Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Christina Mohr, Marcus Müntefering

Christina Mohr: Meine Top Ten Alben 2025

Little Simz – Lotus

Suede – Antidepressants

Chris Imler – The Internet Will Break My Heart

Die Heiterkeit – Schwarze Magie

Sudan Archives – The BPM

Deep Sea Diver – Billboard Heart

Miley Cyrus – Something Beautiful

Sophie Ellis-Bextor – Perimenopop

Blood Orange – Essex Honey

King Princess – Girl Violence

** **

Marcus Müntefering: 2025 – Was vom Jahre übrig bleibt

Literatur:

Karl Ove Knausgård – Die Schule der Nacht. Lange Jahre habe ich einen großen Bogen um Knausgård gemacht, weil: Autofiktion, gähn-gähn. Aber die Romane im Zyklus Morgenstern interessieren mich. „Die Schule der Nacht“ ist Nummer vier und erzählt im weitesten Sinne eine Faustus-Geschichte, im London der frühen Achtziger. Viele interessante Gedanken zur Musik der Zeit (New Order, Bauhaus etc.), zur Kunst, zum Leben und Sterben inklusive.

Peter Szalay – Flesh. Überraschender Booker-Prize-Gewinner. Ein sehr schön zurückgenommener Roman über einen Ungarn aus einfachen Verhältnissen, der in jungen Jahren den Ehemann seiner viel älteren Geliebten tötet, später zur Armee und dann nach London geht, wo reich heiratet, aber schließlich alles verliert. Hier geht es um Männlichkeit (die nicht unbedingt toxisch sein muss), bemerkenswert ist die Lakonie, mit der Szalay schreibt.

Susanne Kaiser – Riot Girl. Das interessanteste deutsche Krimi-Debüt des Jahres. Anders als bei Szalay ist Männlichkeit hier aber mal so was von toxisch. Kaiser kennt sich da aus, sie hat vorher Sachbücher zum Thema geschrieben. „Und wenn die Frauen einfach zurückschlagen“ im Spiegel (Paywall).

Nick Harkaway – Smiley. John le Carrés Sohn bringt unser aller Lieblingsspion George Smiley zurück. Und wie!

Ich hatte das Vergnügen, auf der Crime Cologne im September einen Smiley-Abend zu moderieren, an meiner Seite le Carrés großartige langjährige deutsche Lektorin Katrin Fieber. Die Texte las kongenial Gerd Köster. Danke an die beiden und an Dominic Hettgen und die Crime Cologne. – Mehr zu „Smiley“ im Spiegel (Paywall):

Timo Blunck – Ein kleines Lied über das Sterben. Ein deutscher Kannibalinnen-Thriller von internationalem Format. Und das sage ich nicht nur, weil ich mit Timo gut befreundet bin. Er ist übrigens auch Musiker (Palais Schaumburg, Die Zimmermänner) und hat parallel das Album „Der Schlaffotograf“ veröffentlicht. – Hier der Titelsong:


Lavie Tidhar – A Man Lies Dreaming. An einem verregneten Sommertag in St. Pauli traf ich den Australier Andrew Nette, der ein wandelndes Lexikon für Krimis und alles andere „Abseitige“ ist. Sein Lesetipp für mich war Lavie Tidhar, den ich bislang nur von den „seriösen“ Suhrkamp-Titeln kannte, mit seinem Roman „A Man Lies Dreaming“. Hier geht es um Adolf Hitler, der als Privatdetektiv im London des Jahres 1939 eine ziemlich jämmerliche Figur macht. Pulp mit eingebauter Falltür. Unbedingt lesen!

Pascal Garnier – Die Eskimo-Lösung. Franzosen sind ja oft meine Sache nicht so sehr. Dieser aber überzeugt und liest sich wie eine Mischung aus Simenon und Houellebecq. Ein unsympathischer Typ schreibt einen Roman über einen noch ätzenderen Kerl. Kann das gut gehen? Natürlich nicht. Umso besser!– Mehr dazu von mir im Spiegel (Paywall).

