Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Rolf Barkowski, Ulrich Baron

Ulrich Baron: Rätsel der Neuzeit

Aus familiären Gründen verbringe ich jetzt viel Zeit in einem Haus, wo es neben Büchern auch einen Fernseher gibt und nutze das aus. Staune darüber, dass man auch ohne Kabelanschluss quasi rund um die Uhr mit Krimiserien verbringen kann. Stelle fest, dass die Polizistendarsteller derzeit eher kleiner (Jürgen Vogel, Yves Wüthrich), die Wohn- und Arbeitsräume aber immer größer werden.

Dass sich hinter den mit diversen Raumteilern voller ungenutzter Aktenordner versehenen Großraumbüros geradezu sibirische Weiten auftun, kann man verstehen. Die vielen Pizzakartons, ohne keine Mordermittlung möglich ist, brauchen den Platz. Vor allen, wenn man sie öffnet. Aber wozu braucht so ein kleiner Stöpsel von Hauptkommissar eine zirka 80 Quadratmeter große Küche? Dass seine diversen Töchter dort ihren Grapefruitsaft trinken, ist keine hinreichende Begründung, denn in „Jenseits der Spree“ ist nur eine von ihnen in Großbuchstaben beidseitig als „POLIZEI“ und somit als etatmäßig gekennzeichnet. Die anderen machens den Raumteilern nach und stehen überall rum. Das löst gleich zwei Rätsel, mit denen ich mich in der letzten Zeit herumgeplagt habe: Die Wohnraumnot und den Mangel an Fachpersonal im deutschen Einzelhandel: In den Wohnräumen werden ständig Krimiserien gedreht, und statt eine Ausbildung etwa zur Feinkostfachverkäuferin zu machen, trinken junge Frauen als Polizeihauptkommissarstöchter lieber in überdimensionierten Wohnküchen Grapefruitsaft.

Was aber ist mit den jungen Männern, die sich an unseren Feinkosttheken inzwischen auch rar machen? Möglicherweise arbeiten sie als Drohnenkameraleute, denn die Zahl der elegischen Luftaufnahmen deutscher Provinzlandschaften hat auch merklich zugenommen, und nie zuvor hat man Deutschland so viel von oben gesehen. In den immer größeren Räumen freilich scheint sich die eigentliche Handlung immer weiter zu verflüchtigen, und erinnerungswürdige Dialoge oder Sentenzen vermisst man auch.

Im Roman „Engelsstimme“ des Isländers Arnaldur Indridason aber lese ich: „Hierzulande scheint niemand Interesse daran zu haben, etwas aufzubewahren. Hier muss alles neu sein.“ Das gilt auch für die Interieurs mancher Krimiserien, und man wundert sich, dass nicht überall noch Verpackungsmaterial herumliegt. Doch je später der Abend und je regionaler der Sender desto älter der „Tatort“. Und je älter dessen Requisiten bis hin zum Wählscheibentelefon ohne Rufnummernanzeige desto jünger die Darsteller, die einem dann ein paar Tage später in einer aktuellen Produktion als ergraute Veteranen begegnen.

Mörder und Mordserien lassen sich aufhalten, aber nicht die Zeit. Und so laufen auch die wunderbaren „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ des Wilhelm von Kügelgen unerbittlich auf ihr schreckliches Ende zu. Über eine Reise durch die Gegend um Berlin lese ich dort, die Gegend sei „nicht sehr angenehm gewesen und die Gegend so reizlose, daß meine Mutter nicht begreifen konnte, warum die russischen Verbrecher nach Sibirien geschickt würden, und nicht lieber hierher, da Preußen doch so nahe sei“.

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Rolf Barkowski: Zeugnisse einer aussterbenden Kultur

Obwohl es reizt: kein Wort über Deutschland, die Ampel oder was hier sonst noch so abläuft.
Obwohl es reizt: kein Trump-Bashing oder was uns noch aus den USA erwartet. (Gegen den Möchtegern-Herrscher der Welt called Musk wird Trump eh‘ ein kleiner Fisch im Haifischbecken sein.)
Obwohl: beim letzten Aufenthalt in den USA, Oktober – 5 Wochen vor der Wahl – war wenig zu merken von der bevorstehenden Wahl. Ich hatte Vorgärten voll mit Trump bzw. Harris Schildern erwartet; hatte auf intensive Diskussionen gehofft – nichts da. Zumindest in den Bundesstaaten in denen ich unterwegs war: In Arkansas zum King Biscuit Blues Festival Anfang Oktober und anschließend in Mississippi und weiter nach Louisiana (New Orleans).

