Posted On 15. November 2017 By In Bücher, Crimemag, Film/Fernsehen With 731 Views

Porträt: Alf Mayer über die Quiller-Romane von Adam Hall

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Es begann 1965 in Berlin, mit dem „Quiller-Memorandum“ – bis 1995 folgten 18 weitere Romane. In Deutschland veröffentlich aber wurde Adam Hall nur 1969-1975 und 1989-1991, neun Romane blieben unübersetzt. Nach März 1991 war hierzulande Schluss. Das tut immer noch weh.

Sinnesabenteuer – der Trillerautor Adam Hall

Quiller, das war der Spion, der in der Kälte blieb. Freiwillig. Insgesamt 30 Jahre und 19 Bücher lang. Alf Mayer porträtiert den in Vergessenheit geratenen Adam Hall (1920 – 1995), der jetzt in Andreas Pflüger seinen Nachfolger gefunden hat. 

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Die Wege der Wiedergeburt sind unergründlich, das gilt auch für die literarische Variante. Die Hoffnung, so etwas noch mit den Quiller-Romanen von Adam Hall (aka Elleston Trevor) erleben zu können, hatte ich längst aufgegeben, nachdem sogar Jack Reacher sich in dieser Hinsicht als zu plaudertaschig, selbstgewiss und literarisch zu genügsam erwies. Dass Adam Halls Inkarnation aber ausgerechnet aus Deutschland kommen würde, das wäre mir im geträumten Traum geträumt nicht eingefallen. Mit den Suhrkamp-Thrillern „Endgültig“ und „Niemals“ (siehe dazu Werner Fuld in dieser Ausgabe) jedoch liegen nun der Beweise genug vor. Andreas Pflüger knüpft mit seinen Romanen an meinen alten Lieblings-Thrillerautor Adam Hall und seine Art zu schreiben an – und das, ohne je einen Quiller gelesen zu haben, wie er glaubhaft versichert. Genau so geht das mit der Transzendenz. Pflügers Polizistin Jenny Aaron jedenfalls, die dem Bushidō, dem Ehrenkodex der Samurai folgt, ist diejenige, die es würdig wäre, Quiller vorgestellt zu werden. 
pflü niemals gd 42756Der Bushidō, das nebenbei, ist nicht einfach nur ein Buch wie das „Hagakure“, das Forest Whitacker in Jim Jarmushs „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ liest und damit noch längst nicht zu einem Krieger wird. Wer dem Bushidō wirklich zu folgen vermag, dessen Stil wird schnörkellos und klar wie ein Gebirgsbach, ragt auf wie der Fuji, entwickelt ganz eigene Gesetze der Schönheit. (Siehe auch das Gespräch „Ich bin doch nur das Gefäß meiner Figuren“ in der letzten CrimeMag-Ausgabe. Werner Fuld übrigens bestätigt: „Es stimmt, Hall hat Pflüger vorgeahnt – es gibt solche Phänomene in der Literaturgeschichte.“)

Der härteste Mann im Agentengewerbe

Nun aber zu Adam Hall, über den es – im deutschsprachigen Raum – kaum Vernünftiges gibt. Das meiste an Textstücken lässt sich, sage ich unbescheiden, auf zwei von mir 1989 für Bastei-Lübbe verfasste Nachworte und auf einige wenige englische Quellentexte zurückverfolgen. Ein Porträt also ist überfällig. Zumal ich, aber so ist das manchmal, aus einem Interview mit ihm – fünf enge Seiten Fragen per Brief anno 1989 und postwendend zwei 45-Min-Tonbandkassetten aus Arizona zurück – nie richtig etwas gemacht habe. (Weil nach 1991 kein Quiller mehr bei uns erschien.)

In den 1960er Jahren wurde „Thriller“ noch mit „Reißer“ übersetzt. Die Quiller-Romane lösen diesen Anspruch ein. Sie zeigen den beinahe unerträglichen psychischen Zustand, in dem sich ein Geheimagent „im Feld“ befindet. Es sind Krieger-Geschichten. The Real Thing. 

quill phönix 2417076Die Widmung, die Elleston Trevor (alias Adam Hall) 1964 seinem von Robert Aldrich verfilmten Buch „Phönix aus dem Sand“ vorangestellt hat, sagt alles: „Es gibt Menschen, die, falls sie vor die Wahl gestellt werden, zu sterben oder Unmögliches zu leisten, sich für das Leben entscheiden. Diese Geschichte ist ihnen zu Ehre geschrieben.“

Quiller ist die atemnehmende Symbiose von tough-guy-Agent und hardboiled-Detektiv und kommt ganz ohne Klugscheißereien aus. Der härteste Mann im Agentengewerbe kennt wenig Spaß, kommt so gut wie nie zur Entspannung. Nichts, aber nichts ist harmlos. Und nichts ist so einfach, wie es scheint. „Du sollst an nichts als die Mission denken. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Und wenn du nur blinzelst, kann dir Lebenswichtiges entgehen“, heißt es im immer noch aufregend modernen Scharfschützen-Thriller „Der 9. Befehl“ (The 9th Directive) von 1966. Fünf Jahre übrigens vor Forsyths „Schakal“ und mit weit mehr Wissen um Waffentechnik, -psychologie und -gebrauch entstanden (siehe das entsprechende Kapitel in in meiner „Kulturgeschichte des Scharfschützen“ hier bei CrimeMag: Teil VI, „Eines langen Tages Reise in die Nacht„). Adam Hall erfand hier, was später zum Markenzeichen von Stephen Hunter wurde: das Scharfschützen-Duell.

Der Zweifel ist sein Handwerkszeug

Die Unarten des Superagenten-Gewerbes, die in der Praxis nicht lange überleben ließen, finden sich in Quillers Welt so nicht. Playboys wie James Bond, Matt Helm oder Mr. Dynamit blieben hier schnell auf der Strecke. Leute, die sich gerne beim zynischen Denken beobachten wie Deightons Harry Palmer endeten als tote Trottel in der Leichenhalle. James Munros (i.e. James Mitchells) John Craig würde die Schwäche für Frauen zum Verhängnis „Schwanz-Denken“, nannte Quiller das anno 1965, man beachte. Richard Starks harter Parker hätte notfalls zu viele Freunde & Verpflichtungen und, gut für ihn, nur die Mafia zum Gegner.

In Quillers Welt gibt es weder Zeit noch Sinn für beichtstuhlträchtiges Moralingesäusel, weder philosophisches Ach-ist-Welt-so-schlecht-Gefasel noch den Austausch von Kochrezepten, weder Restaurant- noch Herrenausstatterbesuche oder Sportwagenputzerei. Auch Salonlöwen-Geplauder oder Barhockergespräche fehlen. Auf die große Klappe, um sich notfalls herauszureden, ist in Quillers schnörkel- und accessoireloser Welt kein Verlass. Bei ihm geht es um Action. Pausenlos. Alles ist Bewegung, auch das Warten. Und das alles andere als dumm – oder eintönig. „Die Welt ist wirklich unendlich“, heißt es bei Robert Musil, „man kann alles glauben oder alles bezweifeln.“ Quiller gehört zu zweiten Sorte. Der Zweifel ist sein Handwerkszeug. Kants vier Hauptsachfragen sind ihm Alltagsroutine: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch?

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Das hat Folgen. Vor allem erzählerische. Indem Adam Hall auf die gängigen Mätzchen und Muster des Genres verzichtet, seinem Quiller die eitle Selbstbespiegelung via Auftrumpfen gegenüber jeder hergelaufenen oder bestellten Buchfigur verbietet, ihn nach außen stoisch und nahezu stumm macht und uns stattdessen in seinen Kopf sehen lässt, kurzum, indem er die sonst übliche „außengesteuerte“ Charakterisierung für seinen Protagonisten auf das Innen beschränkt, zieht er die Tradition des „harten Schreibens“ einige entscheidende Schraubendrehungen weiter an. Und niemand ist in Sicht – schrieb ich 1989 – der ihn dabei übertrumpfen könnte. Nicht nur kommt Adam Hall ganz easy der alten Forderung der „Black Mask“-Redakteure nach, dass die Charaktere in ständiger Aktion zu sein haben. Sein Stil selbst ist Aktion, jeder Satz Klavierdraht. Oft haben die Kapitel die wilde Grazie eines abgezirkelten Stierkampfs, faszinieren durch den Rhythmus des Rituals, beeinträchtigen die Atmung und verlangen Leser mit starken Nerven. Nicht nur in der Namensverwandtschaft gibt sich der „Field Operative“ Quiller dabei als Neffe von Hammetts „Continental Op“ zu erkennen.

