Posted On 10. April 2010 By In Crimemag, Porträts / Interviews With 522 Views

Eine Hommage an Peter O`Donnell zum 90. Geburtstag am 11. April

Modesty Blaise – the Once and Future Princess

Es gibt Filme, nach denen man etwas breitbeiniger aus dem Kino kommt, als man hineingegangen ist. Und es gibt Bücher, die etwas so tief in uns ansprechen, dass sie uns in ihre Fantasiewelt hineinziehen, aber danach gewissermaßen runderneuert wieder ausspucken. Ein wenig wacher, ein wenig neugieriger, ein wenig weiser vielleicht. Lebenslustig.

Dazu gehören die Modesty-Blaise-Romane von Peter O’Donnell, der am 11. April 2010 seinen 90. Geburtstag feiert. Wir gratulieren!!! PETER FRIEDRICH auch …

Peter O’Donnell hat zwar eine Menge geschrieben, darunter abenteuerliche Frauenromane unter dem Pseudonym Madeleine Brent und ein skurriles Theaterstück namens Mr. Fothergill’s Murder, doch untrennbar verknüpft ist sein Name mit dem seiner weiblichen Hauptfigur – Modesty Blaise.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Modesty Blaise. Damals war ich 14 und kehrte von meinem ersten Solo-Urlaub aus Schottland zurück. In London saß ich ein paar Stunden fest, und dann sollte noch die dröge Zockelfahrt mit dem Zug folgen. Das Abenteurerdasein hatte eben auch seine Schattenseiten … Außer der Fahrkarte besaß ich noch etwa drei Shilling (jene merkwürdige alte englische Währungseinheit). Ich schwankte zwischen Fish & Chips und einem Taschenbuch. Den Hunger glaubte ich für ein paar Stunden ertragen zu können. Langeweile dagegen tötet. Aus nicht mehr nachvollziehbaren und vermutlich rein zufälligen Gründen griff ich dann zu A Taste for Death und stürzte mich in die gefährliche Welt von Modesty Blaise, Willie Garvin und Peter O’Donnell. Etwa 20 Stunden später tauchte ich wieder auf in die Realität, und seltsamerweise erschien sie mir nicht grau und langweilig, sondern sogar ein wenig bunter.

Die Dame Blaise hat mich seitdem nicht mehr aus ihren Fängen gelassen. Sogar ein, zwei Eifersuchtsdramen gehen auf ihr Konto …

Eine schillernde Karriere

Peter O’Donnell hat elf Romane und zwei Bände mit Kurzgeschichten um Modesty Blaise und ihren treuen Begleiter Willie Garvin verfasst, die in zig Sprachen übersetzt wurden und werden. Doch die Karriere der streitbaren Dame als Romanfigur verlief ebenso merkwürdig wie ihre Laufbahn in der Welt der Medien.

Geboren irgendwo auf dem Balkan, landete sie in den Nachwirren eines obskuren Krieges als Waisenkind in einem Flüchtlingslager, wo sie schnell lernte, dass man sich durchsetzen muss, um zu überleben. Sie nahm einen alten, hilflosen Mann unter ihre Fittiche, einen Professor, der ihr im Gegenzug dafür, dass sie ihn schützte, Unterricht gab. Sie flüchteten aus dem Lager und zogen durch den halben Nahen Osten und Nordafrika, wo der alte Mann starb. Mit 16 war Modesty Mitglied einer nordafrikanischen Gang und übernahm sie nach dem Tod des Anführers. Innerhalb weniger Jahre baute sie eine weltumspannende kriminelle Organisation auf, das sogenannte „Netz“. Sie holte ihren Gefährten Willie Garvin aus einem trostlosen Knast in Saigon, nachdem sie in einem Thai-Boxkampf sein Potenzial erkannt hatte. Er gewann, obwohl er schon verloren hatte. Sie wurden stinkreich und gingen in den Ruhestand, als Modesty Blaise Mitte 20 war.

Hier beginnt ihre eigentliche Laufbahn, und zwar als Comicfigur, denn Peter O’Donnell war seines Zeichens Autor für Zeitungsstrips wie Garth, Tug Transom und Romeo Brown. 1962 bat ihn ein Redakteur der englischen Tageszeitung Daily Express, einen neuen Comicstrip für das Blatt zu konzipieren. Das Ergebnis war Modesty Blaise, die am 13. Mai 1963 debütierte.

Seltsamerweise war sie am wenigsten erfolgreich in dem Medium, das das Sprungbrett für ihre Weltkarriere bildete – dem Film. Der Film, den Joseph Losey 1966 drehte, floppte total. Er versprüht zwar den etwas skurrilen Charme der 1960er-Jahre, und der Soundtrack von John Dankworth ist heute noch hörenswert – doch die pummelige Monica Vitti war eine glatte Fehlbesetzung als Modesty Blaise, jene stahlharte, durchtrainierte Kriegerin mit einem Herzen für streunende Hunde. Und Peter O’Donnell, ihr Schöpfer, der das erste Drehbuch geschrieben hatte, lästerte später: „Von meinem Skript ist nur ein einziger Satz übrig geblieben: Wer ist Mr. Fothergill?“ Immerhin – eine verdammt gute Frage, siehe oben …

Glücklicherweise hatte die Produktion verlangt, dass gleichzeitig ein Roman zum Film erschien. Der enthielt dann alles, was dem Film fehlte, und wurde zum Weltbestseller.