Thomas Pynchon – Schattennummer. Willkommenes Lebenszeichen: Ein Lebensautor, hab mich aber noch nicht getraut.

Graeme Macrae Burnet – Benbecula. Als ich im September zu meinem jährlichen Besuch in Glasgow war, drückte mir Graeme ein Exemplar seines neuen Romans in die Hand. Es ist eine Rückkehr zu der Welt seines größten Erfolgs „His Bloody Project“, aber alles andere als ein Aufguss. Achtung deutsche Verleger: Graeme, immerhin Booker-Prize-Finalist, der zuletzt bei Kampa und zuvor bei Europa war, hat momentan keinen deutschen Verlag!

Mick Herron: Down Cemetery Road. Ein früher Roman des „Slow Horses“-Autors, noch nicht ausgereift, trotzdem toll, Auftakt einer vierbändigen Reihe. Gerade von Apple TV edel verfilmt mit Emma Thompson und Ruth Wilson. – Mehr zum Roman von mir im Spiegel (Paywall).

Serien:

Smoke (Apple TV+): Ein neuer Roman von Dennis Lehane wäre mir lieber gewesen, aber das ist ja nicht mehr zu erwarten (obwohl: never say never, siehe Don Winslow …). Die Serie über einen arson inspector, der selbst ein Feuerteufel ist, lohnt sich aber. Weil sie sich einerseits mit jeder Folge weiter verfinstert, andererseits ihren skurrilen Sinn für Humor nie verliert.

Adolescence (Netflix): Wurde schon genug drüber geschrieben und diskutiert. Verstörender Vierteiler über einen Jungen, der eine Mitschülerin umbringt. Jede Folge in einer Einstellung gedreht. Wer’s noch nicht gesehen hat: unbedingt nachholen.

Alien Earth (Disney+): Die Enttäuschung des Jahres. Nachdem eigentlich alle Filme aus dem Alien-Kosmos nach dem dritten Teil mäßig bis miserabel waren, setze ich große Hoffnung auf Noah Hawley, den ich sowohl als Schriftsteller („Vor dem Fall“) als auch als TV-Macher („Fargo“) sehr schätze. Aber auch er hat es verbockt. Immerhin: Ein paar schöne neue Monster hat er sich ausgedacht.

Ballard (Amazon): Sehr anständiger Auftakt mit einer tollen Maggie Q und willkommenen Gastauftritten von Harry Bosch (Titus Welliver). Gern bald mehr davon.

Filme:

One Battle After Another: Noch einmal Thomas Pynchon: Paul Thomas Andersons Film basiert lose auf seinem Roman “Vineland”. Mein Film des Jahres, weil er unfassbar unterhaltsam davon erzählt, wie unsere Welt zum Teufel geht. Nicht ganz so verkifft wie Andersons frühere Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“. Leo DiCaprio ist super, Sean Penn muss den Oscar als bester Nebendarsteller gewinnen.

Bugonia: Yorgos Lanthimos zählt bekanntermaßen zu den interessanteren Regisseuren der Gegenwart. „Bugonia“ ist vielleicht kein Hauptwerk, dafür aber herrlich schräg und mit Jesse Plemons und Emma Stone fantastisch besetzt. Irgendwie geht es um Corporate Culture, Aliens und Menschen als Virus. Ein apokalyptischer Spaß.

Weapons: Jedes Jahr schaue ich voller Hoffnung eine ganz Reihe von Horrorfilmen im Kino, meistens werde ich enttäuscht. Einzige Ausnahme 2025 war „Weapons“ von Zach Cregger, es geht um eine verschwundene Schulklasse irgendwo in den USA. Lange lebt der Film von der Ungewissheit, um dann ein furioses Finale zu liefern.