Die gläserne Uhr, das unerbittliche Ticken, die Unruh …

Während es für Leser von Thrillern eigentlich keine größere Gefahr gibt als die, tödlich gelangweilt zu werden, sind es Kunst und Pflicht des Autors, uns die Gefahrensituationen seiner Protagonisten so nahe zu bringen, dass wir „dabei sind“. Motor und Struktur eines Thrillers ist der Vorwärtsdrang, ist die Konsequenz von Handeln oder Nicht-Handeln, ist die Evokation eines situativen Problems (wie komme ich aus dem Verlies wieder heraus?), hier scheitern schon viele. Ein guter Thriller versucht, die Leser zu involvieren. Wenn jemand überhaupt Thriller liest, dann weil weil er getestet, weil er beansprucht werden will. Die Spannung dabei entsteht aus dem Potential: Was gleich passieren kann. Passieren muss. Passieren wird. Als wenn man man einer exklusiven Uhr ins Räderwerk schauen, als ob man es schwingen sehen und ticken hören kann. Der Thrill in Thrillern entsteht nicht durch Behauptungen, nicht durch die Erfolge des Helden, sondern davor, durch dessen Anstrengung, durch Momente von Gefahr und Antizipation. Nur in solchen Momenten wird es elementar, wird es existentiell. Retortengebräu enttarnt sich hier schnell als solches. Als bloße Behauptung. Als Pose.

quill 1547988Adam Hall hat für seine Quiller-Romane eine ganz eigene, eine für damalige Verhältnisse geradezu avantgardistische Erzähltechnik entwickelt. (Siehe auch weiter unten Exkurs 1: Winslow, 40 Jahre vor Winslow.) Für dieses Porträt habe ich ein gutes Dutzend seiner Reißer wiedergelesen, sie sind nicht einen Deut verstaubt, machen immer noch mehr als bella figura. Absolut.

Quillers Welt erleben wir ausschließlich durch seine, also durch paranoide und über-wache Augen. Ohne Gelegenheit zur Pause reißt die kompromisslose, unerbittlich kaltblütige Ich-Perspektive eines hochgradigen Professionals mitten hinein in die brutalen Arbeitsbedingungen, denen Quiller sich ausgesetzt findet. Er ist ein Spürhund, der sich „vom Büro“ in Löcher setzen lässt, von denen er nicht weiß, was ihn drinnen oder am anderen Ende erwartet. Er weiß von seinen Reaktionsfähigkeiten und Einschränkungen wie ein AI-Konstrukteur von seinen Geschöpfen weiß, fortwährend betrachtet und checkt er seinen Organismus wie eine Maschine, deren Funktionen (Adrenalinausstoß, Blutzirkulation, Schmerztoleranz, Muskelfunktionen, Reflexe, Stressreaktionen, Gehirnströme) er genau kennt und sie sich und uns beschreibt und mit den Schwächen hadert. Quiller wie Jenny Aaron wissen um den Unterschied von Bewusstsein und Instinkten, von vegetativem und somatischem Nervensystem, vom Prozess der Mikrosekunden-Entscheidungen und der Körper-Kopf-Bauch-Konflikte, wenn es ums Überleben geht. Masse-Mensch-Kraftwerk heißt das bei Andreas Pflüger. Bei Quiller: „Ich ließ das Unbewusste die Entscheidungen für mich treffen, weil es die Datenmengen weit schneller zu scannen vermag als das Vorderhirn, außerdem ist es viel akkuarater.“ Es ist nur, was die Furcht denkt, das ist immer so bei Lebensgefahr, beruhigt er sich ein anderes Mal. Und wieder woanders: „We live on our nerves, for God’s sake give us a break. Bloody little organism, starting to panic.“ Oder: „Shuddup and sweat it out, you snivelling little bastard.“ Und, variiert: „Snivelling little bloody organism, scared of its own shadow.“ Im „Striker Portfolio“ erlebt er, wie unmittelbar neben ihm eine Düsenmaschine crasht: „The primitive brain was telling me to get up and run somewhere safe while the modern brain was working out a few figures.“

19 Missionen für Quiller, keine einzige ein Flop für Leser

quill vgd da64b06ef4483790a2bc3231dc9b9f49Quillers Stimme – der lakonisch-sarkastisch mit sich selbst hadernde Feldagent als ‚Ich‘-Erzähler – ist eine extreme Nahaufnahmen-Linse, die uns wenig Raum zur Distanzierung lässt. Dazu kommt die Minuten dehnende und Stunden komprimierende Quillersche Echtzeit und die atemberauende Schnitt–Technik. „Innerhalb von 24 Stunden hatten sie mich“, fängt da unvermittelt ein Kapitel an. Ein anderes endet mit: „Schieß ihm ins Genick und wirf ihn über die Brücke!“ Die Seite danach beginnt mit: „Eine Bar in der Müllerstraße hatte noch offen, und ich ging hinein.“ Bis Quiller sein knappes Entkommen von eben vorhin rekapituliert, müssen wir geduldig warten, während es bereits schon wieder brandgefährlich wird. Einen Quiller-Roman zu lesen, das bedeutet, sich wie Tarzan von Cliffhanger zu Cliffhanger zu schwingen, die Abgründe oft immens. Aber die Schwünge begeisternd elegant. Yuuuu-hohiiiiiiiiiihhh-juahhhh.

quill household148189667378719 kamikazehafte Missionen sind es, durch die Adam Hall sein – wie er mir damals sagte – ‚anderes Ich‘ in dann insgesamt 30 Jahren gehetzt hat, von 1965 bis 1995 (siehe die Bibliographie weiter unten). Nur zehn Quiller-Romane wurden ins Deutsche übersetzt. Eine halbherzige Re-Edition 1989/1990 bei Bastei-Lübbe versackte, immerhin brachte sie mit 24 Jahren Verspätung Quillers ersten Auftritt, „Das Berlin Memorandum“, nach Deutschland. Hatte Geoffrey Household 1939 in „Der Gehetzte“ („Rogue Male“) wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einen Nazi-Jäger zu einem Überlebenskampf in die Hecken- und Waldlandschaft der englischen Provinz geschickt und zum Dschungel werden lassen, so zeigt uns Adam Hall die Wildnis und das Archaische mitten in den modernen Städten. Als Ort seines ersten Dschungelkampfes wählte er sich Berlin. ‚Das Berlin Memorandum‘ – im reifen Alter von 44 geschrieben – enthält schon alles, was den typischen Quiller-Roman ausmacht – auch wenn gewisse Dinge, etwa die Hassliebe zu den Auftraggebern und Bürokraten und seine fernöstlich geprägte Philosophie später noch stärker herausgearbeitet werden.

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Wer nun ist Quiller? – The Rule of the D.T.M. (Don’t Tell Mum)

Der vornamen- und freundeslose Quiller ist ein „Schattenagent“ („a shadow operative“ im Original), der sich auf niemand und nichts verlassen kann, den selbst sein eigenes „Büro“ („The Bureau“) jederzeit ans Messer zu liefern imstande ist, denn dessen erstes und ehernes Gesetz lautet: Die Mission ist wichtiger als der Mann! Quiller wird bei seinen Einsätzen „in den Kaninchenbau gehetzt wie ein Spürhund, der nicht weiß, was ihn am Ende erwartet“. Eine menschliche Zielscheibe zur Ortung des gegnerischen Mündungsfeuers, kann er nur sich selber trauen: They were going to run me like a rat through a maze and I couldn’t expect any manners. Wie eine Ratte wird er ins Labyrinth geschickt, Mitleid und Nachsicht kann er dabei nicht erwarten. Einmal gar setzen sie, die eigenen Leute, ihm in Murmansk eine Bombe unter den Autositz, um ihn auszuschalten. „Die Queen weiß noch nicht einmal, dass es uns gibt“ – „The Rule of the D.T.M.“ (Don’t Tell Mum) nennen sie die Aktionen des ihn beauftragenden ultrageheimen „Büros“,  nur der Premierminister weiß von dessen Existenz. (Bei Andreas Pflüger ist es „Die Abteilung“ … „die Bad Bank der deutschen Polizei“, 40 Männer und eine Frau, die „dorthin gehen, wo der Einsatz anderer Kräfte nicht zielführend wäre“.) 

quill 51ItEpHvnpLOft hadert Quiller mit sich und seinen Gefühlen und Gedanken, die ihm im Wege stehen – und die er dennoch alle braucht, um in lebensgefährlichen, ausweglosen Situationen „das Richtige“  zu entscheiden und tun zu können, was immer das jeweils ist. Er weiß auch, dass die Angst vor dem Unbekannten die schlimmste Art von Furcht ist; gerade deswegen stürzt er sich hinein in sie. „Der verdammte kleine Organismus machte auf sich aufmerksam. Alles, woran er denken konnte, war Überleben. HALT DIE SCHNAUZE!“ (The Tango Briefing, 1973)

Quiller, der Mann, der von sich verlangt, wie eine geölte, perfekte Maschine zu funktionieren, ist dennoch ein Mensch. Und zwar einer, dem man gerne durch alle seine 19 Bücher folgt, der einen nie langweilt und immer wieder auch verblüfft – manchmal mit grandioser Menschlichkeit. Quiller ist ein Mensch, dessen eine Gehirnhälfte die animalische, die reptilienhafte Ur-Vergangenheit nicht vergessen kann und will, und der anderseits Handlungskonsequenzen und Wahrscheinlichkeitsoptionen so komplex durchdenkt, dass er damit sogar Erving Goffman („Wir alle spielen Theater“) als anschaulicher wissenschaftlicher Gegenstand dient. Das Körperliche und das Intellektuelle, das Komplexe und das ganz Einfache, das Klare und das Reine werden bei ihm Form. Und Zweck. Nihilismus der unterhaltsamsten Art.

