Posted On 16. Dezember 2015 By In Jahreshighlights With 4917 Views

CulturMag-Jahreshighlights 2015, Teil I (A-L)

Liebe Leserinnen und Leser von CulturMag,

kurz vor den Feiertagen präsentieren wir Ihnen auch in diesem Jahr wieder unseren großen Jahresrückblick in zwei Teilen (zu Teil II) – chaotisch, unterhaltsam, kenntnisreich – die Tops & Flops von LitMag, MusikMag & CrimeMag, wie unsere Autorinnen und Autoren das Jahr 2015 sahen: Bücher, Filme, Musik, TV, Kino, Alltag und Wahnsinn … ungeordnet & unabhängig.

Feiern Sie schön, erholen Sie sich ein bisschen & rutschen Sie gut ins neue Jahr!
Herzlich, Ihre Zoë Beck, Jan Karsten, Tina Manske, Alf Mayer, Thomas Wörtche, & die gesamte CulturMag-Crew

zoe_beck_porträtZoë Beck

2015 war in vielerlei Hinsicht kein schönes Jahr. ISIS, Pegida, AfD, BND, NSU, usw. Ich musste auch noch nie so viele Beileidskarten schreiben und so oft an offenen Gräbern stehen. Umso wichtiger, jetzt einmal die Highlights, die schönen Dinge, herauszustellen.

Zum Beispiel habe ich einen neuen Schreibtisch. Ein hundert Jahre altes Charakterding, das mein Onkel nicht auf noch eine seiner weiten Reisen mitschleppen wollte. Ich habe außerdem eine neue Brille und ein neues Türschloss, einen neuen Computer und eine neue Warnweste, aber das mit der Warnweste ist eine ganz eigene Geschichte.

Ich war zum ersten Mal im neuen Leica-Gebäude in Wetzlar und habe mich da umgesehen, ein beeindruckender Bau. Ich war in einigen Kinofilmen, Taxi Teheran zum Beispiel, und sah eine Menge sehr guter Serien, Mr. Robot, Jessica Jones, The Fall, Orange Is The New Black, River, Broadchurch, um nur einige zu nennen. Im Theater waren für mich mal wieder die Produktionen von Katie Mitchell das Beste, The Forbidden Zone und Ophelias Zimmer, beide wurden an der Schaubühne Berlin gezeigt.

Bei CulturBooks hatten wir in diesem Jahr unser erstes gedrucktes Buch, “Das Zigarettenmädchen” von Ratih Kumala, womit wir kein reiner eBook-Verlag mehr sind, aber damit können wir leben. Als Verlag übernahmen wir die Patenschaft für die Buchen im Botanischen Garten Berlin, wir finden ja, dass Buchen sehr gut zu einem Verlag passen.

Z.Beck und P.GoldschmidtWie üblich war ich auf beiden Buchmessen in Deutschland, und ich war sehr viel unterwegs, noch viel mehr als sonst. Ich durfte für Autor*innen wie Kati Hiekkapelto, Pippa Goldschmidt, Howard Linskey, Leena Lehtolainen, Leila Chudori, Ratih Kumala und den leider unlängst verstorbenen William McIlvanney die deutsche Stimme bei ihren Lesungen sein. Ich war außerdem zum ersten Mal in Finnland, was mir sehr gut gefallen hat.

Mit Begeisterung las ich Johann Haris Buch über den Drogenkrieg, “Chasing the Scream”, und Laurie PennysUnsagbare Dinge”. Ich unterstützte das Missy Magazine beim Crowdfunding, netzpolitik.org beim Landesverrat, der dann doch keiner war, und die Wildkatzenpopulation in Deutschland via BUND.net. Ich hieß Flüchtende Willkommen und demonstrierte gegen besorgte Bürger.

Vielleicht, denke ich gerade, war es also doch kein so schlechtes Jahr. Mein Käfer hat schließlich zwei weitere Jahre TÜV bekommen, und am Ende wird alles gut.

Katja BohnetKatja Bohnet

2015 – Hätte anders kommen können: Wieder ein Jahr überlebt. Hätte anders kommen können, kam es aber nicht. Obwohl ich im Januar ein Konzert besuchte und bei „Die Antwoord“ fast die Fresse poliert bekam. Ich bin zu alt für diese Art von Spaß. Im Februar durfte ich einen Roman für einen Preis einreichen, den ich nicht erhielt. Im März verpasste ich den Einsendeschluss mehrerer Literaturzeitschriften und fuhr Ski. Im April unterschrieb ich einen Vertrag. Im Mai besuchte ich in München ein Literaturseminar und bemerkte, dass es für die Jahreszeit recht kühl geworden war. Ein Fallanalyst der Mordkommission schrieb Namen an die Wand. Im Juni begriff ich endlich, wie Facebook funktioniert. Alle hängen ihre Geschlechtsteile in den Wind und erwarten, daran geleckt zu werden. Menschen mit besonders auffälligen Geschlechtsteilen, primär und sekundär, werden besonders häufig geleckt. Wer leckt, wird auch geleckt. Zu Gruppen wird man hinzugefügt, ob man will oder nicht. Dort: das gleiche Szenario.

