
Wolfgang J. Ruf: Das Jahr 2025 – Ein unfrisierter Rückblick
Zum Jahresbeginn 2025 grüßte ich Freunde und Bekannte mit diesen Worten von Johann Wolfgang Goethe: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“ Je älter ich werde, umso näher kommt mir dieser Klassiker in seiner Art und Weise, auf die Welt und aufs eigene Leben zu blicken. Im vergangenen Jahr begegnete er mir ein paar Mal ganz unverhofft.
Am 7. Juni verstarb der große Theatermacher Claus Peymann. Geradezu blitzartig hatte ich die geschwungene Neonschrift mit diesen Worten wieder einmal vor Augen: „Tasso/politisch – Sorgen herzungewisse“. Die faszinierend rätselhaften Worte sind nicht von Goethe, sondern von Friedrich Hölderlin. Aber Regisseur Claus Peymann ließ sie 1979 in seiner ersten Bochumer Inszenierung den ganzen Abend über Goethes Torquato Tasso leuchten. Das war wie ein visuelles Signal, das mit all den anderen schauspielerischen und inszenatorischen Mitteln dazu beitrug, Goethes in Schulzeiten so oft malträtiertes und meist noch nicht verstandenes Drama über den Intellektuellen in der Gesellschaft gekonnt in die Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu stellen.
Es war vielleicht gerade dieses Erinnerungsbild, das mich anregte, spontan zum Abschied von Claus Peymann zu schreiben – hier der Link zu meinem Text:

Auf einer Reise im Herbst entdeckte ich in einer Buchhandlung Gregor Gysis neueste Veröffentlichung Mein Leben in 13 Büchern – eine ebenso vergnügliche wie kluge Lektüre über Bücher, Autoren und Leser. Beim ersten Durchblättern stieß ich schon auf soviel gewitzte Bemerkungen, dass ich das Büchlein nicht mehr aus der Hand legen wollte. Es war nicht nur verblüffend, dass der so links positionierte Politiker das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels eine „Dichtung“ nennt, sondern erstaunte mich auch, dass er seinen Exkursen in die Welt der Literatur dieses Motto von Goethe voranstellt: „Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. – Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen – aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre!“ (Goethe im Gespräch mit Johann Peter Eckermann am 6. Mai 1827).
Diese Worte begleiten mich seit ich sie las – und bringen mich immer wieder ins Grübeln. – Dieser Link führt zu meiner Rezension des Buchs von Gysi.

Irgendwann sollte man wohl in einem solchen Text auch sagen, woher die Überschrift rührt. Unfrisiert, könnte ich sagen, weil die Geschehnisse dieser Zeit, weltweit und in der Nähe, einem die Haare zu Berge stehen lassen. Unfrisiert trifft auch zu, weil dieser Rückblick nicht ganz chronologisch erzählt wird, weil ich Assoziationen und Abschweifungen nicht unterdrücke, schon gar nicht auf ein klar und streng gescheiteltes Erinnerungsbild setze. Auch allerhand Zitate, Aphorismen, Dokumente, auch Illustrationen tragen zu diesem Rückblick bei – hoffentlich nicht nur verwirrend, sondern erhellend. Selbstredend wurde die Überschrift vor allem auch vom geschätzten polnischen Dichter, Diplomaten, Übersetzer und vor allem Aphoristiker Stanisław Jerzy Lec (1909 – 1966) inspiriert, dessen Hauptwerk Unfrisierte Gedanken über die Jahre in immer neuen Erweiterungen, Ergänzungen und Fortsetzungen erschien.