1318661_1318661_xlDer Agent als „beteiligterBeobachter“ (nach E. Goffman)

Adam Halls Bücher sind Feuerwerke an Cliffhanger-Kunst, Reflexion und spielerische Dekonstruktion aller Elemente, die im Agentenroman heilig und praktisch sind. Die komplizierten gegenseitigen Täuschungsmanöver des „Berlin-Memorandums“, des ersten Quiller-Romans – mehr dazu unten in einem Exkurs – begeisterten nicht nur Leser, Kritiker und Autorenkollegen. 1974 machte der (lesenswerte) Kommunikationssoziologe Erving Goffman die Agentenfigur Quiller zum lustvoll zitierten Anschauungsmaterial seiner „Rahmen-Analyse“, einer spieltheoretisch geprägten praxisnahen Theorie des „Individuums im öffentlichen Austausch“ (i. e. was die Leute auf der Straße miteinander tun) und der „strategischen Interaktion“ bei Ungewissheit, Risiko und nur scheinbar Vertrautem. Quillers Verhalten im Feld, so interpretierte Goffman, sei das eines „beteiligten Beobachters“ – eine wirklich nette Charakterisierung eines Agenten –, „der Rahmen für das Verstehen sucht, die ihm als Handelnden in seinem Tun einen Sinn geben“. Quiller greife notfalls auch zum (lebensgefährlichen) „Spießherumdrehen“, um „die Auffassung von dem zu ändern, was vor sich geht“. Quillers Manöver sind für Goffman „Einschätzungsspiele: Aufdeckungszüge und Gegenzüge gegen das Aufgedecktwerden“ mit Hilfe von „Eindrucksmanipulationen und mehrdeutig kommunizierbaren Informationen“ als „Ausdrucksspiele“ und „vielschichtige Eigensituationsanalysen“. 

Dieses ständige, im Dschungelkampf der Geheimagenten reale Durch- & Gegen- & Miteinander von Instinkt & Intellekt, von Wildnis & Zivilisation, bis zum Nervenkreischen zugespitzt durch eine Erzähltechnik, die Zeit extrem zu dehnen vermag (drei bis sieben Buchseiten für eine Zwei-Sekunden-Aktion) oder sie grausam beschleunigen kann, macht die Quiller-Romane zu Büchern, die einem in jeder Hinsicht das Herz höher schlagen lassen. 

quill gd mandarincypherSich draußen verhalten wie tödliche Reptilien …

„Er kannte meine Fähigkeit, die Kontrolle zu bewahren, und wenn ich musste, meine Wut zu unterdrücken, so dass nichts davon meine Augen erreichte. Das ist es doch, was sie erwarten, von uns – den Agenten, nicht wahr? Totale Kontrolle. Draußen, im Einsatz, sollen wir uns verhalten wie tödliche Reptilien und dann ins Büro zurückkehren und uns benehmen wie zivilisierte Menschen. Und wir tun’s“, heißt es am Anfang von „Quiller steigt aus“ (1988). Weil ihm die eigene Zentrale eine Bombe unter den Autositz legen ließ, kündigt er. „Sie werden da draußen den Verstand verlieren“, sagt ihm ein Wohlmeinender. „Das wird sicher interessant“, schießt er zurück. Und dann übernimmt er doch einen Auftrag, der ihn in den Dschungel vom Kambodscha und zu einem seiner interessantesten Kontrahenten, zu Oberst Cho, führen wird, dem er dann sogar die Ehre als sempai erweist.

Quiller ist ein Mann am Abgrund. Den braucht er permanent. Das Schlimmste sind ihm nicht die Herausforderungen, denen er sich zu stellen hat. Das Grausamste ist die Zeit zwischen den Aufträgen – wenn James Bond sich Maßanzüge schneidern lässt oder Uhren kaufen geht, oder was Actionhelden sonst so in ihrer Freizeit machen. „Er raucht und trinkt nicht“, korrigierte Adam Hall auf meine Nachfrage das eine Glas Wein im „Berlin-Memorandum“ und erklärt: „Nicht nur aus Fitnessgründen. Die Geruchs- und Geschmacksnerven, die in der Wildnis unersetzbare Sinnesorgane sind, werden davon beeinträchtigt. Außerdem riecht dich dein Gegner meilenweit.“

Im Einsatz trägt Quiller keine Pistole. Seine Hände sind tödlich genug. Er gibt auch nicht mit Frauengeschichten an, wenn er überhaupt so etwas hat. Einmal, in „Quiller steigt aus“, sagt eine Stewardess, die (ein Einwort-Hinweis auf ihren sex appeal) bald auf der Concorde arbeiten wird: Mein Gott, ich kann mich kaum aufrecht halten. Bist du immer so? Französisch, Deutsch und Russisch spricht er so, dass er sich als Einheimischer ausgeben kann. Freiwillig ließ er sich einmal in die Lubjanka verfrachten, das gefürchtete Zentralgefängnis des KGB in Moskau, um dort von einem Häftling Informationen zu erlangen; dann brach er wieder aus. Und das war eine eher kleine Episode seiner damaligen Mission. Er besitzt nichts von Wert, hat keine Verwandten, keine von ihm Abhängigen. Über seine Motivation als Spion macht er sich keine Illusionen: nicht für „Queen and Country“ ist er im Geschäft sondern wegen einer privaten Obsession. Er will es wissen! Muss es wissen! Er braucht dieses Gefühl, an seine eigenen Grenzen zu gelangen – und sich darüberhinaus katapultieren zu müssen. Er braucht die Transgression. Das Adrenalin. Die Gefahr. Den Selbstbeweis.

Es ist ein einsamer Thrill, und er ist ein einsamer Mann. Von anderen anhängig zu sein ist ihm ein Greuel, selbst von einem so guten Agentenführer wie Ferris es ist. Die einzig menschliche Konstante ist ihm eine mysteriöse Frau namens Moira, an die er nur denkt, wenn es ans Sterben geht – was immer uns das sagen soll. Wenn er bei einer Mission umkommt, soll sie mal eine, mal 500 Rosen bekommen, das hängt von seiner Stimmung ab, wenn er das Formular für einen Einsatz ausfüllt. Und all seine Ersparnisse dann an die Vereinigung mißhandelter Ehefrauen („to the abused wives thing“, im Original, immerhin 1970, auch wieder in „Nordlicht“, 1985). Zwei Phobien hat er: die Furcht vor einer Scharfschützenkugel, die einen überall erwischen kann – lange vor Stephen Hunter (sein CrimeMag-Porträt hier) etablierte er das Scharfschützen-Duell als Thriller-Topos – und die vor scharfen Hunden. „Can’t stand the bloody things“, sagt er in „Quiller KGB“. Seine Emotionen vermag er zu beobachten und zu objektivieren, immer wieder identifiziert er seine Angst als „das feige Wimmern seines Organismus“ und befiehlt sich selbst: „Ignore incoming data.“ 

quill 9781560542490-us-300In völliger Dunkelheit mit einem Gegner

Er ist ein auch sich selbst gegenüber gnadenloser Professional. Er ist der klassische Ehrenmann in einer vor die Hunde gehenden Welt. Er ist ein Samurai. Ein Krieger, dem sein Kodex über alles geht. Den sein Kodex  von A bis Z bestimmt, ohne Ausreden, ohne Zugeständnisse. – Das verbindet Pflügers Polizistin Jenny Aaron möglicherweise am stärksten mit Quiller. Sie lebt, das hat sie ihrem Schöpfer nach den ersten 100 Manuskriptseiten gesagt, nach den Gesetzen des Bushidō. Pflügers Heldin ist durch einen Schuß in den Kopf erblindet, ihre messerscharfen Sinne, ihre absolute Professionalität, ihren Wagemut, ihr Ethos und das Wissen um die eigene Todessehnsucht hat sie mit Quiller gemeinsam. Als geschmeidiger Panther wird sie einmal beschrieben, Quiller kokettiert für sich mit Straßenkater. Auch er kennt die Dunkelheit. In jeder Hinsicht. Im „Warsaw Document“ kämpft er in völliger Nacht mit einem Gegner. In „Quiller Bamboo“ ist es ein tödliches Belauern in einem Tempel in Kambodscha, ebenfalls im Dunklen. Ihre Köpfe sind, durch eine Tür getrennt, nur wenige Zentimeter von einander entfernt, was er denkt und wahrnimmt, geht vermutlich auch seinem Feind gerade durch den Kopf, in jedem von ihnen explodieren gleichzeitig in einem Feuersturm klaren Bewusstseins die Reizsignale von Billionen von Synapsen, die Nervenenden an allen Extremitäten melden ihnen den Druck unter den Fußsohlen, die taktilen Empfindungen auf Haar und Gesicht und Fingern. Einer brüderlichen Kreatur (wie er selbst seine Gegner nennt), die ihm den Tod bringen könnte, so nah, das war Quiller schon manchesmal. Aber es ist nichts, an das man sich gewöhnt, denn jedes Mal kann es das letzte sein, das weiß er. Und jetzt kann er ihn riechen. Kann fühlen, wie er sich anspannt. Gleich ist Grenze. Gleich ist Aktion.

