Lars Hartmann: Tabus. Eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten Phänomens Fürs Betrachten von Photographien existiert in dieser Stadt ein schöner Ort namens c/o Berlin. Die Institution ist im ehemaligen Amerika-Haus am Bahnhof Zoo untergebracht. Dorthin spazierte ich Anfang des Jahres und traf mich mit einer Begleiterin. Von Joel Meyerowitz, einem US-Amerikanischen Künstler der Streetphotography, sahen wir uns die Retrospektive Why Color? an. Wir schlenderten durch die Räume, schauten, erzählten: ohne Frage beeindruckende Photos, teils mit viel Witz aufgenommen, ungewöhnliche Perspektiven, alles das also, was ich an Photographien schätze. In einem
Read More Auf immer gebrandmarkt? Jetzt am 31. Oktober 2018 ist er einhundert Jahre tot. Noch immer verkürzen die gängigen Zuschreibungen Egon Schiele gerne zu einem Pornografen. Alf Mayer hat zwei Bücher dagegen gelesen. Frühstück, zufälliger Blick: Der fast obszön statt schön auf Models schielte, ganz genau hinsah (Vorn.) – das Rätsel „Kreuzweise Nr. 1547“, Februar 2018 im „stern“, Frage 25 senkrecht. Ich kann es kaum fassen, als ich die vier Buchstaben zur richtigen Lösung kombiniere. Sie lautet: EGON. Noch hundert Jahre nach seinem Tod wird im ganz normalen Alltag Egon Schiele als obszöner
Read More Roland Osswald: Auf 50 Jahre angelegt In einem Land, in dem es als Partygag eine Lampe aus Knochen mit einem Schirm aus menschlicher Haut gegeben hat, wo Ärzte an lebenden Menschen gewissenlose und rassistische „Experimentalmedizin“ betrieben haben, die Vergasung von Millionen im Buche steht, mit Leichenbergen, die mit Baggern in Massengräber geschaufelt werden mussten; einem Land, in dem der Tod ein Meister ist, in einem solchen Land über Tabus zu sprechen und zu schreiben, ist eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Meyers Großes Taschenlexikon schreibt: „Die Funktion von Tabus ist es,
Read More Wolfgang Wagner: Blinde Flecke und Neurosen Dies wird keine Reflexion über „Deep Throat“. Nur zwei Anmerkungen dazu: „Wenn in den heutigen Sexfilmen das pornographische Element vorherrscht, so deshalb, weil sie in einer sexuell unterdrückten Gesellschaft produziert werden. Der enorme finanzielle Erfolg der harten Pornofilme läßt sich nicht anders erklären.“ (Vogel spricht von den frühen 70er Jahren – siehe unten, S. 220) Ich erinnere mich, an die sonderbar aufgeräumte Stimmung bei der Wiederaufführung von „Deep Throat“ im ausverkauften Grazer Rechbauerkino in den 90ern. Ich erinnere mich auch an den auffallend hohen
Read More Annekathrin Kohout: Die Räume der Nonkonformisten (Gehäus, Tonne, Dachkammer, White Cube) – und der Safe Space Üblicherweise nehmen Menschen einen gewissen Anteil an ihrer Außenwelt, an der Gesellschaft, der Politik oder der Kultur. Meistens sind sie eingebettet und integriert in gängige Abläufe, sie kennen und befolgen Regeln, die besagen, wie man sich zu verhalten hat – oft einfach aus Bequemlichkeit, um als ‚normal’ zu gelten oder nicht aufzufallen. Sehr lange gehörte es zur Legendenbildung um den Künstler, seine Sonderstellung zu betonen, die darin bestand, sich von der Außenwelt abzuwenden
Read More Agata Norek: Enttabuisierung durch Kunstobjekte – Die „Schutzschilde” Es gibt Tabus, die man aus Rücksicht auf Andere, gleichzeitig aber auch zur eigenen Sicherheit besser weder anschauen noch ansprechen sollte. Wenn möglich, wäre es am besten, wenn man von ihnen gar nicht hörte oder wüsste. So wie es die drei berühmten japanischen Affen, die ihren Ursprung in einem japanischen Sprichwort „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ haben, symbolisieren. Wenn diese drei Affen in diesem Augenblick an die gleichen Tabus denken würden wie ich, so würde ich mich ihnen solidarisch anschließen und
