
Danny Dziuk: Kinky Forever
Da ich gerade eine ziemlich lästige Grippe (oder was immer das auch ist) auskuriere und deshalb ein bisschen neben mir stehe, hier nur ein kleiner Beitrag, der sich vor allem um Kinky Friedman dreht, der am 27.06.2024 auf seiner Echo Hill Ranch in Texas das Zeitliche segnete. Zwei Tage später postete ich dazu bei Facebook:
„Ich bin ja nicht besonders abergläubisch, aber ist jemandem schon mal aufgefallen, dass Kinky Friedman genau an Wiglaf Drostes 63. Geburtstag „auf einen Regenbogen getreten“ ist? Die beiden hatten sich ziemlich gut verstanden damals in Berlin, bei Friedmans ersten beiden Auftritten in Deutschland überhaupt („Deutschland ist mein zweitliebstes Land … alle anderen sind mir lieber“).
Fast 30 Jahre her jetzt, aber ich erinnere mich daran, als wär‘ s gestern gewesen. Manches erinnert man eben, und anderes vergisst man so schnell wie möglich. Wiglaf & icke knieten uns im Heidelberger Krug jedenfalls vor ihn auf den Boden (ging nicht anders, Kneipe war zu voll bei Kinkys Afterparty) und sangen ihm unsere Version von Dylans „One Too Many Mornings“ vor. Er quittierte es mit leichtem Wohlwollen (und ich hab noch immer sein Autogramm auf meiner alten Guild-Gitarre, die ich ihm damals geliehen hatte). Und einig gewesen wären sich die beiden ganz sicher auch bei der Beurteilung all dieser völlig idiotischen pro-palästinensischen bzw. antisemitischen Studentenproteste weltweit, die mir seit einiger Zeit besonders auf den Keks gehen (…)“.

Mit dem letzten Satz handelte ich mir übrigens ziemliche Beschimpfungen u.a. ausgerechnet seitens eines Mitglieds von TonSteineScherben ein, aber hier soll’s vor allem um Kinky Friedmans Song „They Ain’t Making Jews Like Jesus Anymore“ gehen, der sich allerdings auch um dieses ewige Thema dreht, und den Wiglaf Droste und ich damals – mit Erlaubnis von Herrn Friedman – ins Deutsche „übertragen“ hatten. Und dagegen ist mein FB-Satz geradezu harmlos.
Der Text ist nun 2024 – fast 25 Jahre später (manche Dinge ändern sich anscheinend nie) – in der schönen Anthologie „Sind Antisemitisten anwesend?“* erschienen, den ich dann bei der Buchvorstellung Ende September im Pfefferberg u.a. auch zum besten gab. Übrigens unter Security, mal ne ganz neue Erfahrung.
Hier jedenfalls eine Version von 2005, die mir immer noch ganz gut gefällt:
Danny Dziuk, „der Große im Hintergrund“ (FAZ), Autor, Komponist, Sänger, Arrangeur und vieles mehr …Seine Webseite Dziuks Küche. 2023 erschien sein Album „Unterm Radar„.
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Claudia Denker: Intensivstation
13. März, ein nächtlicher Anruf. Mein Vater. Ein harmloser Stolperer zu Hause. Er kommt nicht mehr hoch, auch mit meiner Hilfe nicht. Wir müssen den Notarzt rufen. Der Befund: Eine »Sprengung«, ein Begriff, den wir uns alle nicht merken können. Später finde ich eine Gebrauchsanweisung, auf der er sich unter anderen diesen Begriff zur Erinnerung notiert hat. Es ist eine Schulterverletzung, zwei Wochen soll es ungefähr dauern, bis die Sache verheilt ist. Wir sind zuversichtlich.
Aber sein Herz ist nicht in Ordnung, das wusste ich zwar, aber dass er nach zwei Wochen auf die Kardiologie verlegt wird, ist nicht vorgesehen.