Im Rückblick viele Begegnungen mit entspannten Menschen, Treffen mit vielen alten Freunden und wie immer begeisternde Musik.
Garniert mit zwei Museums- bzw. Ausstellungsbesuchen im Oktober, die bis heute nachwirken.
„Gon`play it for lil`Brother“ – `Axel Küstners Blues Odyssey, Photographs 1978 – 2005`, so der Titel der Ausstellung im Black Prairie Blues Museum in West Point.


Schon irgendwie schräg, dass ich als Deutscher extra nach Mississippi fahre, um mir die Photos eines Deutschen anzuschauen, oder? War allerdings eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen durfte. Sind doch die Photos von Küstner selten zu sehen. Küstner macht sich mit Ausstellungsterminen in Deutschland rar.
Axel Küstner unternahm zwischen 1990 und 2005 über 20 Reisen in den Süden der USA, um die dortige Bluesszene zu dokumentieren. Er traf sich mit Bluesmusikern, reiste mit ihnen durch den Süden, lebte mit ihnen.
Eine besonders tiefe Freundschaft verband ihn mit dem Gitarristen Big Joe Williams, bei dem er eine Zeitlang in Crawford, Mississippi lebte.


Immer dabei die analoge Kleinbildkamera. Weit über 33 000 Aufnahmen sind in den Jahren entstanden. Meist in schwarz/weiß. Eine Reise noch ganz ohne Google bzw. Google Maps.
Begleitet von seinem Freund Ziggy Christmann, das Uher Tonbandgerät seines Vaters unter dem Arm, geht es quer durch den Süden der USA. Durch Chicago, North Carolina, Georgia, Tennessee, Alabama und Mississippi.
Dabei entstehen – neben den Fotos – unzählige einmalige Tondokumente – „field recordings“. Das Material ist von solch überragender Qualität, dass Horst Lippmann und Fritz Rau auf ihrem eigenen Schallplattenlabel
L+R Records eine Auswahl veröffentlichen.
„Living Country Blues U.S.A.“, so der Titel des 12 Langspielplatten umfassenden Boxsets mit über 160 Musiktiteln. Dazu ein Booklet mit Axel Küstners journalistischen Texten und Fotografien. 2008 erscheint die erste und vorerst einzige CD-Edition bei 2001.

Bis heute gehören die Aufnahmen zu den besten Field Recordings der Bluesgeschichte! Bluesmusiker wie z.B. Big Joe Williams, Honeboy Ewards, Jack Owens, Eugene „Sonny Boy Nelson“ Powell, Etta Baker, Algia Mae Hinton, Willie King – nur eine kleine Auswahl.
Axel hat sie alle getroffen, keiner davon lebt mehr. Somit spiegelt Küstners Arbeit Aspekte der US-amerikanischen Musikkultur, die heute nicht mehr existiert. Sein Archiv ist ein gewaltiges Vermächtnis von Zeitdokumenten der
amerikanischen Bluesgeschichte. Diese Leistung und Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Nun also Axel Küstner „revisited“. Seine Fotos zurück in der Gegend in denen sie einst entstanden. Die Ausstellung organisiert von Birney Imes, Scott Barretta und dem Black Prairie Blues Museum (ehemals Howling Wolf Blues Museum) in West Point. Eine späte Anerkennung und Würdigung.
Leider habe ich die Eröffnung der Ausstellung inclusive „artist reception“ mit Axel Küstner auf der Bühne (!) im Gespräch mit Scott Barretta und Birney Imes im September verpasst, doch die Fotos beeindrucken ungemein. Der Betrachter wird mitgenommen auf einen Zeitsprung in die Welt des Blues der späten 70er und 80 der Jahre. Toll.

Die zweite Ausstellung habe ich mir im Ogden Museum of Southern Art in New Orleans angesehen. Zentral im Warehouse Arts District in der Innenstadt von New Orleans gelegen, besitzt das 1999 gegründete Museum die größte und umfassendste Sammlung von Kunst im Süden.
„Die Mission des Ogden Museum of Southern Art ist es, das Wissen, das Verständnis, die Interpretation und die Wertschätzung der bildenden Kunst und Kultur des amerikanischen Südens durch seine Veranstaltungen, Dauersammlungen, wechselnden Ausstellungen, Bildungsprogrammen, Publikationen und Forschung zu erweitern“. (Zitat: Webseite des Museums)
„Baldwin Lee“ lautet hier der schlichte Titel der Fotoausstellung.

