Ulrike Damm: Der Trieb nach vorn
Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung.
Das hat sie mit dem Wind gemein, und wenn er wild ist, tobt er wie er will. Wohin es ihn drängt, bestimmt er allein, auch was er anrichtet, ob er zerstört oder Freifläche schafft für Neues.
Auch wie der Wind hat Suzy ihren eigenen Kompass, dem sie folgt oder eben nicht, wenn es gerade passt oder eben nicht, wenn sie es will oder eben nicht.
Vom Sturm nimmt sie sich Kraft, Dringlichkeit und Schwung. Das Tempo lässt sie raus, denn Suzy hat Zeit.
Der sprichwörtliche Wirbelwind hat das nicht, hat ein Auge aber keinen Kopf und weiß nicht, was er tut. Suzy van Zehlendorf weiß das sehr wohl. Den eigenen Wind im Rücken, macht sie sich dessen Maßlosigkeit zu eigen, gibt sich drängend und entschlossen der treibenden Kraft hin, die die Hähne dieser Welt bevölkern. Und sie sind überall.

Im Schloss Sansausia Potsdam feiern sie ein Fest.
Auf der Doppelseite eines Buches übermalt die Künstlerin die farbige Abbildung des im Schloss Charlottenburg befindlichen Porzellankabinetts aus dem 17. Jahrhundert, das mit Vasen, Tellern, Schalen, Menschen- und Tierfiguren geschmückt ist.
Unbeeindruckt setzt Suzy mit Schwarz- und Blaustift neue Linien und Akzente und unterbricht damit lustvoll die symmetrische Anordnung der Porzellane an den Wänden des gold prunkvollen Saals. Sie ergänzt die Sammlung um eine große, weiße Hahnbüste, und zeigt den lebhaften Empfang vieler Hähne, die dem Schlossherrn, so sei vermutet, ihre Aufwartung machen. Teils sind die Hähne gemalt, teils collagiert, alle grazil und dem Anlass gemäß in eleganter Damen- und Herrenrobe der Zeit.
Dabei zeigt sich außer Suzys konzeptuellem Gespür ein handwerkliches Können, das außergewöhnlich ist. Sie malt, zeichnet, collagiert virtuos und wenn sie etwas künstlerisch umsetzen will, tut sie es. Als Malerin, Zeichnerin, Bildhauerin, Schreiberin – welche Fähigkeit sie auch immer für ihr Schaffen braucht, sie kann sich daraus hemmungslos bedienen.
Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung: ihr Wille, die Welt zu gestalten.
Suzy sagt, wir alle sind nicht Menschen, sondern Hähne, ausgestattet naturgemäß mit einem Schnabel, aus dem die Kunst kommt, wie er gewachsen ist und dem stolz aufrechten Gang eines Bankivas, dessen rot leuchtender Kamm wie ein Schmuckstück jeden unserer Köpfe ziert.

