Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Die Ministranten – Ein Tauchgang von Alf Mayer & Georg Seeßlen

Die Ministranten – Versuch über Altardienst und Alltag

Von Alf Mayer & Georg Seeßlen (mit und ohne Ministrationshintergrund)

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Fumetti der sehr besonderen Art gaben Georg Seeßlen und Alf Mayer im Jahr 2025 den Anstoß zu diesem Essay – es wurde eher eine Expedition. „Kleine Rauchwölkchen“ meint der Begriff, mit dem in Italien der Sprechblasen wegen die Comics liebevoll benannt werden, auch die fotoromanzi gehören hier dazu. – Hier sind es Weihrauchwölkchen.

Tief in die Abgründe der katholischen Kirche blicken die Fotoromane, die der Messdiener, Filmemacher und Schriftsteller Wenzel Storch zusammen mit dem „Titanic“-Autor Gerhard Henschel und unter dem Patronat von „konkret“ aus Messdiener-Magazinen der 50er bis 80er Jahre montiert hat. Gesammelt und ergänzt sind sie 2024 – viel zu wenig beachtet – als opulentes Buch erschienen:

Wenzel Storch, Gerhard Henschel: Das Ei des Kolumbus. Römisch-katholische Fotoromane. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2024. Hardcover, durchgängig farbig, 128 Seiten, 30 Euro.

Das Buch entreisst ein verstörendes Genre dem Vergessen und ruft in Erinnerung, dass es in den Nachkriegs-Jahrzehnten Meßdiener-Zeitschriften gab, die sich mit dem romantisch verklärten, aber auch auf rätselhafte Weise anzüglich wirkenden Alltag katholischer Ministranten befassten. Der Hildesheimer Wenzel Storch war gezwungenermaßen selbst Messdiener und stammt aus einer hardcorereligiösen katholischen Familie, in der, wie er einmal schrieb, „das Faustrecht der Liebe“ und der Rohrstock regierten. „Ich hab’s mal überschlagen: Bis zur Volljährigkeit muss ich mindestens 50.000 Kreuzzeichen geschlagen haben. Morgengebet, Abendgebet, hier ein Vaterunser, dort ein ‚Gegrüßet seiest du Maria‘, dazwischen der Engel des Herrn und allerlei Tischgebete – das läppert sich.“

Wenzel Storch und Gerhard Henschel basteln aus den teilweise haarsträubenden Abbildungen jener Hefte Fotoromane im „Bravo“-Stil, deren Texten in ihrer Zitierfreudigkeit sehr an Storchs Filme erinnern. Der horror- und splatterfilm-gestählte Christian Kessler (seine wilden, unbedingt empfehlungsfähigen Bücher hier) meinte dazu: „So werden den Kirchenmännern und ihren Schäfchen Worte von Goethe, Schiller und Ginsberg in den Mund gelegt, aber auch andere Leihgaben, die sich bei Pop & Rock, Donald Duck, Sponti-Sprüchen und längst vergessenem Jugendslang von einst bedienen. Ich mußte nach den ersten beiden Fotoromanen die Lektüre kurz unterbrechen und mich sammeln, da mich die Intensität der wahrhaft schauerlichen Knabenbilder plättete. Als ich den Modus Operandi von Storch und Henschel aber verinnerlicht hatte (der sehr auf ein im besten Wortsinne himmelschreiendes Mißverhältnis zwischen Wort und Bild baut), konnte ich den Rest genießen, auch wenn der Magen gelegentlich gluckste. Wer nach unkomplizierter Bespaßung sucht, sollte die Finger von „Das Ei des Kolumbus“ lassen. Das Buch beißt, das Buch tut weh. Alles andere wäre dem schmerzhaften Thema auch nicht angemessen. Es erschöpft sich nicht in plumpen Blasphemien, sondern bettet die verblendete und verschwiemelte Kindermystik von Magazinen wie „Guckloch“ oder „Leuchtfeuer Ministrant“ (!) in einen kulturhistorischen Kontext, der durchaus erhellend ist… Ich ziehe die Zehn – pax vobiscum!“

Zum Buch gehören zwei sehr informative Nachworte: Gerhard Henschels „Kraft in den Teller: Zur Entstehungsgeschichte dieses Buches“ und Wenzel Storchs „Der Stoff jauchzt auf“, eine 30seitige Pilgerreise durch die wunderbare Welt der katholischen Sex- und Trimm-dich-Literatur. Gebaut sind die zehn Geschichten, die DAS EI DES KOLUMBUS füllen, „zu fast 100 % aus dem viel zu vielsagenden Bildmaterial katholischer Erbauungshefte für die Jugend aus den 50ern, 60ern und 70ern, die Storch seit Jahrzehnten sammelt.

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Erster Teil: Ministranten Kultur

Es gibt sie, die große Ministranten-Verschwörung. Gut, dass Wenzel Storch mit seinem „Ei des Kolumbus“ (und über die Jahre davor zusammen mit Gerhard Henschel hier in konkret) die Gruftplatte zu diesen Sakristei-Geschöpfen angehoben hat. Wir mögen sie für fast ausgestorben halten, für marginal. „Heute gibt es sicher mehr Showmaster als Ministranten“, frotzelte Thomas Gottschalk einmal verharmlosend. Dabei war er selber einer. Und nicht nur er. Wer es weiß, schaut unsere Medienwelt mit anderen Augen an. Sie hat eine formidable Subgeschichte, eine messdienerliche. Sehen wir uns das an.

Von nah und von fern. Denn rein statistisch oder auch kultursoziologisch betrachtet, wie man es nimmt, ist jemand, der weder selbst Ministrant war noch irgend jemanden in der Familie und im Freundeskreis kennt, der schon mal Kreuze getragen (Kruzifer), Kerzen bewegt (Cerophar),Weihrauchfässchen geschwenkt (Thurifer) oder Bücher, Weinkelche oder was ein Priester sonst so am Altar braucht, besorgt hat (Alkolyth), eher die Minderzahl. Ministranten sind, je nach Perspektive, entweder so selbstverständlich vertraut, dass man gar nicht über sie nachdenkt, oder sie sind so seltsam exotisch, dass sich das Nachdenken darüber ein bisschen kulturkolonialistisch anfühlt. Man denkt als politisch korrekter Mensch ja auch nicht allzu kritisch über Regentänze von Native Americans oder über den wahren Ursprung Wiener Kaffeehäuser nach. Freilich hat sich das mit den Missbrauchsvorwürfen dramatisch geändert. Was ist da Skandal, und was Struktur? Offensichtlich gibt es beides, einen Blick auf die Welt, den man nur als Ministrant bekommt, und einen Blick auf Ministranten, der aus der Kirche und für die Gesellschaft kommt und der, um auf das besagte Buch zurück zu kommen, vom erhebend Komischen zum durchaus Erschreckenden führt. Der Ministrant (und später dann, sagt man so?: die Ministrantin) ist Subjekt und Objekt in einer Gesellschaft, die nichts so wenig versteht, wie ihre eigene Ritualität.

Zwar hat der ADAC heute mehr Mitglieder als die katholische Kirche (22,2 zu 19,8 Millonen, Stand 2025) dennoch gibt es immer noch 360.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die als Messdienerinnen (ja, die dürfen seit 1992) und Messdiener in der Liturgie mitwirken. Bestärkt vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965, und so etwas wie die Kirchenvariante von „Mehr Demokratie wagen“) übernahmen seit den 1970er-Jahren auch Mädchen den Ministranten-Dienst. Papst Johannes Paul II. (Karol Józef Wojtyła, mittlerweile drei Päpste her) legalisierte das 1992, indem er den Kanon 230, Paragraf 1, des Kirchenrechtes dahingehend erweiterte, dass nun „alle“ Laien am Alter dienen dürfen, sogar weibliche. Der Erlass nannte sich standesgemäß „Spiritus Domini“ (Der Geist des Herrn).

Heute sind Messdienerinnen vielerorts sogar in der Überzahl. Wir aber bleiben nostalgisch, wir verweilen bei den Buben wie auch Wolfram Paulus sie uns in seinem mit Laien gedrehten, fast dokumentarischen Film „Die Ministranten“ (Österreich, 1989) nähergebracht hat. Es war sein dritter Langfilm, die Geschichte autobiografisch, heute den 50 Werken „Kult. Klassiker. Kostbarkeiten“ der „Edition Der Standard“ zugehörig. Die Geschichte spielt zu Beginn der 1960er Jahre über die Osterfeiertage im Salzburger Land, verbindet Karl May mit der Kirchenliturgie, auch das gehört mit zum Dokumentarischen.