50 Seiten weiter dann sagt ihm ein Mönch: Da ist ein Geist in deiner Seele. Es ist der Schatten des Mannes, den er vorhin töten musste. Gänsehaut. Immer verfolgt es ihn, wenn er auf einer Mission töten muss. Der Mann im Tempel hätte ihn umgebracht, wenn er nicht schneller gewesen wäre. Jedesmal bei so etwas öffnet sich eine Tür, bringt ihn an den Rand des Unbekannten … to the edge of the unknown, where quantum forces play among the infinite reaches of the universe, and souls drift like leaves on the cosmic wind, seeking their new incarnation. It awes me, in a word, but then of course there’s the physical thing, the sweat and the muscle burn and the mechanics of force and leverage as one body tears the life out of another, there’s that too, and it leaves a taste in the mouth, and in the heart a feeling of despair. Post mortem, also, animal triste est.“

_quiller Profil„Warum schicken Sie nicht einfach eine Briefbombe?“

Quiller, ans Eingemachte: „Ein Kompliment? Von Croder?“ – „Er hält große Stücke auf Sie, Quiller.“ – „Er hat meinen Tod befohlen.“ Aber das war es nicht, weswegen ich ihn hasste. Ich hasste ihn wegen seines teuflisch kaltblütigen Verstandes, seiner Raffiniertheit, seiner Fähigkeit, sich in meinem Hirn einzunisten, während ich die Mission ausführte, die er für mich entwickelt hatte, und genau zu wissen, was ich tun würde, inwieweit man sich auf mich verlassen konnte, und was ich nicht tun würde, auch darin zuverlässig, bis er mich schließlich in eine Situation gebracht hatte, in der ich für ihn die Mission erfolgreich abschließen, den Zündschlüssel des Lastwagens umdrehen und mich selbst in die Luft sprengen würde. (Nordlicht, 1985)

Adam Hall, Biographisches: Er liebte die Wüste, die er bei den Dreharbeiten für den „Flug des Phönix“ kennengelernt hatte. Im Bromley, Kent, geboren, zog es ihn nach einem Jahrzehnt französische Riveria nach Arizona. Dynamite Road 284, einsam gelegen und weit außerhalb eines kleinen Kaffs nordöstlich von Phoenix, Richtung White Mountains, lautete seine Adresse, als ich mit ihm in Verbindung stand. Es war eine Pferdefarm im Hacienda-Stil, seine (zweite) Frau Chaille Ann Groom kam aus einer Züchterfamilie, berühmte Araberhengste. Damals stand ein Jaguar Mark VII in der Garage, die gewaltigen Fenster des Wohnzimmers öffneten sich zu den Bergen hin, unter seinem Schreibtisch im ersten Stock hauste eine Schwarze Witwe, die ihn, der gerne barfuß ging, vor Skorpionen bewahrte. Karate – Shōtōkan-Karate 松濤館 („Haus des Pinienrauschens“) – fing er mit 58 Jahren an, errang mit 64 den schwarzen Gürtel. Seine Asche ist auf dem Gipfel des 2345 Meter hohen Ziegler Mountain verweht. (Eine Remineszenz von Chaille Trevor gibt es als E-Book: „Quiller: A Profile and Bury Him Among Kings: Intimate Glimpses of the Life and Work of Elleston Trevor“.)

Quiller, die Bombe: „Mission in Sinkiang“ beginnt in der Londoner U-Bahn. Quiller stellt sich nah an einen Mann, der gerade in Knightsbridge zugestiegen ist. Es gibt einen kleinen Dialog mit einer ortsunkundigen Frau, der er weiter hilft, an der nächsten Station verlässt Quiller den Zug, blickt sich nicht mehr um. Es dauert sechs Buchseiten, bis klar wird, dass er eben mit uns dabei und mit nur einer freien Hand den Mann in der U-Bahn erwürgt hat und dass das eine kalkulierte, bewusste, „private“ Tötungsaktion war, Rache für eine in einem Ostblock-Stacheldrahtverhau gestorbene junge Frau. Klar wird das bei einem ziemlich unfreundlichen Gespräch mit dem unangenehmsten aller „Controls“, mit Parkis;  der nun schickt ihn auf ein Himmelfahrtkommando an der russisch-chinesischen Grenze, was er unter normalen Umständen abgelehnt hätte. Tod vorprogrammiert. Die Mission heißt „Katapult“. Da sind wir auf Seite 16. „Warum schicken Sie nicht einfach eine Briefbombe?“, fragt er seinem Direktor im Feld (DIF). 

quill gd17042929251Quillers Motivation: “Ich bin nur in diesem Geschäft, um mich selbst zu beweisen. Ich habe Schiss davor, die Dinge bis zu dem Punkt zu treiben, an dem sie hochgehen – also tue ich genau das, um mir zu beweisen, daß ich keinen Schiss habe.“ (The Kobra Manifesto) Oder anders: „Wir tun es, weil es uns nicht anmacht, vor der Glotze zu sitzen, Bleistifte zu spitzen und am Sonntag das Auto zu waschen. Wir wollen weit weg, damit wir unsere schäbigen Neurosen abarbeiten können, ohne dafür verhaftet zu werden.“ (The Warsaw Document)

Quiller und Winslow: Lange, lange bevor die Stakkatosätze bei Winslow zur Masche wurden, waren sie bei Adam Hall im Einsatz. Allerdings gezielt: passagenweise, wenn sich die Dinge zuspitzten. (Ein Scharfschützenbeispiel unten in Anhang. Ansonsten oft in den Quiller-Büchern das Kapitel 17, etwa in Himmelfahrtstango oder in 555 ruft Mandarin, im Kobra-Manifest ist es Kapitel 14.) 

Quiller, der Profi: „Wir sind allein. Wir sind dem Gesetz des Kampfes von Mann zu Mann verpflichtet“, sinniert er, als im „Berlin-Memorandum“ das karambolierte Auto seiner Verfolger Feuer fängt. „Da gibt es keine Hilfe für Versager. Rette ein Leben und du rettest einen Mann, der dich später durch ein Zielfernrohr aufs Korn nimmt und den Abzug drückt, wenn er den Befehl oder die Chance kriegt. Da läuft nichts. Das Auto brannte und der Mann schrie. Ich saß da und schaute zu. Wir sind keine Gentlemen.“

quill vg s-l1600Quiller, der Kontrollierte: „Die Nachricht vom Tod des Kollegen traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, und sofort fing ich an zu schwitzen, denn Jahre des Trainings hielten meine Augen, Mund und Hände ausdruckslos, als der Schock der Worte mich erreichte; der Körper, dem die instinktive Reaktion verweigert wird, muss aber doch etwas tun in einem solchen Moment. Ich saß da mit ruhigen Augen und stillem Mund und regungslosen Händen und fühlte den Schweiß kommen.“

Quiller, der Stoische: „Pol schwieg. Ich wusste, daß man beim Überreden Pausen machen muss, damit das Subjekt der Überredung Zeit hat, die Sache selbst zu Ende zu bringen. Den Gefallen tat ich ihm nicht.“

Quiller, der Wütende: „Die anderen machten mich wütend, und das war schlecht, weil Gefühle das klare Denken bei einem Job durcheinanderbringen… Ich war sauer auf mich. Mehr wegen meinem Eingeständnis der Furcht als wegen der simplen Tatsache, dass sie da war. Es gibt sie immer. Aber ich beschäftige mich mit ihr, ganz bewusst, und das passte mir nicht. Sechs Monate totaler Abgeschirmtheit ließen meine Nerven jetzt völlig entblößt.“

Quiller, der Körpermechaniker: „Ich atmete langsam und tief. Mein Blut brauchte eine Schockdosis Adrenalin, um flüssig genug zu sein für eine plötzliche Aktion.“