Im Juli landete ich unter den ersten zehn, aber nur die erste fünf erhielten einen Preis. Ich bekam trotzdem ein Honorar. Obwohl es mühsam war, bestieg ich einen Berg. Menschen flohen und wurden an Bahnhöfen begrüßt. Im August war ich deprimiert und blieb es auch. Im September musste ich damit aufhören, weil zu viel Arbeit liegen geblieben war. Ich schrieb und bewarb mich damit. Alles wie gehabt. Nebenbei unterrichtete ich Deutsch in einem Zelt. Im Oktober verzweifelte ich auf der Frankfurter Buchmesse, trank am Verlagsstand grundlos Sekt, schrieb meine erste Rezension und beendete noch schnell einen Roman. Im November las ich anderen im Literaturhaus München etwas vor und versprach mich dabei nur einmal. Ich weinte, weil ein Seminar zu Ende ging und weil ich eine Mail erhielt, in der man mir dazu gratulierte, unter den letzten Hundert gewesen zu sein. Im nächsten Jahr mache ich da wieder mit. Im Dezember lag ein Roman, auf dem mein Name steht, auf den Büchertischen der Republik. Vielleicht auch in Österreich und der Schweiz. Wahrscheinlich nicht in einer mongolischen Bücherei.

Ein Jahr nicht überlebt. Hätte anders kommen können, kam es aber nicht. Es starben die Macher eines Satiremagazins. Männer, Frauen und Kinder ertranken im Ozean. Menschen erschoss man in einem Club, dem Bataclan. Anschläge in Bamako und Ankara. Flugzeuge stürzten ins Meer. Viele Sonnenfinsternisse verfinsterten das gesamte Jahr. Es gab Terror, Mord und eine Klimakonferenz.

2015 geht als Jahr in die Geschichte ein.

Kerstin.CarlstedtKerstin Carlstedt

Serien:
Transparent
Weissensee
Better call Saul

Filme:
Amy
Der Sommer mit Mama
Yaloms Anleitung zum Glücklichsein

Bücher:
Ian McEwan: Kindeswohl
Anke Stelling: Bodentiefe Fenster
Dörte Hansen: Altes Land

Musik:
Tocotronic:Das rote Album
Adele:25
Deine Freunde:Kindsköpfe

KinkyFriedman_ClaudiaDenkerClaudia Denker

Zu meinen Highlights in diesem Jahr gehört unbedingt das Konzert von Kinky Friedman im Lido, das zwar fast identisch war mit dem in der Passionskirche 1998 (macht nix, aber da ist das Foto her), damals mitveranstaltet von der Krimibuchhandlung Hammett, deren 20-jährige Jubiläumsfeier im Sommer für mich natürlich ebenfalls ein Lieblingstermin war.
Auch immer wieder wunderbar – Axel Prahl und sein Inselorchester (mehr hier), nicht alle Schauspieler können nicht singen.
Die Lesung mit William McIlvanney und Conny Lösch im April – ein unvergesslicher Abend … wie furchtbar traurig, dass dieser wunderbare Autor vor kurzem so plötzlich gestorben ist.
Nach langer Zeit mal wieder auf der Buchmesse (mit der Präsentation von CulturBooks: Ratih Kumala: „Das Zigarettenmädchen“ und Alf Meyer/Frank Göhre: „Cops in the City“, gibt´s jetzt auch gedruckt), Grüner Soße und Apfelwein … schön war’s.

John Niven Old SchoolZum Quietschen komisch: mein Gutelaunebuch im anstrengenden Weihnachtsgeschäft: John Niven: „Old School“: Jedem, der in diesen bösen Zeiten etwas zur Aufmunterung braucht, dem sei „Old School“ von John Niven dringend empfohlen. Rentnerinnen, denen das Leben arg zugesetzt hat, planen einen Banküberfall. Das klingt, zugegeben, nicht besonders originell. Wie viele deutsche Fernsehkomödien mit ähnlichem Thema hat es schon gegeben? Trotzdem einfach mal reingelesen, und schon ist man gefangen. Susan, Julie und Jill – alle aus sehr verschiedenen Gründen vom Leben gebeutelt – nehmen noch die 87-jährige Ethel, Ex-Schauspielerin und Rollstuhlfahrerin, aus dem Altersheim mit, holen sich Rat von dem ebenfalls hochbetagten Ex-Bankräuber Nails, und dann legen sie los! Auf den Sturmhauben der Räuberinnen steht „Fear“, „Fuck“, „Pain“ und „Hate“. Bei der Verteilung gibt es noch Unstimmigkeiten: „Susan, kann ich bitte mit Dir tauschen? Mir wäre ‚Fear’ lieber als ‚Pain’.“ Warum Nails, der das Fluchtauto fahren soll, dann doch nicht so ganz hilfreich ist, wird hier nicht verraten, alleine wegen dieser Szene lohnt sich das ganze Buch.

Erst einmal gelingt es der Räuberbande jedenfalls zu entkommen. Die Spur führt nach Frankreich. Detective Constable Alan Wesley (Gourmet) und sein Chef Detective Sergeant Hugh Boscombe (Frustfresser) verfolgen sich um Kopf und Kragen, tapsen in ein Fettnäpfchen nach dem anderen, und es ist herrlich, die beiden beim Verzweifeln zu beobachten. Besonders Boscombe, der „Sarge“, der sich einfach nicht an den Rechtsverkehr gewöhnen kann, leidet zunehmend – psychisch und physisch. Es zischt, knallt und pengt in diesem Roman, dass man sich nicht mehr einkriegt vor Freude. Und wer wissen möchte, zu was man ein bisschen Tabasco außer zum Kochen noch benutzen kann, der lese „Old School“. Zweifellos ist es eines der lustigsten Bücher, die ich bisher gelesen habe.