** **

Live-Musik:

The Bathers am Bodensee: Pures Glück. Glasgows The Bathers spielten 2025 zum ersten (uns bislang immer noch einzigen) Mal seit 27 Jahren außerhalb von UK – und das ausgerechnet in Lindau (dauert von Hamburg länger dorthin zu kommen als nach Schottland). Zu verdanken ist das Stefan Fürhaupter, der zusammen mit seinen Kollegen im Zeughaus ein erstklassiges Programm auf die Beine stellt und alter Fan der Band ist. Das ambitionierteste Werk der Bathers, „Pandemonia“, ist 2025 übrigens neu gestaltet und überarbeitet wiederveröffentlich worden. – Anspieltipp «Tequila Mockingbird»:

Edwyn Collins, Glasgow, Theatre Royal: The man, the legend, und dann noch ein Heimspiel in der Stadt, in der er mit Orange Juice groß wurde in den Achtzigern. Es war ein sehr nostalgischer Abend, es flossen Tränen des Glücks und des Abschieds – denn Edwyn Collins, der vor rund 20 Jahren mehrere Schlaganfälle hatte und gerade 65 wurde, tut sich die Strapazen einer Tour künftig nicht mehr an. – Ein Eindruck:

The Weather Station, Hamburg, Nochtspeicher: Was für eine Band, was für eine unfassbare Sängerin und Frontfrau, Tamara Lindeman! Ein konzeptueller Konzertabend, der uns Zuhörer von tiefer Verzweiflung in leises Hoffen führte. So intensiv, dass es kaum auszuhalten war. – Kurzkonzert auf KEXP:

Platten:

Laut Spotify habe ich am häufigsten gehört: Deacon Blue „The Great Western Road“ (dabei habe ich doch auch das Vinyl). Auch nach 40 Jahren schafft es die Band aus Glasgow scheinbar mühelos, einen großen Song nach dem anderen rauszuhauen. Hier ein Beispiel:

Saint Etienne: „International“: Nach mehreren eher experimentellen Alben (nicht schlecht, aber …) verabschiedet sich Englands schlaueste Popband nach 35 Jahren mit einer meisterlichen Platte voller herrlicher Hymnen wie „Take Me to the Pilot“.

Jerskin Fendrix: Once Upon a Time in … Shropshire: Aus Trauer entsteht oft Großes, so auch bei diesem überwältigenden (streckenweise nicht unanstrengenden) Album des Hauskomponisten von Yorgos Lanthimos, in dem Fendrix mehrere Todesfälle in seinem Umfeld verarbeitet.

Coil – Black Antlers (Reissue): Die großen schwulen Magier der Dunkelheit mit einem fast schon zugänglichen Album inklusive einer Version des britischen Folksongs „All the Pretty Little Horses“ (sieh auch: Current 93). Anspieltipp: „Sex with Sun Ra“.

Abschied:

Der große, leider unbekannt gebliebene US-Folkmusiker Michael Hurley ist gestorben.
Hier der sehr angemessene Nachruf von Detlef Diederichsen in der taz:

Und hier einer seiner schönsten Songs, der auch in Harry Dean Stantons letztem Film „Lucky“ zu hören war:

** **

Marcus Müntefering schreibt seit rund 15 Jahren über Literatur für DER SPIEGEL und fast genauso lange interviewt er Krimiautorinnen und -autoren für den Freitag. Zusammen mit der Verlegerin Else Laudan (argument/ Ariadne) und dem Buchhändler Torsten Meinicke (Buchladen in der Osterstraße) veranstaltet er in Hamburg den Krimi-Talk „Rasterfahndung“. Als Moderator, vor allem für die Crime Cologne, hat er durch Abende mit und/oder über u. a. John le Carré, Sara Gran, Friedrich Ani, Simone Buchholz, Jörg Fauser und Michael Connelly geführt.
Die Texte von Marcus Müntefering bei uns gibt es hier

Tags : ,