Die Helden, so das DVD-Booklet, sind „halbwüchsige Buben, die gern Speckbrote essen, sich auf das Mannsein vorbereiten und in der Dorfpfarrei Ministranten sind“. Für diese „Tamsweger Lausbuben ist es beschlossene Sache, sich zu organisieren und eine Bande mit dem furchterregenden Namen ‚Wölfe’ zu bilden. Sie wollen die Stärksten im Lungau werden. Ihr großes Ziel ist es, die ‚Dorfer-Bande’ aus dem Nachbarort zu schlagen. Sie entwerfen Bandenregeln und trainieren nach der Anleitung von Karl May das Anschleichen. In der Karwoche beginnen die letzten Vorbereitungen für das Kräftemessen mit der ‚Dorfer-Bande’, das für Ostersonntag angesagt ist.“ 83 Minuten hat der Film. „Was ich wirklich will mit meinen Filmen“, sagte der 2020 mit 62 gestorbene Wolfram Paulus, „ist, meine Welt, in der ich lebe, anschauen und auf der Ebene des Films wiedergeben. Mehr ist es nicht.“

Die Darstellung der Ministranten und Ministrantinnen im Bild, in der Literatur, im Film findet in einer besonderen Ikonographie statt. Dem offiziellen und idealen Bild steht ein autobiographischer Impuls gegenüber; der Widerspruch zwischen beidem wird im rituellen Gewand und in der rituellen Handlung aufgehoben. Das alles hat seine Subtexte. Eine erste Beobachtung aus der Ferne: Einer reichhaltigen kulturellen Aufarbeitung der transformativen Rolle des männlichen Ministranten in allen möglichen Medien steht ein Fast-Nichts von der weiblichen Seite gegenüber, obwohl es nun ja auch schon mehrere Generationen von Ministrantinnen gibt. Erste Schlussfolgerungen: A) Der weibliche Ministrantendienst hinterlässt weniger biographische Spuren. B) Der weibliche Ministrantendienst ist gesellschaftlich und kulturell weniger „interessant“. Oder C) Es gibt auf der weiblichen Seite größere Hemmnisse bei der Erfahrungswiedergabe. Kurz gesagt: Der männliche Ministrant hat das Zeug zum Mythos, der weibliche eher nicht. Oder noch nicht, wer weiß.

Jenseits der satirisch-grotesken Ableitung legt der „Fotoroman“ von Wenzel Storch und Gerhard Henschel eine schlichte Folgerung nahe: In der scheinbar so harmlos-lausbübischen Ikonographie der offiziellen Ministranten-Bilder steckt bereits ein homosexuell-pädophiler Subtext. Man muss da noch nicht auf den sexuellen Missbrauch hinaus wollen, es geht, allgemeiner, wohl um einen Eros des Knäbischen. Wäre nicht ein Idealbild des katholischen Priesters einer, der Zeit seines Lebens, was den Eros anbelangt, ein Knabe bliebe? Um noch einen Schritt weiter zurück zu treten: In einem immer noch nicht ganz unerheblichen Teil unserer Gesellschaft und dominant noch in etlichen Generationen der Nachkriegszeit ist das Ministrieren und die dazu gehörige Kultur ein essentieller Schritt in der Bildung eines Menschen (mag er hinterher „seiner“ Kirche noch so entfremdet sein).

„Etwa 30.000 Ministranten beginnen jährlich in der Regel nach der Erstkommunion ihren Dienst“, verrät uns die „Kirchliche Statistik“ der Deutschen Bischofskonferenz, Stand 2024. Der „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“ (BDKJ)  bringt als Dachverband von 17 katholischen Jugendverbänden über 660.000 Mitglieder zwischen sieben und 28 Jahren auf die Waage und ist „eine starke Stimme in Kirche, Politik und Gesellschaft“.  Alle fünf Jahre lädt der Coetus Internationalis Ministrantium (CIM), der Internationale Ministrantenbund, zur Pilgerreise nach Rom ein, zuletzt zum XIII. Mal 2024. Unter dem Motto „mit dir“ (Jesaias 41,10) traten dabei aus Deutschland 35.000 Chorknäbinnen und Knaben an, stellten damit die größte nationale Gruppe. Bei der 72-Stunden-Aktion „Uns schickt der Himmel“, der bundesweiten Sozialaktion des BDKJ  haben sich 2024 alleine in Deutschland rund 80.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in 2.720 Gruppen „für soziale, politische und ökologische Projekte engagiert und die Welt so ein Stück besser gemacht“, verrät der Jahresbericht.

Mit anderen Worten: Ministranten spielen nicht nur eine Rolle in der Ordnung der Geschlechter und Generationen, sondern sind auch eine politische Kraft (was sich unter anderem in medialer Präsenz ausdrückt). Es ist eine dreifache Konstruktion von „Jugend“: religiös, sexuell, politisch. Allerdings kann man an der Nachhaltigkeit dieser Konstruktion zweifeln: Aus Ex-Ministranten wurden ebenso konservative Politiker mit christlichem Augenaufschlag wie böse Linke mit besonders kritischem Blick. Der Transitionsraum ist offensichtlich ausgesprochen ambigue.

Während Georg Seeßlen von solch Bessermacherei in der Kindheit unbefleckt blieb, wanderte dieser Kelch umso öfter zu Alf Mayer, der als strohblonder Allgäuer Bauernbub selbstverständlich Ministrant wurde, mit Schwung die vier Glocken im Jedesheimer Kirchturm läutete, die kleine nur für die Andachten und bei einer Beisetzung, dann zur Schola aufrückte (Texte lesen) und schließlich die Kirchenlieder anstimmen durfte – ein Machterlebnis sondergleichen, wenn auf deine Stimme 250 Erwachsenenkehlen antworten. Kein Echo am Karwendel oder am Königsee kommt da mit. Wir machen das hier als Autorenpaar also Inside-Out.

Hier nebenan: der Ort einer Ministranten-Kindheit. Die 366-seitige Dorfchronik „Jedesheim. Ein persönliches Geschichtsbuch. Alles mir Bekannte über die Heimatgeschichte Jedesheims und das Leben in früheren Jahrhunderten. Neu zusammengestellt in meinem 99. Lebensjahr“ mit der Dorfkirche auf dem Cover wurde von Alf Mayers Vater verfasst. Die zum 100. Geburtstag geplante Buchpremiere fiel dann wegen Corona ins Wasser (Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2020).

Unsere Autorenpaarung mit und ohne Ministrationshintergrund führt natürlich sogleich zur Frage nach Ritualität und Macht. Tatsächlich gelangt man ja bei der Geschichte der Ministranten an einen Gedanken der Kirchenväter, der besagt, dass es nicht gut sei, wenn der Priester allein im Altar-Bereich stände und als alleinige Instanz zwischen Himmel und Erde auftrete. Stattdessen sollten Mitglieder der Gemeinde durch Teilhabe am Ritus ihre Verbundenheit zeigen: Ministrieren ist, wenn man so will, also eine ur-demokratische Einrichtung. Von Kindern und Jugendlichen war damals nicht die Rede. Der protestantische und dann vor allem der puritanische Impuls hebt diese Gemeinschaft im Ritus wieder auf zugunsten einer totalen Autorität des Wortes und des Predigers. Das Gewusel der Ministranten um den Priester nimmt, wenngleich streng reguliert, der ganzen Sache etwas von ihrer Schwere. Vielleicht machen ja die Show-Einlagen sogar eine letzte Ölung etwas leichter. Und wäre nicht, umgekehrt, die Begegnung mit dem Tod in solcher Weise besser geregelt als die Spaltung in Drama und Gleichgültigkeit? Früher ging im ländlichen Raum bei einem „Versehgang“ der Priester in Chorkleidung in Begleitung eines Ministranten zum Haus des Kranken. Der Ministrant trug ein Licht und eine kleine Schelle, um Entgegenkommende auf die Gegenwart des Allerheiligsten aufmerksam zu machen. So ward der Knabe der Bote des Todes.

Inside, da war unser Dorfpfarrer, Holländer-Fahrrad, wehende Soutane, von ferne wie eine düstere, mobile Vogelscheuche anzuschauen, kerzengerade Haltung, einarmig segnend, wenn man ihn grüßte, was man musste, wenn er des Weges kam. „Gelobt sei Jesus Christus!“, intonierte er, „In Ewigkeit, Amen“, murmelte man zurück. Pfarrer Wall war gefürchtet, absolut humorlos und schon seit Ewigkeiten im Dorf. Ein klassischer Wiedergänger jenes Auges, das ALLES sieht. Wenn er am Sonntag auf die Kanzel stieg, das Kreuzzeichen schlug, enervierend langsam, und dabei dieses Auge über seine Schäfchen streichen ließ, in jede Kirchenecke und auch hoch zum „Bockstall“, der Empore mit den jungen Männer und den alten Junggesellen, sein Blick ein Laserstrahl, der jede kleine Sünderseele versengen konnte – dann war es besser, als Ministrant vorne am Altar und damit unter seinem Radar zu sein. Dort vorne sah er auch unter der Messe über dich hinweg, dort musstest du nur als Finger, Stimme, Kerzenhalter oder Zeremonienteil funktionieren.