Und ich weiß es jetzt schon, ein Highlight am Ende des Jahres wird für mich sein: Der Jahresrückblick der Brauseboys: „Das Jahr ist voll! Auf Nimmerwiedersehen 2015!“. Heiko Werning, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Paul Bokowski, garantiert in Höchstform, das werde ich nicht verpassen!

Sandford_preyGarry Disher

John Sandford: “Gathering Prey” – I have long admired the US crime writer, John Sandford. He made a strong splash with his first “Prey” novels many years ago, but since then has faded from view in terms of critical notice and reviews. I admire his grasp of plotting and structure; he’s a sneaky writer, skilled at using delaying tactics and partial or doubtful outcomes on his route to the climax. I also admire his characterisations, particularly of the bad guys. I have enormous fun creating the minor characters (usually criminals) in my crime fiction, and it seems likely that Sandford does, too. And so I was pleased to discover his latest “Prey” novel a few weeks ago, and pleased to see that he has lost none of his edge. At a time when two other favourites of mine, T. Jefferson Parker and Ridley Pearson, seem to be writing rather silly books, I’m glad that Sandford remains true to his craft.

FeldmannJoachim Feldmann

„Mordserfolg für Mordsgeschichten“, titelte der Kölner Stadtanzeiger im August des vergangenen Jahres. Ein Blick auf aktuelle Bestsellerlisten zeigt, dass ein Ende dieses Booms auch 2015 nicht abzusehen ist. Und ganz vorne rangiert Schlachtermeister Fitzek, von dessen Verkaufszahlen Verlage wie Pendragon, Polar oder Pulpmaster nur träumen können. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle ein Loblied anstimmen. Ein Loblied auf Engagement und Enthusiasmus. Diesen formidablen Eigenschaften nämlich verdanken wir die Entdeckung von Erzählern wie Wallace Stroby (Pendragon), Gene Kerrigan (Polar) oder Rick DeMarinis (Pulpmaster). Auch die Klassikerpflege scheint in kleinen Verlagen in den besten Händen, man denke an die sorgfältigen Ross Thomas– und Charles Willeford-Editionen des Berliner Alexander Verlags. Und bevor es zu männerlastig wird, sei ein Tusch auf die Arbeit des Argument Verlags ausgebracht, in dessen Ariadne Reihe großartige Autorinnen wie Malla Nunn, Dominique Manotti und Merle Kröger ein Zuhause gefunden haben.

Dass 2015 für mich ein sehr gutes Krimijahr war, verdanke ich nicht zuletzt Euch. Macht weiter so!

Frank-Göhre-_FotoFrank Göhre

Wiederentdeckt und seitdem der Soundtrack meines (Arbeits-) Jahres: „The Aynsley Dunbar Retaliation– das erste Album des britischen Schlagzeugers Aynsley Dunbar und seiner Band (1968), düsterer Bluesrock mit dem Sog, die eigene (Lebens-) Geschichte aufzublättern.

Und da ist Freude und Trauer. Trauer vor allem über den Tod von Harry Rowohlt (27. 3. 1945 – 15. 6. 2015), Zuversicht aber beim gemeinsamen Schwur mit Frank Schulz: „Der Kampf geht weiter!“

Das hat Zeit seines Lebens auch Christian Geissler geprägt, als Autor beinahe schon vergessen, wäre da nicht der Berliner Verbrecher Verlag mit den Neuauflagen von „Wird Zeit, dass wir leben. Geschichte einer exemplarischen Aktion“ und den frühen Arbeiten „Schlachtvieh/Kalte Zeiten“ mit einem Nachwort von Michael Töteberg, in dem er deutlich macht, was einst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen inhaltlich und ästhetisch alles möglich war. Nämlich die dann auch im Hamburger Metropolis Kino gezeigten Dokumentarfilme von Christian Geissler „Karolinenviertel“ und „Himmelstraße“, die Porträts von Jugendlichen und sogenannten „Kleinen Leuten“ in den Siebziger Jahren. Geisslers Motto: Erinnern und nicht vergessen, was zu tun ist und getan werden kann.

seliger_streamIn diesem Sinn mein Buch des Jahres: Berthold Seliger, „I Have A Stream“. Edition Tiamat, Berlin. Fakten zu Programmatik und Programm der Öffentlich-rechtlichen, zu Zwangsgebühren und Quotenterror.

Untermauert und ergänzt – mein letztes Highlight des Jahres 2015 – beim Interview in München mit Dominik Graf und dem an dem Tag – 13. Oktober – 75 Jahre alt gewordenen Klaus Lemke: „Mit jeder Arbeit an den Schrauben des Systems drehen (Dominik Graf) und „Ich fordere Innovation statt Subvention … nur für das eigene Geld lohnt es sich nachzudenken – wenn es in Gefahr ist. Und Geld beim Film ist immer in Gefahr. Ohne das wird’s nichts. Geld vom Staat ist immer ein Tritt gegen die eigene Kreativität.“ (Klaus Lemke)