Quiller im Verhör: „Der Oberst sagte nichts, warte auf meine Nerven, dass sie sich selbst ihre Fallen stellten – aber bei mir war das Zeitverschwendung.“ Ein Verhör, das ist bei Quiller ein komplexes, mehrschichtiges Verwirrspiel. Selbst eine Interrogation unter Folter und die gleichzeitige Abwehr von Drogenwirkung und Ausfragemethoden geht bei ihm so weit, dass ‚“wer verhört, auch verhört wird, und jede Frage verrät, wie viel der Gegner weiß“.

quill gd 4941739Quiller, der Grenzgänger: „Es ist ein Gefühl, das wir manchmal haben, wenn wir ein kalkuliertes Risiko eingehen. Wir denken: dieser Schritt könnte uns töten. Wenn ich aber annehme, daß er das tun wird, wenn ich annehme, daß ich schon tot bin, habe ich keinen Grund mehr für Sorge und Furcht.“

Quiller, der Kamikaze: „Um einen Mann unter dreieinhalb Millionen zu finden, musste ich ihn mich finden lassen. Und dann versuchen, ihn fertigzumachen, ehe er mich erwischte… Beim Tontaubenschießen wird die Taube hochgeschleudert und abgeschossen. Das war jetzt meine Situation.“ 

Quiller, die Kreatur: „Der Moment, wenn die Einschränkungen des zivilisierten Lebens weggerissen werden und dich das in eine andere Welt stößt, wenn du eine andere Kreatur wirst, barfuß, auf dem Boden kauernd, die Nackenhaare gesträubt, die Zähne gebleckt, und der Terror pulsiert durch dich wie kaltes Feuer im Blut.“ (Quiller Barracuda, 1990)

Quiller, die Schachfigur: Er weiß, 5.000 Meilen weg in London blicken sie auf ein Schachbrett, jederzeit kann er von einem Springer zu einem Bauern werden, den man opfert. Weil er der Herr seiner Entscheidungen bleiben will, tut er sogar, was das Äußerste ist: „Wenn du sie nicht finden kannst, lass sie dich finden. Lass sie dich fangen, lass sie dich nehmen und wegbringen und foltern. Vielleicht ergibt sich dann etwas. Voilà.“

quill663425Adam Hall, der Stilist: Wie einen internen Kommentar gibt es, spärlich und skrupulös gesetzt, ab und zu einen kursiven inneren Monolog, eine Gollum-Stimme. Den inneren Schweinehund. Etwa, mitten in einen anderen Erzählfluss geworfen, als Störgedanke, der ihm gerade kommt: 
Wenn er die Einstiegsphase nicht überlebt, können wir es auch nicht ändern. Oder, in Quiller Meridian (1993): Lerne nicht, den Agentenführer vor Ort als deine verdammte Mutter anzusehen. Oder: The primitive brain was telling me to get up and run somewhere safe while the modern brain was working out a few figures – als über ihm ein Düsenflieger abstürzt. (The Striker Portfolio

Quiller, der Soldat: „Ihre Aufgabe ist die zwischen zwei Armeen im dichten Nebel, die sich nicht sehen, aber fertig zum Losschlagen sind. Ihre Mission ist es, nahe genug an die anderen heranzukommen und uns deren Position und damit den Vorteil durchzugeben… Control wusste mehr als ich. Ich war ein Spürhund in einem Labyrinth.“

Quiller und der innere Schweinehund: „Nichts Ungewöhnliches rings um mich. Nur die Stimme, die fiepte: ‚Ich mag es nicht. Ich mag es nicht.‘ Halt’s Maul! Kopfdenkerei, statt dem Bauch die Sache zu überlassen. – Du wirst alt, alt genug zum Sterben.“

Quiller, der Selbstbewusste: „Was gab Ihnen den Eindruck“, fragte Oktober, „dass Sie hier wieder so leicht herauskommen wie Sie hereingekommen sind?“ – „Erfahrung – ich bin aufs Entkommen trainiert.“

quill5645937quill gd Hall_ScorpionQuiller, die Schachfigur (2): „This had the smell of Parkis about it: move X into Square 4 and let him sweat it out, you never know your luck. After a dozen blind swipes Parkis would score a hit and people would call it a ‚flair’. They forgot the times he missed.“ (The Striker Portfolio, 1969)

Quiller, der Spaßvogel: „In our language, running doesn’t mean just around the park.“ (Quiller Bamboo)

Quiller im Verhör (2): Bei ihm IMMER eine mehrschichte Veranstaltung, eine Freude für den Verhaltenssoziologen Erving Goffman. „Who are you?“ – „Your identiy! I demand to know your identity!“ …. So geht das einige Seiten, und wer dabei etwas Substantielles erfährt, das ist dann tatsächlich der Verhörte. (The Scorpion Signal, 1979) 

Quiller, ein Shakespeare-Moment: Er hat einen eben ums Leben gekommenen Kollegen auf dem Schoß, hält seinen Kopf, „this coconut, this Yorick-thing with its matted hair and its staring eyes and its gaping mouth had recently been the vessel of all this man’s experience, and now it was here between my hands, a bony urn containing the traces of a human life, etched among the infinitely-complex network of nerve synapses and cerebral eletronics until only a little while ago they had burned out like a firework show and left a shell of ashes for the world to grieve on“. (Quiller Meridian)

Quiller, der SM-ler: „Maltz confirms that the nervous system can’t tell the difference between a real and an imagined experience.“ Mit einem Eiswürfel eine Brandwunde zu verursachen, das ist Teil der Ausbildung. Ein Experiment, das Neulinge jedesmal beeindruckt.

Quiller macht den De Niro: In Quiller Balalaika (1996) wo es gegen die Mafiya geht, muss er einmal mit einem siebenschüssigen Revolver Russisches Roulette spielen – sechs Mal die Trommel rotieren. Abdrücken. Er übersteht es. Wir Leser kaum.

Quiller, allein: Er kann jetzt die Pistole seines Gegners im Dunkeln riechen, so nah ist er, und denkt: „I believe I’ve got another thirty seconds to live. But there’s nobody I can tell. We’re born alone and we die alone and no one really notices.“ (The Scorpion Signal, 1979)

quill 947336Quiller, Bruder aller Menschen: „Ich hätte gerne seinen Namen gewusst. Das ist immer wichtig, wenn ein Tod unvermeidlich wird“, denkt er in einer tödlichen Umarmung. Sie können den Herzschlag des anderen spüren, im Nahkampf, in der Umklammerung. This man, my brother. Bald ist es sein sterbender Bruder. (Quiller Balalaika)

Quiller, der Metaphysiker: „Wir haben alle einen Platz. Wir wissen, wo wir geboren sind, aber nicht, wo wir sterben werden. Für jeden von uns gibt es irgendwo einen Ort. Und da war seiner, der See im Grunewald.“ (Das Berlin-Memorandum, 1965)

Quiller, der Physiologe: „I wasn’t hungry but I wanted to take in protein“ – als das Frühstück kommt auf der Transsib von Moskau nach Peking, und er sich für eine Konfronatation rüstet.

Quiller, der Wortkarge: „Natürlich begann er eine Menge Fragen zu stellen, aber ich unterbrach ihn, sagte ihm, wo ich war, nördlich von den Felsen, und dass er mich rausholen sollte. Irgendwie.“ (Der letzte Satz von Himmelfahrtstango)

Adam Hall, der Stilist (2): Alleine schon die Kapitelüberschriften sind ein Vergnügen, leider lassen die deutschen Ausgaben das Inhaltsverzeichnis dafür weg. Immer ist es nur ein Wort, in allen 19 Büchern; es sind Namen, Orte oder Begriffe: Zarkovic, Lagofondo, London, Alitalia, Einweisung, Flammen, Silhouette, Foxtrott, Zielscheibe, Sirene, Präzision (alle aus Das Kobra-Manifest) oder Rauch, Party, Asche, Stimmen, Yasma, Katie, Flug 306, Shoda, Slingshot, Countdown, Nachtabsprung, Obsession (aus Quiller steigt aus). Die Buchtitel geben meist den Namen der Mission wieder, im Lauf der Handlung gibt es ab und an Referenzen auf weitere (fiktive) Missionen wie etwa Mirage, Pagoda,  Czardas, Cocktail, Lighthouse, Tango, Snapdragon.

quill s-l1600Quiller und die Übersetzungen:The Bureau is the Sacred Bull and our heads are never far from the sacrificial stone…“ Auf „Das Büro ist eine heilige Kuh“ wäre ich hier nicht gekommen, steht aber so bei Bastei Lübbe.

Quiller und seine Agentenführer: Croder hat eine Stimme wie eine Aktenschredder, man kann die kleinen Messerchen förmlich hören. Von Ferris sagt man, dass er Mäuse stranguliert, wenn ihm das Fernsehprogramm zu langweilig wird.