So also geht es um die Teilung der Macht, aber eben auch um eine pyramidale Organisation. Es geschieht etwas zwischen der Gemeinde und dem Kontrollmächtigen vor dem Altar, man lernt etwas über Macht. Eingeschlossen in ihren Kreisen, abgesichert gegen ihre Gewalt aber auch gegen den Verfall von außen, und doch wieder ausgeschlossen aus dem innersten, dem semantischen Kreisen, den letzten Geheimnissen.

Das Meiste verstanden wir Allgäuer Buben eh nicht. Es war nur Dressur. Auswendig gelernt für das „Ministrieren in der traditionellen Form der heiligen Messe“, so eine Broschüre von Pater Martin Ramm FSSP (7. Auflage, Thalwil 2022). In ihrer Einleitung heißt es, seine ganze Schönheit könne solch ein Ritus nur entfalten, „wenn auch der Rahmen stimmt, und dazu gehören neben einem würdigen Altar und schönem Gesang vor allem auch die Ministranten. Wo diese ihren Dienst mit guter innerer und äußerer Haltung verrichten, leisten sie einen ganz wichtigen Beitrag zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen.“ Und für die gelte, so sage es schon das Sprichwort: Was etwas wert ist, darf ruhig etwas kosten. „Die lateinischen Gebete und Riten sind durchaus anspruchsvoll. Bis man damit vertraut ist, kosten sie eine gute Portion Mühe. Aber eben, es darf ja etwas kosten, denn schließlich ist es auch etwas wert!“

Was uns als nächstes darauf bringt, dass der Ministrantendienst womöglich nicht nur Konstruktion der sexuellen Ordnung, der Politik, der Ästhetik und des Todes bedeutet, sondern auch eine ökonomische Seite hat. In seiner Geschichte nämlich, so geht das weiter, wurde aus dem rituellen Teilhaben der Gemeinde an den heiligen Handlungen eine Profession, der insbesondere Bedürftige gern frönten: Die ursprüngliche Bedeutung war das „Knabenpfründe“-System; also ein kirchliches Amt, das eine materielle Entlohnung bedeutete. Sie wurden entlohnt für Messdiener-Aufgaben und für den musikalischen Anteil. Vermutlich war das verbunden mit dem mählichen Übergang zur „knäbischen“ Besetzung; hier entstand eine Versorgungseinrichtung. (Und es gab noch keine Unterscheidung zwischen Ministranten und „Chorknaben“.) Aus dieser Versorgungseinrichtung wiederum entwickelte sich eine mehr oder weniger perfekte Form der Nachwuchsrekrutierung. Über Jahrhunderte hinweg war das Ministranten-Amt eine frühe Vorstufe zur Priester-Karriere. Ein Ministrant war dann immer auch Lateinschüler – und da haben wir den nächsten Aspekt: Die Bildungseinrichtung. Als Ministrant ist man schon kein reiner Bauernlackl mehr.

Der Ministrant, so wie man ihn bis zum Vatikanischen Konzil kannte, war indes eine Geburt der Neuzeit. Nun erst wurde der Dienst wieder laiziert (wie in der Frühzeit), straff organisiert und geregelt: Ministranten mussten dafür sorgen, dass keine Frau, in welch dienender Funktion auch immer, den heiligen Raum des Altars (und der Macht) betreten musste. Es tritt nun neben die ikonographische Bedeutung (Ministranten füllen die Bilder durch Handlungen, die „im Namen der Kirche“ vorgenommen werden, und sei’s die Wallfahrt, die durch ihren Auftritt das Bild einer geordneten Masse erzeugen) eine Form des Männerbündischen. Ministranten machen sozusagen die Frauenarbeit in der Kirche. Was die Ökonomie anbelangt, so steht wohl der Klingelbeutel an der langen Stange für eine Realisierung des Opfers der Gemeinde, die der gleiche Ministrant, der nun die mehr oder weniger milde Gabe fordert, zuvor symbolisch vorgetragen hat. Geben und Nehmen. So wird der Ministrant auch zur ökonomischen Verbindung von Kirche und Gemeinde.

Das alles bekommt immer weiter (und mit allem anderen verbunden) den Charakter einer perfekt laufenden Maschinerie. Und auch das Maschinelle im Ritus wird ja als Macht gespiegelt – hinein und hinaus. Durch das Maschinelle kommt der Ehrgeiz ins Spiel. Der Ministrant ist für die Dauer seines Ritus Showstar, der vor allem Disziplin  ausstellt. Das regulative Ministrieren und das individualistische Fußball (oder Karl May) spielen, der Ministrant und der Lausbub (der Untertan und der Herr im Haus), so läuft, doppelt, die Eingewöhnung ins Mann-Werden oder eine Bewahrung des Kind-Seins. Was in der Schule so eng verbunden ist, das ist hier wieder getrennt, die Maschinisierung und die Individuation. Durch das Ministrant-Sein spaltet sich der Prozess der Anpassung. Später wird, wer nicht Priester wird, womöglich Soldat. Oder eben Politiker. 

Ein Messdiener muss getauft sein und die Kommunion empfangen haben. Für die Minis heißt es dann: üben, üben, üben, stimmt die Website „katholisch.de“ die aspirierenden Gottesdiensthelfer ein. Da geht es um den genauen Ablauf der Messe und anderer gottesdienstlicher Feiern, um Gebete, um Zeiten und Feste im Kirchenjahr, um die liturgischen Bücher und Geräte, um liturgische Kleidung und Farben. Außerdem um die richtigen Körperhaltungen (wann wird gegessen, gestanden, gekniet, wann erfolgt eine Kniebeuge oder Kopfverneigung?) und natürlich um die einzelnen, teils sehr unterschiedlichen Dienste der Ministranten. Da gibt es den „gewöhnlichen“ Altardienst und das Leuchtertragen, seien es Kerzen oder Flambeaus, den begehrten Weihrauchdienst mit Fass- und Schiffchenträger, den Kreuzträger bis hin zu den Insignienträgern bei Bischofsmessen, wenn’s hohen Besuch aus der Diözese gibt.

In die Verlässlichkeit des Ritus ist nun also der Triumph der Perfektion eingeschrieben. Erst bimmelt die Einzugsglocke und gibt Gemeinde und dem Organisten das Signal, dass die Messe angefangen hat. Die Ministranten im Altardienst bringen dem Priester die Hostienschale und den Kelch, Wein und Wasser in Kännchen, helfen ihm bei der „Lavabo“ genannten Händewaschung, bringen später Wasser zur Reinigung (Purifikation) der liturgischen Gefäße und räumen sie anschließend wieder ab.

Hey, wir sind hier schließlich bei einer Zauberschau, bei der sich Hostien und Wein in Gottesleib und Gottesblut verwandeln. Magie pur. Bimmel, bimmel. Die Altarschellen, wie die effektiven kleinen Bimmel-Instrumente heißen, verdeutlichen, dass hier etwas Außergewöhnliches geschieht. Bei der Verwandlung, dem Höhepunkt der Altarshow, wird gekniet, und zwar von der ganzen Kirche. Nur der Priester, als Stellvertreter auf Erden, hebt dabei die Hände zum Himmel.

Das Klingeln war (und ist) im traditionellen römischen Ritus auch deshalb besonders bedeutsam, weil ja die Messe auf Latein gelesen, das Hochgebet vom Priester still gebetet wurde und er zudem mit dem Rücken zum Kirchenvolk stand. Damit man überhaupt mitbekam, wann sich die heilige Handlung vollzog, war das Schellen ein wichtiges Hilfsmittel. In der Regel passierte das dreimal: unmittelbar vor der Wandlung, beim Hochhalten der konsekrierten Hostie und beim Hochhalten des Kelchs mit konsekriertem Wein. Manchmal auch noch als Aufbruchssignal zum Auszug der Zauberschar zurück in die Sakristei. Deren Geheimnisse führen hier zu weit, finden sich aber in Storch/ Henschels „Ei des Kolumbus“ lustvoll ausgebreitet.

Der Stille gebieten! Selbst gestandene Musiker haben Ehrfurcht vor solchen Augenblicken. Keine Sekunde zu früh, keine zu spät. So als umschlösse man mit seiner Bimmel das große Geheimnis (auch wenn man es selber nicht versteht), und welche Wonne ist es, zurück zu geben, was man erfahren hat: Das Schweigegebot.

Neue Ministranten beginnen meist als Altardiener, auch „Akolythen“ genannt (griechisch für Begleiter, Gefolgsmann). Weil seit dem sechsten Jahrhundert die Zahl sogenannter Privatmessen wuchs, übernahmen Messdiener die Antworten der nicht anwesenden Gemeinde und assistierten. Die Anwesenheit von mindestens zweien schrieb die Synode von Mainz im Jahr 813 vor; ab der Synode von Paris im Jahr 829 waren sie dann offiziell „ministri“ (Diener). Durch die Privatmessen, die etwa an gestifteten Altären für bestimmte Heilige abgehalten wurden, war die Anzahl der Messen überproportional zur Anzahl der Gläubigen gestiegen, weshalb die Ministranten dann buchstäblich zu Vertretern der Gemeinde werden mussten. Aber auch generell sind sie die Garanten für eine Form des religiösen Rituals, das auch ohne Publikum abgehalten werden kann. (Man vermutet, die alten Ägypter wären die Erfinder solcher Rituale gewesen.) Wäre schließlich doch ein seltsames Bild, wenn ein Priester eine Messe ganz für sich und (was einen Herrn Luther dann so erzürnen sollte, dass er zum Reformator werden musste) den Auftraggeber zelebrieren würde, der sich gegen Geld ein Ritual der Sündenreinigung ermöglicht. 