Wie einst schon Georg Christoph Lichtenberg, der deutsche Aufklärer, Wissenschaftler und Philosoph vertraute Lec die Flut seiner Gedanken und Formulierungen zunächst seinen Sudelheften an. Der italienische Schriftsteller, Philosoph und Sprachwissenschaftler Umberto Eco (1932 – 2016), weltweit berühmt geworden mit seinem Roman Der Name der Rose, schrieb über Lec: „Er hat noch anderes geschrieben, aber die Unfrisierten Gedanken haben seinen Ruhm begründet. Es ist nämlich ein Buch, von dem jeder zivilisierte, nachdenkliche Mensch jeden Abend drei oder vier Zeilen lesen sollte, bevor er einschläft (wenn er es dann noch kann).“ Die Grabinschrift von Lec auf dem Powązki-Friedhof in Warschau lautet: „Es ist nicht leicht, nach dem Tod zu leben. Manchmal muss man dafür sein ganzes Leben opfern.“ Ein Satz, der auch die Welt von heute voll trifft: „Sieht sich ein Staat von einem kleinen Gedanken bedroht, ist es klar, dass der Gedanke groß und der Staat klein ist.“
Der Autor Lec hieß eigentlich Baron Stanisław Jerzy de Tusch-Letz, stammte aus Lemberg, aus einer großbürgerlich–jüdischen, wegen ihrer Verdienste geadelten Familie aus Galizien. Die Stadt war die Kulturmetropole im Osten der k. u. k. Monarchie. Heute heißt sie Lwiw, liegt im Westen der Ukraine und wird von russischen Raketen und Drohnen heimgesucht. Im Februar 2025 jährte sich der völkerrechtswidrige Überfall der Ukraine durch Russland zum dritten Mal, jetzt steckt das sich tapfer verteidigende Land im vierten Kriegswinter. Wir zittern mit den Ukrainern, die sich bislang erstaunlich wehren, obwohl der amerikanisch-europäische Beistand manchmal sehr zögerlich zustande kam. Was mich im abgelaufenen Jahr am meisten enttäuscht, sind die Ignoranz und die Gleichgültigkeit, denen man auf Schritt und Tritt begegnet. „Was haben wir schon damit zu tun?“, sagte ein alter Schulfreund, mit dem mich die Wiederbe-gegnung nach langer Zeit zunächst erfreute. Das klingt schon fast so dämlich wie AfD-Vorsitzender Tino Chrupalla, der am 11. November in der Talkshow von Markus Lanz sagte: „Mir hat Putin nichts getan!“ Als der renommierte Osteuropa- vor allem Rußland-Historiker Karl Schlögel auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, schreibt mir eine stets geschätzte Filmemacherin, die vor einigen Jahren vom Rhein nach Berlin zog, dass es eine krasse Fehlentscheidung sei, einen solchen Kriegstreiber mit diesem Preis zu ehren. Zum Jahresende schickt sie mir Wünsche aus dem Osten. Ich antworte ihr: „Warum schreibst Du eigentlich: Grüße aus dem Osten? Ein Pole, Rumäne oder Tscheche aus meinem Bekanntenkreis schreibt mir das nicht. Sie fühlen sich im Westen angekommen, also in Europa, um konkret zu sein.“
Der Publizist Richard David Precht mit der seltsamen Berufsbezeichnung Philosoph – wer Literaturwissenschaft studiert hat, ist auch nicht gleich ein Dichter – bringt das schwelende, irgendwie tabuisierte Problem, das bei Talkshows stets gemiedene, fast immer geschickt umschiffte Thema unfreiwillig zur Sprache. Gegen Ende der Talkshow von Maybritt Illner am 18. Dezember, zu der auch dieser stets gegen Waffenlieferungen an die Ukraine opponierende Precht wieder eingeladen war, sagt dieser zu SPD-Politiker Sigmar Gabriel: „Sie können Putin nicht mit Hitler vergleichen!“ Der hat das gar nicht getan, bezeichnenderweise geht auch hier niemand auf diese Bemerkung ein, auch nicht die Moderatorin. Später, als schon der Abspann läuft, hört man Precht das nochmals empört sagen. Das ist, denke ich, ein Kern dieser so verkrampft geführten Debatte um Putin und seinen Krieg in der Ukrainer, den selbst er schon nicht Krieg nennen will.