Bei Berthold Seliger heißt es: „Das öffentlich-rechtliche Fernsehen erfüllt den gesetzlichen Auftrag, die ‚demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen‘, schon längst nicht mehr. Die Realität ist: Sendungen, Serien, Shows, die am Privatfernsehen orientiert sind. Quotenterror. Zwangsweise eingetriebene Gebührengelder.“

Sonja_Hartl_CMSonja Hartl

Nicht mehr losgelassen hat mich die altbekannte Geschichte eines Auftragsmörders, erzählt in Dave ZeltsermansKiller“, eines der ersten Bücher, das ich 2015 überhaupt gelesen habe. Auf 262 Seiten erzählt Leonard March von seinem Leben, die Kapitel wechseln zwischen seiner Gegenwart, die von einem Putzjob und anklagenden Blicken auf der Straße bestimmt ist, und seinen Erinnerungen an die Vergangenheit, in der er 28 Auftragsmorde begangen hat. Gänzliche ohne Schnörkel, scheint alles fast ein wenig zu altmodisch, doch dann kommt dieses fiese Ende, das schlichtweg hinreißend ist.

Begeistert haben mich die ersten Seiten von Dominique ManottisAbpfiff“: Im ersten Satz sterben zwei Menschen, nach zwei Seiten steht fest, dass einer der Toten ein Polizist ist, und nach sechs Seiten sind die Täter überführt. Dann geht es erst richtig los mit Drogenhandel, Korruption, Schwarzarbeit und Profifußball.

Gefreut hat mich, dass Fred Vargas wieder zu alter Form gefunden hat, Adrian McKinty mit „Gun Street Girl“ den bisher besten Duffy-Teil geschrieben hat und ich María Inés Krimer ‚entdeckt‘ habe.

Anschreien lasse ich mich immer noch gelegentlich von J.K. Simmons. Denn seine peitschenden Kommandos in der Rolle eines psychopathischen Lehrers in „Whiplash“, der die angehenden Musiker bis zu ihrem physischen und psychischen Zusammenbruch vorantreibt, haben mich anfangs des Jahres in den Kinosessel gedrückt – und noch erklingen sie gelegentlich aus den Boxen.

Teilgenommen habe ich an der Geburt eines Hypes. Im Februar saß ich mit einem Kollegen während der Berlinale in der ersten Reihe eines Kinosaals, als die ersten Bilder von Sebastian Schippers „Victoria“ auf der Leinwand liefen. Es war die erste Pressevorstellung des Films, wir kannten eine kurze Zusammenfassung des Inhalts. Und dann wurde ich mitgerissen von diesem One-Take-Wonder, dessen Lücken in der Story ich angesichts des Muts und Umsetzung dieses Vorhabens hinnehmen kann. Dort begann der Hype – und als er wenige Monate später ins Kino kam, waren bei manchen durch die begeisterten Reaktionen die Erwartungen vielleicht ein wenig zu hoch.

Nicht vergessen werde ich die großartige Kameraarbeiten von Roger Deakins in „Sicario“, dem besten Thriller des Jahres, Adam Arkapaw in „Macbeth“, Magnus Nordenhof Jønck in „Bridgend“ („Dorf der verlorenen Jugend“) und „Krigen“ sowie Agnès Godard in „The Falling“. Für diese Bilder gibt es die große Leinwand und das Kino.

bhelbling-FOTO-marcus-renkenKLEIN_350Brigitte Helbling

Je länger ich ihn anschaue, desto besser gefällt er mir (und er gefiel mir von Anfang an): – Anna Haifisch: Von Spatz, Rotopol Press, 2015

Ihn gibt es schon eine Weile, aber für mich war der Autor neu – und ohne den CM-Nachruf von Alf Mayer wäre ich wohl noch länger nicht auf ihn gekommen. Noch einmal also: Charles Bowden. Groß. Textauswahl zum Einsteigen zum Beispiel in: The Charles Bowden Reader. University of Texas Press, 2013.

Und dann war da die Masjed-e Sheikh Lotfollah (Scheich Lotfollah Moschee), in Isfahan. Besucht im Februar, da war sie so leer wie man sich den Pantheon in Rom oft wünscht (aber selten sieht); und überwältigend.

Lotfollah

Ach so! Ganz frisch! Grad gesehen! Toller Film: – Noah Baumbach und Greta Gerwig: „Mistress America“.

Kati Hierkkapelto_by Aki roukalaKati Hiekkapelto

My highlight of this year was not any particular book of film. It was the fact that I could read crime fiction again after almost five years break. When I was writing my debut novel „Kolibri“ I, for some mysteroius reason, could not read crime anymore. It was not that I didn’t want to or was afraid of influence, nothing like that. I just simply could not. I tried many many times and felt rejection, almost disgusted. This year it all changed back to normal and I have had many enjoyable moments with crime fiction. I’m really happy for that. I had missed my relationship with thrilling novels.
Some good books I’ve read this year:

Eva Dolan, „Long way home
Eva Dolan, „Tell no tales
Håkan Nesser: „Borkmanns punkt
Quentin Bates, „Frozen out“
Craig Robertson, „The last refuge

On TV we Finnish had a pleasure to see „Bridge“ third season at the same time with Denmark and Sweden. I have also followed Swedish series called „Ängelby“. It is crime with supernatural flavor. Norwegian series called „Frikjent“ has hooked me too.

