Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Liza Cody, Ute Cohen, Gerd Conradt

Liza Cody

In this year of abominable acts of war, I began looking at a TV series called ‘We Own This City’ but stopped because it was too much like real life. Also an Australian detective series called ‘Deadloch’, which uses some of the filthiest language I’ve heard on TV. It was funny and entertaining.

There was a lovely indie movie called ‘Scrapper’ which I enjoyed a lot.

Otherwise I’ve read all seven of Robert Galbraith’s (JK Rowling’s) Strike crime novels. I admire her because she really does not ingratiate herself to readers.

Finding real life a bit too tough, I’ve taken to going to the ballet, especially Mathew Bourne’s company.

Very best wishes, Liza

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Ute Cohen: Ans Herz gegangen

Kraft zu schöpfen im Eskapismus war schon immer meine Art und Weise, mit den Schrecknissen der Welt umzugehen. Nicht unterzugehen, nicht in Depression und Handlungsunfähigkeit zu versinken, nicht zu hadern mit dem Schicksal setzt voraus, dass man im Leben Schönes entdeckt, in meinem Fall vorzugsweise melancholische Schönheit oder intensiven Genuss. Das klingt nach Strategie und ist doch zweckfrei gedacht: Man mäandert durch das Leben, ficht den ein oder anderen Kampf aus, besteht Herausforderungen, stolpert, fällt und rafft sich wieder auf. Glück ist auf diesem abenteuerlichen Weg ein Epiphänomen: Wir tun, was wir müssen und gelegentlich kommt Glück dabei heraus. Ein absichtsloses Glück, nicht das Ergebnis einer Hatz nach dem Guten, Besseren, Besten.

Dieses Glück blitzt gelegentlich auch im Gespräch auf, und dazu hatte ich in diesem Jahr weiß Gott viele Gelegenheiten. Meine Interviewpartner waren von einer beglückenden Vielfalt: Sophie Rois, Bazon Brock, Peter Sloterdijk, Alain Finkielkraut, Michel Houellebecq, Inès de la Fressange, Marie Theres Relin, Maïwenn, Lambert Wilson, Günther Anton Krabbenhaft bei „Cohen’s Club“ … und nicht zu vergessen Luc Besson. Je l’adore! Je l’adore! Je l’adore! 

Dogman ist mir ans Herz gegangen. Es ist einer dieser Filme, in denen ich mich selbst erkenne, ein Film, der mich wünschen lässt, die Welt zugleich in inniger Liebe zu vernichten und zu umarmen. Es ist ein Aufsteher-Film im wahrsten Sinne des Wortes. Douglas, hineingeboren in eine bigotte, sadistische Familie, wird von seinem seelenlosen Vater in einen Käfig mit Hunden geworfen. Besson lässt seinem Protagonisten die Solidarität der Tiere angedeihen, eine Solidarität, die nicht korrumpiert ist von menschlichen Untugenden wie Gier, Herrschsucht und Demütigung. Douglas gelingt es eines Tages dank der Hunde dem Kerker zu entkommen, wenngleich schwer verwundet und an den Rollstuhl gefesselt. Doch erfährt er die Kraft der Verwandlung und erlebt sich im wahrsten Sinne des Wortes als ein Aufsteher, ein Mensch, der sich wie Phönix aus der Asche zu erheben vermag, der eine innere Widerstandskraft entwickelt, die ihn aufrichtet, stärkt, erhebt auch.

Die Beseeltheit, die der junge Mann erlebt, als er in einem Heim Schauspielunterricht erhält, ist ansteckend. Dank der Worte wird er in ein Universum katapultiert, in dem er sich neu erschaffen kann. Nichts aber ist von Dauer und der junge Mann wird wieder zurückgeworfen in ein Einzelgängertum, das nur die Gesellschaft der Hunde zu lindern vermag. Es wäre nicht Luc Besson, wenn nicht Gangster und eine gnadenlose Gesellschaft für weitere Bedrängnis und Trübnis sorgen würden. Die Tiere aber entpuppen sich als wahre Bündnisgenossen in schlimmster Not, als findige Robin Hoods in einer geldbesessenen Gesellschaft. Es ist tröstlich, diesen Film zu sehen bei aller Herzensqual und Rachegelüsten, die man verspürt gegenüber den Ruchlosen und Verlogenen. Tröstlich, weil Besson eine wundersam poetische Bildwelt des Leids auf die Leinwand bringt und die Hoffnung von Anbeginn darin aufscheinen lässt. Douglas wird im Gefängnis von einer Psychiaterin gefragt, weshalb er sich ihr geöffnet habe. seine Antwort lautet: „Weil wir etwas gemein haben. Leid.“ 