Adam Hall und Donald Trump: Als Drogenkrimineller getarnt mischt Quiller 1990 Miami auf, schnell geht es um viel mehr. Nämlich um die Wahlen und den Einfluss, den man sich kaufen kann.„These men want to buy America and sell it to the soviets.“ (Quiller Barracuda, 1990)

Quiller und die fließende Zeit: Einen Mann mit bloßer Hand zu töten, sinniert er beim Einnehmen einer Shōtōkan-Stellungstechnik, ist intimer als Liebemachen – und dann folgen sechseinhalb Seiten Nahkampf gegen einen Gegner mit Harpune (in der deutschen Übersetzung gekürzt). Es beginnt mit Zenkutsu-Dachi 前屈立ちzu Kokutsu-Dachi 後屈立ち, einer Drehung um 270 Grad, sechs Bewegungen lassen dabei den Körper immer schneller werden. Zeit ist ein menschengemachter Artefakt, denkt er, sie lässt sich ins Unendliche hinein dehnen. Nach zwei Seiten ist er da, ist er in jenem Zustand, den das Shōtōkan verlangt und für den man tausende Male üben muss. Die Sohlen ihre Füsse erschüttern das Schiffsdeck, er spürt jede Muskelanspannung, auch die seines Gegners. Er schlägt zu. Er ist da. Miami dreht sich um ihn, und er ist im Unendlichen. Sein Gegner zieht den Abzug seiner Waffe durch, und immer noch ist er in Bewegung, und die Textabsätze fließen vorbei: einer, zwei, vier, sieben, mehr. Die Lichter wischen vorbei, die Nacht explodiert. Und dann fällt er und fällt – wie soll man 250 Zeilen Kampf auf die Schnelle wiedergeben – und dann ist er im Nirgendwo. Taucht auf aus dem Wasser. Ist über Bord gegangen, hat wieder einmal überlebt. (Quiller Baracuda)

quill 91082XTiMNLpff The-9th-Directive-by-Adam-HallQuiller und die Autos: Als Grabstein kann er sich (s)ein Autowrack vorstellen, so sehr liebt er ein gutes Gefährt, wie ein Handwerker eben sein Handwerkszeug liebt und das Beste aus ihm herausholt oder damit anstellt. Dabei zerlegt er schon mal einen Jensen (wie in Quiller steigt aus). Im nicht übersetzten „Striker Portfolio“ (1968), das die Starfighter-Absturzserie zu einem Nazi-Komplott umdeutet und  ihn nach Hannover und das Flachland führt, nimmt er sich als Dienstwagen einen damals hochaktuellen NSU RO-80 mit Wankelmotor, sollen die Bürokraten in London doch in die Schreibtischkante beißen. Folgerichtig ist das entsprechende Kapitel 9 auch mit dem deutschen Wort „Autobahn“ überschrieben, es gibt eine nervenzerfetzende Asphaltjagd, Crash inklusive. Sie beißen wirklich in die Tischkante in London. Seitenlang ist auch die Verfolgsfahrt in der tunesischen Wüste (Himmelfahrtstango, 1973, Auszug eins weiter), noch wilder wird es in „Scorpion Signal“ (1979): neun irre Seiten Fahrzeug-Duell, absolut kinetisch. Cinematografisch. Ein Rausch, eine unglaubliche Lektüre. Physische Daten, Fahrzeuggewicht, Geschwindigkeit, Motorstärke, Umdrehungszahlen – all das kalkuliert bei 180 kmh — Quiller vergleicht den Ausschlag der Tachonadel gegenüber seinen kognitiven Signalwegen mit der Langsamkeit eines Dinoaurierschwanzes beim Wedeln. (Adam Hall/ Elleston Trevor wäre Rennfahrer geworden, wenn der Krieg nicht dazwischen gekommen wäre.)

Quiller und die Lehrbücher: Die Quiller-Romane sind richtiggehend Lehrgänge in Beschattungstechnik und Abschüttlungsmethodik, Dechiffrierung, detektivischen Lösungsüberlegungen und Situationsanalysen, Mikrosekunden-Entscheidungen in Zeitlupe, Verhörtechnik, Physiologie, Verhaltens- und Gehirnforschung. Das aber in action-Form.

quill Trevor-Elleston-Image-In-The-Dust-4511-p_quill cover 1127830Quiller und die Autos (2): Nun blendeten mich seine Scheinwerfer, und es war unmöglich, die Entfernung noch zu schätzen; die Lücke schloß sich in einem Tempo über 170 km/h, es war zu riskant, noch weiter zu warten, daher blendete ich meine Scheinwerfer auf und überflutete ihn mit Licht; zugleich drückte ich auf die Hupe, um den Einschüchterungsfaktor des Karateschreis hinzuzufügen.
   Wie er wohl heißen mochte? Achmed Sowieso, Mohammed sowieso.
   Vierunddreißig Einsätze und nur ein paar Narben, und dann traf ich auf einen gewissen Mohammed; ein unwahrscheinlicher Name für eine Grabschrift, warum nicht gleich Blenkinsop. Mein Irrtum, ja, mein eigener Irrtum. Eigentlich nicht Irrtum, das Ganze war berechnet. Falsch berechnet, ich hatte gedacht, er würde als erster die Nerven verlieren. (Himmelfahrtstango, 1973)

Quiller und die Million: Ungeduldig ist er und unduldsam mit sich selbst, draufgängerisch und „halb verliebt in den Tod wie Rennfahrer oder Stierkämpfer“ (Hall im Interview), aber mit dem unbändigen Willen zu überleben: „Um eine Million Leben geht es, hat Pol gesagt. Und um meins. Eine Million und eins. Weil ich überleben würde. Der Mann in London würde sich nicht wieder eine Zigarette anzünden und nach einem Ersatzmann schicken.“

Quiller und das absolute No Go: „Nichts ist schlimmer als eine abgebrochene Mission.“

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Wer nun war Adam Hall?

Zehn Filme, über 100 Romane: Ein Schriftsteller war Elleston Trevor bereits lange vor dem „Berlin Memorandum“, schreibend aktiv seit dem Zweiten Weltkrieg. Erfolgreich seit 1955 und dem Kriegsroman „The Big Pick-Up“, Schauplatz Normandie, 1958 als „Dunkirk“ verfilmt und 2017 von Christopher Nolan wieder aufgelegt. (Jean-Pierre Melville wurde als französischer Soldat von Dunkirk nach England evakuiert, siehe sein Porträt in dieser CM-Ausgabe.) Übrigens Jagdflieger, wie manche Artikel behaupten, war Elleston Trevor nie, auch Rennfahrer nicht, immerhin aber zwei Jugendjahre Rennfahrer-Azubi, bis der Krieg dazwischenkam. In dem schraubte er als Flugingenieur bei der Royal Air Force, reparierte hauptsächlich Spitfires, schrieb in seiner freien Zeit Geschichten.

qui s-l1600Sein erster Thriller, „Over the Wall“, erschien 1943 noch unter seinem Geburtsnamen T. Dudley-Smith. Das Quillersche Grundthema im Titel, wenn auch nicht im Inhalt auf den Punkt bringend, war „Escape to Fear“ von 1948. Zwei Theaterstücke, ein Drehbuch, drei Bände (vermenschlichter) Tiergeschichten, eine Shortstory-Sammlung, 24 Kinderbücher und 20 Romane folgten, meist mit Protagonisten an den Bruchstellen der Zivilisation, darunter der 1965 von Robert Aldrich verfilmte „Flug des Phönix“ mit Hardy Krüger. James Stewart, Richard Attenborough, Ernest Borgnine, George Kennedy, Ian Bannen – das war Elleston Trevors „body of work“, eher er 1964/65 zu Adam Hall und zum Schöpfer von Quiller wurde.

quill Hall_Volcanoes_frontUnter einem anderen Namen zu schreiben, das war ihm nicht fremd. „Adam Hall“, zu dem ihm sein Verleger riet, war nach Trevor Burgess, Caesar Smith, Mansell Black, Warwick Scott und Simon Rattay bereits sein sechstes Pseudonym. Erstmals benutzt hatte er es 1964 für „The Volcanoes of San Domingo“, die Geschichte eines Flugzeugabsturzes und seine Aufklärung vor politischem Hintergrund in einem mittelamerikanischen Land. „Kein besonders gutes Buch“, wie Hall mir sofort zugab, als ich ihn interviewte. „Aber mit einem interessanten Helden, den ich mochte. Er war Quillers Prototyp.“ Der Held hieß Rayner, war Sicherheitsmann einer Fluggesellschaft, einzelgängerisch, unsentimental, effektiv und cool. „Jemand, der fliegt“ sinniert er am Schluss, „hat keinen Platz im Gepäck für Erinnerungen.“ (Quiller hingegen, siehe weiter unten im Exkurs, erinnert sich in Berlin nur allzu deutlich an die von ihm miterlebten Nazi-Scheußlichkeiten…)

Adam Hall erzählte im Interview, wie die le-Carré-Rezensionen des Spions, der aus der Kälte kam, bei ihm eigene Phantasien in Gang setzten, dass bei ihm ohnehin „etwas in der Luft lag“ und ihn einen eigenen Agenten und „Das Büro“ erfinden ließ. Übrigens ohne (damals) Kontakt zum Geheimdienst zu haben. Quiller wurde dann der Spion, der auf immer in der Kälte blieb. Der die Kälte liebt.

quill bury among kings-l1600Eines der schönsten Non-Quiller-Bücher trägt als Titel zugleich die ihm würdigste Grabinschrift: „Bury Him Among Kings“ (1970).