Auf einmal soll seine nicht funktionierende Aortenklappe ersetzt werden. Transport in ein anderes Krankenhaus, eine Katheter-Klappenprothese wird ihm eingesetzt. Die OP verläuft gut. Nach ein paar Tagen geht es zurück ins vorherige Krankenhaus. Vorher hatte man ihm einige Liter Wasser aus der Lunge punktiert. Was denn noch alles? Es ist mittlerweile der 17. April. Eine Woche später kommt meine Mutter mit zu Besuch. An diesem Tag kommt ein Arzt zu uns, der mit sehr ernstem Gesichtsausdruck erklärt, dass er meinen Vater an eine temporäre Dialyse anschließen möchte, die Nieren funktionieren nicht. Er fragt meinen Vater, ob er mit der Verlegung auf die Intensivstation einverstanden ist, wenn es gut geht, für drei, vier Tage. Er möchte lieber nach Hause, aber er hat ja keine Wahl. Was dann folgt: Delir, Lungenentzündung, wieder Punktionen, Sepsis, Schmerzen, Schläuche, die meiste Zeit ist mein Vater ansprechbar und fast immer klar. Auf die Frage des Oberarztes, was passieren soll, wenn es brenzlig wird, antwortet er glasklar: »Alles machen!« Er möchte im Zweifelsfall wiederbelebt, künstlich ernährt oder beatmet werde. Er möchte unbedingt leben. Klare Ansage.
Er erzählt von seinen Träumen, von grausamen, aber auch von schönen, in einem hat meine Mutter ihm eine Friedenssuppe gekocht, die unwahrscheinlich gut schmeckte, wie im Himmel …
Mittlerweile ist mein Vater auf der Station bekannt für seine plötzliche Liebe für Coca Cola, die Ärzte überlegen schon, das in ihren Berichten zu notieren, könnte am Phosphormangel liegen. Vielleicht ist er deshalb auch noch oft so wach und klar, obwohl er doch schon lange nichts mehr essen mag. Dass dies ein Zeichen für den Beginn des Sterbeprozesses ist, weiß ich erst hinterher. Mein Liebster, Danny, ist schon länger immer mal mit bei den Besuchen, eines Tages beginnt mein Vater, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen und endet mit den Worten: »So, nun machen wir Schluss, der zweite Teil folgt morgen.« Und so ist es, dieses Mal ist meine Mutter auch dabei und bestätigt jedes Detail. Er vergisst nichts. Dann ist er zufrieden, wir verabschieden uns. Am 26. Mai, an einem Sonntag, geht meine Tochter ins Krankenhaus. Sie vertritt mich regelmäßig, damit ich arbeiten oder mal schwimmen gehen kann. Sie wird die letzte sein, die mit meinem Vater spricht, richtet mir noch liebe Grüße aus. Montagmorgen wird er in ein künstliches Koma versetzt, etwas ist passiert. Dienstagabend kommt der Anruf, es sieht nun ganz schlecht aus, wir sollten doch bitte kommen. Und dann mache ich das, was ich immer im Fernsehen sehe, wenn jemandem eine Todesnachricht übermittelt wird. Ich räume die Küche auf, bevor ich meine Mutter anrufe. Dann fahren wir. Am 29. Mai, morgens um 1.20 Uhr hat er es geschafft.
Claudia Denker ist freie Buchhändlerin in Berlin, Gründerin der Krimibuchhandlung „Hammett“ – und Freundin unseres Projekts von Anfang an. Ihre Beiträge zu unserer monatlichen „Schatzsuche“ sind sehr geschätzt.
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Krazy (Songster, Sängerin, Autorin): CanG und andere Gigs
Meine persönliche 2024er-Bilanz ist erfreulich: Das Jahr ging leichter ins Land als erwartet und war insgesamt gut zu mir. Ich hatte Arbeit in Form von Gigs, Konzerten, Slots, Mucken, Engagements. Dank der kollegialen Aufnahme ins Danny Dziuk-Trio und Booking-Support von Agentur Oberdeich wurde mein Horizont um neue Orte, mein Publikum um ein paar Gesichter erweitert. Der Festival-Sommer war groß und überall ein See. Angenehme Gesellschaft allerorten, Glück bei den Reisen und gleich mehrere der schönsten Bühnen, die ich jemals bespielen durfte. Danke!