Im Gespräch sagte mir Luc Besson: „Man erkennt sich im Leid, nicht im Glück.“

Zieht es mich deshalb zu den Furchtlosen, den Menschen, die das Leid reflektieren und deshalb um so begieriger das Licht, den Genuss, das Strahlende absorbieren? Mag sein. Gewiss aber sind es Menschen, die sich nichts mehr beweisen müssen, die nicht brillieren müssen aus Angst, unterschätzt zu werden. Es sind Menschen, die lachen können, die uns mit Humor verköstigen, ganz uneigennützig. Ein Faible für seltsamen Humor hatte ich schon als Kind. An Vorabendsendungen faszinierten mich die Werbeblöcke oft mehr als die Serien. In kurzen Formaten Produkte in Geschichten zu verwandeln, auch das eine Kunst der Verwandlung! Im Alter von zehn Jahren habe ich mit Freundinnen meine erste Kampagne entwickelt: Eine Kassette mit Werbespots für z.B. Heiligenscheinpolitur. Das toppte bei weitem die jüngste Marlies-Dekkers-Werbung.

Hildegard von Bingen wird zur esoterischen Softporn-Ikone mit Wings of Love und einem Faible für Golden Shower … äh, Sparkling Gold. Kühn, kühn der Mix aus Wanderhure und Schildmaid! Kühn – eines dieser Wörter, die wie Mut 2023 zu einem Buzzword verkommen sind, zu hohlen Formeln, sirrend, das Ohr verwirrend. 

Für 2024 wünsche ich mir, dass die Kühnen beim Wort genommen werden, die Mutigen Flagge bekennen und ein bisschen verdaulichere Mixturen aus dem historischen Kabinett gezaubert werden als bei Wings of Love – damit der Eskapismus Eskapismus bleibt. Au bonheur des dames!

Ute Cohens Texte bei uns hier. Im Sommer 2017 kuratierte sie das CulturMag Sex Special. Danach das Special Tabu. Im Jahr 2020 erschien ihr Roman Poor Dogs bei Septime. Zur Besprechung von Alf Mayer und zu der von Andrea Noack. Satans Spielfeld kam 2021 als Taschenbuch heraus. Joachim Feldmann dazu bei uns: Was kann Literatur? Ute Cohens 2022 erschienene schwarze Kapriole Falscher Garten für uns von Andrea Noack gelesen.

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Gerd Conradt: Sandra Hüller – Unbelievable Superstar

Das Berliner Stadtmagazin Tip zeigt in der Novemberausgabe als Covergirl die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller. Auf den Filmfestspielen in Cannes wurde sie für ihre Rolle in dem britischen Film The Zone of Interest mit der Goldenen Palme als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Die Goldene Palme für den besten Film ging an den französischen Beitrag Anatomie eines Falls, in dem Sandra Hüller die Hauptrolle spielt. Die Medien jubelten, Cannes 2023 sei das Festival von Sandra Hüller. Über dem Titelfoto im Tip steht wie gestempelt: Sandra Hüller – Superstar.

Wir sehen: Eine Frau sitzt breitbeinig mit nackten angezogenen Beinen auf einem Flügel. An den Füßen trägt sie silberne Plateausandalen. Als Oberteil sehen wir etwas Kostbares, Barockes, vielleicht Brokat, mit silbernem Muster. Enge Ärmel, aufgeplusterte Schultern – wie Flügel, mit denen sie sofort abheben könnte. Das Vorderteil ein fast durchsichtiges schwarzes Stück Seide. 

