Geschrieben am 22. Dezember 2012 von für Bücher, Crimemag

Alf Mayers „Blutige Ernte“: James Ellroy – Der Hilliker Fluch

5530„Damit mich die Frauen lieben“

Schreiben ist ein einsames Handwerk. Es erfordert Konzentration und Zurückgezogenheit, Abstand von der Welt, von anderen Menschen, vom anderen Geschlecht. Der Blick auf die Welt verändert sich dabei, auch der Blick auf die eigenen Bedürfnisse und Verhältnisse – große Werke der Weltliteratur verdanken sich diesem Spannungsfeld: über das zu sinnieren, was einem gerade versagt ist, das zu imaginieren, was man vermisst und ersehnt. Auch deswegen enthält Literatur so viel an Wahrheit, an universellem Gefühl. Schreiben kann wehtun. Muss es sogar. Nicht selten bedeutet es, sich etwas buchstäblich von der Seele zu schreiben.
Zum Beispiel die Sache mit dem Sex. „Glaubst du“, sagte der große Thomas Brasch einmal unvermittelt zu mir in einem Interview, nach dessen Publikation im Frankfurter „Pflasterstrand“ damals der Suhrkamp-Verlag auf 180 war, „ich wäre so kreativ, wenn ich dauernd etwas zum Ficken hätte?“

8862~14639Simenon, der Vielschreiber, der sich zum Schreiben für Wochen in sein Arbeitszimmer zurückzog und nur für schnellen Sex mit Ehefrau oder Dienstbotinnen heraushuschte, entblößte sich geradezu unanständig in seinem Bekenntniswerk „Intime Memoiren“. Nun outet sich ein nicht gerade zimperlicher Autor, der Amerikaner James Ellroy, dessen vermutlich bekanntester Kriminalroman „L.A. Confidential“ auch einen der großen Filme der 80er Jahre ermöglichte. Ellroy muss man nicht mögen, oder nicht alles von ihm, aber er ist ganz klar einer der ambitioniertesten zeitgenössischen Autoren der Kriminalliteratur. Sein Stil ist eigenwillig, seine Sprache verdichtet, verknappt, unter Spannung. Seine Protagonisten haben allesamt schwarze Seelen, sind schuldbeladen, von Ambitionen oder Dämonen gehetzt, Glücksmomente sind ihnen meist nur in perverser Form möglich. Ellroy-Romane sind Vorhöllen, noir pur, auch wir Leser müssen da durchs Fegefeuer.

The_Futgitive_title_screenDie Mutter ermordet, auf immer „Auf der Flucht“

So ist es also auch eine Warnung, die ich für James Ellroys Memoirenbuch „Der Hilliker Fluch“ (The Hilliker Curse) ausspreche. Der Untertitel „Meine Suche nach der Frau“ klingt harmlos für den Höllenritt, der hier auf 254 Seiten zu überstehen ist.

„Damit mich die Frauen lieben“, heißt der erste Satz. „Ich habe den Fluch vor einem halben Jahrhundert heraufbeschworen. Er hat mein Leben seit meinem zehnten Geburtstag bestimmt. Ich habe Geschichten geschrieben, um das Gespenst zu besänftigen.“ Ellroys Mutter war die etwas leichtlebige Krankenschwester Geneva „Jean“ Hilliker, sie wurde – als er zehn Jahre alt war und ihr in einem Familienkonflikt den Tod gewünscht hatte – vergewaltigt und ermordet. Ebenso wie jene andere Frau, die Ellroy explizit in zweien seiner Bücher beschäftigt hat: Elisabeth Short – „Die schwarze Dahlie“, ein nie aufgeklärter grausiger Hollywood-Mord. In „My Dark Places“ (Die Rothaarige) ermittelte er selbst, in „The Black Dahlia“ bearbeitete er sein Trauma als Fiktion. Gleich zu Beginn überfällt Ellroy uns im „Hilliker-Fluch“ mit dem Geständnis, seine „durch nichts zu erschütternde Begabung, Geschichten zu erzählen“ sei „unwiderruflich dem Moment geschuldet, in dem ich meiner Mutter den Tod wünschte und den Mord an ihr guthieß“.

