Posted On 1. August 2017 By In Litmag, News, SEXMAG, Specials With 3235 Views

SEXMAG: Editorial von Ute Cohen

Sherin-FischEditorial SEXMAG

Adieu ANIMAL TRISTE – Let’s write about sex!

Wer sich gerade gelangweilt auf dem Strandlaken wälzt und Däumchen dreht, aufgepasst! Hier geht’s um S.E.X., ein Thema, das die Welt mindestens so sehr bewegt wie L.O.V.E und inzwischen so omnipräsent zu sein scheint, dass es schon wieder auf den Schwarzlisten der Meinungs- und Schreibpolizei steht. Sobald ein Text in den Ruch der Pornographie gerät, wird er mit Bannsprüchen belegt und naserümpfend von der Kritik ignoriert. Deutschland ist ein prüdes Pflaster.

Im Gegensatz zu unseren gallischen Nachbarn gibt es hierzulande keine Tradition des Schreibens über Sexualität. Man brüstet sich vielmehr mit dem Vermögen, sexuell Explizites mit Stumpf und Stiel auszurotten und der Kunst der Umschreibung zu frönen. Schnell hat man abwertende Etiketten für den Rest parat: Einhand-Literatur und Erotikliteratur klingen nach Masturbationsanleitungen für Rosamunde Pilcher-Fans.

Die Kunstszene ist dem Literaturbetrieb auch hier wieder einen Schritt voraus. Markt ist für sie kein Schimpfwort und Sex kein intellektueller Aussatz. Man spielt mit Codes und Stereotypen oder sakralisiert sie sogar, auf die Gefahr hin, hypophysische Kicks auszulösen. Wenn Martin Eder in der EIGEN+ART Lab-Porn Porn Porn-Ausstellung Cellulite-Leiber mit den Mitteln pornographischer Hochglanz-Techniken inszeniert, kreiert er eine neue Ästhetik, desavouiert eingeübte Sehmuster. Andreas Mühe leuchtet ein Porn-Set flämisch aus und lässt es dadurch sinnlich-entrückt wirken.

Zum Perspektiven- und Sprachregisterwechsel fehlt vielen Literaten der Mut. Batailles Aufruf der Transgression mag von Fakten und Praktiken längst eingeholt worden sein. Literarisch hat er jedoch kaum einen Niederschlag gefunden. Autoren kastrieren sich selbst aus Angst, dem Anspruch auf verbale Potenz und Originalität nicht genügen zu können. Fäkalsprache ist zu derb, Metaphern zu blumig, Nüchternheit zu steril!

Stattdessen verharren viele im herkömmlichen Diskurs und scheuen jedes Risiko. Während formale Experimente längst fucking Standard sind, treibt kaum jemand Sprache über ihre Grenzen hinaus, bis zu jenem schmerzhaft-lustvollen Punkt, an dem sich Wort und Leben berühren. Das führt zu einer eigentümlichen Blutleere der Gegenwartsliteratur, die sich lieber in pseudo-Joycesche Bewusstseinsströme ergießt, als der Begierde Ausdruck zu verleihen. So liegt unser Animal Triste auf blütenweißen Laken, ohne auch nur den Hauch eines dionysischen Rausches zu verspüren.

Macht euch locker! Raus aus den Federn, möchte man rufen. Etiam si omnes, ego non! Hier sind wir, blicken über unseren Kirchturmhorizont hinaus, hinein in die Bücher, Songs und Bilder derer, die es gewagt haben, Sex zum Thema zu machen!

Fünfzehn wackere Mitstreiterinnen und Mitstreiter begeben sich auf literarische und bildliche Spurensuche, enträtseln Songtexte, beobachten Publikumsreaktionen und geben Life-Literature-Sex-Hacks, damit die Grenzen zwischen U-und E-Literatur endlich eingerissen werden!

Hier ein kleiner Teaser!

Norbert Kron zeigt, wo’s langgeht! Sexszenen sollen wir schreiben, solange wir die Finger von der seelischen Verschmelzung im romantischen Sinn lassen und die richtige Perspektive wählen. Das Wort als Brennglas, eine literarische Peepshow mit Überraschungseffekt garantiert er.

Was tatsächlich über und unter den Tresen wandert, verrät uns Kristy Husz. Sie weiß, wie man den „Bad Sex in Fiction“-Award gewinnt, das Endorphin-Level der Leser pusht oder gegen Null sinken lässt. Sense und Sensibility, Schätzchen! Nick Caves Love Letter in petto!