Heute geht alles den zivilen Bach hinunter, immer noch aber gilt die Grundordnung des Römischen Messbuchs (GRM Nr. 277). Die schreibt für die „Inzens“ (lateinisch incendere, für „anzünden, verbrennen“), vulgo fürs Beweihräuchern, jeweils drei Doppelzüge mit dem Rauchfass vor: drei Mal zwei Schwenkbewegungen (Züge) des Fasses auf Kopfhöhe – zweimal mittig, zweimal leicht nach links, zweimal leicht nach rechts. Und das, wenn der „Duft der Erkenntnis Christi“, so das Standardwerk von Ralph Regensburger „zum Hintergrund und Gebrauch des Weihrauchs in der Liturgie“, um den Altar weht, mehrmals im Gottesdienst, präzise vorgeschrieben.

Unvermeidlich war auch das Staffelgebet zu Beginn jeder Messe. Man lernte es zu murmeln, kaute die Worte wie Kieselsteine.

„Kwi fe-zit -lum et ter-ram“, antwortete man da auf des Priesters „Adiutórium nostrum/ in nómine Dómini“. Der Himmel und Erde erschaffen hat. Und dann „Ad De-um, kwi lä-ti-fi-kat iu-wen-tu-tem me-am!“ Zu Gott, der meine Jugend erfreut. Da kniete man schon am Altar, dann kamen die Psalmen. Die waren hart.

Kwi-a tu es, De-us, for-ti-tu-do me-a:/ kwa-re me rep-pu-li-sti,/ et kwa-re tris-tis in-ze-do/ dum af-fli-git me in-i-mi-kus? – Denn Du bist, Gott, meine Stärke; warum hast du mich verstoßen und warum muss ich traurig umhergehen, während mich der Feind bedrängt?

Oder: Spe-ra in De-o, kwo-ni-am ad-huk kon-fi-te-bor il-li:/ sa-lu-ta-re wul-tus me-i, et De-us me-us.  – Hoffe auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen; Du Heil meines Angesichtes und mein Gott.
Dann endlich zusammen mit dem Pfarrer eine kleine Verbeugung. Und er: Gloria Patri, et Fílio, et Spirítui Sancto – und wir: Si-kut e-rat in prin-zi-pi-o, et nunk, et sem-per:/ et in -ku-la sä-ku-lo-rum. Amen. – Wie es war im Anfang, so auch jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Zwischen Introitus und Postcommunio mochte ich vor allem: Laus ti-bi Kris-te! – Lob sei Dir, Christus. Und dann beim Auszug: Iu-be, dom-ne, be-ne-di-ze-re. – Gebt, Herr, den Segen!

Zweifellos also kommt die Lehre vor allem als Leere über die Knaben, und es geht nicht um eine Verinnerlichung der Religion sondern um das radikale Gegenbild einer vollkommenen Formalität. Und damit kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel: In der Disziplinierung steckt eine Form der Kasteiung und der Askese.

Bei allem Rausch und Weihrauch, man musste nüchtern sein, wenn man als Ministrant frühmorgens zur Kirche kam. Drei Stunden vorher nichts essen war das Gebot vor der Kommunion, der ohnehin nicht zu entkommen war. Manchmal vergnügten wir danach dann noch uns an einer Extraportion Hostien, wenn einer von uns die Monatsration der Gemeinde per Fahrrad aus dem nächsten Nonnenkloster holen musste. Besonders die Priesteroblate war ein Leckerbissen. Die erste gemopste Flasche Messwein setzte gleich vier von uns Sakristeiräubern schachmatt. Ministranten-Streiche halt. Es gab sogar Witzbücher für unsereins. „Peter legt die Latte höher“, heißt eins der Jugendbücher des Ministranten-Kaplans Lutz, den Wenzel Storch so liebevoll porträtiert hat. Von 2017 stammen (auf katholisch.de) die „Zehn Dinge, die ein Ministrant in der Messe nicht tun sollte“. Dazu gehören: Smartphone nutzen, Schlafen, Unpünktlichkeit, Kaugummi kauen, Messwein trinken, schmutzige Schuhe, Showeinlagen einbauen, andere Ministranten zurechtweisen, Pfarrer drängeln und „zuviel Weihrauch“.

Ministrant-Sein nämlich bedeutet die Erfahrung von Rausch (nicht nur durch gestohlenen Messwein); wenn man richtig ministriert, was nicht allen gegeben sein mag, dann erreicht man einen Zustand der Trance. Ministrieren ist Cannabis fürs kleine Volk.

In der Sakristei las man „Der Ministrant“, eine der Zeitschriften, die Wenzel Storch gesammelt und satirisch vergnügt recycelt hat. Im Gründungsheft 1 von 1956 heiß es: „Höchste Jungenehre ist Altardienst! Darum haben wir unsere neue Zeitschrift ‚Der Ministrant‘ genannt. Sie soll dich daran erinnern, daß du dienst, und soll dir sagen, wem du dienst! Alle diese Blätter werden kleine Schritte sein zum Altar. Sie sollen dir die Freude mehren an deinem Dienst, die Liebe schenken zu Christus, deinem Meister! Der Herr will ein frohes Herz zu diesem Dienst – du bleibst einer von Gottes Lausbuben –, ganz klar, sonst stimmt etwas nicht an diesem Dienst, der in Fröhlichkeit getan sein will […]. Ich grüße dich aus dem Jugendhaus als Leiter der Arbeitsstelle für alle Ministranten in Deutschland herzlich und froh. Dein Josef Wisdorf, Kaplan.“

Die Vorstellung, dass Ministranten neben ihrer vielen besonderen Verpflichtungen auch „Lausbuben“ zu sein hatten, war weit verbreitet; vgl. Herbert Oberthür, „Wir Ministranten. Eine Handreichung für den Dienst am Altar nach der erneuerten Liturgie“, Leipzig / Heiligenstadt 1966, S. 5: „Lausbuben werden die Ministranten oft genannt. Und Lausbuben sind sie auch – oder sie sollten es sein! ‚Laus (tibi, Christe)‘ heißt ja schließlich ‚Lob (sei Dir, Christus)‘.“ Auch Wilhelm Hübermans vielfach aufgelegter Ministranten-Erzählungsband „Die Lausbuben des lieben Gottes„, Mainz 1953, zehn Auflagen bis 1976, greift auf diese Vorstellung zurück.1

                                            ZWEITER TEIL: MINISTRANTEN POP

Ministranten oder im Englischen „Altar Boys“ sind natürlich ideale Helden für Coming of Age-Geschichten, oder für den Widerspruch von Kirchenritual und Fluchtphantasie – in Comic-Form vielleicht, wie im Film „The Dangerous Life of Altar Boys“ (2002) von Peter Care. Jodie Foster als Schwester Assunta ist für einmal eine Böse. Noch um einen ziemlichen Kick böser als dieser auch schon recht krude ist „The Altar Boy Gang“ (2007) von Kelly Macin, wo die jugendlichen Anti-Helden neben dem Herrn vor allem Drogen und Gewalt im Kopf haben. In „Altar Boy“ (2021) von Serville Problette wird eine Befreiungsgeschichte aus strenger religiöser Erziehung in Kanada erzählt, und Piotr Domalewskis „Ministranci“ (The Altar Boys – 2024) schildert die Rebellion einer Ministranten-Clique in Polen. Sie reinterpretieren die biblischen Texte auf eine ganz eigene Weise. Kurzum: Als Filmhelden taugen Ministranten vor allem zu Rebel Heroes, nicht selten mit einem Hang zur Tragik.

An dem erwähnten Widerspruch zwischen ritueller Integration und individueller Ermächtigung ist nun eben auch immer wieder leicht scheitern. Wie in dem kurzen Film „Altar Boys“ (2023) von Thomas Steele. Es geht um die Ideen von zwei Ministranten über den Tod, das Heilige und den Sex, während man einen von ihnen zu Grabe trägt. Andrerseits ist es wohl auch es konsequent, wenn Ministranten als Zombies erscheinen, wie in „Huelve el Chupa Cabras“ oder „The Altar Boys Against the Chupacabra“ (1997) von Eduardo Martinez aus Mexiko (ein wüster Spaß!), oder dass sich eine Punk-Band Altar Boys und ihr Album „When You’re a Rebel“ nennt. Wie Alf aus eigener Anschauung berichtet ist die Näher zur mehr oder weniger absoluten Macht (des Priesters oder einfach Gottes) zugleich Garantie relativer Freiheit. Nirgendwo ist man vor der Macht so sicher wie in ihrem Schatten.