Read More Hans-Jürgen Döpp: Sexualität zwischen Tabu und Liberalisierung „Hast du im Venusberg geweilt, so bist nun ewig du verdammt“ Tannhäuser Einleitung Ohne Frage: Was die Sexualität betrifft, leben wir in der freiesten aller Zeiten! Die viktorianischen Tabus über erotische Darstellungen in Kunst, Theater und Literatur sind weitgehend überwunden, Einstellungen zu Geschlechterrollen, Homosexualität und Ehe haben sich gravierend verändert und werden öffentlich diskutiert. Pornographie zu konsumieren ist kein Zeichen mehr einer Persönlichkeitsstörung. Über Werbung, Fernsehen, Internet und Druckmedien findet eine Pornographisierung der gesamten Konsumsphäre statt. Der Umgang mit dem Thema Sexualität wird
Read More Christian Platz: Augensex oder Film bricht Tabu ein Drama in zwei Akten Steinzeit «Willst Du einmal etwas sehen?» So oder ähnlich lauteten die Einladungen. Sie erfolgten immer mündlich. Ein Flugblatt wäre zu heiss gewesen, damals, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende. Ein Plakat undenkbar. Man bewegte sich auf gesetzlosem Territorium. Klandestin. Noch nicht lange war es her, da hatte man sie erstmals gesehen, jene bewegten Bilder auf – mehr oder minder – flachem Grund. «Projiziert», das neue Wort war ein Zungenbrecher, gemahnte an wissenschaftliche Prozeduren, hinter geschlossenen Fensterläden durchgeführt, von Professoren,
Read More Wolfgang Franßen: Anything goes Tabus sind allenfalls etwas für gerümpfte Nase, Flüstern hinter vorgehaltener Hand. Tabus sind das Glanzstück der Empörung für die gehobene Gesellschaft und beruhen auf Absprachen, was gedacht, getan werden darf. Ich persönlich finde Tabus gut. An ihnen kann man sich reiben, sich gegen sie auflehnen, vor allem verraten sie viel über jene, die sie aufstellen und pflegen. Tabus üben einen unsäglichen Reiz aus, gegen sie verstoßen zu wollen. Es gibt also genügend Gründe, dem Tabubruch im Kriminalroman nachzuspüren. Einige werden behaupten, es gab nie welche,
Read More Reginald Grünenberg: Das Undenkbare und das Unaussprechliche in der Politik Es muss im März 2008 gewesen sein, als ich auf dem Flug von London nach Tokio, irgendwo über der menschenleeren, schneeverwüsteten Inneren Mongolei, diese Spekulation über das politische Tabu las. Die Autorin Juli Zeh kannte ich schon von ihrem Roman Spieltrieb, der so voll böser Intelligenz ist, dass ich Angst hatte, ein Dämon würde aus den Seiten springen und mein Gehirn fressen. Das spricht natürlich für das Buch, wie uns der junge Franz Kafka in einem Brief an einen
Read More Rainer Zitelmann: Wie reden wir eigentlich über die Minderheit der Reichen? Im April 2016 wurden von einem internationalen Rechercheteam mit 400 Journalisten die sogenannten „Panama-Papers“ veröffentlicht. Es ging dabei um Informationen über Briefkastenfirmen in Panama. Die „Süddeutsche Zeitung“ sprach vom „größten Datenleck, das es je gab“, wobei „Datenleck“ eine euphemistische Formulierung für einen Hackerangriff auf die Daten der in Panama ansässigen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca war. „Leak“, so informierte die „Süddeutsche“, heiße so viel wie „ein Datenleck, aus dem plötzlich die Wahrheit fließt“. Ob sich hinter den Briefkastenfirmen illegale oder
Read More Leander F. Badura: Geld als linkes Tabu Was geisterte da nicht alles durch den Blätterwald anlässlich des zweihundertsten Geburtstages eines gewissen Karl Marx. Neben schmollenden Linksradikalen, die „Wir haben’s ja schon immer gesagt“ grummelnd in derselben Ecke wie sonst auch standen, bekam der bärtige Meisterdenker auch jede Menge würdigende Aufmerksamkeit von bürgerlichen Autoren. Wie sinn- oder gehaltvoll das war, und was das über gesellschaftliche Machtverhältnisse im kulturellen Bereich aussagt, soll an dieser Stelle unbeachtet bleiben. Interessanter als der Großteil der gönnerhaft-idiotischen Rosinenpickerei à la „Wo hatte Marx recht, wo nicht“
