Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Extra ’24 – Max Annas: »Tanz im Dunkel« (Textauszug)

Rock ’n’ Roll und Rachegeister im Köln des Jahres 1959 …

Max Annas: Tanz im Dunkel. Thriller. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 238 Seiten, Klappenbroschur, 17 Euro. Erscheinungstermin: 17.01.2025

Die Buchpremiere findet am 30. Januar 2025 um 20 Uhr in Berlin statt: 
Philipp-Schaeffer-Bibliothek, Brunnenstraße 181, 10119 Berlin

Max Annas liest aus seinem neuen Buch Tanz im Dunkel, Moderation: Sonja Hartl. Eintritt: frei / Anmeldung zur Veranstaltung

Kapitel 6

Warten.
Er hatte Zeit.
Er stand am Neumarkt und wartete.
Da war er endlich, der Arzt. Er verließ das große Haus mit der Praxis, blickte sich dabei um, als gehörte ihm die Welt, das Kinn nach vorn gereckt, die Schultern nach hinten gezogen, die Augen überall und nirgends. Der Mittagsgang samt Tischreservierung war obligatorisch. Dem Arzt zu folgen ein Kinderspiel.
Hier an dieser Ampel könnte er ihn aus einer großen Gruppe heraus vor einen Lastwagen stoßen. Eine Hand auf dem Rücken und … Die Leute würden zuerst herumschreien, dann den Toten bedauern und sich erst danach fragen, wie der Herr mit der auffälligen dunkelgrauen Frisur unter die großen Räder gekommen war.
Ein paar von ihnen würden sich erinnern. Da war einer hinter dem. Der hat irgendetwas getan oder gesagt. Aber jetzt ist er weg. Sie würden ihn beschreiben.
Sie würden ihn falsch beschreiben.
Der Arzt, Himmelreich war sein Name, überquerte den Neumarkt, um zu dem Brauhaus zu gelangen, in dem er zu
Mittag zu speisen pflegte, beinah immer das Tagesgericht, wie heute den Sauerbraten.
Der Kellner nahm zuerst die Bestellung des Arztes auf und dann seine. »Ich nehme die Rouladen«, sagte er zu dem Kellner. Während er den Arzt dabei beobachtete, wie er sich die Tageszeitungen bringen ließ, dachte er an diese jungen Leute, die den Salz verfolgt hatten.Was sie sich für ein Schauspiel geleistet hatten vor dessen Haus. Der improvisierte Kuss, ganz sicher war er das gewesen und nie im Leben geplant, aber schlau. Bedauerlich, dass er nicht schlau wurde aus ihnen. Welches Interesse mochten sie haben, Salz zu folgen? Wenn sie Salz auf den Fersen blieben, würde er es irgendwann begreifen.
Im Brauhaus bot sich ebenfalls eine ausgezeichnete Gelegenheit, den Arzt um sein Leben zu bringen. Unmittelbar nach dem letzten Bissen suchte der Arzt die Toilette auf. Ein Mann der Gewohnheiten. Im Glas befand sich dann noch ein Rest Bier, das er im Stehen zu sich nahm, bevor er das Lokal verließ.
Beiläufig am Tisch vorübergehen und die paar Tropfen eines Gifts oder die eine schnell lösliche Tablette im Glas versenken.
Ein sofort wirkendes Mittel, das ihm sofort den Garaus machte, das ihn auf der Stelle fällte. Oder eines, das ihn erst
beim Überqueren des großen Platzes umhaute. Möglich, wie gesagt. Aber zu wenig auffällig. Zu wenig dem Gedanken der Rache verpflichtet. Und zu anonym. Ein Blick in die Augen war obligatorisch.
Gleich war Himmelreich wieder in der Praxis. Die Treppen rund um den beeindruckenden Lichthof nahm der Arzt stets federnd, zwei Stufen auf einmal, beeindruckend eigentlich für einen beinah sechzig Jahre alten Mann. Damit hatte er durchaus geliebäugelt. Ihn übers Geländer zu stoßen. Immerhin hatte Himmelreich vier Stockwerke zu nehmen, und vom dritten an war der Sturz auf den Marmorboden im Foyer nicht nur tödlich, sondern auch spektakulär und blutig.
Was ihn daran beunruhigte, war allerdings, dass der Rückzug eher wenig berechenbar war. Zu viele Türen öffneten sich hin zum Treppenhaus, zu wenig Fluchtwege boten sich an. Zwei Fahrstühle, die große Treppe und eine Tür zum engen hinteren Treppenhaus. Die hatte er vor einigen Tagen verschlossen vorgefunden.
Auf dem Weg in die vierte Etage überholte er Doktor Himmelreich. Dort hielt er ihm die Tür höflich auf, mit einem
Nicken, das einer leisen Verbeugung schon sehr nahe kam, lächelnd natürlich. Der Arzt schritt wort- und grußlos vorüber und zog sich sofort ins Sprechzimmer zurück.
»Ich habe einen Termin bei Professor Doktor Himmelreich«, sagte er, als er sich vor dem Empfang platzierte und daran dachte, dass der Doktor Himmelreich schon bald in den Himmel auffahren würde.
Die ältere Dame hinter dem Schreibtisch, sie war die Gattin des Arztes, hob den Blick. »Name bitte.«
»Clausen«, sagte er. »Reinhard Clausen.« Der Name gefiel ihm ganz besonders, denn er hatte sehr viel Ähnlichkeit mit seinem richtigen. Er würde sich den Internisten gleich aus der Nähe ansehen und bald entscheiden, auf welche Art er ihn töten würde.