Highlight happening of the year was defenetly Bloody Scotland-Festival. It is well organized, relaxed and friendly crime writing festival in beautiful Stirling with top crime writers from Scotland and all over the world

Michael HoeflerMichael Höfler

Das Jahr der bröckelnden Fassaden: Zu Beginn von 2015 glich unser Land einem Gebäude mit aufwendig gepflegter Fassade, aber ausgehöhlter Innenarchitektur. Nach außen glänzten immer dickere Dämmplatten, auf denen Schriftzüge wie „freie Wahlen“, „Humanität“ und „Freiheit“ prangten. Den Leitmedien oblag es, den Blick auf die schöne Fassade zu lenken. Vom staatlichen Organ bis zum einfachen Bürger, dessen Ich zu einem Marketingbild seiner geworden war, hatte alles und jeder das Fassadensystem verinnerlicht ̶ und wusste es damit nach außen zu verteidigen. Das so gebaute Systemhaus schien stabil. Und es sah gut aus.

Überraschenderweise begann die Fassade 2015 Risse zu zeigen, zu bröseln, ja ganze Platten abzuwerfen. Tragischerweise war es die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung, die die Unehrlichkeit des Fassadenwesens merklich anprangerte. Der renitente Mob blieb durch die Flüchtlingsbewegung groß und laut. Wo man kaum noch auf Inhalte wie Gerechtigkeit, Toleranz und Diskussionskultur zurückgreifen konnte, wurden diese Dinge umso größer an die Hausverkleidung gepinnt. Dies bewerkstelligten Mainstreammedien und Politik. Die Kritik an ihnen hatte den dümmstmöglichen Anwalt bekommen, weshalb sie ihren Hohlismus nicht infrage zu stellen brauchten (sinngemäß über die Mainstreammedien: Hermann L. Gremliza; Politik: Ingo Schulze). In die von den Leitmedien aufgerissene Glaubwürdigkeitslücke drängten sich noch viel obskurere Nachrichtenquellen, die die Blödheitsbereitschaft des Vakuums zu füllen wussten. Im inhaltsarmen Haus wurde die Flüchtlingsbewegung zur Krise. Und „auf eine Krise antwortet der postdemokratische Kapitalismus mit einem mächtigen Schub an Verblödung.“ (Metz und Seeßlen „Blödmaschinen“). Die Geschichte von 2001, als die Terrorparanoia dem Hausinterieur bereits reichlich Freiheitsrechte gekostet hatte, wiederholt sich nun einfach und räumt weitere Freiheitsinhalte aus.

Vor 2015 hatte Merkel als unantastbar gegolten. Als sie ausnahmsweise einmal statt der Fassaden den Inhalt der Nothilfe für Flüchtlinge hochhielt, flog ihr der eigene Laden um die Ohren. Die Schutzwand unserer Zivilisation ist gefährlich dünn. Mit dem Abgasskandal hat Volkswagen das Fassadenprinzip dankenswerterweise so dreist betrieben, dass eine ganze Platte (die von der redlichen deutschen Ingenieurskunst) unter öffentlichem Krach von der Hauswand abfiel. Beckenbauer hat sich die Maske seiner Seriosität selbst vom Gesicht gerissen, indem er zugegeben hat, vor der Vergabe der Fußball-WM 2006 alles Mögliche ungeprüft unterschrieben zu haben. Ehrlicher kann man nicht ausdrücken, dass einem die Inhalte wurscht sind.

Mit dieser Ehrlichkeit sind wir beim Positiven von 2015. Es war wirklich nicht alles schlecht, noch nicht mal in der Politik. Gut war, dass immer mehr Journalisten der Mainstreammedien sich auch außerhalb des Feuilletons getraut haben, das System der Alleinherrschaft der Ökonomie (wenn auch zaghaft) in Frage zu stellen statt sich weiter selbst auf partikuläre „Lösungen“ (Reparaturen an der Verkleidung zur Aufrechterhaltung des Fassaden-Systemhauses) zu beschränken. Gut war auch, dass viele die schwer beschädigte Diskussionskultur von der Fassade zurück ins Haus holen wollten. Und dass der Schrei nach dem Immigranten-Bekenntnis zur „deutschen Leitkultur“ die Frage nach deren Inhalten aufgebracht und damit einen Hohlraum offengelegt hat.

Jedenfalls ist vieles in unserem Gesellschaftshaus in Bewegung geraten. 2016 sollten wir uns alle Mühe geben, auf seine künftige Innengestaltung Einfluss zu nehmen. Auch wenn es nur darum geht, später erzählen zu können, dass wir uns jetzt für eine bessere, solidere, ehrlichere Innenarchitektur starkgemacht haben. Auf ein ungewisses 2016, bei dem wir dabei sein dürfen!

Klaus KambergerKlaus Kamberger

Was rückblickend so hängen geblieben ist. Oder: TV-Vorabend-Rührei als endloser Ermittlerdialog.