Read More Hazel Rosenstrauch: Gesetzgebers und Volkes Stimme Der Beitrag entstand, als der „Echo-Preis“ gerade erst verliehen war, und die Debatte um einen neuen Antisemitismus erst begonnen hatte. Kurz danach war ich auf einer Tagung, ich dachte an das Vorurteil, „die Juden“ würden aus dem Holocaust ein Geschäft machen. Da waren ganz viele nichtjüdische Deutsche, die ihre Kunst & Karrieren mit dem Thema Holocaust und Verfolgung etc. machen. Meine Hausaufgabe war die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Aber ist der ein Tabu? Oder ist das mehr und weniger flegelhafte Schimpfen über Juden,
Read More Gunnar Kaiser: Das Tabu der Freiheit Ich stelle mir den bisherigen Ablauf der Menschheitsgeschichte als eine dunkle Höhle vor, deren Wände eng, allzu eng beieinanderstehen. Und der Mensch, nein, nicht nur „der“ Mensch, sondern jedes einzelne Individuum in dieser langen Kette von Leben, schritt eingeengt und einsinnig in eine Richtung: eingeengt von den abweisend kalten Wänden der Sippe, des Stammes, des Volkes, der Gesellschaft. Einsinnig gemacht durch Stammesdenken, Kollektivmoral, Anstandsregeln. In die ewig gleiche Richtung getrieben durch religiöse Vorschriften, den Zugriff weltlicher Autoritäten und ihrer ehernen Gesetze. Und was sie
Read More Heiko Hesh Schramm: NT-One (Aus: „Die große Plauderei“, Band 4 „Airstream“) Das neue NoTaboo, kurz NT-One genannt, war ein echter Quantensprung. Es verfügte über spezielle, aus der Kybernetik stammende Cyber-Funktionen, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellten: Für Außenstehende saß man, auf sein Smartphone-Display starrend, im Wartezimmer eines Urologen; tatsächlich aber flog man mit Star Wars Episode 30.0 durch den Raum, der bahnbrechenden Saga über den Vater von Yoda, Lucasonydias, welche davon erzählt, wie eigentlich wirklich alles tatsächlich einst begann … Die Philosophie, welche die Entwickler des Gerätes zu
Read More TABU-Quickies Stephen Urbanski: Nazis gegen Gewalt (3) David raucht Davidoff. Peter raucht Stuyvesant. Peer raucht 100. Juno raucht nicht. David raucht Davidoff. Und liest den „Stern“. Ernte raucht 23. Pall raucht Mall. Benson raucht Hedgefonds. Kim raucht nicht. David raucht Davidoff. Und liest den „Stern“. Kopf an die Mauer gelehnt. Lord raucht Overstolz. Marlboro raucht Cowboyhüte. Vogue raucht Moden. Eve raucht nicht. David raucht Davidoff. Und liest den „Stern“. Kopf knallt gegen Mauern. In religiöser Verzückung. Klagerufe werden laut. Mauern fragen: Kyffhäuser? Sind die illegal? Camel raucht Shit. (Aus
Read More The Dark Side of the Moon 1 bild / 100 worte Um Mitternacht verwandelt sich Seine Eminenz der Kardinal in Mylady Winter, schleicht grau wie alle Katzen durch die leise knisternden Schlafzimmer der Hauptstadt, die fahlen Parks, die Augen grünschillernde Kugeln, the dark side of the moon. „Dunkel nur, wenn die Sonne nicht drauf fällt.“ So sprach der nachdenkliche Pförtner. Doch wohin führt die Metamorphose? In Verse!, wünscht sich der Dichter Ovid aus dem Schattenreich, das können wir bieten, wenngleich nicht auf Latein. Es gefällt uns zu denken, dass jeder
Read More Vom Kratzen bim Ding 1 bild / 100 worte Die Sterne interessieren sich nicht für uns (Müller: ZEMENT), die Menschen dagegen sehr (lang schon vor FB) füreinander – und also plauderte einst ein Prädikant in Schwerzenbach (AKTENSAMMLUNG ZH REFORMATION) die Beichtgeheimnisse seiner Nonnen aus. – „So ihr gern mann hettent und nit mögent, so kratzent ir mit dem finger bim bein und bim ding, bis es üch vergat.“ In der Predigt aber saßen selbige Nonnen, hörten dies und verklagten den Laferi beim Rat. – 500 Jahre später lesen wir in
Read More Emily Dickinson MEETS the Dude 1 bild / 100 worte „Hello“, sagt der Triclycopterius. „Wer bist du? Bist du an Urtier too? – Dann gibt es also two von uns? Wie fein – lass uns in time – mal wieder treffen – auf diesem Felsen – und auf die Meere schaun, und in den Abendhimmel.“ Und das andere Tier so: „Yeah, yeah, yeah, the condition my condition is in.“ Der Mensch wiederum hat sich selbst aus diesem Bild entfernt – für immer!!! OMG, schnell in den Himmel schauen, dort heißen
Read More Das vierteljährliche Preisrätsel – finden Sie den gesuchten Autor und gewinnen Sie einen Buchpreis!
