
Claudia Denker: Gutes und Schlechtes
Lassen wir den ganzen Nachrichtenwahnsinn mal weg – wenn ich auf mein privates Jahr 2025 zurückblicke, kann ich doch Schönes finden. Nach dem Tod meines Vaters (siehe Text vom letzten Jahr an dieser Stelle), war ich 2025 besonders dankbar, gute Freund*innen zu haben. Ich stand vor einem Berg Bürokratie, an dem ich drohte zu verzweifeln. Als ich nicht mehr weiterkam, hatte ich dann doch plötzlich eine Steuerberaterin, Hilfe bei der Krankenkostenabrechnung und langsam sortierte sich alles. Die Unterstützung und der Beistand meiner Lieblingsmenschen haben mich durch das letzte Jahr getragen.

Im Sommer war ich zweimal in der »Zitadelle Spandau«. Iggy Pop und Patti Smith haben alles gegeben und das Publikum war im Durchschnitt gar nicht so alt wie erwartet.
Das Konzert im »Speakeazy«, Danny Dziuk mit Krazy und Karl Neukauf war, wie immer, einfach schön.
Mal abgesehen von den regelmäßigen Talk-Runden (»Abweichendes Verhalten«), Lesebühnen-Besuchen (Brauseboys, Reformbühne Heim und Welt) ist mir ein Abend ganz besonders in Erinnerung geblieben.
Ich war das erste Mal im »Bajszel«, einer sehr schönen Kneipe in Neukölln, wo ein Abend zu Ehren von Erich Mühsam stattfand. »Das seid ihr Hunde wert!« heißt das großartige Programm von Markus Liske und der Band »Der singende Tresen«, Sängerin: Manja Präkels. Volle Hütte, Publikum begeistert, und hinterher noch Bier und Quatschen. Nicht nur fröhlich, denn die Betreiber haben massive Probleme, Polizeischutz rund um die Uhr ist notwendig:
»Nach wiederholten antisemitischen Angriffen auf die Programmkneipe „Bajszel“ in Berlin-Neukölln haben Unbekannte in der Umgebung Flugblätter geklebt, auf denen die drei Betreiber:innen persönlich bedroht werden. Auf dem Plakat sind die Gesichter der Betreiber Alexander Carstiuc, Alexander Renner und Andrea Reinhardt zu sehen, darüber rote Dreiecke und die Überschrift „Make Zionists Afraid“ („Macht Zionisten Angst“). Das rote Dreieck ist ein Symbol, das die antisemitische Terrorgruppe Hamas zur Kennzeichnung möglicher Angriffsziele nutzt.« (rbb 24, 02.10.2025).
Ich bin schwer beeindruckt vom Durchhaltevermögen der drei Betreiber*innen.
Eine ungewöhnliche Einladung kam noch Ende des Jahres. Ich war Gast bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Sanem Kleff und Eberhard Seidel für ihre Arbeit als Leitungsduo von »Schule ohne Rassismus«. Ich kenne sie schon so lange und habe mich sehr gefreut für die beiden, die haben es wirklich verdient!
Schöne Nachricht: Kevin Kühnert ist wieder aus der Versenkung aufgetaucht.
Schlechte Nachricht: Xavier Naidoo auch.

Gefreut habe ich mich sehr über Reaktionen auf meine kleinen Tipps in der Schatzsuche des CrimeMag:
Jake Lamar (Deutscher Krimipreis 2024) wollte mich im Buchladen überraschen, als er auf Lesereise in Deutschland war. Erst habe ich mich geärgert, dass ich an dem Tag frei hatte, aber nun habe ich für immer eine Nachricht von ihm (siehe Foto).
Und kurz vor Weihnachten bekam ich eine sehr nette Mail von Bianca Schaalburg, die sich über meine Kurzkritik zu »Emma und Amir« (Jacoby & Stuart) gefreut hat. Wie schön, dass die Schatzsuche im CrimeMag gelesen wird.
Noch schnell drei Lieblingsbücher 2025:
Lavie Tidhar: »Adama« (Suhrkamp),
Gaea Schoeters: »Das Geschenk« (Zsolnay)
Harald Jähner: »Wunderland« (Rowohlt)
Und nun allen ein gutes neues Jahr!
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Danny Dziuk: Wenn die gemeinsame Sprache verlorengeht
Im Unterschied zu Brecht glaube ich nicht, dass es zu den wesentlichen Aufgaben eines Songschreibers (der ich nun mal am ehesten noch bin) gehört, besonders politisch zu sein oder sonst irgendwie zu belehren. Sondern sich vor allem in möglichst umfassender Absichtslosigkeit zu üben. Denn was ist so öde wie ein Song, bei dem man die Absicht oder eine Zielgruppe oder auch nur den nächsten Reim schon von weitem riecht? Und am meisten Spaß macht es auch beim Schreiben sowieso, wenn man es schafft, das kognitive Denken auszutricksen und sich hier und da sogar selber zu überraschen.