So inszeniert sie vor dem Berliner Dom und dem inzwischen abgerissenen Palast der Republik einen Waschmaschinentag, der auch wieder zum Fest der Hähne wird.
Eine Collage, viele Waschmaschienenreihen nebeneinander, dazwischen die bunten Bankivas, die geschäftig und vergnügt neben, zwischen und auf den Geräten stehen und mit teils bloßgelegten Armen Wäsche waschen, miteinander reden, fotografieren, essen. Es herrscht vergnügtes Treiben, Katzen, Hunde, Gegenstände wie Gitarre, Radio, bunte Tüten, Staubsauger, Bücher, Skier, Taschen stehen herum, dazwischen laufen miteinander sprechend die Hähne, es geht laut zu und lebhaft, unterhaltsam, lustig, über all dem Geschehen fliegen weiße Tauben aufgescheucht umher. Als Zeichen, dass auch in der Luft der Schwung des Festes liegt, kratzt Suzy das Himmelblau mit kreisender Bewegung weg und das weiße Papier scheint durch wie zarte Lichtspuren und wie Verletzungen, weil Kratzer Verletzungen sind. Dazwischen Bäume, in der Mitte ein geschmückter Weihnachtsbaum.
Es ist ein Fest, und wir alle wissen, Feste sind ambivalent, können Glücks- und Schmerzmomente hervorrufen, ersehnte und unliebsame Wahrheiten Zutage bringen, Anfang und Ende einer Geschichte sein. Gerade deshalb schreitet Suzy, sich selbst gefügig, unbeirrt durch ihr Inneres, folgt ruhelos ihren eigenen Weckrufen, muss ihnen folgen, der Dringlichkeit wegen, des Hungers wegen, der Neugier wegen.
Kunst kommt vom Mutterkuchen, sagt sie.
Mit überbordendem Gestaltungswillen denkt Suzy viel, formuliert viel in Bild und Wort, tut alles im Überfluss und macht ihre eigene Arbeit generell zum Fest: üppig, ausladend, zehrend. Und das alles tut sie mit Sorgfalt und Feingefühl. Etwas, das der Wind nicht hat.
Unerschrocken beginnt sie jedes Mal aufs Neue, startet bei Null, nimmt nichts als gegeben hin. Voraussetzungslos und mit dieser eher künstlerisch als moralisch weißen Weste, sieht sie alles nur mit den Augen, die sie selbst hat, mit der Härte und Unmittelbarkeit ihrer eigenen Erfahrung, ihrer eigenen Geschichte.
Sich selbst und alle anderen Hähne beständig fordernd, lässt sich Suzy von ihrer Wirklichkeit verstören, verärgern, entsetzen, belustigen, verzaubern, fröhlich und traurig stimmen, zweifeln.
Und dann findet sie dafür ihre Form.
Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung: das Sichzueigenmachen.

Die immer wieder neue Verwunderung treibt sie an, Kunst heißt der Hahn, sagt sie, und pickt sich das heraus, was sie anficht, so wie das Bodemuseum, in dem die marmornen Figuren Gefangene sind, die bedauernswert und eingesperrt in ihrem zu Stein geschlagenen Leben ihr Dasein fristen.
Das Bedauern setzt einen neuen Weckruf frei, Suzy wird zur Kämpferin, befreit die Figuren, haut sie unerschrocken raus aus jeweiliger Enge, und der Prachtbau, genannt Figurenknast – eine für Suzy unerbittliche Wahrheit –, wird Teil und Opfer eines brachial künstlerischen Prozesses, dessen Ausdruck zur Tilgung des Hauses aus dem Stadtbild führt.
Dazu nimmt sich Suzy die sorgsam auf Karton aufgezogene Abbildung des gehassten Gebäudes und macht es mit großem blauen Strich und feuchtlehmig wirkender Farbfläche unkenntlich. Der Prachtbau verliert bis auf die Türöffnungen jede architektonische Struktur und wird zum instabil blaubraunen Koloss, die dunklen, von Farbe unberührten Türen wirken wie erschrockene Mäuler, dazwischen rinnt die ockerbraune Farbe ins Wasser und bevor der Bau vielleicht verschwindet in der Tiefe der Spree, malträtiert Suzy ihn mit grobem Werkzeug, haut große und kleine Löcher ins Papier, unzählige Schüsse durchstoßen den aufplatzenden Karton, verwunden die Wände, das Haus.
Für die Zerstörung des Figurenknasts gibt es von Suzy zahlreiche Versionen, denn die Wut über die wehrlos darin eingesperrten, um ihr Leben betrogenen Steingeschöpfe, kennt keine künstlerischen Grenzen.
Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung: das Unbedingte.

