Thema schwer, Sprache leicht
Ich lese Caroline Wahl.
Ich lese nicht zu Ende, denn ich verstehe, warum jemand erschöpft ist oder nicht, warum jemand nicht mehr kann oder erst recht, warum eine Mutter trinkt oder Arbeit krank macht, warum die Dunkelheit dunkel und die Enge eng ist, warum jemand sich nach eisblauen Augen … ich verstehe. Und will es nicht mehr wissen.
Es tut mir alles wahnsinnig leid, denn natürlich weiß ich, dass ein alkoholisierter Elternteil ein Kind beschädigt, dass Macht demütigen kann, dass Menschen sich nach Liebe sehnen und Arbeit Geld kostet und manchmal die Würde. Wir alle wissen das, denn das alles ist wahr. Nun aber ist Wahrheit noch kein Deutscher Buchpreis.
Aber schreiben darf man darüber schon, ohne dass man selbst das Problem erfahren hat. Eine Autorin versetzt sich hinein und darf über Armut schreiben, ohne arm zu sein, über Depression, ohne depressiv zu sein, über Gewalt, ohne geschlagen worden zu sein oder selbst geschlagen zu haben. Sie darf das alles, denn sonst gäbe es nur autobiografische Zuständigkeiten, die Literatur wäre ihre Verwalterin.
Es geht um eine andere Zuständigkeit. Die der Sprache.
Was macht sie draus?
Was macht sie aus den Themen, die sie vorfindet?
Literatur entsteht durchaus nicht aus der Frage, was jemand schreibt, sondern wie Sprache daraus eine Erfahrung macht. Ein bedeutender Gegenstand macht noch keinen bedeutenden Text. Erst die Sprache macht Literatur daraus. Sonst wäre ein Roman über einen Krieg grundsätzlich bedeutsamer als einer über einen Mann, der beim Frühstücken telefoniert. Dieses Gespräch könnte alles enthalten.
Und hier komme ich auf Caroline Wahl zurück. Ihre Romane handeln von Dingen, die schwer wiegen.
Beim Lesen allerdings verlieren sie ihr Gewicht.
Das macht die Sprache. Sie erklärt, benennt, wiederholt, verstärkt. Das alles folgt einem Mechanismus des direkten Bedienens: Ein Gefühl erhält ein Wort, das Wort einen Körper, der Körper eine Reaktion. Das Herz schlägt, die Dunkelheit wird dunkel, die Überforderung überwältigt. Kurze Sätze machen Tempo. Gegenstände bezeugen
Gegenwart. Man erkennt sofort die ganze Welt.
Diesen vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem Wunsch, ein Gefühl möge sich bitte sofort erklären, meine ich auch bei New Romance zu erkennen.
Aber erkennt man dann etwas an dieser Welt?
Das ist keine rhetorische Frage. Vielleicht besteht gerade darin die Leistung dieser Bücher, nein, ganz sicher sogar: Sie machen Schwieriges zugänglich. Sie lassen über Sucht, psychische Erschöpfung, Abhängigkeit und soziale Enge lesen, ohne die Lektüre selbst schwierig zu machen.
Für mich allerdings ist es zu wenig.
Ich erwarte mehr, weil die Literatur mehr kann.
Sie kann kleine oder größere Störungen in längst Erkanntes bringen. Sie kann dafür sorgen, dass ich, nachdem ich ihr begegnet bin, Aspekte anders sehe oder fühle.
Mit Schwierigkeit hat das nichts zu tun.
Auch Monika Helfer schreibt einfache Sätze. In Die Bagage – das lese ich gerade – wird die Schönheit Marias nicht dadurch interessant, dass sie schön ist.
Schönheit wäre schnell erzählt.
Interessant ist, was diese Schönheit zwischen den Menschen anrichtet. Wie die anderen auf Maria schauen, was sie vermuten, begehren, fürchten, was sie ihr andichten oder nicht zugestehen. Das Wort beschreibt Maria und
gehört ihr doch bald nicht mehr.
Das einfache Wort schön öffnet hier etwas.
Adjektive sind einfach grundsätzlich gefährlich. Sie behaupten, was der Satz nicht hergestellt hat.
Bei Caroline Wahl erscheint es mir oft umgekehrt.
Die Wörter schließen.
Ist die Überforderung ausgesprochen und körperlich bestätigt, ist sie bei mir angekommen. Wahls Sprache stellt sicher, dass zwischen dem Gemeinten und meinem Verstehen möglichst wenig verloren geht. Darin liegt vielleicht ihre große Lesbarkeit.
Mich allerdings interessiert gerade der Verlust. Das, was zwischen einem Gedanken und seinem Satz verloren geht. Das, was eine Figur nicht von sich weiß. Was sie sagt, obwohl sie etwas anderes meint. Was ich lese, ohne es sofort einordnen zu können. Die Kippe, das Unbeabsichtigte, Unaufgelöste.
Vielleicht verlange ich von Literatur am Ende nur das: dass sie bitte, bitte nicht zu schnell versteht.

Ulrike Damm, 21.9.2026
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Von Ulrike Damm erschien 2025 der Roman ”Die Poesie des Buchhalters«, bei uns von Alf Mayer besprochen: Bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft.
Im März 2027 erscheint ihr neuer Roman „forget me not“ in der feinen edition frölich, der gerade den Deutschen Verlagspreis 2026 erhalten hat. Das Buch handelt von Emma, Agnes und Jane, Künstlerinnen, die um 1920 in der psychiatrischen Klinik lebten.
Andreas Pflüger führte 2025 mit ihr ein schönes, langes Gespräch: »Man muss mit dem auskommen, was man hat.«
Siehe auch: »Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.« Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm – von Ulrike Schrimpf, CulturMag Februar 2024. Sowie bei den Highlights 2024 von ihr: Der Trieb nach vorn. Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung.