Read More Das gesuchte Zitat eingesandt und einen Buchpreis gewonnen hat Josef Goldbrunner aus Marzling. Herzlichen Glückwunsch!
Read More Affenspiele 1 bild / 100 worte Stella springt, hüpft, gleitet durch die Bücher in Verenas Regal, Verenas Regal, Geschichten von Frauen, die lieben und liebten und zuwenig zurückgeliebt wurden. Claire Goll mit ihrer Monstermutter. Doch auch die Männer werden nicht froh in ihrem Unvermögen. Eine kosmische Schwere legt sich auf S.s Gemüt; Sein oder nicht Sein? Also sprach von der Bühne ein Schauspieler, endlich Hamlet. Dann betrachtete er den Himmel, in den Wolken ein Kamel. Ach, ach. Alle hassen mich. Tod, Tod. Affenspiele! schreyt ein anderer Spieler, meint aber seine
Read More Planet 9 1 bild / 100 worte In dieser Nacht treffen sich die Mutterlosen und starren in den Himmel, denn ihre Mutter ist ein Stern und wurde gefressen. Ihre Mutter ist ein Flittchen, herzlos im Banne einer schwarzen Pädagogik, ihre Mutter wurde von einem schwarzen Loch geholt und das hat sie nun davon. Die Schlampe. Die Mutterlosen nehmen sich an den Händen und tanzen um den Tümpel, in dem die Mutter liegt, und irgendwo in dem gespiegelten Universum blinkt auch Planet 9, der an den Zwergplaneten zerrt… „Planet 9“, sagen
Read More Fakten zum Weltall 1 bild / 100 worte Wenn Jupiter eine Wassermelone wäre, dann wäre die Erde eine Kirschtomate. Ohne Schwerkraft würde alles auseinanderfliegen. Wir leben in der Goldlöckchen-Zone. Kennt noch einer dieses Märchen? Es war einmal ein Mädchen, das hieß Goldlöckchen und hatte sich verirrt. Da kam es ins Haus der drei Bären und aß von ihren Tellerchen und trank von ihren Becherchen. Den Realismus darin wollen wir nicht bestreiten, so läppisch er auch daherkommt: „Goldlöckchen“, a.k.a. James Bond, weiß, was sie will. The world is not enough! Weitere
Read More Neoexpressionistische Wucht Von Karsten Herrmann Der Pole Szcepan Twardoch ist ein außergewöhnlicher Autor mit neo-expressionistischer Wucht und avancierten Romankompositionen. Mit dem Monumentalroman „Morphin“, der in Warschau spielt und die morbid-exzessive Atmosphäre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einfing, gelang ihm 2012 der internationale Durchbruch. Mit seinem neuen Roman „Der Boxer“ kehrt er nach seinem erdverbundenen Schlesien-Roman „Drach“ nun nach Warschau und in die Zeit der 1930er Jahre zurück. Erzählt wird „Der Boxer“ im Rückblick von Mojzesz Bernstein, dessen Vater von dem Boxer und Mafiosi Jakub Shapiro getötet wurde: „Ich […]
Read More Blue Moon 1 bild / 100 worte Stella in the country of old men… in dieser Nacht liegt wenig Feinstaub in der Luft, der Schnee hat ihn sanft auf die Straßen getragen & die Autos bleiben in der Garage. Schneeballschlachten, Schneemänner mit Karottennasen & Schal. Hier – we are a people of metaphor – bringen nicht die Söhne die Väter um, sondern die Väter (versehentlich) die Söhne. Tschüss, Freud, salam Ferdossi. Der Mond kam 4 Nächte später & war blau & strahlend, wir sprechen nicht von Farbe sondern Freude. Alle Söhne
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