
Vorsicht, dieses Buch hat 100.000 Volt!
Alf Mayer über »All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt« von Kenneth Hujer – und daraus weiter unten ein Textauszug: Roger Fritz filmt »Frankfurt Kaiserstraße«
Kenneth Hujer: All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt. Elf Gespräche über eine Stadt. Ventil Verlag, Mainz 2025. Klappenbroschur, mit Abbildungen, 216 Seiten, 25 Euro. – Verlagsinformationen hier.
** **
Natürlich bin ich befangen. 33 Jahre Frankfurt, davon 14 mit einer Politikerin verheiratet. Trauzeuge: Daniel Cohn-Bendit. 33 Jahre, jedes Jahr am Freitagabend vor dem ersten Dienstag im September ein neuer Stadtschreiber/ eine neue Stadtschreiberin. Bergen-Enkheim, aber immerhin. Bis ins Westend sind sie immer stolz darauf gewesen. Noch nie aber hat das jemand so hinbekommen – und das ganz ohne Amt und Förderung – wie Kenneth Hujer mit seinem Wahnsinns-Buch »All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt«. Solch ein Frankfurt-Buch ist mir in all der Zeit noch nicht begegnet. Welch ein Fass.
Und wann bekommt Kenneth Hujer einen Preis?
Wie alles richtig Gute sieht es ganz einfach aus. Einfach mal elf Gespräche geführt:
Frankfurt als Kunst (Timm Ulrichs)
Frankfurt im Untergrund (Udo Nieper)
Frankfurt als Film (Roger Fritz)
Frankfurt zu Fuß (Bertram Weisshaar)
Fassbinders Frankfurt (Juliane Lorenz)
Frankfurt im Theater (Karlheinz Braun)
Frankfurt auf der Couch (Sibylle Drews)
Frankfurt als Politik (Daniel Cohn-Bendit)
Frankfurt im Roman (Eva Demski)
Frankfurt als Foto (Barabara Klemm)
Frankfurt im Song (Klaus Walter).
Einstieg mit dem Konzeptkünstler Timm Ulrichs, der ein mit einem Lippenstift-Kuss versehenes Exemplar der ersten broschierten Ausgabe von Adornos »Minima Moralia« vorweisen kann. Dann der Architekt Udo Nieper über seinen U-Bahnhof Bockenheimer Warte; Kenneth Hujer kehrt für sein Schlusskapitel nochmal dorthin zurück, geht es dort doch um »Unterirdische Unendlichkeiten«. Wer außer Hujer hört ein Frankfurt-Buch mit der Bockenheimer Warte auf? Darauf muss man erst einmal kommen, dafür muss man einen Blick haben. Das muss man sich erst einmal trauen.

Dieses Buch hat Puls und Herz. Alles auf dem richtigen Fleck.
Pocht voller Energie.
»Wir sind dort einfach hingegangen, haben die Kamera aufgestellt, schnell gedreht und sind dann wieder weg«, erzählt der Regisseur Roger Fritz über seinen Film »Frankfurt Kaiserstraße«. Thomas Groh hat diese Schmutzperle für uns im November 2019 besprochen: »Heißes Pflaster Frankfurt – Sehnsuchtsort und Sündenpfuhl. Eine Wertschätzung.« Hier weiter unten dazu ein Textauszug aus dem Buch.