Der rechte Arm hängt wie leblos zwischen den Beinen und verdeckt ihre Scham oder verweist darauf, könnte auch ein Feigenblatt sein. Die linke Hand liegt auf dem linken Oberschenkel. In diesem Ensemble wirkt der Kopf von Sandra Hüller klein, fast so, als gehörte er nicht zu dieser Installation. Sandra Hüller schaut streng, unnahbar, direkt, zeigt kein Gefühl, Verachtung ist zu sehen. Hinter diesen vielen Gesichtern  versteckt sich auch Witz und Ironiet.

Die Vielfältigkeit dieses Titelbildes bietet Stoff für hitzige Diskussionen. Ich habe es auf Facebook gepostet und meine Freund:innen gefragt, was sie in dem Bild sehen. 

Kraftvolle, selbstbewusste Pose. Womanspreading? Aus dem Vollen schöpfend. Narzistisch. Provokativ, sinnentleert, maskulin.  Vulgär. Das Foto ist eine Behauptung und eine Verweigerung. Ich freute mich, dass diese wundervolle Schauspielerin auf dem Titel ist, war aber über das Bild irritiert. Soll wohl eine neue Variante von cool sein. Passt! Provokativ und sicherlich verkaufsfördernd… was will eine Zeitschrift mehr? Selbst in meinem Zeitungsladen wurde das Foto diskutiert. Eher verunglückt, würde ich sagen. Passt nicht zu ihr. Das Wort Star ist in den letzten Jahren so inflationär eingesetzt worden, dass es seine Bedeutung verloren hat. Die Schauspielerin ist toll und man nimmt ihr die Pose ab, das Foto wirkt nicht gestellt. Eine subversive Drehung zur Selbstermächtigung gegen standardisierte Rollen, Erwartungen und Clichees. 

Das Bild stammt von der Fotografin Kirsten Becken aus Kleve, einer Kleinstadt im Bundesland Nordrhein-Westfalen an der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden.

Hier eine zur Weihnachtszeit passende Geschichte: Kleves berühmtester Sohn ist der weltbekannte Künstler Joseph Beuys, Deutschlands Andy Warhol. In Kleve erinnert fast alles an Beuys. Eine Schule, ein Museeum, ein Wanderweg, ein Schloss. 1962 leistete sich das jungvermählte Paar Joseph und Eva Beuys seinen ersten Weihnachtsbaum. Nach dem Fest entschied Joseph, den Baum, den sie in der Mitte der Atelierwohnung aufgestellt hatten, stehen zu lassen, so lange, bis er alle Nadeln verloren hatte. Nach zwei Jahres war es soweit. Eva Beuys fotografierte den Baum. Er ist auf Postkarten zu sehen und steht heute im Schloss Moyland in Kleve.

Das Tip-Cover ist aus einer Serie, die Kirsten Becken für das 2020 erschienen Mini-Album Be Your Own Prince mit Eigenkompositionen von Sandra Hüller aufgenommen hat. Deren Gesang wirkt wie ein langes Ausatmen, minimalistisch mit leichtem Punkeinfluss. Kühl-melodischer Elektropop, schreibt die Presse. Ihre Stimme zwischen Punk und zarter Melodik, eine Stimme aus Glas. 

Sandra Hüller wurde am 30.04.1978 im Sternzeichen Stier in Suhl im Thüringer Wald, DDR, geboren. Suhl ist weltberühmt für seine Jagdwaffen mit Zielfernrohren. Optik von Zeiss-Jena, höchste Präzision. Die Waffenstadt gab sich 1991 den Namen Stadt des Friedens.

Hüllers Eltern, Pädagogen, zogen bald mit dem Kind nach Friedrichroda, ein anerkannter heilklimatischer Kurort. Und hier ist das Scharnier, der Link zu meiner Geschichte mit Sandra Hüller. Wir sind uns noch nie begegnet. Muss das sein, um eine Geschichte zu schreiben? Eine in den Medien, im Kino auf großer Leinwand so präsente Frau, so vervielfältig, gehört sie inzwischen zu meiner Familie?

1953 war ich in einem Pionerlager in Friedrichroda, das in seinen ersten urkundlichen Erwähnungen noch Friderichesrot genannt wurde. Im Lager wurde ich zum Sprecher gewählt und bekam zum  blauen  nun  auch das rote Ernst-Thälmann-Pionierhalstuch. Beim Morgenappell, wenn die Fahne gehisst wurde, rief ich die Losung: Seid bereit! Die Antwort schallte im Chor: Immer bereit! In meiner Erinnerung sehe ich dort viele schöne Ferienhäuser im Stil des Thüringer Waldes. Holzhäuser mit großen Glasveranden und schönen Vorgärten. Blumen überall.