De Sade hätte sich einen Teufel um Verkaufszahlen geschert, obwohl er von Mathematik, speziell der Zahl 4, genauso besessen war wie von Sex. Der göttliche Marquis hätte den heutigen Sprachnormierern und Ignoranten der haptischen Qualitäten von Toilettenpapier wohl mindestens einen Kick in the Ass verpasst und mit Christian Platz zerebrale Orgasmen zelebriert.

Im Vergleich zu de Sade sind zeitgenössische Debatten um Queer Writing ein Zuckerschlecken. Der selbstreferentiellen Suche verweigert sich auch Jürgen Bauer. Er will den Jungs, die sich in den Arsch ficken, eine Stimme verleihen und seine Texte zwischen den Polen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit aufspannen.

Whole lotta love – verbale Vibrationen! Rhythmische Kicks gibt es in der Musik im Stakkato! Christina Mohr klingeln noch die Ohren von Stopptanz, Ententanz und Sex Machines. Flesh for Fantasy findet sich in Popsongs allover. Let’s talk about sex heißt es da! Für Herzschmerz ist kein Platz: Fuck the pain away!

Es ist natürlich allemal angenehmer, den Sound im Körper zu spüren, als die eigene sexuelle Energie von Kritikermachos auf der Bühne peitschen zu lassen. Viviane Joyce, Vollblutmusikerin mit einer Stimme, die den Jungs das Adrenalin durch die Adern treibt, wagt in ihren Songs unerschütterlich Grenzgänge zwischen Subtilem und Explizitem. Vagina Warriors und Quickies! Nothing wrong with that!

Den Kampf mit sich selbst auszufechten ist eine besondere Herausforderung. P.B. Fuchs musste erst einmal ihr Schreibhemmnis überwinden, bevor sie mit ihrem Roman an die Öffentlichkeit trat. Die Spurensuche in der Literatur ihrer türkischen Herkunftskultur machte ihr klar, dass sie sich ein Biotop schaffen musste zwischen Fluchritualen, romantisch-verklärtem Blick und Ekel. Ciao, Ciao, Biest-Felltierchen-Kamil!

Schlampenqualitäten spricht man ja gern Frauen zu. Lady Kunst erfüllt alle Voraussetzungen dafür. In ihrem Video vernascht sie rotwangig, Jesus auf den Astralleib gebrandet, ein Sojawürstchen nach allen Regeln der Blowjob-Kunst. Sex als Konsum! Bon Appétit!

Gierig sind auch Elena Acquati und David Lehmann. David spielt das Kätzchen und taucht seinen Pinsel in diverse Flüssigkeiten, während Elena keine Chance auf den nächsten Ride verstreichen lässt. Bild und Wort gehen bei diesem Künstlerpaar eine heilige Mésalliance ein.

Einen Sinn für Sakrales hat auch Theresa S. Grunwald. Batailles Devise der Verausgabung exerziert sie mit Pläsier. Sie demontiert die Branding-Fauxpas der Sextoy-Hersteller, lässt sich weder von Flipper die Klitoris lecken noch von der Retro-Prüderie anstecken. Feurige Kreisel, blutrotes Fleisch und der Sonnenanus sind ihre Passion. Hast du Angst vor allem, so lies Theresa!

„Who’s afraid of“ gilt auch für Marlen Hobrack, die sich einen elektrisierenden Schlagabtausch liefert mit ihrem Long Distance-Lover. Dionysischer Rausch und apollinisches Prinzip, fatale Attraktion und Abstoßung – das sind die Hot Buttons des Smartphone-Sex!

Buchstabenakrobatik in bewegte Bilder umzuwandeln ist Reginald Grünenbergs Business. Er serviert den Cinephilen nicht nur Eye, sondern auch Ear Candies. Die Sinne schulte er sich im Reich der Sinne und im Sexotop amerikanischer Kabelsender. Trainingseinheit 1 im sexmag!

Sherin L’Artiste ergötzt in diesem mag unser Auge. Das sinnlichste aller Sinnesorgane, weiß, rund, schleimig, verschwindet bei Bataille selbst in so manch einer Öffnung. Sherin legt es bloß, seziert, beobachtet, lauert und skizziert Szenerien, die manchmal obszön sind, dann wieder Schnitzlers Traumnovelle entsprungen sein könnten.

Wie sich unser aller Leidenschaft in bare Münze umsetzen lässt, zeigt Janina Gatzky. Mit Erotik für Frauen erobert Séparée den Markt. Platzhirsche, Obacht! Von Doppelmoral und blickdichten Umschlägen lassen sich gestandene Herausgeberinnen garantiert nicht ins Bockshorn jagen!

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht euch

Ute Cohen

Ute Cohen ist Kuratorin des sexmags. Sie lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin.

Diese Ausgabe des sexmags wurde illustriert von Sherin l’Artiste. Sie lebt als freischaffende Künstlerin in Hamburg.

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