Der Chef will Ergebnisse. — Ach? Kriegt, der Sesselfurzer mal wieder Druck von oben? – Und der Presse muss er in ein paar Minuten auch noch irgendwas sagen. – Dass wir halt eben wieder jede Menge Verdächtige haben, aber keinen Verdächtigen? – Die Alibis wirken alle bombenfest, auch das von Steiner. – Wenn einer Steiner heißt, ist er im Krimi ohnehin nie verdächtig. – Wieso denn das? – Weil einer, der Steiner heißt, immer ein Charakterkopf ist und folglich immer auf unserer Seite steht. – Und was charakterisiert unsere Seite? – Dass der Kaffee bei uns fast immer zum Ausspucken schlecht ist. Wenn denn die Kaffeemaschine überhaupt mal funktioniert. – Wie dem auch sei, ich glaube, wir haben in unserem Fall etwas übersehen. – Na gut. Dann müssen wir eben noch mal von vorn anfangen. – Ganz von vorn. Und dann frage ich mich als erstes, was ist mit diesem Huber? – Dem gibt seine Frau doch ein astreines Alibi. – Na und? Was haben Alibis von Ehefrauen schon für einen Wert… — Außerdem sagt er, als er die Wohnung dann betrat, war Laura schon tot. – Laura? Welche Laura? Im deutschen Krimi, und nicht nur da, heißt alle Welt heute Laura. Da kommt man ja ganz durcheinander. – Mal langsam. Leonie kommt auch oft vor. Oder Marie. – Marie? Quatsch. Marie ist schon längst wieder out. Aber Paula, das perlt. – Also kommt Marie als Täterin nicht in Frage. – Wie kommst du denn nun darauf? – Du sagst doch, eine Marie kommt im deutschen Vorabend-Krimi so gut wie gar nicht mehr vor. – Ach so. Aber vielleicht gibt es doch noch mal eine falsch Marie am falschen Ort. – Theoretisch zwar möglich. Auch dieser impertinente Huber hat mich das gefragt, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich es bin, der hier die Fragen stellt. – Wie kommst du jetzt wieder auf Huber? – Weil wir keinen anderen haben. – Hast du ihn denn auch gefragt, wo er am Dreizehnten zwischen 22 Uhr 58 und 23 Uhr 02 war? – Ja, aber hat mich doch tatsächlich gefragt, warum ich ihn das frage. – Und was hast du gesagt. – Alles reine Routine. – Aha. Dann müssen wir nur noch herausbekommen, ob das Opfer Feinde hatte. – Wenn man’s genau nimmt, muss diese Laura eindeutig Feinde gehabt haben. Sonst wäre sie ja nicht tot. – Stimmt. Die Frage können wir uns also demnächst grundsätzlich sparen. – An was für Verletzungen ist sie eigentlich gestorben? – Das kann der Doc noch nicht sagen. Du weißt ja, erst nach der Obduktion… — Und bis dahin hat der Chef dann aber mächtig die Presse im Nacken! – Er muss ihr einfach sagen, dass wir eben in alle Richtungen ermitteln. – Zumal der Huber sagt, er ist unschuldig. „Das müssen Sie mir glauben“, hat er gesagt. – Und? Glaubst du ihm? – Ich glaube gar nichts. Für mich zählen nur Fakten. Sollten sie auch für dich. – Aber er meint, wir wollen ihm was anhängen, oder? – Quatsch. Dass er zum Beispiel Linkshänder ist, können wir ihm ja beispielsweise nicht einfach unterschieben. – Ach? Ist Laura von einem Linkshänder umgebracht worden? – Na ja, wäre zumindest möglich. Warten wir ab, was bei der Obduktion herauskommt. – Und was ist mit der Tatwaffe? Stumpfer Gegenstand? Küchenmesser?– Die KTU hat noch keine gefunden. – Wie kann man dann wissen, ob die Waffe mit der linken oder der rechten Hand geführt wurde? – Wie ich dem Huber schon gesagt habe: Ich bin es, der hier die Fragen stellt. Übrigens habe ich ihm genau auseinandergedröselt, wie ich mir den Tatablauf so vorstelle. – Und? Wie ist alles deiner Meinung nach abgelaufen? – Wie auch immer, Huber sagt, so war das alles nicht. – Darauf hat du ihn gefragt, wie dann. Oder? – Ja. – Und? – Er sagt, er war es nicht. Und ich habe ihm gesagt, es ist schon für weniger gemordet worden. – Na prima. Dann wissen wir jetzt also Bescheid? – Nein, denn der Fundort ist nicht der Tatort. – Aha. Wer hat die Tote denn gefunden? – Ihre Mutter. – Und was hat sie gesagt? – „Wer macht denn sowas?“ – Das fragen sie doch alle. – Stimmt. Und davon lebt schließlich der Krimi. – Ach so!

Zum Schluss drei bescheidene Anmerkungen des Autors:
Dieser Dialog darf, kann und sollte beliebig verlängert werden. Er darf nur keinen Sinn bekommen. Das widerspräche der Dramaturgie des Vorabend-Krimis.
Der Autor reklamiert für den Text keinerlei Copyright. Er teilt es sich mit mindestens 32 tiefsinnigen Drehbuchschreibern.
Dieser Text wird, wenn ihn die Redaktion denn anfordern sollte, auch für 2016 wohl kaum anders ausfallen. Allfällige Gegenwetten werden gern angenommen…

Jan KarstenJan Karsten

Ein Jahr mit vielen Highlights. Wie schön also, dass nun noch eines fast ganz am Schluss hinzu kommt: Ab heute ist die letzte Folge der zweiten Staffel der FX-Serie „Fargo“ in Deutschland zu sehen. Schon die erste Staffel der Serie, die thematisch und atmosphärisch auf dem Universum des Coen-Brothers-Films basiert, war eine ausgesprochenen runde Angelegenheit und mit tollen Schauspielern besetzt (Martin Freeman!, Billy Bob Thornton!, Allison Tolman!, Bob Odenkirk!) – aber Season 2 ist noch einen Tick frischer und überraschender. Fargo 1 spielte 2006, Fargo 2, für das die meisten Figuren und alle Schauspieler komplett ausgetauscht wurden, geht zurück ins Jahr 1979. Beide zusammen erforschen sie gutgelaunt und kreativ die gesellschaftliche, menschliche und geistige Verfasstheit des mittleren Westens der USA.