So nimmt sie vom Bodemuseum ein anderes Foto, zerreißt es in große und kleine Stücke, schneidet Teile heraus und setzt eine neue große Unform zusammen. Aufgelöst in papierene Reste, spricht die Künstlerin dem Figurenknast damit jede Funktion ab, und wo sich einst das Bodemuseum befand – die Stadtsilhouette bleibt –, steht jetzt ein herausragendes Gebilde, das nichts weiter ist, als sperriger Teil einer anders erdachten Stadtlandschaft.
In Entfremdung und Übereinstimmung zugleich gelingt Suzy van Zehlendorf eine weitere Collage im besten Sinne.
Nirgendwo passt dieses Genre besser als an diesen Ort, denn in Suzys Berlin fließt die Spree natürlich weiter blau und friedlich, in Widerspruch und Eintracht gleichermaßen, die Berlinerin kennt dieses Spiel, beherrscht es wie keine andere.
Wahrscheinlich ist das Suzy van Zehlendorfs größte Begabung: das Grenzenlose.
Das, was wir alle als gegeben hinnehmen und nicht mehr in Frage stellen, zeigt sich für diese Künstlerin immer wieder aufs Neue als flirrende Eingebung und Möglichkeit des direkten Eingreifens. Und sie greift ein. Dabei geht sie erfrischend respektlos vor, Respekt scheint für sie keine Kategorie, auch Scham nicht, Würde oder Schönheit.
Ihr Wirklichkeitssinn folgt eigenen Ideen vom Leben. Er löst sich von allen Selbstverständlichkeiten, nichts ist wie es scheint, nichts bleibt wie es ist, nichts muss so bleiben wie es immer war. Eigenschaften als Zuordnungen oder Festschreibungen interessieren die Künstlerin nicht, genauso wenig wie Muster, Regeln und Erwartungen. Es geht um die eine Weltsicht, die alles zulässt, der Hahn kräht immer und überall, denn Kunst heißt der Hahn, sagt sie.
Ganz sicher ist es ihre größte Begabung, Suzy van Zehlendorf zu sein.
© Ulrike Damm über Suzy van Zehlendorf, November 2024
Zur Autorin: Die in Frankfurt am Main geborene Schriftstellerin und Künstlerin Ulrike Damm, studierte Visuelle Kommunikation in Mainz. Seit 1984 arbeitet sie als selbstständige Designerin. Mit ihrem 2008 gegründeten Verlag Damm und Lindlar verlegt sie vor allem Kunstbände. Sie schreibt Romane und Kurzgeschichten. Neben ihren Büchern entstehen begehbare Texte, sichtbar in Ausstellungen und Installationen. Durch Handschrift und Größe essentiell in ihrer Wirkung, sind die Schriftbilder visuelle Psychogramme ihrer Romanfiguren. So verknüpft Ulrike Damm kongenial ihre beiden Leben als Schriftstellerin und Künstlerin. Sie lebt, lehrt und arbeitet in Berlin.
Ihr nächster Roman „Die Poesie des Buchhalters“ erscheint im März 2025 bei DRAVA, Klagenfurt.
Über Suzy van Zehlendorf und andere Künstler aus der Kunstwerkstatt Mosaik Berlin hat der Berliner Verlag Damm und Lindlar zwei umfangreiche Publikationen herausgebracht: Nach „kunst kommt aus dem schnabel wie er gewachsen ist“, ist mit „dit beste aus kunst bleibt kunst wie es leuchtet und strahlt“ der zweite Band über die Kunstwerkstatt Mosaik Berlin, die seit 25 Jahren besteht. Jeden Tag gehen hier Menschen mit Behinderung zur Arbeit, regelmäßig und gewissenhaft, inspiriert und angeleitet. Der Verlag Damm und Lindlar zeigt die künstlerische Entwicklung dieser Menschen, die hier zu dem wurden, was man Künstler*innen nennt: Durch einen geregelten Arbeitsalltag, das Vermitteln von Techniken, die Konzentration auf jeweilige Begabungen und durch die Assistenz bei der Verwirklichung von künstlerischen Vorstellungen.
Die Bücher zum Text:
kunstwerkstatt mosaik: dit beste aus kunst bleibt kunst wie es leuchtet und strahlt. Damm und Lindlar Verlag, 2022
Hardcover, 384 Seiten, 250 Abbildungen, 21,5 x 28,5 cm, erschienen im Juni 2022, 30 Euro, ISBN 978-3-9818357-6-2
kunstwerkstatt mosaik: kunst kommt aus dem schnabel wie er gewachsen ist. Damm und Lindlar Verlag, 2011. Hardcover, 296 Seiten, 240 Abbildungen, 21,5 x 28,5 cm, 25 Euro, ISBN 978-3-9812268-8-1.



Film von Sabine Herpich, 2021