Alf Mayer, November 2017. 

PS. Adam Hall „Besser als Bond“ oder „Nachfolger von Bond“ zu nennen, das ist wie einen McLaren mit „Ein schnelleres Pferd“ zu titulieren.

PPS. Andreas Pflüger, als ich ihm von Adam Hall erzählte: „Ihr Journalisten kennt so viele Thriller, da bin ich immer ganz platt. Ich lese ja hauptsächlich nur Fachliteratur, muss dauernd dazulernen. Dass ich jetzt so weit bin, dafür habe ich viele Jahre geübt. Jetzt kann ich diese Bücher schreiben, jetzt bin ich angekommen. Ich fühle eine große Freiheit in mir. Ich muss mir nichts beweisen. Aber bei jedem Roman, den man anfängt, ist die Chance weit größer, dass man scheitert, als dass es gut geht.“

Quiller-Bibliographie Adam Hall:

1965 The Berlin Memorandum (Das Berlin-Memorandum, dt. Erstausgabe Bastei Lübbe 1989, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
1966 The 9th Directive (Der 9. Befehl, Ullstein 1967, Bastei Lübbe 1989)
1968 The Striker Portfolio
1971 The Warsaw Document
1973 The Tango Briefing (Himmelfahrtstango, Ullstein 1974, Tunesischer Tango, Bastei Lübbe 1992)
1975 The Mandarin Cypher (555 ruft Mandarin, Ullstein 1975)
quill berlin-memorandum-polit-thriller-bastei-taschenbuch-band-1322611976 The Kobra Manifesto (Das Kobra-Manifest, Ullstein 1976, Bastei Lübbe 1991)
1978 The Sinkiang Executive (Mission in Sinkiang, Ullstein 1979)
1979 The Scorpion Signal
1981 The Pekin Target
1985 Northlight (US-Titel: Quiller; dt. Nordlicht, Bastei Lübbe 1986)
1988 Quiller’s Run (Quiller steigt aus, Bastei Lübbe 1989, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
1989 Quiller KGB (Unternehmen Gorbatschow, Bastei Lübbe 1990)
1990 Quiller Barracuda (Barracuda, Bastei Lübbe 1991)
1991 Quiller Bamboo
1992 Quiller Solitaire
1993 Quiller Meridian
1994 Quiller Salamander
1996 Quiller Balalaika
(Ein Überblick, keine vollständige Bibliographie von Elleston Trevor hier.)

qui s-l400Exkurs 1: Winslow, 40 Jahre vor Winslow

Kapitel 14 – Gottesanbeterin ( aus Das Kobra-Manifest, 1976)

   In äußerster Gefahr sind die Sinne geschärft. Ein Moskito summte, wurde lauter, der erste gedämpfte Schuss hatte das Trommelfell unempfindlich gemacht, und das Gehör kam nun offenbar zurück.
   Schuss.
   Zwei.
   Der Gewehrlauf zitterte kaum.
   Ich beobachtete ihren Schatten.
   Wenn ihr Schatten sich bewegte, musste ich mich auch bewegen und zwar schneller.  
   Schuss.
   Drei.
   Das Moskitonetz wackelte erneut und kam wieder zur Ruhe.
   Schuss.
   Vier.
   Ihr Schatten wurde durch die Dielenbalken verzerrt, der Arm sah komisch dünn aus und erinnerte mich an eine Gottesanbeterin. Jetzt war ihr das möglich, was sie bei mir im Bett nicht konnte, was ihr bei keinem Mann je möglich gewesen war.
   Schuss.
   Fünf.
   Orgasmus.
   Die Gottesanbeterin frisst ihr Männchen nach der Begattung.
   Mir lief es kalt über den Rücken.
   In meinem Job sind wir oft das Ziel mörderischer Kugeln. Dieses Mal war es anders. Ich war es nicht selbst.
   Ich war nur Zuschauer, Augenzeuge meines eigenen Sterbens; und während die Kugeln in regelmäßigen Abständen in das Moskitonetz einschlugen, wurde mir klar, dass so ein Voodoo-Mörder vorgeht, der Nadeln in das Abbild seiner Opfer sticht.
   Ich spürte, wie mit jeder eingeschlagenen Kugel meine Lebenskräfte abnahmen.
   Schuss.
   Ich hasse dich.
   Sechs.
   Ich weiß.
   Es roch nach Pulver.
   In der Stille konnte ich ihren zitternden Atem hören.
   Der Moskito summte irgendwo im Raum.
   Plötzlich war sie weg, hatte die Tür hinter sich geschlossen.

   „Information“, sagte er.
   Ich horchte, ob Wanzen da waren.
   „Wir sind geplatzt“, sagte ich.  
   Pause.
   Ferris dachte schnell, sprach aber nie schnell.
   „Wo sind Sie?“
   „Flughafen Manaus.“
   Während ich mit ihm sprach, konnte ich die Maschine sehen. Es war eine DC-6, eine der drei Maschinen der Amazonas Airlines, die heute um 04.20 Uhr starten sollte.
   Meine Uhr zeigte 04.07 Uhr.

para_munro_vgdExkurs 2: Quiller und die Welt, die er 1965 betrat

„The Quiller Memorandum“, so der Originaltitel, wurde 1965 in England, USA und Frankreich enthusiastisch begrüßt (und eben nicht so la la erst 1989 wie bei uns). Den Grand Prix de Littérature Policière und den Edgar Allan Poe Award der Mistery Writers of America gab es dafür, dazu den Book Club Choice in England, den Book of the Month Club in USA und Übersetzungen in 14 Sprachen. Quiller ist seitdem weltbekannt, die US-Taschenbuchausgabe von „Quillers Run“ (1988) startete mit 500.000 Auflage.

Damals 1965 galten bei den Edgars strenge Maßnahmen. Es war das Jahr, in dem Simenon Grand Master wurde und Truman Capote mit „Kaltblütig“ einen Edgar holte. Keine schlechte Gesellschaft für Quiller, würde ich sagen. Anthony Boucher, renommierter Krimikritiker der ‚New York Times‘, fand: „Dies ist eine großartige Darbietung von Vertracktheit und Ambivalenz, in jedem Moment spannungsgeladen und überraschend, mit faszinierend komplexen Charakteren, ungewöhnlicher Plausibilität in den Details der professionellen Spionage und voll kompromissloser Realitätshärte, vergleichbar der John le Carrés.“ Das für einen Erstling. Elleston Trevor hatte freilich schon vorher „Handlung“ geschrieben: Rennfahrer-, Soldaten-, Flieger-, Abenteurer- und Söldnerromane.

para_Modesty 1965, also mitten im Kalten Krieg, waren Kubas Schweinebucht und die Raketenkrise, Mauerbau in Berlin, Francis Powers und die U-2, sein im sowjetischen Luftraum abgeschossenes Spionageflugzeug, der 1960 im deutschen Bundestag verhaftete CSSR-Spion Alfred Frenzel, der KGB-Maulwurf im BND, Heinz Felfe (siehe jüngst das Buch von Bodo V. Hechelhammer, CM-Interview hier), der 1961 enttarnte KGB-Agent George Blake und der 1963 übergelaufene Kim Philby noch in schaudernd frischer Erinnerung. Die Geheimwelten schlugen durch in die – meist unrealistisch schablonenhafte – Fiktion. Die sah damals so aus:

