Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Anita Djafari, Nassir Djafari, Katrin Doerksen

Katrin Doerksen – in Saarbrücken

„HALLO DEUTSCHLAND, DU MIESES STÜCK SCHEISSE!“ Ich hatte nicht damit gerechnet, auf einem etablierten und vielfach geförderten Filmfestival einen Film zu sehen (und dann auch noch im offiziellen Wettbewerb), der mit einem Lied mit dieser hingeschmetterten Textzeile beginnt. Am Ende durfte ich ihm auch noch einen Preis geben.

Das Jahr 2025 begann für mich mit einem Auftrag als Mitglied der KritikerInnenjury auf dem Nachwuchsfilmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Wir vergaben Preise in den Sparten Spiel- und Dokumentarfilm, unser Programm war dementsprechend voll, irgendwann rauschen die Filme an einem vorbei und verschwimmen an den Enden. Aber einer stach heraus: „Rote Sterne überm Feld“ von Laura Laabs.

Am Anfang fliegt der Engel der Geschichte durch den Himmel über Berlin, eine Aktivistin der Ästhetischen Linken hisst die rote Flagge auf dem Reichstag, dazu scheppert das eingangs erwähnte Lied („Ein Hirsch! Ein großer, toter Hirsch!“ von HC Baxxter). Anschließend flieht sie in ihr Heimatdorf, das mecklenburgische Bad Kleinen, auf den alten Hof ihres Vaters, der Geschichte atmet; dann wird nebenan noch eine Moorleiche aus dem Sumpf gezogen und der Film wird endgültig zu einer Beschwörung deutscher Geister. Weltkriege, Sozialismus und Stasi, RAF-Terrorismus, Neonazis. Alles hängt in „Rote Sterne überm Feld“ mit allem zusammen, das macht den Film zuweilen sperrig, widerständig, uneben. Aber auch weit entfernt vom musealen Geschichtskitsch, der sonst den deutschen Historienfilm dominiert. Die Frage ist eigentlich nur, wieso Laura Laabs damit nicht in eine der Berlinale-Sektion aufgenommen wurde.

Honorable Mentions vom Max Ophüls:

„To Close Your Eyes and See Fire“ von Nicola von Leffern und Jakob Carl Sauer – Ein wunderschön poetischer Dokumentarfilm über die Auswirkungen der Explosion im Beiruter Hafen auf die Künstlerszene der Stadt.

„Nulpen“ von Sorina Gajewski – Bockige Teenager und zielloses Rumhängen im sommerheißen Berlin. Womöglich ist Sorina Gajewski eine Reinkarnation von Klaus Lemke.

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Anita Djafari; Lob der leisen Töne

Ich mag die leisen Töne. Und wenn die mir in Form von Literatur begegnen, umso mehr. Als ich eher zufällig auf den Roman „Zwei Wochen am Meer“ von R. C. Sheriff (erschienen im Unionsverlag) und diesmal ausnahmsweise dem Blurb auf dem Cover von Großmeister und Nobelpreisträger Kazuro Ishiguro gefolgt bin, war es um mich geschehen. Schon lange hat mir kein Buch mehr solche Freude bereitet. Die gelungene Übersetzung und das instruktive Nachwort von Karl-Heinz Ott haben erheblich dazu beigetragen. Worum es geht und was daran so gefällt, könnt ihr in unserem Podcast „Plan B – Der Bücherpodcast der Buchhandlung Schutt“ hören.

Nur so viel, es geht um das einfache Leben und das kleine Glück, z. B. während zwei Wochen Ferien am Meer, ganz ohne besondere Höhepunkte oder gar Dramen, an einem typischen Badeort in Südengland einer durchschnittlichen englischen Familie im Jahr 1931. Spießig oder kitschig könnte einem dazu einfallen. Tut es aber nicht. Zwischen den Zeilen und ganz im Hintergrund lesen wir von gesellschaftlichen Hintergründen und den individuellen Nöten und Freuden der einzelnen
Familienmitglieder.

Solche Schätze birgt dieser Verlag, der es auf 50 Jahre Bestehen gebracht und jetzt ein tolles neues Dach bekommen hat, das ihm sehr gutsteht. Ich könnte noch viele viele Titel aus diesem Programm aufzählen, die mich in all den Jahrzehnten meines beruflichen Lebens begleitet haben, aber auf zwei bin ich ganz persönlich stolz. „Der Fluss dazwischen“ ist einer der ersten Romane und ein Klassiker der postkolonialen Literatur des kürzlich verstorbenen „Fast“-Nobelpreisträgers Ngugi wa Thiong’o.

Es war meine allererste Übersetzung im Jahr 1984 (damals im Weismann Verlag), und die ist noch immer lieferbar. Die klug kuratierte Taschenbuchreihe des Unionsverlags macht’s möglich. Und das andere ist unsere Anthologie „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“, herausgegeben von Juergen Boos und mir aus Anlass des 30jährigen Jubiläums des LiBeraturpreises, mit Geschichten von hochkarätigen Schriftstellerinnen aus vier Kontinenten. Und dabei will ich es für diesmal belassen. Ich wünsche uns allen ein gutes und friedliches neues Jahr mit viel Freude am kleinen Glück.

