback, USD 17,99.

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