Baldwin Lee (geb. 1951, 1982 Professor für Kunst an der University of Tennessee, Schüler von Walker Evans) macht sich – der Tradition seines Mentors Walker Evans folgend – in den 1980er Jahren in den Süden der USA
auf seine Fotoreise.
Konzentrierte sich Evans mit seinen Fotos darauf die Depressionsära der 40er Jahre festzuhalten, so richtet sich Lee`s Blickwinkel ausschließlich auf die Dokumentation schwarzer Amerikaner, von denen viele in Armut am Rande der Gesellschaft lebten. Seine Prints sind gleichsam der Versuch, Evan`s Reise und Fotos in die 80er Jahre zu übersetzen, zu überführen. Sieben Jahre (1983-1990) reist Lee tausende von Meilen durch den Süden und machte fast 10.000 Fotos. Fünfzig davon sind nun als Silbergelatine-Prints in dieser Ausstellung zu sehen. Viele zum ersten Mal ausgestellt.

Sie sind ebenso beeindruckend wie Küstners Fotos. Die Fotos lösen Betroffenheit aus,  zeigen sie doch einen unmittelbaren und unverstellten Blick in das Leben und das Lebensgefühl der dargestellten Menschen. Und beim Betrachter – zumindest bei mir – lässt sich ahnen, was es bis heute bedeutet in den USA schwarz zu sein.

Ein Muß bei jeder Reise nach Ms ist der Besuch des Highway 61 Blues Museums in Leland.
Leland – ein knappe Autostunde südlich von Clarksdale – das zu Hause des alten Bluesfreundes Pat Thomas.

Pat, der mit seiner Gitarre im Museum sitzt und den Blues spielt und singt, wann immer ein Besucher sich ins Museum verirrt. Wobei `verirrt` mittlerweile leider der Alltag ist. Corona hat dem Museum schwer zugesetzt. Die Besucherzahlen sind rapide gesunken, das Museum immer öfter geschlossen. Und jetzt erreicht uns die schlechte Nachricht von Margo Cooper: „Das Museum kämpft ums Überleben. Es muss vielleicht geschlossen werden.
Könnt ihr helfen?“
Wir treffen uns vor Ort mit Randy Magee und Jay Kirgis und seiner Frau. Das Ehepaar Kirgis hat mit Unterstützung von Margo begonnen im Museum aufzuräumen, sprich zu putzen, Wände zu streichen, wieder regelmäßig zu
öffnen. Ist das die Lösung? Ein Anfang, vielleicht.
Leider ist Billy Johnson, Gründer des Museums und derjenige, der bisher alle Kosten bestreitet, nicht vor Ort. Was muss geschehen? Ein Business Plan muss her, ein vernünftiger Webauftritt ebenso. Die festen Kosten für den Betrieb des Museums müssen gewährleistet sein.
Werbung – ganz wichtig. Wer weiß schon, dass es in Leland dieses kleine, aber feine Bluesmuseum gibt? Wir vereinbaren Ideen und Pläne zu sammeln; vertagen uns, wollen im Januar weiter am Problem arbeiten. Nicht so einfach, sich bei der Distanz auszutauschen und zusammen zu arbeiten.
Aber zusehen, wie dieses jahrelang liebevoll aufgebaute Projekt stirbt – das geht gar nicht.

Einmal im Jahr bei einem außergewöhnliches Konzert, einem grandiosen Auftritt dabei zu sein – gar nicht so selbstverständlich. Aber es passiert im Juni. Das absolute Highlight: der Auftritt von Mavis Staples in Vredenburg (Holland). Das nicht nur Jagger und Richard mit über 80 Jahren die Bühne beben lassen können, beweist die mittlerweile 85jährige Mavis an diesem Abend.

Fast 90 Minuten lang reißt sie, begleitet von ihrer tollen Band, das Publikum von den Sitzen.
Ob bei „I’ll Take You There, I’m Just Another Soldier, Handwriting on the Wall, You’re not alone, Respect Yourself“ oder meinem Favorit „Slippery People“ (Talking Heads Cover) – diese Frau live zu erleben – Vielen Dank 2024 !!

Rolf Barkowski, Jahrgang 1950, hat mal Sozialwissenschaften & Germanistik studiert, ewiger Student;  hat mal als Gerüstbauer, lange als Briefträger und ganz lange als Sozialarbeiter (offene Kinder-und Jugendarbeit) gearbeitet; ist musikalisch sozialisiert in den 60er Jahren mit den Stones und weißem Blues; hat im Alter den schwarzen Blues entdeckt; ist seitdem regelmäßig in Mississippi bzw. im Süden der USA unterwegs; fotografiert leidenschaftlich gerne; handelt im richtigen Leben seit 30 Jahren mit Antiquitäten und Kunst.
Seine Blues-Festival- und CulturMag-Texte hier.

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