Posted On 17. Mai 2016 By In Bücher, Crimemag With 1628 Views

Roman: Im Vergleich: Ule Hansen: Neuntöter – Andreas Pflüger: Endgültig

Die Professionalität von Ermittlerinnen

Frauen im Thriller, die keine Opfer oder Assistentinnen sind, neigen zur schwer belasteten Vergangenheit. Emma Carow aus Ule Hansens „Neuntöter“ und Jenny Aaron aus Andreas Pflügers „Endgültig“ sind hier keine Ausnahme. Sie arbeiten beide für das BKA, sind traumatisiert und werden jeweils durch einen Fall mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Jedoch enden hier bereits ihre Gemeinsamkeiten. Denn im Vergleich zu Emma Carow ist Jenny Aaron vor allem eines: professionell. Von Sonja Hartl.

Das zeigt sich schon bei den ersten Sätzen der jeweiligen Bücher. „Neuntöter“ von Ule Hansen (ein Pseudonym des Autorenduo Astrid Ule und Eric T. Hansen) beginnt mit einer unheilvollen Ahnung. „Sie hielt das Päckchen in der Hand. Das Päckchen von ihm. Sie bewegte sich nicht. Konnte sich nicht bewegen. Konnte kaum atmen.“

42521Jenny Aaron ist vollkommen anders: „Nichts beruhigt sie so sehr wie das Reinigen ihrer Waffe. Jeder andere müsste die Patronenkammer kontrollieren, um sicherzugehen, dass sie leer ist. Sie nicht. Sie kennt das Gewicht des Magazins, das in ihre Hand gleitet, aufs Gramm genau. Sie weiß, dass keine Patrone im Lauf der Browning High-Power ist, wie sie weiß, dass ihre Augen grün sind. Und manchmal schwarz.“ Zwar steht Jenny zu diesem Zeitpunkt ein weiteres traumatisches Erlebnis noch bevor, aber immerhin hat sie sich bereits in ihrer Anfangszeit als Polizistin aus dem Keller eines Serienmörders befreit. In Barcelona ist sie bereits Agentin in der „Abteilung ohne Namen“, einer Einheit topgeheimer Agenten, die noch besser, kampferprobter und raffinierter sind als die GSG9 und auf keinem Organigramm zu finden ist. Zu Beginn von „Endgültig“ gerät sie nun während einer Lösegeldübergabe in Barcelona in eine Schießerei, lässt ihren Kollegen und Geliebten Niko Kvist schwer verletzt zurück und bekommt während einer Verfolgungsjagd bei 260 Stundenkilometer vom Obergangster Holm eine Kugel in den Kopf, wodurch sie erblindet. Diesen rasanten Einstieg schildert Andreas Pflüger in ebenso kurzen, klaren, präzisen Sätzen wie Jennys Weg in ein anderes Leben, den sie mit der Hilfe ihres Vaters findet, dem besten Mann der GSG9, mit dem sie durch vieles verbunden ist, „aber eins durch das Wissen, wie lang der Bruchteil einer Sekunde ist“. Sie lernt, mit ihrer Erblindung umzugehen und arbeitet fortan beim BKA.

Dagegen ist Emma Carow immer noch in der Vergangenheit verfangen. Nachdem sie das Päckchen in Empfang genommen hat, wird auf den folgenden Seiten durch Emmas durch den Erzähler vermittelte Gedanken deutlich, dass sie einst vergewaltigt wurde, gegen den Täter ausgesagt hat, er mittlerweile seine siebenjährige Gefängnisstrafe abgesessen und ein Buch geschrieben hat, in dem er seine Reue zum Ausdruck bringt und mit dem er durch die bundesdeutsche (Fernseh-)Republik tingelt. Zugleich ist zu erfahren, dass Emma seither Rachegedanken hat, schon im Gerichtssaal hat sie sich vorgestellt, wie sie ihn erschießt. „Dann dreht er sich um, das Lächeln erstarrt in seinem Gesicht, als er ihre Waffe sieht, er schwitzt, seine Augen werden groß, er bebt, kann kein Wort mehr herausbringen, der erste Schuss trifft ihn gar nicht, ein Warnschuss, er fällt auf die Knie, er bettelt, er bereut, er winselt um Vergebung, dann schießt sie, um zu treffen.“