Kenneth Hujer, das muss jetzt hier erwähnt werden, kennt sich nicht nur mit Popkultur und Musik aus – sein letzter Interviewpartner im Buch ist der Popkritiker und Radiomacher Klaus Walter. Es ist ein Feuerwerk, Hujer war Sänger der Hamburger Band Jenana, er hat ein Faible für Architektur und hat mit dem Projekt Rom/Döner eine ungewöhnliche Online-Plattform zur Stadtentwicklung ins Leben gerufen. Liebe und Beruf ist ihm der Film, er macht die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das LICHTER Filmfest Frankfurt International und den zur Tradition gewordenen Kongress ZUKUNFT DEUTSCHER FILM. Jetzt 29.04. bis 03.05. 2026 gibt es LICHTER zum 19. Mal. Für das Festival verfasste er 2021 das Konzept für ein Haus der Filmkulturen. Ebenfalls von ihm mitverantwortet die online zugängliche Schrift »Das Andere Kino. Texte zur Zukunft des Kinos«. Hujer sortiert dort Überlegungen des Architekturbüros UNStudio zu einem nie realisierten Centre Culturel, einem Museum der siebten Kunst: »Kinos sind das perfekte Beispiel für verborgene Architektur. Das Kino ist der einzige Gebäudetyp, der unsichtbar wird, sobald man ihn betritt. Man verbringt bis zu zwei Stunden in einem abgedunkelten Raum, taucht ein in einen Raum und eine Zeit, die ausschließlich den Gesetzen der Vorstellungskraft gehorchen… und dann geht man wieder.«
Hujer geht mit dem Spaziergangforscher Bertram Weisshaar durch die Stadt, trifft danach auf die Cutterin und Präsidentin der Fassbinder-Foundation, Juliane Lorenz, redet mit ihr über dessen Frankfurt-Film »In einem Jahr mit 13 Monden“ und über die Zeit am Theater am Turm. »Frankfurt war eine Stadt mit vielen offenen Wunden, und die waren Rainer lieber, als wenn alles überschminkt wird, wie es in seiner Heimatstadt München größtenteils der Fall war“, sagt Juliane Lorenz. Handkes Stück Publikumsbeschimpfung erlebte der Verleger Karlheinz Braun als »Beat-Abend, auf Frankfurter Intellektuellen-Art«. Er redet über den von ihm mitgegründeten Verlag der Autoren, über Frankfurter Uraufführungen und Theaterexperimente – und die Wunde, die der Wegzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin in die Stadt geschlagen hat.
Nebenbei wird in diesem, dem sechsten Gespräch wieder deutlich, welch Mühe und Aufwand Kenneth Hujer auch für die Bilder im Buch betrieben hat: Heiner Müller in der Frankfurter Künstlerklause oder Peter Handke und Claus Peymann bei einer Pressekonferenz vom Juni 1966. Oder dann Alfred Hitchcock auf einem eigens herbeigeschafften Regiestuhl im Frankfurter Hauptbahnhof, Foto: Barbara Klemm. Ebenfalls von ihr: Andy Warhol im Städel vor einem berühmten Goethe-Bild. Oder Fassbinder, lässig in der Tür.
Seinen Gesprächspartnern und Partnerinnen begegnet Hujer bestens präpariert und auf Augenhöhe, entlockt ihnen Sätze jenseits der Komfortzone. Etwa der Schriftstellerin Eva Demski, deren Roman »Scheintot« bereits Stoff für das Literaturfest »Frankfurt liest ein Buch« war. In Regensburg, wo sie geboren wurde, hätte sie wahrscheinlich einen Handarbeitsladen aufgemacht, bekennt sie, Schriftstellerin wäre sie dort wohl eher nicht geworden. 1976, also lange her, hat sie in einem Buch geschrieben: »Über Frankfurt schreiben, heißt für Frankfurt kämpfen – meistens.« Hujer animiert mit dieser Ausgrabung zu einem spannenden Querfeldeingang durch Stadt und Geschichte und Sätze wie: »Frankfurt hat keine Probleme mit Fakes« oder »Ein Vorgartenmuseum wäre in Frankfurt leichter hinzukriegen als Vorgärten«. Ihr »Scheintod«-Buch von 1984 findet Eva Demski »wie ein Korken. Sie kriegen es einfach nicht unter Wasser, es kommt immer wieder hoch, taucht immer wieder auf. Mittlerweile amüsiert mich das eigentlich.«
Seit Eröffnung der U-Bahn-Station Bockenheimer Warte im Jahr 1986 hängen dort fünfzehn großformatige Frankfurt-Fotos von Barbara Klemm. Auch nach 40 Jahren haben diese Bilder nichts von ihrer Ausdruckskraft verloren. Dabei fotografierte Barbara Klemm in ihrer Heimatstadt eher nebenbei, wusste bei all diesen Bildern nicht, ob sie stark genug sein. Sie fotografierte einfach, was sie interessierte. (Die FAZ hatte ja einen eigenen Stadtfotografen, Lutz Kleinhans.) Als sie dann auf Anforderung ihr Archiv durchforstete, war sie selbst ganz erstaunt, wie viel an brauchbaren Frankfurt-Bildern sie dort fand.