Warum darf man Putin mit Hitler nicht vergleichen? Vergleichen heißt doch nicht gleichsetzen, ohne Vergleich gibt es gar keine sinnvolle Geschichtswissenschaft. Renommierte Historiker wie Karl Schlögel, Heinrich August Winkler und Herfried Münkler ziehen diesen Vergleich, auch der jüngere Sönke Neitzel tut das. Ich weiß schon, mit diesem Vergleich kommt man schnell zum Thema der Münchner Konferenz von 1938 und ihrer verfehlten appeasement-Politik. Das gefällt weder Linken noch Rechten, auch nicht den populistischen Trump-Anhängern all überall. Dennoch, denke ich, führt dieser Vergleich zu einem realistischeren Bild der Situation und zu den daraus sinnvoll folgenden Maßnahmen. Aus eher verständlichen Gründen sträubt sich auch das Trump-Regime gegen diese naheliegende Einsicht. Ich wundere mich aber auch immer wieder,wie viele kluge Köpfe in den USA den Irrweg ihrer Regierung erkennen – und den Abbau demokratischer und freiheitlicher Einrichtungen dennoch hinnehmen. Die richtigen Worte dazu lese ich in einem aktuellen Gespräch mit der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood, die vor Jahren mit dem dystopischen Roman Der Report der Magd berühmt wurde. Sie warnt nachhaltig: „Wenn man nicht darauf achtet, was man tut und was um einen herum passiert, ist das eine Gefahr. Wir sollten keine Schafe sein, die erst aufwachen, wenn der Wolf schon da ist“ (Der Spiegel, 50/2025).

Die Verdrehung von Wahrheit und Lüge ist ein Kern dieses falschen Denkens und hat Methode. Auch Trump spricht inzwischen manchmal schon so, als hätte die Ukraine das größere Russland überfallen – und nicht umgekehrt. In seinem neuen Buch Der stille Freund, einer auch unfrisiert zu nennenden Sammlung von Prosatexten, von Erzählungen über historische Miniaturen bis hin zu aktuellen Überlegungen, verweist Ferdinand von Schirach auf einen weniger beachteten Aspekt in George Orwells Roman 1984, nämlich darauf, wie „das Wahrheitsministerium die Sprache der Menschen und damit die Wahrheit verändert.“
Er schreibt: „Von der Stelle, wo Winston stand, konnte man gerade noch die in schönen Lettern in seine weiße Front gemeißelten drei Wahlsprüche der Partei entziffern: Krieg bedeutet Frieden/Freiheit ist Sklaverei/Unwissenheit ist Stärke. Das Gegenteil der Wahrheit wird geglaubt, wenn es nur oft genug behauptet wird!“ Goebbels und Stalin lassen gleichermaßen grüssen. Davon wird auch der Umgang mit dem Nahost-Konflikt bestimmt.
Von Schirach schreibt: „Zu den Massakern am 7. Oktober 2023 in Israel gibt es über 1.500 Zeugenaussagen, über 60.000 Videos – unter anderem aus den beschlagnahmten Körperkameras der Terroristen – und zahllose Fotos der Morde, Folterungen und Vergewaltigungen. Trotzdem glauben über 90 Prozent der Palästinenser im Gazastreifen und Westjordan-Land, die Hamas habe in Israel keine Gräueltaten verübt. X/Twitter, TikTok und Telegram werden mit Terrorpropaganda, Falschinformationen und Antisemitismus überschwemmt. Und das funktioniert: Auf der Sonnenallee in Berlin feiert am Abend des 7. Oktober das palästinensische Netzwerk Samidoun den Angriff der Hamas und verschenkt Süßgebäck an Passanten. In London, Stockholm, Barcelona, Washington, New York, Chicago, Sidney unbd anderen Städten jubeln Menschen über den Terroranschlag auf Israel. Schon zwei Wochen nach den Morden gehen in London 100.000 Demonstranten für die Palästinenser auf die Straße.“ Ich füge nur lapidar hinzu: Man kann die Regierung Netanjahu kritisch sehen, wie ich das auch tue, man kann auch die militärischen Aktionen Israels unterschiedlich beurteilen – aber eine Täter-Opfer-Umkehrung rechtfertigt das nicht.

Regelmäßig unterrichte ich an der Kreisvolkshochschule der Südwestpfalz in einer Art Studium generale. Mehrfach beschäftigte ich mich in letzter Zeit auf Wunsch der Teilnehmer mit dem Nahostkonflikt, seinen Ursachen und seiner schrecklichen Aktualität. Da kam ich zuletzt auf die pädagogische Idee, einfach ‘mal Bilder von völlig zerstörten Stadtlandschaften zu zeigen. Viele hielten das für Bilder aus Gaza – und waren schockiert, dass es Bilder ihrer Heimatstadt Pirmasens aus dem März 1945 waren.