**

Kaptitel 9

Auf der Treppe hoch zur Polizeiwache blieb Gisela stehen.
»Auf gar keinen Fall komme ich mit zur Polizei«, hatte Adi gesagt.
»Aber wir haben es doch beide gesehen.«
»Die mögen mich nicht, und ich mag sie nicht. Guck einfach, was passiert.«
Gisela hatte noch ein paar Mal darüber nachgedacht, was er damit sagen wollte. Sie wusste, dass er am Rand dieser Demonstrationen schon mal Ärger mit der Polizei gehabt hatte. Aber er rückte nie so recht mit der Sprache heraus, was passiert war, wenn man mal nachfragte. Sie öffnete die Tür.
»Und lass mich aus dem Spiel«, hatte Adi noch gesagt.

Ein dicker Mann in Uniform saß hinter einem Tisch und schaute zur gleichen Zeit auf eine aufgeschlagene Akte und
eine Zeitung. Als sich Gisela vor ihn hingestellt hatte, legte er die Akte auf die Zeitung und blickte hoch.
»Ja?«
»Ich möchte etwas melden«, sagte Gisela.
»Ja? Dann schieß mal los.« Der Polizist, noch glatt rasiert am Samstagmorgen, hob den Kopf so weit, dass sich sein Doppelkinn auflöste. Die Augen waren hinter dicken Wülsten verborgen. Seine Ellbogen legte er vor sich auf den Tisch.
»An den Clouth-Werken«, begann Gisela.
»Ja.«
»Da ist eine Mauer.«
»Da ist ganz schön viel Mauer.«
»Ja.«
»Wo sind wir denn da jetzt ganz genau?«
»An der Florastraße.«
»An der Florastraße.«
»Da haben gestern zwei Männer …«
»Was haben die gemacht?«, unterbrach sie der Polizist. »Was Schlimmes?«
Er hatte eine ganz falsche Fährte aufgenommen. Trotzdem nickte sie.
»Was ist denn passiert?«
Erzähl es einfach. »Die haben ein Hakenkreuz gemalt.«
»Ein Hakenkreuz?«
»Hmhm.«
»Und woher weißt du das?« Der Polizist kriegte mit jedem Satz einen deutlicheren Schlag ins Kölsche.
»Ich habe es gesehen.«
»Wann?«
»Gestern Nacht.«
»Gestern Nacht? Was hast du denn da draußen getan?«
»Ich war spazieren. Ich konnte nicht schlafen.«
»Warum?«
»Warum was?«
»Warum du nicht schlafen konntest?«
»Ich habe mir Sorgen gemacht.«
»Um wen denn?«
»Um meinen Vater. Aber darum geht es doch gar nicht. Ich komme doch wegen dem Hakenkreuz.«
Der Polizist holte ganz tief Luft. »Mädchen«, sagte er. Das Ä ganz lang gezogen, das CH ein SCH . »Wie alt bist du denn eigentlich?«
»Siebzehn«, sagte sie. »Aber das ist doch egal, wie alt ich bin.«
»Mädchen, eben nicht. Weißt du, du bist ja noch sehr jung. Und was du da gerade erzählst, das gibt es doch gar nicht mehr.« Er bemühte sich wieder um eine deutliche Hinwendung zum Hochdeutschen, trennte jede Silbe deutlich von der nächsten.
»Aber ich habe es doch gesehen.«
»Wirklich. Guck mal.« Kurz schloss er die Augen, obwohl er ihr empfohlen hatte, hinzugucken. »Du kannst dir doch gar nicht vorstellen, wie froh wir alle sind, dass das alles vorbei ist. Das liegt an deinem Alter, du hast das ja alles nicht mitgekriegt. So eine schlimme Zeit.« Er wiegte seinen Kopf kurz zur einen, dann zur anderen Seite. »Wenn du wüsstest, wie wir alle gelitten haben damals. Und weil ich das alles erlebt habe, kann ich dir das eben sagen. So was wie ein Hakenkreuz, das gibt es heute gar nicht mehr.Wer soll so was auch machen?«