Im kreativen Bereich a.k.a. Elfenbeinturm lief es weniger spektakulär: keine gesteigerte Produktionsrate, mehr Schredder als Brauchbares, viel Papierkorb, wenig Schublade, viel Zeit an Ufern von Gedankenflüssen, wenig Herausgefischtes, das sich in der Werkstatt als verwertbar erweist. Es kamen aber doch ein paar Topics, Lines, Visionen, hier ein Groove, da eine Chord-Volte zu konkreten Werkstücken zusammen.
Die große, erschöpfende Abhandlung zum Phänomen der sog. Kulturkämpfe, zu Sprachwandel, Begriffslosigkeit, dem Niedergang der Ironie usw habe ich dieses Jahr wieder nicht geschrieben (und realistisch betrachtet auch immer weniger beizutragen, was nicht informiertere Leute an prominenterer Stelle schon vorgebracht hätten). Gelungen ist aber eine kleine Kaprice zu einem weniger komplexen Ereignis des vergangenen Jahres: Mein Newsletter kommentierte im April die Verabschiedung des Cannabis-Gesetzes (CanG) kommentierte wie folgt.
Clubs für alle
Spannend blieb es bis zuletzt, und ein bisschen bewegend war es auch: Wie der betont abstinente Bundesgesundheitsminister höchstselbst plötzlich in nonchalanter Expertigkeit über „den Stoff“ referierte – schon cringe, aber hinreichend aufgeklärt – und der Entrüstung und Zeigefingerei tapfer standhielt, mit der die todesredundante Debatte ein weiteres Mal durch die Medien und schließlich, endlich, durch den Bundestag ging.
Das ins Werk gesetzte CanG selbst ist nicht so berauschend. Insgesamt ist der deutsche Weg der Legalisierung so angelegt, dass wirklich alle was zu motzen haben, und nicht nur darin vor allem bemerkenswert deutsch: Vereinsmeierei soll nun regeln, was man nicht dem Fachhandel überlassen will. Kiffer mit erhöhtem Eigenbedarf sollen sich in nicht-kommerziellen Cannabis-Clubs organisieren (Vorstand, Kassenwart, Satzung, Protokoll, you name it), erst mal ihren Acker bestellen, bevor sie die Ernte genießen – und dabei so viel Papierkram und so wenig Spaß wie möglich haben, wie jeder andere Mensch in Deutschland auch.
Allerdings: Ausgerechnet vom Standpunkt des gleichen Rechts für alle Genussmittel mit Gesundheitsrisiko tut sich bei genauerer Betrachtung mit dem CanG-Konzept eine interessante, geradezu antikapitalistisch-utopische Perspektive auf:
Alkohol? Brau- und Kelterei – Clubs für alle, denen der zuhause Aufgesetzte nicht mundet. Tabak? Kann man auch auf dem Balkon ziehen, fermentieren wiederum im Verein. Kaffee wird schwierig, aber Muckefuck wäre machbar, und das nächste große Ding sind sowieso Vitalpilze. Zucker? Dort gehts zum Rübenacker, hier raffinieren wir gemeinsam. Und wer, wo wir einmal dabei sind, unbedingt Fleisch essen möchte, könnte sich einem Viehzucht- und Schlacht -Club (e.V.) anschließen…
Das Vereinsleben würde boomen. Andererseits würden große Industriezweige obsolet bzw. illegal, aber eine Mehrheit hätte auch gar nicht mehr viel Zeit, einer Lohnarbeit nachzugehen (ein sattes bedingungsloses Grundeinkommen würde praktisch unvermeidbar): alle wären beschäftigt, heute dies und morgen jenes – morgens gärtnern, nachmittags brauen, abends ein Kaninchen häuten, und nach dem Essen den Vereinsvorstand kritisieren…

Könnt ihr mir folgen, klingelt da was? Sollte das CanG ein visionärer Schritt Richtung Überwindung des Kapitalismus sein? Über Kleingartenvereine zur Räterepublik? Wir sollten nichts unversucht lassen.
high five / Krazy
Link: www.krazysongster.de und auch hier
Letzter Jahr aus dieser Feder: Backstages, Rock’n Roll und wie ich ins Hotelbett kam