Das Gespräch nahm einen weniger üblichen Verlauf: Wir sprachen über Warschau, Rotterdam und Coventry. Wir sprachen über Dresden, Hamburg, Köln – 160 Städte in Deutschland waren 1945 weitgehend zerstört, nicht nur militärische Ziele wurden dabei ins Visier genommen. Als Kleinkind habe ich in München selbst darunter gelitten – und nur durch einen Zufall überlebt. Ich berichtete auch von Le Havre. Ja, wir sprachen schließlich auch über Hiroshima und Nagasaki. Es wurde klar, dass der Kontext bei all den schrecklichen, ja: mörderischen Zerstörungen unterschiedlich war. Entsprechend aufmerksam und differenziert gilt es auch, die heutigen Geschehnisse zu sehen.
Ende April war ich wie schon im Vorjahr zu Gast bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen. Von 1975 bis 1985 war ich selbst Leiter dieses Festivals – eine für mich sehr prägende Zeit. Doch später wurde ich über Jahre nicht mehr eingeladen, geschweige denn zu einer Mitwirkung gebeten. Erst 2024 erinnerte man sich an mich – vielleicht weil der Oberbürgermeister den Einfall hatte, zu den 70. Kurzfilmtagen die noch lebenden Leiter zum Eintrag ins Goldene Buch der Stadt zu bitten. Nun lud mich die neue Leiterin Madeleine Bernstorff sogar ein, an einer Retrospektive der DDR-Filme auf dem 71. Oberhausener Festival mitzuarbeiten. Das wurde zu einer aufschlussreichen und anregenden Reise in die Vergangenheit, die des Festivals und meine eigene. Und vor Ort kam es auch zu manch unverhoffter, aber sehr erfreulichen Begegnung. Ein Gespräch zu meinen Erfahrungen mit der Filmauswahl in der DDR und im Ostblock, das Benjamin Moldenhauer für die Website des Festivals führte, wurde auch von der Seite Gespenster der Freiheit – Geschichten aus der Kultur übernommen und ist hier zu lesen.

Aber das Festival, seine schönen Kinos und das internationale, stets aufmerksame Publikum wirken in der Erinnerung doch wie eine fast irreale Oase in einer wenig einladenden Umgebung. Oberhausen und die Städte ringsum schienen bei den letzten Besuchen noch heruntergekommener. Man hat Schwierigkeiten, in der 200.000-Einwohner-Stadt eine gute Buchhandlung zu finden.

Bei einem Ausflug ins benachbarte, viel größere Essen sah ich nicht eine einzige öffentliche Uhr, die richtig ging. Zu Besuch im Ruhrgebiet versteht man schnell, was Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner umstrittenen Bemerkung über ein problematisches Stadtbild gemeint haben dürfte – auch wenn er wieder einmal unklar und ungeschickt formulierte. Allein mit Zuwanderung und Migration hat dieses Bild nicht nur zu tun, denn die gibt es auch dort, wo es anders aussieht.
Als das Festival am Eröffnungsabend zu einer Party im Kulturzentrum Altenberg hinterm Bahnhof lud, war ich dankbar, diesen Weg durch dunkle Unterführungen nicht allein gehen zu müssen; nicht nur als Frau wird einem da unwohl. In Erinnerung blieb eine Merkwürdigkeit: Über dem Eingang zum düsteren Bahnhofsbau hing eine große, hell angestrahlte Skulptur eines Elefanten. Was es damit auf sich hat, habe ich vergessen herauszufinden.
Im Juni wurde ich 82. Zunächst wusste ich gar nicht wie ich auf Fragen nach meinem Befinden in diesem Alter antworten sollte. Da hatte ich das schon erwähnte Gespräch mit der kanadischen Autorin Margaret Atwood noch nicht gelesen. Doch nun hätte ich eine Antwort.
Auf die Frage „Und wie ist es 86 zu sein?“ antwortete sie: „86 ist ungefähr das gleiche wie 85. Man sollte nicht hoffen, sich in meinem Alter gut zu fühlen. Ich bin aber in besserer Verfassung als viele meiner Freunde. Die haben Arthritis und solche Dinge.“ Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen ich meinen Geburtstag im nahen Baden-Baden verbrachte, blieb ich dieses Mal zuhause. Stattdessen fuhren wir zum Geburtstag meiner Frau Heike zwei Wochen später nach Nancy – auch nicht allzu fern, aber doch schon eine andere Welt.


