
Das erste Strandgut, Januar 1980 
Heft 555 – Mai 2025 
Nummer 500 – Juni 2020 
Nummer 444 – September 2015 
Nummer 400 – Januar 2012
Als Kolumnist auch schon eine Weile dabei – von Alf Mayer
Es war einmal ein Kino in Frankfurt, die »Harmonie« in Frankfurt-Sachsenhausen, für eine Weile so etwas wie der Mittelpunkt meiner Welt. Das war späte Siebziger, Anfang bis Mitte der Achtziger. Eine Wirtschaft, manche nannten es Café, direkt daneben, gehörte eine Zeitlang dazu (heute das Antiquariat Wolfgang Rüger, von dem in dieser Ausgabe hier nebenan im Zusammenhang mit dem Cut-up-Schriftsteller Jürgen Ploog die Rede ist – immer noch ist die Welt halt klein, und rund).

Ich hing so oft dort herum, dass es unvermeidlich war, sich mit manchen dort anzufreunden. Mit zwei von ihnen spiele ich immer noch Poker. Der damals Vierte im Bunde, der legendäre Filmproduzent Karl »Baumi« Baumgartner, ist leider schon tot. Aber das ist eine andere Geschichte – anlässlich von 40 Jahre Pandora-Film und 55 Jahre Hofer Filmtage berichtet…
Nur so viel: Aus der »Harmonie« entstand der Filmverleih »Pandora-Film«, als Baumi und Reinhard 1981 direkt von den Hofer Filmtagen die Festivalkopie von Clemens Klopfensteins E NACHTLANG FÜÜRLAND mitbrachten, was dann nicht nur in ihrem Kino der Renner wurde. Der Erfolg war der Grundstock für weitere Filmverleih-Experimente, etwa mit Kurosawas YOJIMBO – DER LEIBWÄCHTER (dank guter Kontake zur ARD-Filmredkation, die synchronisiert hatte, und zu Leo Kirchs Janus-Film) oder mit Yilmaz Güney und YOL – DER WEG, der dann in Cannes die Goldene Palme gewann. Dann bot ein Schweizer Produzent den Einstieg bei einem Godard-Film an, daraus wurde zwar nichts, dafür aber produzierte »Pandora« bald Jim Jarmusch, Andrej Tarkowski (NOSTALGHIA), Jane Campion (DAS PIANO), Chen Kaige (FAREWELL MY CONCUBINE), Aki Kaurismäki, Fatih Akin…
Doch zurück zur schreibenden Zunft: Ingrid Mylo veröffentlichte im »Strandgut« ihre »Kaffeeblüten«, unerbittlich genaue, sprachlich geschliffene Miniaturen aus ihrer Zeitzeugenschaft im »Strandcafé«, heute beglückt sie unsere CulturMag-Leser monatlich mit ihrer Erfindung »3×11 Spielworte«. Strand war damals überall in Frankfurt, man brauchte nur einen Pflasterstein hochzuheben. Dany Cohn-Bendit machte den »Pflasterstrand«, längst ist daraus das zäpfchenglatte »Frankfurt Journal« geworden, samt »Frankfurt kauft ein« und»Frankfurt geht aus«-Imperium.