Zu der Beziehung von Ritualität und Disziplin zu Rebellion und Individualität tritt mit der Sexualität ein drittes Wirkmedium, entfaltet zwischen der ambiguen Energie der Knaben und der Eindeutigkeit des lüsternen Blicks der Macht. Aus Gesprächen mit weniger glücklichen Ministranten, die ihm zum Opfer fielen, stammt die Idee vom „Beuteschema“. Offenbar war vielen „irgendwie“ klar, in welcher Gefahrenzone man sich befand und behalf sich damit, diesem Beuteschema möglichst nicht zu entsprechen. Der Missbrauch von Ministranten spukt durch deutsche Kriminalgeschichten aus der Provinz und durch Mysteries in ganz Europa, wo es katholisch zugehen kann. Die eine oder andere Rachephantasie, wenigstens der Wunsch nach poetischer Gerechtigkeit spiegelt sich in der Ur-Geschichte von der Heimkehr an einen Ort des finsteren Geheimnisses, die nur in Mord und Totschlag enden kann. Denn neben den Ermächtigten, die sich aus der Rebellion definieren, und den Autoritären, die sich im Ritus geborgen fühlen, entstammen der Ministranten-Kultur entschieden auch die Beschädigten. Menschen, die lernen mussten, ohne Vertrauen und ohne Gewissheit zu leben, und für die die Räume, die für andere heilig, geheimnisvoll, abenteuerlich oder vertraut waren, zu Orten des Grauens wurden.

Der Ministrant, als Opfer ist ebenso eine feste Figur wie der Ministrant als Zeuge, dem niemand glauben will. Niemand außer einem Kommissar Maigret natürlich, in seinem 99. Fall („Le Témoignage de l’enfant de chœur“). Der Ministrant ist der rituelle Bewahrer eines Geheimnisses (das vielleicht nicht mehr ist als ein schwarzes Loch), und er ist Teil des Geheimnisses. Wo er im Ritus nicht mehr aufgehoben ist, da kann er sehr einsam sein, so wie der Junge auf dem Titelbild von Simenons Roman.

Seit 2010 ist der sexuelle Missbrauch an Ministranten eine öffentliche Debatte, zeitigt zähe Abwehr,   wenige Opfer, viel Papier. Eine neue kollektive Erzählung, so als müsste man nun davon schwätzen, was man zuvor hat beschweigen müssen. Zwischen dem Ministranten als Missbrauchsopfer und dem, der nicht ins Beuteschema passt oder das Glück hat, keinem der „Jäger“ im kirchlichen Gewand begegnet zu sein, steht der Ministrant (zur Funktion der Ministrantin fehlt derzeit jedes Aufklärungsinteresse, wie es scheint – vielleicht hat die Heuchelei auch nur eine neue Maske bekommen) als Objekt des begehrenden Blicks. Und da entsteht das neue mythische Konstrukt: die Unschuld. (Oder, um Teufels Beitrag zu dieser Legende zu erwähnen, der Mangel daran).

Die öffentliche Empörung erinnert daran, dass möglicherweise dies alles auch ein „offenes Geheimnis“ war. Wie oft wurde die Verstörung der Jungen ignoriert, wie oft wurde praktiziert, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und wie vieles wussten oder ahnten Eltern, Lehrer und Freunde,  verstopften Ohren und Herzen. Priester wie „Oberministranten“ gehören zu den Hauptschuldigen. Lädierte Biographien. Eine verbreitete Form von Angst ohne Worte dafür. Nun soll das alles aufgeklärt werden. Oder eben nicht.

Das hat eine enorme Spektakelwirkung. Die gerechte Empörung verbirgt aber wieder, nun sozusagen als Negation, die tiefere Verankerung von Ministrantentum in deutschen (und anderen) Biographien. Womöglich versteht sich diese Gesellschaft einfach nicht, weil sie so viele Sphären unausgeleuchtet lässt. Zwischen falschem Respekt und noch falscherer Gier. Die Ministranten betreten die populäre Kultur sozusagen durch die Hintertür. Texte und Bilder nomadisieren durch den Mainstream, ohne eine wirkliche Heimstatt zu finden. Selbst wer keinen Ministranten kennt, kennt Ministranten-Witze. Oder Ministranten in Heimatfilmen. In Touristen-Kitsch. Begegnungen, gewiss, finden statt. Dann werden aus den himmlischen Sprachnebeln wieder Menschen. Oder sie versuchen es jedenfalls.

Rebellion und Ritual, Gewalt und Unschuld – und darin verborgen eben gerade diese Suche nach dem Geheimnis. Das Wort „Glauben“, das einen seltsamen Klang hat, auch für manche, die den Transitraum Ministranz durchquert haben, und das für andere zum Kern des Lebens selber wird. All diesen „Wundern des Sichtbaren“ und „Rätseln des Versteckten“, so der Blurb, könne man heutzutage noch umfänglich und „ohne die Lobbyisten des Zeitgeistes ertragen zu müssen“, bei Hubert Winkels begegnen, lobt der ehemalige Hanser-Verleger und Dichter Michael Krüger den Lebensroman des Deutschlandfunk-Literaturredakteurs Hubert Winkels. Dessen im Frühjahr 2025 erschienenes Brevier-dickes Werk mit dem Titel „Die Hände zum Himmel“ hat stattliche, nein, unfassbare 1020 Seiten und geht, so der Untertitel, „Über Zufall. Schönheit und den Dorfpfarrer von Gohr“.

Schon das Vorwort stimmt uns ein: „Über religiöse Erfahrungen und Begegnung im Alltag zu sprechen, nach Jahrhunderten des entsprechenden Bekenntniszwangs, ist dagegen in der Spätmoderne nahe an die Tabuzone gerückt. Wer sich um seine Seriosität und zivilgesellschaftliche Zurechnungsfähigkeit bringen will“ müsse nur über Kirche, Glauben, Engel reden. Mal derb gesprochen: In unserer Gesellschaft scheint es leichter zu verstehen, dass ein Priester einen Ministranten missbraucht (die Ministrantin, wie gesagt, ist derzeit außerhalb der Mainstream-Narrative), als dass einer von ihnen den Unsinn, der da verkündet wird, wirklich glaubt. Noch einfacher zu verstehen ist indes der ökonomische Drang. Man muss schließlich nicht in die Trump-USA gehen um zu verstehen, wie viel Religion Geschäft und wie viel Geschäft Religion ist. Von Sport-Göttern ganz zu schweigen, die ihre Triumphe zur Waffe der öffentlichen und fundamentalistischen Mission machen. Wir erleben ja im Zuge einer inneren Transformation der Gesellschaften derzeit eine „Rückkehr der Religion in die Politik“. Wie also sollte ausgerechnet der Mythos von Ritual und Revolte, von Eros und Unschuld in einer Erfindung religiöser Jugend, vom zweiten Missbrauch, der Propaganda, verschont bleiben? 

Wer es in jeder Hinsicht dünner als bei Winkels aber ebenfalls mit dem schönen Titel „Die Hände zum Himmel“ haben will, greife zum gleichnamigen Produkt von David Kadel. Seine Broschüre wird bei Amazon mit leider nur einem Stern bewertet („unverschämter Preis, unvollständige Lieferung“), sie hat 32 Seiten und kostet 10 Euro, kommt aber immerhin von einem, der „als Inspirations-Trainer mit Fußballprofis und der Leichtathletik-Nationalmannschaft arbeitet. Darüber hinaus tritt er als Business-Speaker auf und berät Firmen mit seinem Programm H.E.R.Z.E.N.S.-Coaching.“ Der Inhalt: „Im Gespräch mit Klopp, Alaba, Rose, Kehrer, Führich & Co. wird deutlich, wie viele Fußballprofis inzwischen Kraft aus ihrer Beziehung zu Gott tanken. Der eine zieht als Trainer unter Dauerdruck seine Zuversicht aus der Verbindung ‚nach oben’, der andere erfährt als Nationalspieler, wie sehr ihn der Glaube gerade in schwierigen Zeiten durch seine Karriere trägt. Hier verraten gestandene Profis, was sie in dieser schillernden Fußballwelt erdet und dankbar macht und wie der Glaube an Gott sie zu Höchstleistungen inspiriert.“

Das 10-Euro-Inspirationsprodukt kommt von „Gerth Medien – Christliche Bücher, Musik, Filme und mehr“, 1949 in Wetzlar gegründet, sehr oft umbenannt – eine der ungeschriebenen Mediengeschichten der Republik, wie Wenzel Storch sie in seiner glorreichen Serie „Mit dem Speckpater im Reich des Bösen“ aufgeblättert auch (ebenfalls im „Ei des Kolumbus“ enthalten). Einst war der Gerth-Verlag als „HSW – Hermann Schulte, Wetzlar“ bekannt, bot in den 1960er sogar Tonträger sowie Abspielgeräte und Radios wie den „Froboton“ feil. Alleine schon bei dem Namen lacht ein Ministrantenherz.