Fotos © Heike Ruf
Tagsüber erkundeten wir die Museen. Empfehlen kann ich vor allem das Musée de l’École de Nancy auf dem ehemaligen Anwesen des Mäzens dieser Künstlergruppe, die dem Jugendstil (französisch: Art nouveau) verbunden war. Man entdeckt nicht nur einzelne Werke, sondern erlebt hier ganze Einrichtungsensembles und gewinnt somit auch eine Ahnung von der Lebenshaltung dieser Künstler. An den heißen Abenden saßen wir an der Place Stanislas. Der große Platz, der ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, ist nach dem einstigen polnischen König Stanisław Bogusław Leszczyński benannt, der nach der Niederlage im Polnischen Erbfolgekrieg 1737 von seinem Schwiegersohn, dem französischen König Ludwig XV., mit dem Herzogtum von Lothringen und Bar abgefunden wurde.
Dabei blickte ich auch aufs Theater gegenüber, auf dessen Bühne ich einst zu meiner Schulzeit schon mal stand – als Statist des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Die Theater hatten über viele Jahre eine Kooperation im Musiktheater, auch weil Karlsruhe und Nancy Partnerstädte sind. Als ich 1997 Stellvertreter des Generalintendanten und Chefdramaturg an der Karlsruher Bühne wurde, bestand diese Kooperation nicht mehr. Als ich nachfragte, erfuhr ich aus Frankreich, dass die Karlsruher Produktionen ihnen inzwischen trop étouffants, trop guindés seien – also zu bieder, zu stickig.

Im Sommer landen wir auf der Suche nach einem weniger heißen Ort in Le Touquet, an der Côte d’Opale gelegen, nördlich der Normandie. Der Name mag an französische Gemüsemärkte erinnern, wo die edle Kartoffelsorte La Ratte du Touquet mit ihrem nussigen Geschmack zu finden ist. In den 1920er Jahren stieg das Städtchen unter dem Namen Le Touquet-Paris-Plage zum mondänen Badeort auf. Heute erlebten wir hier, wie sich der Himmel, die See und das Land im Rhythmus der Gezeiten auf immer neue, stets wundersame Weise verbanden. Mit der stets frischen Brise, den Aerosolen in der Atemluft und dem nur leicht erwärmten Salzwasser im großen Pool war der drückenden Hitze im Inland gut zu entkommen. Zu all den ständig wechselnden Meeresansichten samt den ebenso wechselnden Tönen von Wind und Brandung fiel mir ein Vers von Homer ein, den ich im Jahr zuvor bei einem Aufenthalt in der Bretagne gefunden hatte, auf französisch, – oder hat ein französischer Freund, der Theaterregisseur Patrick Guinand, der seit Jahren in Wien lebt, aber nun oft in Italien inszeniert, mir dieses Zitat aus der Odyssee, 6. Gesang geschickt, als ich ihm in einer E-Mail von angenehmen Tagen auf der Halbinsel Quibéron berichtete. Jedenfalls trafen diese Verse damals zu und nun auch in Le Touquet:
„Nous habitons à l‘écart,
au milieu de la mer qui roule
des vagues sans nombre,
aux confins du monde.“
„Abgesondert wohnen wir
im wogenrauschenden Meere,
An dem Ende der Welt, und
haben mit keinem Gemeinschaft“
Doch die Entrückung, die hier beschworen wird, hält in der Welt der heutigen Kommunikation nicht lange an. Den Nachrichten und Bildern aus der Ukraine und aus Gaza entgeht man nicht.

Le Touquet, Blick vom Balkon – Foto © Heike Ruf 
Foto © Das Mühlbach
Im Oktober waren wir wieder einmal in unserem sehr geschätzten Wellness-Resort in Safferstetten. Nun war das Haus wesentlich erweitert worden, ohne zum Massenbetrieb herunterzukommen. In der vielgestaltigen Thermalbad-Anlage gibt es jetzt auch auf dem Dach des Neubaus einen Pool mit großartigem Ausblick auf die niederbayerische Weite. Am späten Nachmittag kann man in ihm auch textilfrei baden. Nicht dass ich ein passionierter Nudist wäre – ich erinnere mich nur an einen einschlägigen Aufenthalt in Senj an der damals noch jugoslawischen Adria – ja, dort spielt der immer noch lesbare Jugendroman Die rote Zora von Kurt Held, der mehrfach verfilmt wurde. Heute nochmals nackt zu baden und dabei öffentlich aufzutreten, reizte mich. Als ich den Bademantel ablegte und auf einmal ganz entblößt dastand, spürte ich die finsteren Blicke einer Gruppe von Männern mit Schmerbäuchen, die über ihre zeltartigen Badeshorts hingen. Bevor ich langsam ins Thermalwasser stieg, streckte ich mich, nackt wie ich war, nochmals und blickte aufrecht, vielleicht auch etwas arrogant in die adipöse Runde. Die Erinnerung an die erfrischende und durchaus erhebende Erfahrung ist trotz der Begleitumstände angenehm – eine alsbaldige Wiederholung verlockend.