Bei den Pionieren war ich in der Arbeitsgruppe Geologie. Zu Ausgrabungen wanderten wir, jeder mit einem kleinen Hämmerchen ausgerüstet, in die Hörselberge. Dieser Höhenzug am Rande des Thüringer Beckens besteht aus Muschelkalk und Bundsandstein, weich wie Butter, ideal für Kinderhände, um erfolgversprechend nach Zeugnissen der Geschichte zu graben. 

Wir fanden Ammonite in verschiedenen Größen, Trophähen, die später bei mir zu Hause – wir wohnten damals in Erfurt, 50 Kilometer von Friedrichroda entfernt – neben dem Aquarium in meinem Steinmuseum Platz fanden. 

Nicht weit von Friedrichroda steht, unübersehbar für Autofahrer auf der A4, die Wartburg, ein Herrschaftssitz, ein früherer Bunker, ein sicherer Platz gegen die im ganzen Land plündernd umherziehenden Heerscharen. Auf der Wartburg übersetzte der als Junker Jörg in Schutzhaft genommene Martin Luther die Bibel – ohne Schreibmaschine, mit Federkiel und Tinte – in nur zehn Monaten ins Deutsche. Jedes handgeschriebene Wort ein Abdruck seiner Zeit. Das ereignete sich um 1521.

Bereits drei Jahrhunderte früher gab es auf der Burg kulturelle Veranstaltungen, Sänger trafen sich zum Wettstreit: Wer singt die schönsten Lieder? – Eine frühe Form der Fernsehshow Deutschland sucht den Superstar. Einer der bekanntesten war Walther von der Vogelweide. Diese Sängerkriege finden noch heute ihren Nachhall in der Oper von Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg. Wagner gilt als Erfinder des Gesamtkunstwerks, seine opulenten, mystischen musikalischen Erzählungen gehören zum Weltkulturerbe der Menscheit.

Was wäre die Welt ohne das Werk von Johann Sebastian Bach? Als Waise zog der neun Jahre alte Johann Sebastian 1695 von Eisenach zu seinem älteren Bruder Johann Christoph nach Ohrdruf. Der Organist weihte sein Brüderchen in die hohe Kunst des Tasten- und Orgelspiel ein und ließ ihn teilhaben an den ständigen Reparaturarbeiten an der Orgel. Der so früh durch die komplizierten Aufbauten eines Orgelwerkes kriechende Junge entwickelte dadurch ein tiefes Verständnis von Aufbau und Mechanik des Instruments, das als ein früher Computer der Musikgeschichte angesehen werden muss. 

Ohrdruf liegt 14 Kilometer entfernt von Friedrichroda. Ich bin sicher, dass Sandra Hüller, wie alle Thüringer, Bachs Musik mit der Muttermilch eingesogen hat.  

Zurück zu Wagner und den Hörselbergen. Vom Hörselbergloch, einer frühen Kultstätte der Germanen, so genannt nach der heidnischen Göttin Holda, Frau Holle, der Gemahlin Wotans. des obersten aller Germanengötter, hat sich Richard Wagner zum Venusberg als Ort der Handlung im Tannhäuser  inspirieren lassen.   

Vom Tannhäuser, der Oper, in der der Zwiespalt zwischen profaner und sakraler Liebe verhandelt wird, kann ich wieder einen Link zu Sandra Hüller herstellen, zur Goldenen Palme, zum Film Anatomie eines Falls. In diesem  Familiendrama, als Justizthriller inszeniert, geht es um Wahrheit und Liebe – wie bei Wagner im Tannhäuser, Erlösung durch die wahre Liebe.

Ein Schriftsteller-Ehepaar zieht sich auf dringlichen Wunsch des Ehemanns in die dörfliche Einsamkeit seiner Heimat in den französischen Alpen zurück. Bei einem durch die Unachtsamkeit des Mannes verursachten Unfalls wird der gemeinsame Sohn fast blind. 