_death of a citizen 31965 legte Ian Fleming mit „Der Mann mit der goldenen Pistole“ sein zwölftes und letztes James-Bond-Märchen vor. Der rechtsgewirkte Colonel Charles Russell des Engländers William Haggard räsonierte im bislang achten Buch über Machtpolitik in Hinterzimmern. Desmond Corys sportwagenfahrender Johnny Fedora hatte seit 1951 schon 13 Abenteuer bestanden, Edward S. Aarons seinen emotional kalten, aber frauenfixierten Sam Durell auf bisher 21 „Assignments“ geschickt. Ungezählt waren bereits die gehirnerweichenden Missionen Nick Carters. Helen MacInnes sorgte für einen gewissen Stil, ebenso Dennis Wheatley, der (vor Len Deighton) die „Dossiers“ erfand. Simon Harvesters Dorian Silk war seit 1956 auf gefährlichen „Roads“ unterwegs, Donald Hamiltons Matt Helm seit 1960 und „Death of a Citizen“ unter den Spionen. Und der eher komödiantische Donald E. Westlake ließ 1965 als Richard Stark den stoischen Profigangster Parker schon zum fünften Mal auf Raubzug gehen.
1964 startete John Gardner seinen Feigling Boysie Oaks als „Liquidator“, Mickey Spillane schickte Tiger para_modesty sabre-toothdMann in den „Ein-Mann-Krieg“. Auf vier Bücher kam die Serie, dann gab Spillane das Agentenspiel wieder auf. Ebenfalls nur vier Bücher lang lebte – leider – der gefährliche John Craig, den James Munro (i.a. James Mitchell) 1964 mit „Morgen bist du dran“ (The Innocent Bystanders) auf die Spionagewelt losließ. Und ebenfalls 1965 transportiert Peter O’Donnell seine Comicstripfigur erfolgreich in das erste der „Modesty Blaise“-Abenteuer.
Im deutschen Erich-Pabel-Verlag schließlich trat 1965 erstmals C.H. Guenters (in den ersten zwölf Romanen beachtlich guter) BND-Agent Bob Urban, genannt „Mr. Dynamit“, auf den Plan.
Als neue Stimme in der Thrillerwelt notiert war seit 1962 in „The IPCRESS File“ Len Deighton (der 1965 zusammen mit Adam Hall den „Edgar“ erhalten wird, für „Finale in Berlin“).
Seit 1960 schließlich schrieb John Le Carré, der erst 1964 mit seinem dritten Roman – und dann aber wie! Aufsehen erregte: mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“. 

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Als Film ein leider ziemlich zahmes Kätzchen: „Das Quiller-Memorandum“ mit George Segal, Alec Guiness, Max von Sydow und Senta Berger (1966)

Exkurs 3: Der erste Quiller-Roman – und Nazi-Deutschland: „Man muss über Beethoven und Belsen im gleichen Atemzug reden“

Im Berliner Ullstein Verlag erschienen (mehr schlecht als recht übersetzt und teils drastisch gekürzt) zwischen 1969 und 1975 fünf Quiller-Romane, aber ausgerechnet „Das Quiller-Memorandum“ und das ebenfalls in Deutschland spielende „Striker Portfolio“ nicht. Es ging wohl nicht an, dass in einem treudeutschen Verlag ein Thriller erscheinen konnte, in dem alte Nazis nicht nur in hohen Position sitzen, sondern gar der Flüchtlingsminister als früherer Blutrichter in Polen und der Sicherheitschef von Kanzler Erhardt als Massenmörder von der deutschen Polizei verhaftet werden. Wo ein Bundesminister namens Lobst als „Reichsführer Zossen“ und aktiver Nazi enttarnt wird, der einen Staatsstreich samt subnuklearem großeuropäischen Krieg, die „Operation Phoenix“, organisiert und dabei auf tatkräftige Mithilfe der Bundeswehr rechnen kann. Wo Quiller die Verschwörung stoppt und den ehemaligen Reichsführer-SS im Ministerrang hinter verschlossener Tür – „Wir sind keine Gentlemen“ – zum „Selbstmord“ überredet.

quill berlin-memorandum-polit-thriller-bastei-taschenbuch-band-132261quill Hall_Quiller_Memorandum„Das Berlin-Memorandum“ ist ein Thriller, in dem die Heroine Inga ein Bunkerkind direkt aus dem Führerhauptquartier und von lasziv-nekrophiler Sexualität ist. Es ist ein Buch über ein Land, in dem „verurteilte Kriegsverbrecher nicht mehr gehängt, aber Zeugen erschossen werden“. Ein Land, in dem der bissig-grimmige Erzähler das Wort „Mittagessen“ nicht hören kann, ohne sich an Zossen zu erinnern, der damals vor 20 Jahren dringend zum Mittagessen musste und deshalb KZ-Häftlinge zeitsparend mit MG-Salven niedermähen ließ. Ein Land, in dem Quiller selbst 20 Jahre später nie in billigen Hotels absteigt, weil in den KZs Matrazen mit Judenhaar gestopft wurden und nur die teuren Herbergen moderne Schaumstoffliegen haben. Ein Buch mit einem Helden, der sagt: „Man muss über Beethoven und Belsen im gleichen Atemzug reden“, der, den britischen Wehrdienst verweigernd, auf eigene Faust in den deutschen Untergrund ging, als dummer KZ-Wächter posierend auf eigene Faust „97 Seelen befreite“, in einem Dreier-Team dann über 200. Der beinahe alle deutschen KZs von innen erlebt hat, eine Narbe aus Dachau an seiner Leiste trägt. Der jetzt alleine zwischen den unauslöschlichen Schatten von gestern und dem „Wiederaufstieg des Führers aus der Asche“, der im Neo-Nazihauptquartier tatsächlich vor der „Reliquie“, vor Hitlers angeblichen Gebeinen steht. Ein Buch mit einem Helden, der einmal eine bestimmte Tür aufmacht und „weiß, dass sie sich ins Dritte Reich öffnet“. Ein Held, der uns nicht lange darüber im unklaren lässt, dass er sich nach sechs Monaten Deutschland und seinen Zeugenaussagen vor Nazitribunalen „kontaminiert fühlt“. Müßig zu sagen, dass die Verfilmung all das entschärfte.

Der Topos einer Nazi-Verschwörung kehrt auch im „Striker Portfolio“ wieder, in dem Düsenjäger vom Himmel hageln. Es ist gewiss der temporeichste Roman dieser Kategorie.

quill vg hall_9th_directive1Exkurs 5: Husqvarna, ein wenig Waffenkunde: „Die rechte Schulter kannte jetzt das Ausmaß des Rückschlages…“

(Aus Der 9. Befehl, 1966)

Husqvarna ist das Kapitel überschrieben, der Name war mir bis dahin nur bei Kettensägen und Nähmaschinen geläufig gewesen, und es dauert eine Adam-Hall-üblich quälend lange Sequenz, bis Quiller auf dem Tausend-Meter-Schießstand des Bangkok Rifle Club eintrifft und das Ding mit dem ominösen Namen auspackt.
para_Quiller 9.Befehl 196760_35„Der Waffenhändler hatte sie auf meine Anweisung hin zum Club geschickt, das Zielfernrohr war bereits montiert. Ich benötigte eine großkalibrige Waffe, die selbst auf große Distanz noch exakt ihr Ziel zu treffen vermochte, die eine hohe Mündungsgeschwindigkeit und große Durchschlagskraft der Kugel gewährleistete. Deshalb musste ich mich für eine halbautomatische Repetierwaffe entscheiden, bei der man zwar einige Zeit zum Nachladen benötigt, die aber dafür äußerst zuverlässig ist. Alle Husqvarnas sind wunderbare Waffen, aber die Beste ist die 561. Das ist eine .358er Magnum mit einem Drei-Schuss-Magazin, einem fünfundsechzig Zentimeter langen Lauf, einem handgearbeiteten Schaft aus Walnussholz mit gerippter Schulterstütze und Tragriemenhalterung. Der Pistolengriff ist mir Rosenholz eingelegt. Die ganze Waffe wiegt gut dreieinhalb Kilo, und der Rückstoß liegt irgendwo in der Gegend von zwanzig Tonnen pro Quadratinch, was eine extrem hohe Mündungsgeschwindigkeit und mit einer Zehn-Gramm-Kugel eine beinahe waagerechte Flugbahn bewirkt.“

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Husqvarna 561 (oben)

Adam Hall etabliert hier einen Topos des Scharfschützengenres, den der US-Autor Stephen Hunter dann ab den 1980er Jahren  zur Meisterschaft perfektionieren wird: das Duell der Scharfschützen.

Es folgen aufschlussreiche Angaben zur Zieloptik und zum Vertrautwerden mit der Waffe (geschrieben 1965/66; bei der Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972 in München bekamen die bayerischen Polizisten ihnen völlig unvertraute Gewehre in die Hand gedrückt, mit ein Grund für das Massaker auf dem Flugplatz von Fürstenfeldbruck – ein Ort, der auch bei Quiller auftaucht). Quiller in Bangkok lässt sich Zeit mit seiner Waffe:

„In zwei Stunden feuerte ich fünfzig oder sechzig Schuss und ging mit äußerster Sorgfalt vor, überprüfte das Ziel und korrigierte die Justierung des Zielfernrohres, bis ich schließlich ein gutes Dutzend Treffer genau im Zentrum der Zielscheibe landete. Dann hörte ich auf. Das Zurückzucken, das noch die ersten Schüsse begleitet hatte, war verschwunden, die rechte Schulter pochte zwar, kannte aber jetzt das Ausmaß des Rückschlages; das Auge war so sehr auf das Fadenkreuz eingestellt, dass ich selbst noch dann ‚sah‘, als ich bereits wieder auf dem Weg zurück zum Clubhaus war. Ich war bereit für mein Rendezvous mit Kuo.“

Ein Profi eben. Durch und durch.

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