Nur kam mir dabei die Politik in diesem Jahr mal wieder zunehmend in die Quere. Angefangen bei Trump, über den ich hier nichts weiter sagen will als dass es mir ein Rätsel bleibt, wie man einen so offensichtlichen Vollidioten überhaupt wählen kann (das darf ich sagen, denn ich plane nicht, in nächster Zeit die USA zu besuchen). Ich frag mich nur, wie groß der von ihm angerichtete Schaden sein wird, wenn auch seine Fans den massiv und existenziell am eigenen Leib zu spüren bekommen und sich nicht mehr erzählen lassen werden, dass flugzeugabsturzverursachende Intersektionale oder auch haustierfressende Filipinos daran Schuld seien, dass die versprochene goldene Zeit einfach nicht anbrechen will. Seine Umfragewerte fallen zwar bereits seit einiger Zeit, aber drei Jahre hat er eben noch. Und das Klima wartet sowieso nicht auf die nächsten Wahlen.
Und synchron dazu dann eh der allgemeine Rechtsruck, teils getragen von der Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die nie so war wie von den entsprechenden politischen Marktschreiern suggeriert. Ein Retrotopia, das einen von den atemberaubend schnellen Veränderungen und entsprechenden Anforderungen der Welt zu erlösen verspricht, stattdessen aber vor allem selbst grundsätzliche Begriffe durcheinanderbringt oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Begriffe wie Meinungsfreiheit zum Beispiel: Wenn die darin bestehen soll, auch Fakten nur als eine Meinung unter vielen betrachten zu dürfen, dann werden logischerweise auch schnell diejenigen zu Vertretern von Zensur, die das nicht so sehen. Und zack, schon wähnt man sich in einer Diktatur (angeheizt von Leuten, die vor allem selber eine wollen). Was dabei zunehmend verlorengeht, ist eine gemeinsame Sprache. Wenn dieselben Wörter bei verschiedenen Leuten nicht mehr dasselbe bedeuten, dann wird alles zu einer Art babylonischem Sprachbrei, bei dem man am Ende dann genauso gut Fischlaute verwenden könnte: blub blub.
Dringend benötigt: Common Sense.
Was ich eigentlich sagen wollte: Man kommt also kaum umhin, sich mit Politik zu beschäftigen. Eigentlich hat die mich sogar die ganze Zeit auf Trab gehalten, so schädlich es auch sein mag, sich täglich neu mit entsprechenden und teils nervtötenden Diskussionen und dazugehöriger Faktencheckerei herumzuschlagen, und sei es auch nur, um zumindest einen Hauch von Überblick darüber zu behalten, was gerade vor sich geht. Herausgekommen sind dabei u.a. zwei politische Songs, in denen ich versucht hab, die mir wichtigsten Argumente so kurz, präzise und unbelehrend wie möglich zusammenzufassen: einer über die Ukraine* (in dem Zusammenhang hat mir übrigens die Friedenspreis-Rede von Karl Schlögel besonders gut gefallen), der andere über Antisemitismus, in letzterem Fall eine Art Spottlied auf die antikoloniale Pro-Palästinenser-Fraktion, inspiriert von einem Essay Markus Liskes, weiteres unter dem Video:
In diesem Zusammenhang besuchte ich auch zum ersten Mal das „Bajszel“, eine Kneipe, von der ich bis dahin nur gehört hatte, dass sie sich mitten in Neukölln offen gegen Antisemitismus positioniert, was entsprechende Schikanen bis hin zu Morddrohungen nach sich gezogen hatte, von Kufiya-Linken wie auch Islamisten. Dort gastierte nämlich der Singende Tresen mit ihrem „Das seid ihr Hunde wert!“-Programm, einer so unterhaltsam informativen (gelesen und moderiert von Markus Liske) wie emotionalen (gesungen/gespielt von Manja Präkels und einer tollen Band) Achterbahnfahrt durch Leben und Werk Erich Mühsams.
Als wir dort ankamen, standen auch gleich drei Streifenwagen davor, einer davon sogar mit laufendem Blaulicht, aber es war nur eine Wachablösung … später am Abend erfuhr man dann, dass seit April der Laden dort rund um die Uhr unter Polizeischutz steht, der sich in drei Schichten abwechselt, und ein Detail dabei fand ich besonders bemerkenswert: dass nämlich, wenn die jeweilige Ablöse nicht nahtlos funktioniert und die Kneipe auch nur für ein paar Minuten unbewacht bleibt, die Chancen auf eingeworfene Scheiben oder ähnliches ziemlich hoch stehen (und es fehlt an Geld für entsprechende „Jalousien“). Was umso betrüblicher wird, je mehr man merkt, wie hell und freundlich dort eigentlich alles ist: die sympathischen Leute, das inspirierende Ambiente, die irgendwie weltoffene Atmosphäre, die Preise, und ja: sogar einen Raucherraum gibt’s. Ich kann einen Besuch im Bajszel jedenfalls nur händeringend empfehlen, und vielleicht spiel ich da im kommenden Herbst sogar mal. Interesse gab’s zumindest.