Schonungslos schildert er die Onanie- und Driftingabenteuer seiner Jugend, den Beginn einer verqueren, um nicht zu sagen perversen Liebhaber-Karriere. Als Metapher für seine damals Sehnsüchte entdeckt er die Fernsehserie „Auf der Flucht“: „Die Serie war ein Hohelied auf das vielfältige und einsame Amerika. In dem Liebe stets unausgelebt blieb. In dem Sehnsucht nie gestillt wurde. Dr. Richard Kimble hatte Woche für Woche überwältigend wahrhafte Momente mit Frauen. Seinem Streben, sie für sich zu erobern, kam immer wieder die Wirklichkeit in die Quere. Alle versuchen, ihn zu lieben. Er versucht, sie alle zu lieben. Es kommt nie dazu. Es bleibt beim Bemühen … Ich drehte jeden Dienstag durch und weinte.“

n329842„Man verzehrt sich nach der einen Frau“

Viele solcher Dienstage hat Ellroy noch erleben und durchleiden müssen. Seine Memoiren beschreiben Abenteuer bei Prostituierten, eigentümliche Rituale mit Musikerinnen, Erlebnisse bei Lesungen, verquere Beziehungen, kurze und längere Affären. Wie gesagt, man muss ihn nicht mögen. Man muss ihn nicht lesen. Es gibt aber nicht viele Autoren, die auch mit sich selbst so rücksichtslos sind, wie sie es als Kotzbrocken und bindungsunfähige Drecksäcke mit dem Rest der Welt und nicht wenig oft mit Frauen sind. Und die dabei doch unentwegt auf Erlösung hoffen – auf eben „SIE“. Ellroy dazu: „Wir beobachten. Wir reißen unsere Augen auf. Wir sehen Frauen zu. Wir wollen etwas Ungeheures. Man schaut hin, um mit dem Hinschauen aufhören zu können. Man verzehrt sich nach der einen, der einzigen Frau, die moralische Maßstäbe setzt. Die man erkennen wird, wenn man sie sieht. So lange wird man weiter Ausschau nach ihr halten.“ Ellroys Suche gilt „der großen Rothaarigen“, einer idealen Frau, der er in „Blood’s a Rover“ ein Denkmal namens Joan gesetzt hat. „What do you want“, fragt sie in der Buchmitte ihren Lover Dwight Holly, einen rassistischen Zuschläger J. Edgar Hoovers, ein alter Ego des Autors. Dwight antwortet: „I want to fall. And I want you to catch me on the way down.“

Sich endlich fallen lassen können und aufgefangen zu werden, Ellroy hat das bis heute nicht geschafft. Manche seiner Frauen haben gloriose Einsätze erbracht, etwa die Filmkritikerin und Schriftstellerin Helen Knode, die sich ihm aufopferte. In ihrem Debütroman „Ticket Out“ von 2003, einem (sic) in L.A. angesiedelten Kriminalroman, gibt es eine plötzliche Verbindung zu einem ungelösten Mordfall vor 40 Jahren, Elisabeth Short lässt grüßen.

Helen Knode besann sich nach ihrem Ellroy-Trauma ihrer kanadischen Wurzeln und zeigte 2012 im dem Ölbohrer-Krimi „Wildcat Play“ eine der Männerwelt gegenüber erfrischend unbefangene Heldin. Ellroy dagegen, mag er am Ende seines Buches vom bösen Fluch eine (wieder einmal gefundene) „große“ Liebe beschreiben und besingen, ist wohl immer noch im Fallen. Seine derzeit letzte veröffentlichte Arbeit, das Drehbuch für den Cop-Film „Rampart“, zeigt einen in sich gefangenen, beinahe aus der Welt gefallenen, beziehungsgestörten Woody Harrelson.  Ellroy hat ihm zwei Ex-Frauen zugeschrieben, die nebeneinander wohnen und sich austauschen. Wie ein Spanner – oder wie Dr. Kimble auf der Flucht – steht Harrelson in der langen, wortlosen Schlussszene im Gebüsch und beobachtet das ihm von seinen eigenen Dämonen verwehrte, selbst in seiner Dysfunktionalität erstrebenswerte Familienleben.