Auf dem Rückweg aus Niederbayern in die Pfalz machten wir wieder einmal für ein paar Tage in München Station. An einem Abend gingen wir ins Kino und sahen „Amrum“, den neuen Film von Fatih Akin über die Kindheit seines väterlichen Freunds, des Filmemachers Hark Bohm, während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft auf der Nordseeinsel. Am Endes des nie in allzu gefühlige Töne abgleitenden und gerade deswegen wohl besonders berührenden Films steht auf einmal der heutige Hark Bohm am Strand und schaut ins Kinopublikum.

Ich vermeinte seinen Blick zu spüren; Erinnerungen an Begegnungen im München der frühen 1970er Jahre wurden lebendig. Seinen ersten Spielfilm als Regisseur, Tschetan, der Indianerjunge, rezensierte ich 1973 für DIE ZEIT; ich schrieb: „Auf Anhieb gelang ihm ein Film, der die Absichten der Jungfilmer, aus dem Getto elitärer Filmkunst auszubrechen und ein breiteres Publikum anzusprechen, beispielhaft verwirklicht.“ Ich sehe ihn noch vor mir, als ich ihn nach einer Voraufführung von Rainer Werner Fassbinders Fontane-Verfilmung Effi Briest 1974 darauf hinwies, dass er wohl doch zu jung für die Rolle des alten Apothekers Gieshübler sei, der einst das Gesangstalent der sehr viel jüngeren Marie Trippel förderte, die nun als erfolgreiche Sängerin Marietta Tripelli auftritt. „Ach,“ sagte er mit seinem unnachahmlichen Lächeln, „das hab ich dem Rainer auch gesagt – aber er meint, dass das eh dem Publikum nicht auffalle.“

Zurück im Hotel schreibe ich spontan an Hark Bohm, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen habe. Seine Adresse hab‘ ich nicht, ich schick meine Mail an die Produktionsfirma von Amrum. Alsbald erhalt‘ ich auch die Antwort, dass man meine Post an ihn weitergeleitet hat. Doch von ihm kommt nichts… dann vier Wochen später ein Brief per Post: die Trauernachricht zu seinem Abschied mit einem Gedicht von Theodor Storm:
„Över de stillen straten,
geit klar de Klokkenslag;
God Nacht! Din Hart will slapen,
Un morgen is ok en Dag.!
Die folgenden Links führen zum Trailer des Films Amrum und zu einem kleinen Porträt von Hark Bohm:
Anfang Dezember 2025 bin ich nochmals in München. Das Institut für Theaterwissenschaft an der Ludwig Maximilian-Universität, an dem ich vor 60 Jahren studierte, hat mich eingeladen, in einem Seminar über jene Zeit zu berichten. Ich empfand das durchaus als Ehre! Aber auch eine Nebensache scheint mir der Erwähnung wert. Ich fuhr dieses Mal mit der Bahn nach München, von Karlsruhe über Stuttgart mit dem ICE, auf der Rückfahrt musste ich in Stuttgart den Anschluss erreichen – sowohl der Bahnhof in Stuttgart als auch der in München befinden sich in langwierigem Umbau. Wem ich auch immer von meiner geplanten und absolvierten Bahnreise erzählte, der rollte mitleidsvoll mit den Augen. Da müsse ich mich schon auf Schwierigkeiten einstellen oder dürfte eine unangenehme Reise hinter mir haben. Doch das Gegenteil war der Fall. Alle Züge waren auf die Minute pünktlich – ja, der ICE von München hatte auf der Rückfahrt in Ulm um die fünf Minuten Verspätung, doch bis zum nächsten Halt in Stuttgart waren die wieder aufgeholt.