Bei allen Querverweisen in das Coen-Universum, bei allen Anspielungen auf Philosophie (Camus, Kierkegaard), Literatur (Kafka, Carroll, Ionesco) und Thriller & Filme (vor allem) der 70er, denen diverse Seiten im Netz nachspüren, ist ein künstlerisch vollkommen eigenständiges, tiefschwarzes Crime-Comedy-Drama entstanden.

Ein ständiges Spiel mit Wahrnehmung und Wirklichkeit, mit Fakt und Fiktion, das nie ins (komplett) Alberne kippt, weil es seine Themen (Emanzipation, Veränderung von traditionellen Familienstrukturen, ob im privaten oder kriminellen Bereich) und die durchweg sorgfältig entwickelten Charaktere ernst nimmt, auch in der Zu- und Überspitzung.

Ein komisches, durchgeknalltes, spannendes, hervorragend gefilmtes und gespieltes (Kirsten Dunst!) Vergnügen. Und genau der richtige Kontrapunkt, um die Gefahr einer allzu besinnlichen Weihnachtszeit schon im Ansatz zu bannen.

Anne KuhlmeyerAnne Kuhlmeyer

Regellfrei! Einmal im Jahr darf man alles! Bei Culturmag ist das nicht zu Karneval so, sondern zum Jahresende. Ich schätze die Regel der Redaktion – Schreibe nicht über Bücher von Culturmag-Mitarbeitern! – wegen der notwendigen Unabhängigkeit des Magazins, die sie sichert, aber eben sooft habe ich sie bedauert, denn ich hätte gern Texte zu den großartigen Werken einiger Autoren und Mit-Culturmager hier veröffentlicht. Jetzt darf ich. Und das werde ich ausnutzen! Ha!

Konfetti für den Culturmag-Jahresend-Karneval!

Niemand rennt mit Macheten durchs moderne London, um sie als Waffen einzusetzen. Sie müssen zu einem Spiel unterwegs sein, die Macheten als Staffage. So erklärt Kameramann Niall sich das Verhalten der beiden jungen Männer, denen er mit vagem Unbehagen folgt. Als das Unmögliche geschieht, ist er schreckensstarr wie die Parkbesucher, die der bestialischen Hinrichtung eines Menschen beiwohnen. Niall tut, was er zu tun gewohnt ist. Er filmt. Beim Lesen zerrt der Fluchtreflex an mir. Aber machen wir in Extremsituationen nicht alle, was uns vertraut ist, um Normalität herzustellen, gleichgültig wie absurd das Handeln scheint?

Niall filmt, distanziert die grausame Wirklichkeit per Handykamera, fixiert das Unmögliche in Pixeln. Schließlich ist erst wahr, wovon man ein Bild hat. Die Gräueltaten islamistischer Terrormilizen sind medial hochpräsent. Ihre Bilder befeuern die ideologischen Argumentationen von Anhängern und Gegnern. Ängste werden geschürt, Fronten gebildet.

Zoë Becks Roman nimmt den Mord an dem Soldaten Lee Rigby durch zwei islamistische Attentäter 2013 in London zum Anlass, die Bedingungen, unter denen Radikalisierung entsteht, zu beschreiben. Sie macht deutlich, dass es, wie immer, um Ressourcen und Macht geht. Sie erzählt kühl, aber nicht empathiefrei, über komplexe Verhältnisse, schafft Figuren mit plausiblen Motiven und schnelle, ironische Dialoge. „Schwarzblende“ ist der finsterste, spannendste und vielschichtigste Roman, den ich bisher von Zoë Beck gelesen habe.

wörtche_PolarDie kürzlich beim Polar Verlag erschienene Textsammlung „Penser Polar“ von Thomas Wörtche ist ein Buch, über das geredet werden muss. Sein Autor droht an, wir würden nicht mit Antworten rechnen können, weder darauf was „Krimi“ ist, will, kann, muss, darf, noch darauf, was Elemente, Aspekte, Begriffe, die irgendwie mit „Krimi“ zu tun haben, müssen – können – sollen … Vielmehr ist die Frage der Plan. Und die Einladung, das Unerklärbare, Bunte, Krasse, Feine, Schrottige, Defekte, Wunderbare … mosaikhaft nebeneinander stehen zu lassen als Möglichkeiten, die Welt zu betrachten – durchaus nicht beliebig, sondern dem Respekt vor dem Sosein der Einzelnen beigefügt. In den Texten findet sich eine Fülle von Verweisen auf Literatur, Film, Musik, denen zu folgen, sich lohnt. Aber man kann das Bändchen auch so lesen, sich unterhalten lassen.

Erinnern möchte ich an dieser Stelle an Carlo Schäfer – „Carlos“, den Kolumnisten, den Frei-, Quer- und Schrägdenker, den Mann mit dem Blick aufs unscheinbar Idiotische, auf den alltäglichen Irrsinn, auf Intoleranz, Bosheit und Dummheit. In seinen wöchentlichen Kolumnen spießte er Ideologie, Machthabitus, Ignoranz und Arroganz auf. Sein Mittel: die Sprache. Und was für eine! Komisch, grotesk, absurd, gewaltig, ganz wie das echte Leben.