Vorwürfe, Schuldgefühle stehen im Raum. Der Mann hat eine Schreibblockade, seine Frau ist erfolgreich. Sie findet Gefallen an der Nähe von Frauen. Der Man ist eifersüchtig.  Sie streiten sich, der Sohn wird Zeuge, zieht sich zurück, spielt laut mit voller Energie Klavier – im Film übertönt Musik oft das Geschehen. Eines Tages findet der Sohn seinen Vater tot vor dem Haus im Schnee. War es ein Unfall, ein Selbstmord, Mord? Ein Sängerkrieg mit Worten. Die Frau wird wegen Mordes angeklagt. Die Fahnder finden einen USB-Stick, auf dem ein Streitgespräch aufgezeichnet ist. Es wird zum Beweisstück. Es stellt sich heraus, dass der Mann über längere Zeit ihre Gespräch aufgezeichnet hat, um authentisches Material für einen neuen Roman zu sammeln. 

Man fängt mit einer sehr positiven Energie an, die alle toll finden, und am Ende ist man tot, gebrochen, allein. Man muss immer aufs Neue nach dem Wesen eines anderen suchen. Was ist Wahrheit, kann man die überhaupt finden, ist es nicht ein Ding, das man von allen Seiten betrachten muss? Das Bild der Warheit verändert sich, je nachdem, wo man steht.. sagt Sandra Hüller in einem Interview zum Film. 

Der Film, ein Meilenstein der Filmgeschichte, Nouvelle Vague und Klassik, spannend bis zur letzten Minute. Der Film wurde von Justine Triet und ihrem Lebensgefährten Arthur Haran für Sandra Hüller auf deren Seele geschrieben. Die Regisseurin sagt über ihren Star, sie sei unbelievable, nicht greifbar.  Sandra Hüller: Ich habe das gespielt, was im Drehbuch stand. Jeder hat in einer Beziehung eine geheime Agenda, jeder geht eine Beziehung aus einem bestimmten Grund ein, der nie veröffentlicht wird, dem kann man von außen nicht nahe kommen.

Ihre ersten 11 Jahre lebte Sandra Hüller in der DDR. Radikal veränderte sich ihr Leben am 9. November 1989 mit dem Fall der Mauer. Die Menschen aus der DDR strömten in den Westteil Deutschlands, um bunte, gut gefüllte Schaufenster zu betrachten. 

Den Tag des Mauerfalls empfinde ich im Nachhinein als sehr still. Wir haben wahnsinnig viel Fernsehen geguckt in dieser Zeit. In der Kleinstadt Friedrichroda waren die Weltereignisse ja nun nicht direkt zu erleben. Das war eine sehr passive Zeit – aus meiner Sicht, aus meinem Kinderblick heraus. Natürlich haben alle versucht, diese ganz und gar neue Lage anzunehmen, das Beste daraus zu machen. Aber im Umfeld meiner Familie haben viele Leute ihre Arbeit verloren. Es hat eine Weile gedauert, bis sich alle aufgerappelt haben, sagt Sandra Hüller in einem Interview mit der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.

Sandra Hüller lebt heute mit Tochter und Lebensgefährten in Leipzig und nicht in Berlin, wo sie eine Zeitlang versuchte, ein Zuhause zu finden.

Für mich ist der Unterschied zwischen Berlin und Leipzig deutlich spürbar, sagt sie weiter in dem ZEIT-Interview. Ich merke es an der Verlässlichkeit, mit der die Menschen in Leipzig miteinander umgehen. An der Offenheit. Diese Art von Gemeinschaft, die man hier noch findet. Ich habe es so gelernt, dass man sich um die Menschen, für die man sich entschieden hat, kümmern muss. Diese Hingabe gibt es im Osten ein bisschen stärker, sagt mir mein Gefühl.

Das Thüringer Becken – der Gral des Protestantismus, die Wartburg deren Vatikan.

Sandra ist eine Kurzform des Namens Alexandra: die Beschützerin. Griechisch Sandrina,  Sonne, Sonnenschein. 

Wir sollten nicht vergessen, im Osten geht die Sonne auf.

In diesem Text blickt ein Mann auf viele Männer und auf eine Frau.

© Gerd Conradt, November 2023, auch im Magazin ytali

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