Dazu fällt mir ein Erlebnis aus dem März ein. Das Helmholtz-Gymnasium in Karlsruhe, also meine alte Penne, hatte mich eingeladen, bei einer Veranstaltung zur Berufsberatung mitzuwirken. Als ich ankam, suchte ich zuerst eine Toilette. Oje, dachte ich, all die Berichte über verwahrloste Schulen im Kopf – und nun stand ich vor dem verschlossenen Lehrer-WC und musste auf das der Schüler. Doch erstaunlicherweise war da nichts verwahrlost, alles war sauber, noch nicht mal Unrat, Schmierereien oder Graffiti… So ist es mit den täglichen Nachrichten: Dass das Flugzeug aus London pünktlich in Frankfurt landete, ist nun mal keine Meldung. Erst wenn etwas schief geht, wird davon berichtet. An sich ist das verständlich – und auch, dass die sogenannten neuen Medien diesen Effekt noch verstärken. Es gehört eben zum kritischen Umgang mit den Medien, sich dessen immer bewusst zu sein.

Das ganze Jahr über gibt es fast täglich Nachrichten, die bedrücken und gar ängstigen. Gibt es auch Lichtblicke? Durchaus. Die Sanktionen des Westens beginnen, auch den Alltag in den russischen Großstädten zu erreichen. Die Töne aus dem Kreml werden immer schriller. Außenminister Lawrow Lawrow nennt den deutschen Kanzler Merz einen Nazi mit Nazi-Genen und Putin beschimpft die europäischen Regierungschefs als „europäische Ferkel“. Von Souveränität und Stärke zeugen solche Ausfälle nicht. Auch in den USA sind bei Präsident Trump und seinem Gefolge ähnliche Erscheinungen zu beobachten. Der Präsident beleidigt regelmäßig unangenehme Frager auf üble Weise. Kürzlich schlug er vor, den ihn verspottenden Fernsehmoderator Stephen Colbert „einzuschläfern“. Wann und wo hat man derartige Entgleisungen erlebt?
In Umfragen bricht indes die Zustimmung zu Trumps Politik immer weiter ein. Allmählich bemerken seine Wähler, dass sich in ihren alltäglichen Nöten unter diesem Präsidenten nichts zum besseren wendet. Auch auf politischer Ebene gab es zuletzt erfreuliche Überraschungen. Der Senat der USA hat nun nach dem Kongress auch mit großer, parteiübergreifender Mehrheit ein Militärbudget samt Vorgaben und Regelungen beschlossen – und damit den erklärten Absichten von Trump, Vance, Hegseth & Co. schon mal die Zügel angelegt. In den deutschen Medien wurde dieser Vorgang wohl auf Grund so vieler anderer Auseinandersetzungen in seiner Bedeutung kaum gewürdigt; als CDU-Politiker Norbert Röttgen in einer Talkshow darauf verwies, ging niemand darauf ein. Dieser Link führt zu einem Bericht darüber, der durchaus die Hoffnung stärkt.
Neuerdings finden sich im täglichen Nachrichtenstrom immer mehr bizarre Zuspitzungen, bis hin zur Realsatire: Am 24. Dezember, auch Heiligabend genannt, lese ich über die Sitzung des UN-Sicherheitsrats, die auf Wunsch der von den USA bedrängten Regierung von Venezuela am Vortag einberufen worden war: Ausgerechnet Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja übte an der Politik Trumps scharfe Kritik: „Die US-Aktionen widersprechen den wichtigsten Normen des Völkerrechts, dem UN-Seerechtsabkommen und der Charta der Vereinten Nationen.“ Man kann daraufhin schon fassungslos sein – aber besser wäre es wohl, wenn die Weltöffentlichkeit angesichts solcher Dreistigkeit endlich auch ‘mal in respektloses Gelächter ausbrechen würde. Das trifft Autokraten, Diktatoren und andere Feinde der Demokratie immer noch ins Mark.