Er starb viel zu jung am 8. September 2015.

Es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben, ihn live kennenzulernen. Aber ich kenne „Der Tod dreier Männer“ und viele seiner Texte. Er fehlt mir. Deshalb blättere ich jeden Samstag durch die Carlos-Kolumnen. Damit er bleibt. Und weil sie großartig sind!

Lesen Sie! Regelfrei! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen erkenntnisreiche Feiertage und Mut für’s Neue.

Stefan LinsterStefan Linster

Zeitreisen: Sicher ist die Zeitklage ein weitverbreiteter, mitunter verständlicher Topos, schon in der Antike anzutreffen und zu kunstfertiger, manchmal augenzwinkernder Motivik in der mittelalterlichen Lyrik etwa bei Walther und Neidhart entwickelt. Dass sie aber auch verdrießlich sein kann, Ausdruck einer starrsinnigen Rückwärtsgewandtheit, die insbesondere im Alter droht, wissen wir alle.

Und wenn es nun aber nicht bloß berechtigt, sondern nur erwünscht und konsequent wäre, sich mit neugieriger Bewusstheit, als kleine Evasion gewissermaßen, in eine Zeit und deren Landschaft zurückzuversetzen, die in jeder Hinsicht als Beginn der Moderne gilt, die neben dem Fluch und Segen der industriellen Revolution so unendlich viel an künstlerischen Innovationen hervorgebracht hat — und zwar beim Besuch einer Ausstellung, die den programmatischen Titel „Mit den Impressionisten entlang der Seine” (Köln, Wallraf-Richartz-Museum) trüge? Über Schönheit und Bedeutung der ausgestellten Werke sei hier gar nicht erst zu reden, sie stehen außer Frage. Begeistert hat um so mehr die sinnstiftende Idee und ihre Verwirklichung, ebendiese Werke geographisch, ihren Entstehungsorten entsprechend und beachtenswert dokumentiert, dem Verlauf dieses sie inspirierenden, des impressionierenden Flusses par excellence nach zu hängen, wodurch der Gang entlang der Mäander und Malereien zu einer sinnlichen, aber auch überaus lehrreichen Entdeckungsreise in eine Epoche grundlegenden Wandels wurde, in der noch alles möglich schien!

tartt_freundUnd wer fürchtet, Alte Musik könne vorhersehbar, ja überkommen sein, sollte unbedingt ein Konzert der Gambistin Hille Perl besuchen, nein, ihrer Andacht beiwohnen. Ihr Abend mit dem Freiburger Barockorchester, gewidmet der Ära des Sonnenkönigs, bietet die ausgezeichnete Gelegenheit, einen musikalischen Kosmos (wieder) zu entdecken, in dem Instrumental- und Vokalmusik – so auch Oper, Ballett, Theater etc. – ganz überwiegend an eine ganz bestimmte Praxis, an feste Anlässe und Aufführungsorte gebunden waren, oftmals zum Gesamtkunstwerk miteinander vereint. Diese Dimension müssen wir uns heutzutage meist imaginieren, die musikalische Tiefe jedoch vermag uns Hille Perl in einer Frische und Intensität zu vermitteln, die ehrfürchtig macht. So begeistert ihre Interpretation von Marin Marais‘ „Folies d’Espagne” sowohl durch das feine Ausdeuten des Notentextes als auch der unglaublichen Virtuosität ihrer Kadenzen wegen, wie man es nach meinem Dafürhalten selbst von Meister Jordi Savall nicht kennt. Mitzuerleben, wie sie die als recht widerspenstig geltende Viola da Gamba mal zu liebkosen, mal zu traktieren scheint, um ihr die zartesten Töne bis hin zu den sonorsten Akkorden zu entlocken, wie Instrument, Künstlerin und Klang sanft eins werden und die Zuhörer den Atem anhalten, bis ihre grazilen Finger dann wieder über den fast klobigen Steg fliegen und der Bogen einen wahren Veitstanz auf den vielen – sieben! – Saiten vollführt, um uns in die Folies mitzureißen, entrückt unweigerlich in heitere Leichtigkeit. Ähnlich ergreifend und vielschichtig ist auch Perls tragendes Spiel in Rebels „Tombeau pour Mr. De Lully”, einer Trauer- oder Gedenksonate von hypnotischer Intensität … Und all das in bescheidener, nahezu demütiger Manier dargeboten, bei der nichts leerer Gestus, nichts Effekthascherei wäre.

Zuletzt noch ein Wort zu meiner Lektüre Donna Tartts. Nachdem mich ihr neustes Werk „Der Diestelfink” auch der Redundanzen wegen eher enttäuschte, wollte ich dem Phänomen in ihren vorherigen Romanen nachspüren. Dabei bestach mich „Der Kleine Freund”, die Geschichte einer Kindheit in den Südstaaten Anfang der 70er, wunderbar ausgestaltet mit all den Zwängen und kleinen Fluchten, dem Aufbegehren gegen das Ausgeliefertsein in einer oft unverständlichen, meist ungerecht empfundenen Welt von Erwachsenen …

Zu Teil II des Jahresrückblicks 2015.

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