So ist das mit Frankfurt. Nicht alles ist schön. Oder beeindruckt gleich. Kenneth Hujer ist ein ganz wunderbarer Wünschelrutengänger, der in seinem sehr angenehm und lesefreundlich gestalteten Buch vieles an unterirdischen Energieströmen und Starkstromkabeln freilegt. »Kommunizierende Röhren«, würde Alexander Kluge sagen.
Das Buch hat einen sachlichen Anstrich, trumpft nirgends auf, packt aber ganz viel Punch. Hujer ist der ideale Cutter und Regisseur. Immer wieder erzeugt das Buch Räume. Resonanz. Zusammenhang. »Frankfurt hat schon viele brutale Sachen mit sich machen lassen«, weiß nicht nur Barbara Klemm. Eben »Der Müll, die Stadt und der Tod«. Aber wie viel Energie. Experiment. Konflikt. Wirklichkeit. In Berlin sperren sie Luft in Dosen und verkaufen das. Wenn Sie den Geist von Frankfurt schmecken wollen, greifen Sie sich dieses Buch.
Es lebt. Frankfurt lebt.
Alf Mayer – und siehe auch: Kein Blitz, kein Stativ, kleine Tasche: Barbara Klemm Frankfurt Bilder«, CulturMag März 2024.
** **
Textauszug:
»Wir sind dort einfach hingegangen, haben die Kamera aufgestellt, schnell gedreht und sind dann wieder weg.«
Der Regisseur Roger Fritz über seinen Film Frankfurt Kaiserstraße
1981 erscheint mit Frankfurt Kaiserstraße ein Film von ROGER FRITZ, der damals als Milieustudie so raffiniert war, wie er heute als dokumentarische Zeitkapsel funktioniert.
Wenngleich dem Film das Frankfurter Bahnhofsviertel vordergründig als Schablone dient, um die Figuren im sumpfigen Zwielicht lernen zu lassen, dass es die ersehnte Freiheit bloß im sich widerstreitenden Plural gibt, gelingt ihm doch zugleich ein Porträt dieses großstädtischsten aller Frankfurter Stadtviertel, seiner Straßenzüge, Etablissements, Kleidermoden und Sprechweisen. Der 1936 in Mannheim geborene Roger Fritz war nicht nur Regisseur mehrerer Filme und zahlreicher Fernsehserien, sondern ebenso ausgebildeter Schauspieler und vor allem Fotograf. Er assistierte Luchino Visconti bei Boccaccio 70 und Il Gattopardo, arbeitete für Gian Carlo Menotti in New York, spielte bei Fassbinder und fotografierte Andy Warhol, Romy Schneider oder die Beatles. Im Gespräch schildert er seine Drehstrategie, die von einer zurückhaltenden Polizei profitierte, berichtet von einem gewonnenen Rückwärtsautorennen in Frankfurt, wo das Filmmuseum seinen Film später nicht zeigen wollte, und erklärt, warum er Frankfurt Kaiserstraße lieber in Hamburg gedreht hätte. Roger Fritz starb im November 2021 im Alter von 85 Jahren in seiner Wahlheimat München.

Kenneth Hujer: Nachdem Sie Ende der 1960er Jahre gleich drei Spielfilme drehten, traten Sie als Regisseur in den Folgejahren allein mit Fernsehserien in Erscheinung. Erst 1981 kam mit Frankfurt Kaiserstraße ein weiterer Film von Ihnen in die Kinos. Was brauchte es, damit Sie sich wieder zu einem Spielfilm durchringen konnten?
Roger Fritz: Ich habe mich nicht durchgerungen. Das funktioniert beim Film so nicht. Ein Film kostet ein Schweinegeld, da braucht es immer jemanden, der ihn finanziert. Dass ich über zehn Jahre keinen Spielfilm mehr gedreht habe, hing bestimmt auch damit zusammen, dass ich meine vorherigen Filme allesamt selbst produzierte. Vor so jemandem haben andere Verleiher einen Riesenrespekt. In dem konkreten Fall kam dann Karl Spiehs von Lisa Film auf mich zu und fragte, ob ich Frankfurt Kaiserstraße machen will. Das Drehbuch lag vor und auch die Rollen waren bereits besetzt.