Auf David Kadels Internetseite wird heute noch, ungelogen, eine Dose Inspiration angeboten. Die Wunder des Herrn sind einfach unerschöpflich, mit Jürgen Klopp wissen wir ja schließlich: „Und vorne hilft der liebe Gott“.  Besonders gern tut er das für Thomas Müller und Miroslav Klose, hat es bei Jogi Löw aber irgendwann eingestellt.

Außerdem holen wir jetzt – am Artikelanfang bereits versprochen – in Sachen Ministranten nun den ehemaligen ZDF-Intendanten Markus Schächter zur Verstärkung. Der hat 2014 das verschwörungstechnisch bedeutsame Werk „Die Messdiener: Von den Altarstufen zur Showbühne“ veröffentlicht.

Das Buch ist im buchstäblichen Sinne eine Offenbarung. Lassen wir dieses neue Markus-Evangelium für sich selber sprechen: „Von den 25-30 Unterhaltungsmoderatoren in den letzten drei Jahrzehnten sagen gut 15 von sich, dass sie früher Messdiener waren. Gibt es eine besondere, bisher unbeachtete Verbindungslinie zwischen Showbiz und Messdienst? Dies war eine Frage, die auch bei mir als ehemaligem Programmentscheider im ZDF irgendwann einmal aufkam.“ Prima vista könne der Gegensatz zwischen beiden Tätigkeiten ja kaum größer sein, meint der Markus, „hier das glamouröse Entertainment mit dem Millionenpublikum und dem roten Teppich, dort ein eigentümlich zurückgenommener, fast verschroben wirkender Zirkel junger Menschen mit geheimnisvoll anmutenden Spezialaufgaben für Gottesdienst und religiöse Zeremonien.“ Welche heimliche Verbindungslinie existiert zwischen den Altarstufen und der Showbühne?, fragt er sich. Was hat eine Showmaster-Karriere mit „einer religiös grundierten Kindheit zu tun? Steckt in der katholischen Kindheit „eine spezifische Lust und List und eine Kraft, die erklärbar macht, dass eine solche Vergangenheit als eine besonders geeignete Startrampe für den Erfolg im Showbiz taugt?“

Auch Markus, der Schächter, weiß, dass es „bis vor noch gar nicht so langer Zeit in der öffentlichen Diskussion in Deutschland ziemlich klar“ war, dass „eine kirchliche Kindheit, ob katholisch oder evangelisch, durchaus kritisch zu sehen ist“. Er zitiert den „evangelisch sozialisierten“ Psychoanalytiker Tilman Moser, der es „in dem extremen Bild der ‚Gottesvergiftung’ drastisch so formuliert: ‚Kirchliche Kindheit ist kindliches Unglück.’ Und Schächter weiß: „‚Oberministrant’ war ein anderes Wort für jemand, der sich mit einem falschen Leben aufspreizt.“

Gut, dass die Süddeutsche Zeitung heute im neuen Jahrtausend vorurteilsfrei vom Ministrantendienst als einer „Schule des Lebens“ sprechen kann. Anders als noch Jahre zuvor mache man „jetzt fröhlich öffentlich, dass man doch gerne bei diesem ‚Club’ war, bei dem man zum ersten Mal seinen öffentlichen Auftritt und auch erstmals öffentliche Anerkennung erfahren hat.“ Der Image-Wechsel des Ministrantentums ist ein kleiner, aber hoch symptomatischer Teil der, nun ja, „Zeitenwende“. Was gestern noch ein ironischer Schlenker war, das macht sich heute gut in einer  Bewerbung, und wovon man gestern noch eher nach ein paar Bier gesprochen hat, das ist heute Karriere-Argument.

Dann zieht Markus den Vorhang zur Ministrantenwelt endgültig hoch. Nirgendwo in der Gesellschaft werde einer so großen Gruppe von so jungen Menschen so früh und so selbstverständlich zugetraut, eine solche Breite an Aufgaben, Funktionen und Tätigkeiten zu übernehmen wie im katholischen Gottesdienst. Nirgendwo sonst gebe es für Kinder und Jugendliche so früh „die Chance, vor erwachsenen Menschen ihren eigenen Auftritt zu gestalten, mit klaren Rollenzuweisungen und wichtigen Funktionen“.

Das Ministrantentum als Vorschule des Show Business ist mittlerweile eine Standardmythe der Popkultur. Einerseits gibt es die Variante vom „braven“ Star, der immer noch die verlässliche Ritualität ausstrahlt wie, sagen wir Günther Jauch, in Maßen auch der italienische Sänger Eros Ramazotti, andererseits gibt es die Legende vom Ex-Ministranten als Rebel Hero, für die etwa Robert De Niro steht. Und, was uns anbelangt, natürlich Christoph Schlingensief. Dessen Heimatstadt Oberhausen, weiß Schächter, „hat bewusst jene Straße nach ihm benannt, an dem die Herz-Jesu-Kirche liegt“, wo der Bürgerschreck einst Messdiener war. Schlingensief, immerhin, hat das Verdrängte an die Oberfläche geholt, konnte und wollte dabei das Rituelle nicht verlieren; das Schreien und Flüstern in seinem Werk kehrt immer wieder zu Parodien von Messe, Wallfahrt und „Wandlung“. 

Bei Schächter erfahren wir auch, dass Deutschlands fiesester Chef, „der nach unten tritt und nach oben buckelt“, nicht umsonst im wahren Leben den zweiten Vornamen „Maria“ trägt. Christoph Maria Herbst, in der Rolle des Stromberg bekannt, war über zehn Jahre Messdiener, Obermessdiener und dann Lektor. In der Literatur haben wir Martin Mosebach und den Büchner-Preisträger Arnold Stadler, der in den damals noch auf Latein gebeteten Psalmversen die geheimnisvolle Schönheit der Sprache entdeckte. Im Kabarett gibt es Bruno Jonas, Gerhard Polt (man höre) und Dieter Nuhr, an den Kochtöpfen Christian Rach und Johann Lafer, bei den TV-Anchormen Claus Kleber, Dieter Kürten, und Tom Buhrow und im Kommentatoren-Gewerbe den salbungsvollen Heribert Prantl. Alles Ehemalige. Wie Anne Will. Die hat drei enge Verwandte in Gottes Diensten, als Priester oder Mönch. Es war Elon Musk, der sich zu einem „kulturellen Christentum“ bekannte. Er „glaubt“ zwar nicht an die Inhalte der großen Erzählung, aber dafür umso mehr an die Macht-Ansprüche und das Recht, andere zu unterdrücken. Er glaubt an die Kraft des Ritus und an die Kraft der Vernetzung. Es gibt kaum ein besseres Bild für das „kulturelle Christentum“ als die Ministranten.

Oh ja, es ist eine Schule des Entertainment wie kaum eine zweite. Harald Schmidt machte im Kirchenschiff „meine erste fundamentale Erfahrung mit Theatralik“. Mathias Brodowy („Kabarett. Musik. Moderation“) lernte „nicht nur liturgische Tiefe, sondern schon als Kind zu inszenieren. Wir haben Dramaturgie gelernt, wir haben gelernt, vor Menschen, die uns beobachten, zu laufen, zu handeln und zu sprechen. Wer einmal als Lektor diese ganzen alttestamentlichen Texte mit den schwierigen Namen fehlerfrei und in einer vollbesetzten Kirche vorgelesen hat, kann es weit bringen“, zitiert ihn Schächter.

Unser Star jedoch bei diesen Bravo-würdigen Starschnitten ist und bleibt Reinhold Beckmann. Als Ministrant war der sportliche Reinhold bei allen „breit gestreuten Aktivitäten des munteren Pfarrgemeindelebens“ gerne dabei: beim Zelten, Kanufahren, Kicken, Lagerfeuer, bei Gruppenstunden und bei Liederabenden. Vielleicht gibt es ja eines Tages eine Showmaster-Ausgabe vom „Ei des Kolumbus“ mit den Köpfen von Reinhold, Thomas, Günther, Hape, Stefan, Frank, Alfred, Jürgen, Matthias, Guido, Anne, Sven, Xavier, Harald und Markus. Dafür würden wir erneut die Glocken läuten.

Man kann den Einfluss des Ministrantentums in der deutschen Pop-Kultur kaum zu gering veranschlagen. Wir leben in einer Blase des Post-Ministrantismus und dürfen uns fragen, ob nicht der anfänglich eingebrachte Vergleich von katholischer Kirche und ADAC etwas irreführend ist. Denn beide Organisationen zur ordentlichen Erklärung der Welt sind gegenüber einer dritten Gemeinde ja qualitativ weit unterlegen: Die Gemeinde der deutschen Fernsehzuschauer. Und vielleicht sind hier nicht allein so viele Menschen mit Ministrationshintergrund unterwegs, sondern das ganze Ritual, die Mischung aus Selbstdisziplin, Show-Impuls und kontrollierter Lausbüberei ist nichts anderes als eine breite Fortsetzung dessen, was in den Kirchen zu eng, zu abstrakt oder zu lebensfern werden musste.