Ansonsten war meine kleine Herbsttournee bis auf drei Konzerte jetzt nicht mehr so gut besucht, und irgendwie werd ich den Verdacht nicht los, dass das zum Teil an o.g. Spottlied lag. Einer hat mir kurz nach Veröffentlichung sogar meine sämtlichen Alben „zurückgeschickt“, quasi maßlos enttäuscht. Sein beiliegender Brief hatte jedoch auch nichts Substantielles mitzuteilen. Wie meinte John Lennon sinngemäß nochmal: „Immer schön sagen, was man denkt; dann hat man zwar weniger Freunde, aber dafür die richtigen.“ Tja, und während diese antisemitische Super-Matschbirne Naidoo wieder große Hallen füllt, bin ich fast froh, nicht bekannt genug zu sein, um auf Festivals eingeladen zu werden, wo im Gefolge von Roger Waters & Co. selbst Israel-Vernichtungsfantasien als cool durchgehen. Blödes Pack bzw. überhaupt nicht gut, das alles.
Aber um mit was sehr Schönem zu enden: Immerhin hatte mich Dota Kehr im August – zusammen mit Rosa Hoelger – zu einem gemeinsamen Konzert im Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld eingeladen, vor dem ich zwar einen Heiden-Bammel hatte (auch als Alter-Weißer-Mann-undsoweiter), was aber dann fast wider Erwarten ganz fabelhaft verlief. Dotas Publikum geht durch alle Altersklassen, ist sehr aufmerksam und kriegt jedes Detail sofort mit. Das merkt man, sobald man die Bühne betritt, und es kann einen buchstäblich über sich hinauswachsen lassen. Was es auch tat.
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Krazy: Melange aus Trauerarbeit, Trinkspruch, Hymne und Walzer
Wieder eine Runde weiter, ein Kalenderjahr erlebt, gelernt, angenommen und gegeben, was sich im eigenen Tempo nach Relevanz sortiert, entwickelt, selten als termingerecht abgefasstes Ergebnis präsentierbar ist… Weswegen wir uns im Rückblick dankbar auf die Sensationen beschränken – und die gab es zum Glück auch in meinem Jahr 2025:
Die Liedertour, die mir den fast kompletten September über an erstaunlichen Orten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zauberhafte Bühnen ausgerichtet hat, zu denen ein feines Publikum kam – und auch ansonsten war für wirklich alles gesorgt. Dass man mehrere Wochen auf Tour sein kann, ohne einmal in Stress oder Hektik zu sein, war eine Offenbarung und ist der stabilen ehrenamtlichen Organisation zu danken, aber auch dem Ehrenkollegen Ralph Schüller, der mich logistisch und musikalisch begleitet hat. Weiterhin begleiten wird mich dessen grandioser Song „von der Gleichzeitigkeit“, der (mit Gruß nach Leipzig) seither auch am Westrand der Republik Anklang findet.
Bleibend und aktuell: Mein Album „in Stiefeln“ produziert von Danny Dziuk und Karl Neukauf, mit dem mir im November 2025 ein alter Wunsch in schönster Form erfüllt wurde: Die eigene Vinyl-Platte… Initial dafür war der Song „auf alles“ (eine Melange aus Trauerarbeit, Trinkspruch, Hymne und Walzer) der mich seit 15 Jahren begleitet, auf Geburtstagspartys, Beerdigungen und jedem Konzert seine Wirkung getan und mir einige Türen geöffnet hat… Nicht zuletzt war Kollege Danny Dziuk überzeugt und hat neue Aufnahmen veranlasst (aus denen schließlich das Album hervorging) und schließlich dem Song mit einem in jeder Nuance stimmigen Arrangement und dem schönsten Klaviersolo ever im Jahr 2025 seine würdige Fassung gegeben.
Zwei Wochen vor VÖ des Albums und der „auf alles“-Single ist dann überraschend ein anderer geschätzter Kollege verstorben: Matthias Keul, der zu meinen Helden zählt, nicht nur meine musikalische Laufbahn, sondern auch meine Hood geprägt hat und eigentlich auch für das erste Album Release-Konzert als Gast eingeplant war… Koinzidenz von feiern und trauern, die Mehrfachbedeutung von „release“: Die Dinge kamen in einer Art zusammen, die nur ein Song fassen kann, und in diesem speziellen Zufall war es DER Song …
Mit ihm will ich auch an dieser Stelle das Vergangene feiern und das Kommende grüßen.
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Krazy Album „In Stiefeln“ 12inch vinyl + download / streaming bei allen Portalen
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Ralph Schüller: Von der Gleichzeitigkeit
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In memoriam Matthias Keul
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