DownloadAus diesen Rachegedanken besteht Emma Carows Leben, sie kann sie selbst bei ihrer Arbeit als Fallanalytikerin nicht immer abschütteln. Damit steht Emma in Nähe zu Frauenfiguren wie Lisbeth Salander, die durch sexuelle Gewalt zu Rächerinnen werden. Jedoch gibt es einen großen Unterschied: Emma lebt kein Leben am Rand der Gesellschaft oder im Untergrund, sondern sie arbeitet für eine polizeiliche Bundesbehörde. Nun wird sie mit dem Profil eines Täters beauftragt, der drei Leichen am Potsdamer Platz hinterlassen hat. Genauer gesagt hat er in einem Gebäude, das stets von großformatigen Plakaten verhängt ist und sich bei genauerem Hinsehen als Gerüst offenbart, drei Körper hinterlassen, die in silberfarbenes Panzertape wie in Kokons eingewickelt und dann Kopf über an eine Gerüststange gehängt wurden. Nun wird es aus zwei Gründen ärgerlich: Zum einen reagieren Emmas Kollegen – Polizisten wohlgemerkt – irritiert auf ihre Fähigkeit, sich in den Täter hineinzuversetzen und den Fall als Puzzle zu sehen. Das wird als Zeichen gewertet, dass mit ihr etwas nicht stimme. Zum anderen wird sie jedoch durch die Kontaktversuche ihres Vergewaltigers so abgelenkt, dass ihre Vergangenheit zum alles bestimmenden Handlungsfaktor wird. Sie soll „erklären“, warum sie menschlich schwierig ist, denn einem bekannten Krimiklischee zufolge können geniale Ermittler keine umgänglichen Menschen sein – und für Ermittlerinnen gilt das allemal. Vor allem führt ihre Traumatisierung dazu, dass sie sich selbst und ihre Taten nicht mehr unter Kontrolle hat und offensichtlich falsche, riskante Entscheidungen trifft, die die Ermittlungen sowie sie selbst in große Gefahr bringen und zeigen – da muss man ihren Kollegen zustimmen, seien sie noch so „unsympathisch“ gezeichnet –, dass Emma als Mitarbeiterin untragbar ist. Sie wird eine völlig unglaubwürdige Hauptfigur, sie ist nicht unkonventionell oder originell, sondern schlichtweg unprofessionell.

Anders verhält es sich mit Jenny Aaron, die sich zunehmend als Ausnahmefigur in einem Thriller erweist. Fünf Jahre nach dem Vorfall in Barcelona leidet sie unter psychisch bedingtem Gedächtnisverlust und weiß noch immer nicht, warum sie ihren Geliebten damals zurückgelassen hat. „Kein Angehöriger der Abteilung ließ je einen verwundeten Kameraden zurück“. Und doch – so scheint es – hat sie sich in diesem Moment dem Instinkt überlassen, und ist einfach weggelaufen. Nun kehrt sie an ihren vorigen Wohnort Berlin zurück, um die Ermordung einer Gefängnispsychologin zu untersuchen, die von dem Täter begangen wurde, dem sie als Polizeianfängerin entkommen ist. Ihre Reise nach Berlin, das Zusammentreffen mit alten Kollegen und schließlich der sich entwickelnde Fall wird ihre Erinnerungslücke schließen.

Gravierende Unterschiede!

Diese Unterschiede in der Anlage und Entwicklung der Figuren korrespondiert mit dem Stil der Bücher. In „Neuntöter“ ist der Weg zu dem vorhersehbaren und konventionellen Finale gepflastert mit Beschreibungen der Taten der Psychopathen und Zuständen der Opfer, die durch Ekel unterhalten sollen, mit persönlichen Verwicklungen der Hauptfigur, die für Thrill sorgen sollen, mit wortreichen Ausführungen, die die Ortskenntnis des Autorenduos unterstreichen, und mit einer gesellschaftlichen Note, die stets nur behauptet wird. Dagegen entwickelt sich in „Endgültig“ aus einer Szene die nächste, werden die nägelkauende Spannung und das hohe Tempo konstant durchgehalten, weil jeder Rückgriff, jede eingeschobene Erinnerung der Charakterisierung oder Vorbereitung des Kommenden dient, vergangene Vermutungen und Verdächtigungen, Ahnungen und Risiken Konsequenzen nach sich ziehen und in scheinbar konventionellen Szenen sind wichtige Hinweise versteckt. Sicherlich ist der Showdown etwas zu lang geraten – aber selten wurde das Wiederfinden, das Neuerfinden einer Heldin derart spannend erzählt. Denn es gelingt Andreas Pflüger zudem, die Wahrnehmung der erblindeten Jenny spürbar werden zu lassen, ohne sie als Opfer ihrer Vergangenheit erscheinen zu lassen. Sie ist weiterhin eine meisterhafte Schützin, versucht durch Kampfsport und asiatische Lebensweisheiten ihre Selbstverteidigung und -kontrolle hochzuhalten – und versteht es doch, auf Nuancen, Feinheiten und Luftwiderstände zu achten, so dass sie gelegentlich einen Schritt voraus ist.

Jenny Aaron ist auf jeder Seite ein lebendiger Charakter, sie ist keine glatt geölte Kampfmaschine, keine unverletzbare Amazone oder getriebene Rächerin, sondern schlichtweg eine gut ausgebildete, kontrollierte und professionelle Ermittlerin. Dazu passt, dass in „Endgültig“ Profis zusammen an einem Fall arbeiten, wenngleich sie nicht alle beste Freunde sind. Sie wissen, dass sie sich nur zusammen der Einflussnahme aus der Politik und gegen einen Gangster erwehren können. Alleine schon dadurch vermeidet Andreas Pflüger viele unnötige Klischees. Daneben haben Jennys Kollegen zwar überdurchschnittliche Fähigkeiten, brauchen aber keine bewusst gesetzten Exzentrizitäten wie Emmas Chefin, die raucht, obwohl sie schwanger von einem ihren Kollegen nicht bekannten Kindsvater ist, oder Emmas Mentor, der eine Schwäche für Speiseeissorten hat. Vielmehr werden in „Endgültig“ Charaktere erschaffen, denen man gerne abermals begegnen würde.

Sonja Hartl

Andreas Pflüger: Endgültig. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. Gebundene Ausgabe. 459 Seiten, 19,95 Euro.

Ule Hansen: Neuntöter. Heyne, München 2016. Broschiert. 469 Seiten, 16,99 Euro.

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