Der Geist des Ministrantentums weht durch die deutschen Redaktionen, Verlage und Theater. Aber nirgendwo so stark wie in der Fernsehbranche. Vom Hochamt am Hauptaltar führt laut Schächter eine direkte Öl- und Weihrauchspur zum TV-Event am Hauptabend, „standing ovations“ inklusive. Hierher gehören die Ministranten Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Hape Kerpeling, Stefan Raab, Frank Elstner, Alfred Biolek, Jürgen von der Lippe, Matthias Opdenhövel, Guido Cantz, Sven Lorig und, ja auch, Markus Lanz. Harald Schmidt übrigens war nur Organist, Xavier Naidoo hingegen am Altar. Hatten wir nicht eine Verschwörung versprochen?

                                 DRITTER TEIL: MINISTRANTEN UND POLITIK

Manchmal ist das Fehlen von etwas so aussagekräftig wie eine Gegenwart. Neben vielem anderen aber in seinem Wesen kaum erkundet ist der Protestantismus eine Entkindlichung des Religiösen. Erst hier vollendet sich das patriarchale und wird direkt in die Geschichte des Industriekapitalismus übertragen, wenn auch vielleicht nicht so konkretistisch, wie es Max Weber sah. Der preussisch-protestantische Theologe Friedrich Schleiermacher verbannte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Kindertaufe aus dem Gemeindegottesdienst, weil er um die strenge Ordnung fürchtete, die durch Säuglingsgeschrei gestört hätte werden. Die Religionssoziologie erkennt schließlich in jedem religiösen Ritus (und in seinen Wandlungen) eine Abbildung der politischen Ordnung und der sozialen Integration. Brave weiße Puritaner fürchteten, nur zum Beispiel, die ekstatisch-anarchischen Gottesdienste der „Schwarzen“; das strenge britische Kirchenzeremoniell wird als indirekte Bestätigung der Monarchie gesehen und die „Reinigung“, von der Puritaner besessen sind, bedeutet immer eine zugleich von sündhafter sexueller wie rebellischer politischer Abweichung. Ministranten sind demnach die perfekten Abbilder einer „bürgerlichen Gesellschaft“ vor ihrer notwendig-schrecklichen Purifikation.

Wenn also von einer Kultur der Ministranten die Rede ist, also alles was um Vorbereitung, Dienst und Nacharbeit herum an semantischen, rituellen und ideologischen Austausch-Prozessen geschieht, muss dieser Transitraum immer auch als Abbild einer realen oder auch einer idealen gesellschaftlichen Ordnung gesehen werden. Man lernt hier zunächst, auch nach der Entlatinisierung, eine Form des Doppelspreches: Die restringierte Sprache des Ritus und parallel dazu eine elaborierte (also individuelle) Sprechweise, in der man sich über Krisen und Wünsche austauscht. (Als ästhetische Konstante ist diese Sprach-Doppelung – wie eine Musik in Dur und Moll – in den erwähnten Filmen nachzuvollziehen: Deklamieren und Flüstern, Silbenbetonung und Geheimnuscheln, die Trennung von öffentlicher und privater Rede, die der purifizierte Christ wie der organisierte Arbeiter nicht mehr versteht. Eine Dialektik von außen und innen, die einen nicht mehr verlässt, so oder so.)

Versteht sich, wie sehr man diese semantische Technik als Politikerin, als Entertainer oder als Journalistin brauchen kann (Berufsfelder, die wie wir gesehen haben, besonders geeignet für einen Ministrationshintergrund sind). Ministranten sind also eine Metapher des Dienens aus eigenem Antrieb. Das Lausbübische (kaum das Lausmädelige) ist Teil dieser Metapher; das Ideal ist eben nicht der heuchlerisch-asketische Oberministrant, sondern der „wilde“ Junge, der seine Impulse zu sublimieren lernt. Josef Bommer, Schweizer Professor für Pastoraltheologie, beschreibt den Dreiklang, der ihn prägte: „Wir waren begeisterte Ministranten und lernten die vorgesehenen liturgischen Texte, ohne ein Wort zu verstehen. Und es waren wohl diese Komponenten: frommes, tief katholisches Elternhaus, tüchtige junge Priester, die in mir schon sehr früh den Wunsch aufkommen ließen, Priester zu werden. Kam dazu, dass die engen finanziellen Verhältnisse mit gewissen Erleichterungen den Weg zum Akademiker auch für ein Arbeiterkind erleichterten: Stipendien durch den Pfarrer, der große Traum meiner tief gläubigen Mutter“. Ritus, Eros und Ökonomie, ein Dreieck, in dem man, mehr oder weniger bequem, das eine in Richtung auf das andere verschieben kann.

Aus der Verschwiegenheit persönlicher Freuden und gelegentlich des persönlichen Leidens also ist in der konservativen Wende ein Branding geworden. „Messdiener“ macht sich nun gut im Bewerbungsschreiben, im öffentlichen Auftritt, in der Talk Show und im Wahlkampf. Die Frage „Waren Sie Messdiener*in“ war für eine Zeit die mehr oder weniger zivile Ableitung von „Haben Sie gedient?“.

Und so rufen wir sie nun also an den Altar: Politiker wie Helmut Kohl oder Bernhard Vogel, Heiner Geißler oder Norbert Blüm, auch Andrea Nahles („Frau, gläubig, links“, heißt ihre Autobiografie), Joschka Fischer oder Franz Müntefering. Der schrieb einst in einem Essay über das Staatstheater der Alltagspolitik: „Ich war in Kindheit und Jugend Messdiener. Da habe ich intensiv erlebt, was ich Jahrzehnte später in meiner Partei wiederfand: Rituale, Gesang, Besinnung und Gemeinschaft, Gebete und Erkenntnisse, Fahnen und Musik.“ Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands als Fortsetzung des Ministrantendienstes ist ein phantastisches Funktionsbild. Das erklärt einiges.

Da könnte man wohl argwöhnen, es ginge um eine Bewahrung von all dem, was ein kritischer, aufgeklärter und humorvoller Erwachsener in mehr oder weniger schöner Erinnerung behält, aber rein lebenstechnisch und, nun ja, philosophisch überwinden muss. So also kommt uns ein weiteres Mem in die Quere: Das Phantasma des ewigen Ministranten. Ein Leben im Dreieck von Ritual, Eros und Ökonomie – und das erzeugt auch wieder eine kritische Gegengeste: Juliane Schäuble warnte nach der Machtübernahme von Donald Trump vor seiner hyper-loyalen Entourage: „Minister können auch Ministranten sein“. Frau Schäuble, nebenbei bemerkt, kommt als Tochter von Wolfgang Schäuble wie man so sagt aus konservativ-protestantischer Familie. Die Vorstellung vom Ministranten ist also auch noch im Jahr 2024 durchaus gespalten; Frau Schäubles Vergleich (in Bezug auf Marco Rubio) insinuiert einen willfährigen Helfer, der seine individuelle Meinung und seine Erfahrung hintanstellt, um seiner Institution zu dienen. Der Ministranten-feindliche Protestantismus hat eine Zwischeninstanz und eine Zwischensprache aus den Machtverhältnissen heraus gekürzt. Die Gemeinde muss nun wieder zwingend anwesend sein, eine protestantische Privatmesse ist eher nicht vorstellbar, und unter der Last der Anwesenheitspflicht und dem Fehlen eines Mittlers entsteht auch eine gewisse Aggressivität. Niemand nimmt einem irgend etwas ab, und der Mangel an regelhaft geschwenktem Weihrauch macht sich auch bemerkbar. Und es gibt nun eben nicht die Darstellung dieser einzigartigen Verbindung von Unschuld, Geheimnis und Lust.

Wie darf man sich das vorstellen?

Dass eine Ministranten-Kultur in Deutschland verbreiteter ist als anderswo, mag durch die schiere Zahl belegt sein: „Insgesamt etwa 360.000 junge Menschen engagieren sich bei uns in Deutschland als Ministrantinnen und Ministranten. Sie tun Woche für Woche ihren Dienst bei den Gottesdiensten in den Kirchengemeinden. Viele kommen außerdem wöchentlich zu Gruppenstunden zusammen. Auch Ferienfreizeiten im Sommer gehören oft zum Programm. Für viele ist der Ministrantendienst auch der Einstieg in ein weiteres Ehrenamt in der Kirchengemeinde, im Pfarrgemeinderat oder bei der Sakramentenvorbereitung. Rund 36.000 werden in Rom bei der internationalen Ministrantenwallfahrt vom 29. Juli bis zum 3. August 2024 dabei sein“ berichtet der SWR am 26.7.2024. (Immer wieder streiten sich Deutschland und Österreich, welches von beiden Ländern die meisten Ministrant*innen nach Rom entsendet.) Der Mainzer Bischof Kohlgraf ist stolz auf diesen Nachwuchs: „Also, ich glaube, es gibt kaum eine Institution, die so viele Jugendliche … auf den Weg bringt. Ich denke auch an andere Aktionen der Jugendarbeit, die 72-Stunden-Aktion, wo Jugendliche sozial unterwegs sind. Da passiert schon auch noch eine ganze Menge“.