0Auch Truffaut war ein  Mann, der die Frauen liebte

Frauen sind für Ellroy das stärkere Geschlecht, was übrigens auch sein Kollege Lawrence Block 2003 in dem voluminösen New-York-Krimi „Small Town“ lustvoll und halbpornografisch zelebrierte, bis hin zu einem devoten, sich im Fetischhöschen präsentierenden Polizeichef. Nick Tosches leuchtet gerade mit „Me and The Devil“ die in den Abgrund führende Sexaffäre eines Schriftstellers derart aus, dass es Spaß macht, die doch eher prüden amerikanischen Kritiken nachzulesen. Ellroys schreibt letztlich weniger allgemein Gültiges über Männer und Frauen als über eine Obsession. Ein Casanova, dessen ruheloses Treiben fast an das eines Serienmörders gemahnt. Ein „Mann, der die Frauen liebte“ (so der Titel eines bemerkenswert schonungslosen Truffaut-Films), der sich nach Erlösung sehnt und in dem ein kleiner Junge schlummert, der wohl niemals nach Hause finden wird.

James Ellroy

James Ellroy

Im Original liest sich das bei Ellroy manchmal schöner als auf Deutsch: „They met, they sizzled, they shacked“ oder „I was frayed, fraught, french-fried and frazzled“. Oder: „I lived to read, brood, peep, stalk, skulk and fantasize.“ Leser begrüsst Ellroy bei einer Lesung gerne etwa so: „Good evening peepers, prowlers, pederasts, panty-sniffers, punks and pimps. I’m James Ellroy, the demon dog, the foul owl with the death growl, the white knight of the far right … I’m the author of 16 books. Masterpieces all; they precede all my future masterpieces. These books will leave you reamed, steamed and dry-cleaned, tie-dyed, swept to the side, true-blued, tattooed … These books are for the whole … family, if the name of your family is the Manson family.“

Alf Mayer

Foto: Mark Coggins

James Ellroy: Der Hilliker-Fluch. Meine Suche nach der Frau (The Hilliker Curse. My Pursuit of Women, 2010). Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree. Ullstein Verlag 2012. 254 Seiten. 19,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Einige der Bücher von James Ellroy
Das L.A. Quartett:

The Black Dahlia (Die schwarze Dahlie)
The Big Nowhere (Blutschatten)
L.A. Confidential (Stadt der Teufel)
White Jazz (White Jazz)

Die Underworld USA Trilogie:
American Tabloid (Ein amerikanischer Thriller)
The Cold Six Thousand (Ein amerikanischer Albtraum)
Blood’s a Rover (Blut will fließen)

Autobiografisches:
The Dark Places (Die Rothaarige)
The Hilliker Curse (Der Hilliker Fluch)

Drehbücher zu:
Der Cop (1985), L.A. Confidential (1987), Brown’s Requiem (1998), Dark Blue (2002), Die schwarze Dahlie (2006), Streetkings (2008), Rampart – Cop außer Controlle (2011).  Hier mehr dazu bei crimemag und kaliber38.

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  • Togohlis

    Man mag Ellroys Romane mögen wie ich oder auch nicht, den Hilliker-Fluch finde ich langweilig. Es interessiert mich nicht, wie Ellroy Beethoven wurde, und mit welchen Phantasien. Er versteht es nicht, über sich selbst zu schreiben, keinesfalls besser als in den Romanen, die auch schon genügend voll davon sind.