Lisa Film produzierte für den Massenmarkt, hauptsächlich leicht verdauliche Komödien und Erotikfilme. Wie passte Ihr Film in dieses Portfolio?
Die haben sich da sicherlich etwas ganz anderes drunter vorgestellt als das, was nachher aus dem Film geworden ist. Es war nicht leicht, den Film zu drehen. Ich hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen. Das fing schon damit an, dass ich entgegen der eigentlichen Besetzung den Wiener Schauspieler Hanno Pöschl dazuholte. Wobei ich das immerhin noch vermitteln konnte, weil Lisa Film schließlich eine deutsch-österreichische Produktion war. Aber auch die Rollen der beiden Hauptfiguren Susanne und Rolf habe ich neu besetzt. Den männlichen Part sollte eigentlich Heiner Lauterbach spielen, der mir für die Rolle zu erwachsen war. Ich entschied mich für das Model Michaela Karger und den Musiker Dave Balko, die mit Schauspielerei rein gar nichts am Hut hatten und danach auch nicht mehr als Schauspieler in Erscheinung getreten sind. Darüber hinaus habe ich noch während des Drehs fast alles am Drehbuch und dessen Texten verändert.
War es Ihre Entscheidung, in Frankfurt zu drehen?
Das lag schlichtweg daran, dass das Drehbuch, das bereits existierte, in Frankfurt spielte. Wenn ich Einfluss auf den Drehort hätte nehmen können, wäre mein Film wohl in Hamburg auf St. Pauli entstanden. Denn St. Pauli kannte ich in- und auswendig, dort hatte ich für verschiedene Serien gearbeitet. Klar wurde damals von Frankfurt als dem »deutschen Chicago« gesprochen, aber das war doch ziemlicher Quatsch. Immerhin lieferte das Bahnhofsviertel um die Kaiserstraße die Kulisse dafür. Und mir kam zugute, dass ich jemanden aus der Frankfurter Unterwelt kannte, so dass ich in den entsprechenden Lokalitäten drehen konnte.
(…)
Der Untertitel Ihres Films lautet: Eine Stadt als Nachtasyl. Wo fanden Sie nachts Asyl in Frankfurt?
Da gab es den Gerhard Schüler, der das Plastik und diese ganzen Kneipen hatte. Er war ein Freund von mir aus Mannheim. In meiner freien Zeit bin ich immer nur in seine Lokale gegangen. Er hat ja auch das Dorian Gray im Frankfurter Flughafen gegründet. 1978 war ich bei dessen Eröffnung. Damals sind wir aus München eigens mit einem Sonderzug angereist, der direkt in den Flughafen einfuhr.
Ihre weibliche Hauptfigur kellnert zeitweise in einem aberwitzigen, damals tatsächlich existierenden Außenlokal namens Bierwiese – einer Art Eckbrachen-Biergarten, wo ein Gast sie mit der zeitgemäßen, man würde heute sagen Pick-up-Line konfrontiert: »Bring mir mal eine Bockwurst, die so knackig ist wie du.« Sie kontert trocken: »Wir haben nur Frankfurter!« Da ist im Kleinen präsent, was Ihren Film im Ganzen durchzieht: Er schildert das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern, bei dem die scheinbare Souveränität der Männer im Dialog fortwährend subtil gewendet wird. War Ihr Film vielleicht zu doppelzüngig, äußerlich zu trivial, um in seiner Qualität als Autorenfilm Würdigung zu finden?
Der Film ist zweifellos ein Autorenfilm. Dass er die diesbezügliche Wahrnehmung nicht erhalten hat, ist meiner Meinung nach schlichtweg der Tatsache geschuldet, dass er als Lisa-Film erschien. Aber mir war das herzlich egal. Es war zu der Zeit, als ich im Grunde in Italien gelebt habe. Letztlich habe ich mich mein ganzes Leben nicht für diese Vereinsmeierei und Einordnungen interessiert. Fragen Sie einmal Roland Klick, den ich für einen der wirklich guten Regisseure halte, der wird Ihnen dasselbe sagen. Am Ende ist es das Problem der Leute, die auf solche Einordnungen viel geben und dadurch nicht die hintergründige Ebene des Films sehen können. (…)