Und auch die erwähnte Süddeutsche Zeitung mahnt ein anderes Verständnis an: „Ministrant: Das sagt man über einen, der als harmlos gilt; Oberministrant, wenn sich einer mit geliehener Macht aufplustert. Dabei ist der Ministrantendienst eine Schule fürs Leben – sonst wären wohl kaum so viele Politiker, Künstler, Kabarettisten, Spitzensportler einst Ministranten gewesen“. „Immer wieder melden sich Prominente bei uns und sagen, dass ihnen als Ministranten das erste Mal im Leben zugetraut wurde, öffentlich aufzutreten, dass sie Wertschätzung und Anerkennung erfuhren’, sagt Peter Hahnen, Referent für die Ministrantenpastorale in Deutschland. Nehmen wir den Bischof beim Wort und verstehen die Ministranten-Kultur als „Institution“ (laut Definition „einem bestimmten Bereich zugeordnete gesellschaftliche, staatliche, kirchliche Einrichtung, die dem Wohl oder Nutzen des Einzelnen oder der Allgemeinheit dient“.)

Der Image-Wechsel des Ministrantentums scheint einen Wachstumsschub seit den Nuller Jahren ausgelöst zu haben. Allein im Jahr 2009 hatte es ein Plus von 10% gegeben: Fast 440.000 Ministrantinnen und Ministranten. Mittlerweile hat sich die Zahl wieder auf die erwähnten 360 000 eingepegelt. (Die junge Union hat ca. 91 000 Mitglieder, die Linksjugend 7 300, der Bund deutscher Pfadfinder immerhin 30 000, was natürlich kein direkter Vergleich ist, aber eine Vorstellung von Jugend unter Einfluss oder eben: „Institution“.) Wie generell bei den Printmedien ist natürlich auch die große Zeit der Ministrantenpresse vorbei, aus deren Fundus Wenzel Storch und Gerhard Henschel so lust- und erkenntnisreich schöpfen konnten. Aber es gibt sie noch: Die Ministrantenzeitung Der Ministrant erscheint zwei Mal jährlich. Hierbei werden „nützliche Anregungen und Vorschläge für die Arbeit mit Ministrantengruppen“ veröffentlicht. Die Ministrantenzeitschrift Minililie versteht sich ausdrücklich als „Eine katholische Minizeitschrift im Geiste Mariens“. Die Broschüre MINIplus ist ganz besonders für Einsteiger und neue Ministrantinnen und Ministranten gedacht und enthält „wertvolle Tipps, liturgische Einführungen und spirituelle Impulse“. (Dass die Abkürzung Mini für Ministrant und der Begriff der Verniedlichung ineins fallen, ist so verbreitet, dass es nicht der neckische Einfall eines einzelnen Redakteurs sein kann.)

Das Ministrantenmagazin von Der Dom beginnt mit einem Splatter-Akzent: „Ein verlässlicher Ort – Wiedereröffnung der Salzkottener Pfarrkirche St. Johannes Enthauptung: Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz vollzieht feierlichen Ritus der Altarweihe“. SAW 7 ist eine Idylle dagegen. Dann gibt es noch das Vivat!-Magazin, und aus der einstigen Ministranten-Post ist nun erstaunlicherweise die Mini-Post geworden, die freilich den Vorteil hat, die Ministrantenzeitschrift für den „gesamten deutschsprachigen Raum“ zu sein. Wegen hoher Nachfrage wird jedenfalls „Das neue Ministranten ABC“ mit Gebeten, Quizfragen und Witzen ständig neu aufgelegt. Noch 1984 war man mit Leuchtfeuer Ministrant gut bedient, aber offensichtlich ist man mittlerweile bestrebt, weniger Pathos und mehr Vergnügen zu verbreiten. Bemerkenswerterweise ist der Schwund bei den Ministranten prozentual gesehen nicht so hoch wie der Schwund an katholischen Gemeindemitgliedern überhaupt. Man tritt in gewisser Weise in Konkurrenz mit anderen Freizeit- und Stressangeboten wie etwa Fußballvereine, was zweifellos auch ab und an zu Konflikten führt. 

Dennoch versteht man sich nach wie vor als pädagogisches Instrument. So verspricht die Katholische Jungschar aus „Südtirol“: „Als Ministrantin oder Ministrant tätig zu sein bedeutet für die Kinder, sich in Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit, Eigenverantwortung und Teamarbeit zu üben. Ministrieren ist ein ehrenamtlicher Dienst am Altar.
Die Pfarreien ermöglichen den Kindern eine Beheimatung und eine kindgemäße Form der Beteiligung und Mitgestaltung am Pfarrgemeindeleben.

Die Minis haben ein eigenes Gebet:

Jesus Christus,
bei den Minis sind wir eine Gemeinschaft, die nach deinem Vorbild leben möchte.
Gemeinsam können wir Freundschaft und Freude erleben.
Miteinander fallt es uns auch leichter, Schwierigkeiten zu überwinden.
Beim Ministrieren können wir spüren, dass du immer bei uns bist.
Diese Freude wollen wir weitergeben.
Amen.

Die Kleidung der Ministranten ist schon einmal „unisexuell“; sie verbergen das Geschlecht. Allerdings ist die katholische Kirche auch ein seltsamer Arbeitgeber mit Sonderrechten. So etwa kann ein Transsexueller Mensch zwar weiterhin Ministrant sein: ,Jonas Müller ist queer und seit 15 Jahren Ministrant. In seiner Kirchengemeinde in Stuttgart fühlt sich der 24-Jährige mit seiner Transgeschlechtlichkeit gut aufgehoben  aber keinen Arbeitsvertrag mit einer anderen Institution der Kirche unterschreiben“ (so entnimmt man’s katholisch.de), denn da säße man arbeitsrechtlich auf einem Schleudersitz. Die katholische Kirche (nicht nur) in Deutschland erlebt wohl gerade eine Art von Zerreißprobe: Ist man Teil der demokratischen Zivilgesellschaft, oder steht man als ihr Hirte außer- und oberhalb und muss daher zürnen, wenn es um die Wahl einer zu liberalen Verfassungsrichterin geht.

Es ist absehbar, dass diese Zerreißprobe – Vorbereitung auf das außerhalb oder das innerhalb dieser Zivilgesellschaft – auch den Ministrantendienst erwischt. Die Lage wird kritisch, wahrscheinlich. Man kann dann vielleicht nicht einmal mehr in aller Unschuld einen Weihrauchkessel schwenken, zweimal mittig, zweimal leicht nach links, zweimal leicht nach rechts. So wie es sich gehört.

Weiß der Himmel warum.

Georg Seeßlen/ Alf Mayer, 2025

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Anmerkungen
1. Siehe ausführlich auch: Guido Bee: Leuchtfeuer und Leuchtfeuer Ministrant. Die Messdienerzeitschriften des Tarcisius-Verlags. Sonderdruck aus: Kleinschriften – Periodica – Prachtwerk – Predigtliteratur. Vorträge auf dem Dritten Kolloquium zum Katholischen Buch- und Verlagswesen im Rheinland am 18. März 2022, herausgegeben von Siegfried Schmidt und Hermann-Josef Reudenbach. Diözesan- und Dombibliothek. Libelli Rhenani – 83 -, Köln 2024.

Das Buch „Wenzel Storch – Die Filme“ bei Getidan von Georg Seeßlen besprochen. (Martin Schmitz Verlag, 336 Seiten, gebunden, über 700 farbige Abbildungen, Zeichnungen und Skizzen, 29,80 Euro.)

Wenzel Storch als Autor bei Getidan:
Der Stoff jauchzt auf. Wo Tag und Nacht die Triebwerke heulen.: 1. Teil einer Pilgerreise in die wunderbare Welt des Würzburger Prälaten Berthold Lutz

Das ist die Liebe der Prälaten. Norberts Reise ins Wunderland.. Teil 2 einer Expedition in die charmante Welt des Päpstlichen Ehrenprälaten Berthold Lutz

Peter legt die Latte höher. Das erotische Fliegertagebuch: Dritter Teil einer Reise in die wunderbare Welt der katholischen Sexualmystik

Wie scheues Edelwild. Himbeersaft statt Messwein: Vierte Teil einer Pilgerreise in die wunderbare Welt des Würzburger Prälaten Berthold Lutz

5. Teil einer Pilgerreise in die wunderbare Welt des Prälaten Berthold Lutz: Ziborium und Sutanelle

Sechste und letzte Verbeugung vor dem Kinderbuchkaplan Berthold Lutz. Das Geheimnis von Kalvaria

Neues von Speckpater, Papst und Petzi: „Jeder nach seinen Fähigkeiten“. Wenzel Storch sichtet katholische und weniger katholische Comics.

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