Ein paar Tage später, am 28. Dezember, vergeht mir allerdings das Lachen schnell wieder. Ich schaue die Pressekonferenz, die Trump mit Selenskyi in Mar a Lago, also am privaten Wohnsitz des US-Präsidenten in Florida, gibt. Trump hat vor dem Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten wieder ausführlich mit Putin telefoniert – und ist vom Machthaber im Kreml offensichtlich wieder einmal richtiggehend eingestellt worden. Statt konkret über das Gespräch mit Selenskyi, der kaum zu Wort kommt, zu berichten, schwadroniert er nun mehr von Putins Friedensliebe. Die ukrainischen Städte werden nach wie vor von russischen Luftangriffen drangsaliert und zerstört, auch während der Weihnachtstage. Doch Trump faselt davon, dass Putin den Frieden will und die Ukraine wieder aufbauen möchte.
Ein amerikanischer Freund, ein Filmjournalist, der früher für die New York Times schrieb und heute in Prag lebt, meinte kürzlich, dass Trump ein russischer Agent sei. Er bezog sich nicht auf die schon länger im Umlauf befindlichen Gerüchte, die in die 1980er Jahre und Trumps Moskau-Aufenthalt zurückgehen, sondern auf Geheimdienst-Akten aus der ehemaligen CSSR. Aus ihnen gehe hervor, dass der Vater von Trumps erster Ehefrau Ivana, für den Geheimdienst tätig war, der damals wie alle Dienste in den Ostblockländern mehr oder weniger dem KGB unterstand. Das mag zwar stimmen, aber ich zweifle daran, ob Trump dafür überhaupt geeignet ist. Für zutreffender halte ich die Aussage des ZDF-Journalisten Johannes Hano: „Die Frage ist nicht, ob Trump ein Agent war, sondern ob er es wusste.“ Ein aufschlussreiches Gespräch mit ihm in der Wiener Zeitung Der Standard, vom 22. Mai 2025, findet sich über diesen Link.
Noch mehr überzeugt mich die Meinung, dass US-Präsident Trump für den Kreml-Chef lediglich ein „nützlicher Idiot“ sei. Trumps Ex-Sicherheitsberater John Bolton konstatierte das schon vor Jahren (u. a. in der Frankfurter Rundschau vom 15. September 2020). Bei allem Verständnis für Diplomatie halte ich es inzwischen für sehr unangebracht, dass sich europäische Politiker gegenüber Trump immer noch devot verhalten und seine erratischen Aktivitäten loben. Sehen sie nicht, dass er die Rolle der USA als wichtige Ordnungsmacht untergräbt – und wem das nützt?

Ob ich zum Neuen Jahr wieder mit einer Bemerkung von Goethe grüßen werde? Gern würde ich auch mit meinem Lieblingszitat aus der deutschen Klassik aufwarten – es ist nur ein Wörtchen: „Ach!“ Es ist das letzte Wort in Heinrich von Kleists Lustspiel Amphitryon. Alkmene spricht es, als ihr Gemahl Amphitryon, der Feldherr der Thebaner wieder auftaucht – und Jupiter, der in seiner Gestalt die Frau göttlich beglückte, verschwunden ist. Ob sie es erfreut, erleichtert oder gar enttäuscht meint, bleibt dem Theater überlassen. Vielleicht auch das nicht in diesen Zeiten, und stattdessen grüße ich schon hier mit einem Satz von Jean-Paul Sartre (1905 – 1980). Mit dem französischen Schriftsteller und Philosophen, der auch mich in der Jugend faszinierte, stimme ich schon längst in vielen Aussagen nicht mehr überein. Aber diese lakonische Bemerkung, die Sartre schon vor Jahrzehnten gemacht hat, finde ich gerade auch heute zutreffend:

„Il y a peut-être des temps plus beaux, mais celui-ci est le nôtre.“ – auf Deutsch: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“ So ist es – und der unsrigen Zeit müssen wir uns immer wieder aufs Neue stellen.
© Wolfgang J. Ruf – Fischbach b. Dahn – Deutschland – 30. Dezember 2025
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Wolfgang J. Ruf war von 1975 bis 1985 Leiter der Westdeutschen Kurzfilmtage, wie das Festival damals hieß. Der Film-, Theater- und Literaturkritiker ist auch heute noch als Autor und Dozent aktiv. Zum Beispiel bei der Website „Gespenster der Freiheit„, dort etwa jüngst ein großes Porträt über den Theater-Autor Tankred Dorst.