»Zwei Männer.«
»Zwei Männer.«
»Ich habe sie doch gesehen.«
»Dass die ein Hakenkreuz gemalt haben.«
»Ja.«
»Womit denn?«
»Mit Farbe.«
»Das hast du alles gesehen.«
»Ja.«
»Und die Männer. Hast du die gekannt?«
»Natürlich nicht.«
»Und haben die denn gesehen, dass du sie gesehen hast?«
»Natürlich nicht.«
»Du hast die also nicht gefragt, was das denn soll, was sie da machen.«
Gisela schüttelte den Kopf.
»Woher weißt du denn, dass die ein Hakenkreuz gemalt haben? Na ja …« Er begann, leise zu lächeln. »Das hast du ja in der Schule gelernt, was ein Hakenkreuz ist. Oder?« Der Polizist drehte den Oberkörper zur Seite. »Thomas, übernimmst du mal für ein paar Minuten? Ich gehe mal einen Sachverhalt überprüfen.«
»Jawohl, Oberwachtmeister Klemper«, kam es aus einem Nebenraum.
Dann stützte er die Hände auf den Tisch, stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Er zog die Uniformhose über das Hemd und den dicken Bauch. »Komm«, sagte er.
Gisela folgte ihm die Außentreppe hinunter, in die offene Garage hinein und ließ sich die Tür des grün-weißen Käfers öffnen. Schnaufend setzte sich Oberwachtmeister Klemper hinters Steuer und fuhr los.
»Das gucken wir uns einfach mal an«, sagte Klemper. »Ja?«
Es dauerte nur ein paar Minuten, dann rollte der Käfer aus.
Oberwachtmeister Klemper stellte ihn genau vor der Haustür ab, in der sie sich mit Adi verborgen hatte. Der Polizist zog sich aus dem Wagen heraus und ließ sich von Gisela die Ecke zeigen, hinter der das Hakenkreuz verborgen war. Sie folgte ihm.
»Na, siehste«, hörte sie ihn schon reden.
Gisela folgte ihm um die Ecke in der Mauer und sah, dass irgendjemand das Hakenkreuz mit vier simplen Strichen in ein kleines Gitter verwandelt hatte. Die weiße Farbe der letzten Nacht war mit beiger Farbe ergänzt worden.
»Siehste, Mädchen.«
Die vier neuen Striche waren mit einem Pinsel gemalt worden, der deutlich dünner war als der der beiden Männer. Das Hakenkreuz war trotzdem immer noch deutlich zu erkennen.
»Was habe ich dir gesagt?« Oberwachtmeister Klemper zeigte mit der dicken Hand auf die Mauer. »So was macht man heute einfach nicht mehr. Kommst du noch mal mit zur Wache, oder gehst du von hier nach Hause? Ich bin schon richtig froh, dass wir dafür nicht einmal eine Akte anlegen müssen.«

**

Max Annas, geboren 1963 in Köln, war Journalist und Redakteur, u.a. bei der Kölner StadtRevue, hat Sachbücher über Politik und Kultur veröffentlicht sowie Filmfestivals und -reihen organisiert. Annas lebt seit 2016 in Berlin, nachdem er lange in Südafrika an der Universität von Fort Hare in East London in der Provinz Ostkap zu südafrikanischem Jazz geforscht hat. Seit seinem Roman-Debüt Die Farm (2014) schreibt er erfolgreiche Kriminalromane, die fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurden. Einige seiner Romane wurden ins Englische und Französische übersetzt.
Seine Texte bei uns hier.