Das »Strandgut« ist da immer konsumkritischer geblieben, hat Haltung. Auch mein Freund Georg Seeßlen steuert Texte bei. Entstanden ist das Monatsmagazin einst – auch das gibt es nicht so oft – sozusagen als die Hauszeitschrift des Kinos »Harmonie«.
Irgendwann 1984/85 sagte Kurt Otterbacher, der das Blatt machte, selbst Krimileser war und mit mir gern darüber debattierte, ich solle doch einfach mal über diese Autoren schreiben, die mir so gefielen. Ich war damals seit 1978 Redakteur der ultraseriösen Medienzeitschrift »medium«, über Kriminalromane schrieb man eigentlich nicht. Es brauchte Mut, das zu tun. Man machte sich die Hände am Trivilialen schmutzig. Das war wie Outing. Und das hat sich bis heute, 2025, kaum geändert, nicht nur aus dem damaligen »Strandgut«- und »medium«-Umfeld höre ich heute noch: »Kriminalromane lese ich nicht« oder »Das ist ja wie Pornografie« …
Jedenfalls fuhr ich damals zweigleisig, besprach für das im Klebeumbruch zusammengehauene »Strandgut« von Kurt Otterbacher und im feineren »mid«, dem wie eine Zeitschrift aufgemachten «Medien-Informationsdienst« von Bernd Bleuel und Herbert Debes (der heute noch Glanz & Elend macht). Anfangs spendierte mir das »Strandgut« eine »Krimi-Ecke«, im »mid« bekam ich einen Rubriken-Balken und taufte meine Kolumne, an Dashiell Hammetts Roman angelehnt, »Blutige Ernte«. Der »mid« verschwand, meine Kolumne im ”Strandgut« blieb – das ist jetzt an die 40 Jahre her. Buch geführt habe ich nie, mein erster aufbewahrter Beleg stammt vom März 1986. Die Anfänge waren aber früher und im Lauf der Jahre sind es sicher über 400 Kolumnen geworden. Sagen wir 444, das passt zum Jubiläum.
Kurt Otterbacher ist immer noch Herausgeber und Verleger. Die fulminante Birgit Brault schmeisst den Laden und gestaltet die Hefte. 555 sind es mit diesem Monat.
Cheerioh!
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555 mal Strandgut – Eine Zeitreise des Herausgebers Kurt Otterbacher
Dies ist das fünfhundertfünfundfünfzigste Strandgut-Heft. In der Numerologie ist 555 als Engelszahl bekannt, als Zeichen für bevorstehende Veränderungen und Wachstum – also für etwas Gutes. Bei Heft 666 geht der Offenbarung (griechisch »Apokalypse«) des Johannes zufolge – die Welt unter, denn 666 ist die Zahl des Biestes = Satan. Bis dahin sind es aber noch 111 Monate – und wann hatte die Bibel das letzte Mal recht? Im Jahr 1976 vermutlich, da erschien das gleichnamige Buch von Harald Keller – und damals, blutjung, betrieben wir das Studentenkino pupille.
Das erste Strandgut hatte die Nummer 24, vorher hieß unser Blatt pupille, dann Harmonie, schließlich strandfilm und erst ab Januar 1980 »Strandgut«. Bei einer Filmpreis-Verleihung, 1979 in Bonn, beschimpften uns nämlich Kollegen: »Da ist ja das Strandgut aus Frankfurt«. Dazu haben wir gestanden.

Der 1980-er Strandgut-Titel machte verheißungsvollerweise Reklame für den Film von Thomas Kufahl: »Das Ende des Regenbogens«. »Wenn ich an meine Zukunft denke«, sagt Jimmi, der Held dieses Filmes damals, »kriege ich Horror«. Das ist 45 Jahre her – und 45 mal 12 Monate ergibt eine Heftzahl von 540 plus 5 Hefte in 2025. Dazu kommen die 23 Hefte, in denen das Blatt noch einen anderen Namen trug, macht 568. Die Differenz zu 555 erklärt sich aus einigen sommerlichen Doppelnummern, Corona und ein paar Numerierungsfehlern.
Damals hatten wir alle noch eine Zukunft, die für uns mit dem Jahre 2001 und der »Odyssee im Weltraum« begann. Jetzt leben wir bereits fast ein Vierteljahrhundert in dieser Zukunft – und weiß Gott, sie ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Wer hätte damals schon für möglich gehalten, dass die Rechtschreibung verschandelt, es eine Bibel in gerechter Sprache geben würde, und ein Teil unserer Gesellschaft dem andern Benimmregeln auferlegt, von denen man sich nicht mal mehr mit einem Fünfer im »Sparschwein für böse Worte« freikaufen kann.
Statt Kubricks Prognose, die auf einer schlechten Kurzgeschichte von Arthur C. Clarke basiert, beruht unsere gegenwärtige Zukunft eher auf Isaac Asimovs »Der Tausendjahresplan« (»Foundation«). Die »Bibliothekare« aus dieser 1952 veröffentlichten Trilogie finden ihre Analogie in »Wikipedia«; sogar ein Typ wie Donald Trump ist eingearbeitet – als der Mutant »Fuchs« im 2. Band von »Foundation«. Bei Asimov dauert es tausend Jahre bis »Alle Wege nach Trantor« führen.
Bis dahin ist noch eine Menge Zeit. Da die besten Bücher bereits geschrieben, die besten Filme bereits gedreht und die beste Musik bereits komponiert wurde, sollten wir diese Zeit nicht dazu nutzen, uns danach umzutun – bevor sie umgeschrieben, »korrigiert« und mit Triggerwarnungen versehen wurden?
Denn: »Trau keinem unter 555«.
Fürs Blätterm im Archiv … bis Heft 400.
Ansonsten: www.strandgut.de



