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Nassir Djafari

Das ganze Jahr 2025 über und auch das Jahr davor habe ich Romane aus der ehemaligen Tschechoslowakei gelesen. Ich spüre dem Prager Frühling nach, denn davon handelt mein neuer Roman, davon und vielem mehr. Mich interessieren Umbruchsituationen. Wie verhalten sich die Menschen angesichts der Ungewissheit? Mit dieser Frage beschäftigt sich Josef Škvoreckýs großartiger Roman „Feiglinge“.

Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in einer kleinen Stadt irgendwo in Böhmen, die Rote Armee rückt an, die alte Ordnung, die Herrschaft der Nazis ist zusammengebrochen, eine neue noch nicht in Sicht. Bürger bewaffnen sich, um die deutschen Besatzer endgültig zu vertreiben. Jetzt, da es eine Frage von Tagen ist, bis die Wehrmacht von den Sowjettruppen überrollt wird, fassen sie den Mut zur Revolution. Der junge, bis über beide Ohren verliebte Jazzliebhaber Danny Smiřický schließt sich ihnen an, versucht ein Held sein, aber eigentlich will er nur Irena beeindrucken. Der Roman erzählt von Jugendlichen, die zwischen Musik, Liebeswirren und Freiheitskampf schwanken, und schon bald das opportunistische Verhalten der Erwachsenen durchschauen. Er zeichnet ein Bild von Unsicherheit, Anpassung und stiller Rebellion. Kurz nach seinem Erscheinen 1958 wurde der Roman verboten. Parteizeitungen verglichen ihn mit „wurmstichigem Obst“, die Kommunisten wollten eine andere Geschichte hören, eine vom heroischen Aufstand unter ihrer Führung. Erst im Prager Frühling durfte das Buch wieder erscheinen, nur um nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts wieder aus den Buchhandlungen zu verschwinden.

Ein anderer Roman, der mich beeindruckt hat, ist „Das Leben mit dem Stern“ von Jiří Weil. Der Prager Jude Josef Roubíček lebt unter der deutschen Besatzung allein in einer armseligen Mansarde, hat alle seine Möbel schon verheizt, ist froh, wenn er vom Metzger ein paar Knochen zugesteckt bekommt, nimmt stundenlange Fußwege auf sich, um nicht aus der Straßenbahn geworfen zu werden, und rechnet jeden Tag von neuem damit, deportiert zu werden.

Josef Roubíček will nichts weiter als überleben, von einem Tag zum anderen. Erst als er am Ende seiner Kräfte ist, entschließt er sich dazu, unterzutauchen. Kaum war der Roman 1949 erschienen, wurde er von den neuen Machthabern verboten. Die „kleinbürgerliche Hundemoral“ Weils, wie es die Kommunisten nannten, passte nicht zu ihrem Widerstandspathos. Jiří Weil wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, ihm wurde ein Publikationsverbot auferlegt, das erst drei Jahre vor seinem Tod mit dem Einsetzen des Tauwetters unter Chruschtschow aufgehoben wurde.

Maxim Biller setzte ihm mit seiner im April 2025 erschienen Novelle „Der unsterbliche Weil“ ein Denkmal. Darin erzählt Biller von einen Tag im Leben des Jiří Weil. Es ist Ende April 1956, Weil beendet wie immer gegen vier Uhr seine Arbeit im Jüdischen Museum und macht sich auf den Weg nach Hause. Seine Gedanken kreisen um den tschechoslowakischen Schriftstellerkongress, der zur Stunde tagt. Werden seine ehemaligen Kollegen und Genossen ihn sechs Jahre nach seinem Ausschluss wieder aufnehmen, wird er wieder publizieren dürfen? Er läuft durch Prag und erinnert sich an Weggefährten, die ihn verraten haben, daran, wie er „Das Leben mit dem Stern“ am Küchentisch geschrieben hatte, noch während der deutschen Besatzung als täglich Transporte mit Seinesgleichen nach Theresienstadt, Auschwitz und andere Höllenorte abgingen. Die Geschichte des Josef Roubíček könnte auch Weils eigene sein. An der Hlávka-Brücke in Prag täuschte er seinen Tod vor, um der Deportation zu entgehen.

Der Schriftstellerkongress nahm ihn 1956 wieder in seine Reihen auf. Drei Jahre später starb Jiří Weil zum zweiten Mal und leider viel zu früh.

Nassir Djafari, 1952 im Iran geboren, lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre war er für die deutsche und internationale Entwicklungszusammenarbeit tätig. Nassir Djafari beschäftigt sich in seinen Romanen mit Fragen der Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Er erzählt vom Fortgehen und Ankommen, dem Leben zwischen zwei Kulturen, und von familiären Bindungen im Spannungsfeld gesellschaftlicher Umbrüche (siehe Die Wehrheimer Literaturwerkstatt | Startseite). Sein neuer Roman „Tausend Fenster“ wird im Frühjahr 2026 im Sujet Verlag erscheinen. Die Arbeit an dem Roman wurde durch ein Stipendium des Hessischen Literaturrats und des Prager Literaturhauses gefördert (siehe Nassir Djafari | prag aktuell).

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