Fortan suchten Modesty Blaise und Willie Garvin die Gefahr, oder die Gefahr fand sie – oft genug im Auftrag des britischen Geheimdienstes.

Ein weiblicher James Bond?

Ian Flemings James Bond war bereits eine Berühmtheit, als Modesty Blaise auf der Bildfläche erschien. 007 – der Mann mit der Lizenz zum Töten. Ein staatlich sanktionierter Auftragskiller, der ein ums andere Mal die Welt rettete, oder wenigstens die kläglichen Überreste des Britischen Empire. Der Begründer der Materialschlachten des modernen Kinothrillers.

Angesichts eines vergleichbaren Umfelds – Tätigkeit für den britischen Geheimdienst, im Auftrag Ihrer Majestät, sozusagen – und des aufkeimenden Feminismus lag es natürlich nahe, Modesty Blaise mit James Bond zu vergleichen. Ihre Kollegin Emma Peel war immerhin schon in Mit Schirm, Charme und Melone schlagkräftig zur Nummer zwei eines berühmten Agentenduos aufgestiegen. Aber eine weibliche Nummer eins? Das war neu und werbewirksam.

Doch der Vergleich hinkte. James Bond ist ein Beamter. Ein Staatsdiener, ein Mann, der von seinem Vorgesetzten einen Auftrag erhält und ihn ausführt. Basta. Modesty Blaise dagegen ist weder käuflich noch erpressbar, dafür bezahlt sie Schulden geradezu zwangsläufig, und die Gefahr ist ihr zur Sucht geworden. Wie Sir Gerald Tarrant, Chef einer obskuren britischen Geheimdienstabteilung bemerkt: „Sie hat den größten Teil ihrer 26 Jahre auf einem Seil getanzt. Wie leicht, glauben Sie, ist es wohl, damit aufzuhören?“

Und die Bristol Evening Post schrieb: „Tödlich wie 007, aber menschlicher und ein wenig klüger.“

Ist Modesty Blaise noch zeitgemäß?

Serienhelden altern nicht, doch die Welt um sie herum verändert sich. Ist es überhaupt möglich, dass eine 1962 konzipierte Figur heute noch funktioniert? Eine Figur, die aus einer Zeit ohne Handys, ohne Computer, Internet oder GPS stammt? Einer Zeit, als Fernreisen noch das Privileg einer begüterten Minderheit waren?

Abgesehen von einigen wenigen Sequenzen gab sich Peter O’Donnell alle Mühe, die Romane und Comics nicht zu datieren. Die Liste seiner fiktiven südamerikanischen Staaten ist lang genug, um einen ganzen ebenso fiktiven Subkontinent zu füllen. Und doch sind die Geschichten fest in der Realität verankert, und beweisen manchmal eine geradezu unheimliche Hellsichtigkeit, wenn Peter O’Donnell beispielsweise in Operation Säbelzahn die Invasion in Kuwait um mehr als zwei Jahrzehnte vorwegnimmt.

Modesty Blaiser ettet nie die Welt. Sie sucht auch nicht nach Schwierigkeiten. Die Probleme finden sie. Und wenn sie in den Kampf zieht und ihr Leben riskiert, dann aus persönlichen Gründen. Und – vielleicht – für die Freiheit. Eine royalistisch-anarchistische Rebellin.

Sie hat einfach – Charakter.

Ungebrochene Faszination

„Ich suchte nach einer Figur, mit der sich jede Frau gern identifiziert“, sagte Peter O’Donnell über Modesty Blaise.

Und die Männer? Lieben Männer starke Frauen? Woran liegt es, dass mittlerweile mehrere Generationen der Faszination der streitbaren Lady erlegen sind, Männer ebenso wie Frauen? Woran liegt es, dass eine treue und immer noch wachsende Fangemeinde das x-te Reprint der Comics durch den britischen Verlag Titan Books ungefähr so schnell aufkauft, wie es gedruckt werden kann (mit aufschlussreichen Kommentaren von Peter O’Donnell zu jedem einzelnen Strip, auch wenn er sich nur noch dunkel daran erinnern kann ;-)? Woran liegt es, dass ein Buch, das man als Jugendlicher verschlungen hat, einen mit 50 immer noch fasziniert?

Eine Antwort wäre, dass es eben Leute gibt, die nie erwachsen werden …

Eine andere, dass starke Männer starke Frauen lieben, und alle Männer eben gerne stark wären …

Ich denke, es ist eher die Sehnsucht nach einer Freundschaft zwischen Mann und Frau, die über das Sexuelle hinausgeht. Andere würden es vielleicht Liebe nennen.

Denn Modesty Blaise und ihr Gefährte Willie Garvin teilen alles – nur nicht das Bett. Das können sie, weil sie Romanfiguren sind. Sein Privileg ist es, sie „Prinzessin“ zu nennen. Es ist schon viel über dieses Thema geschrieben worden. Ein Bild machen muss man sich selbst. Lesen, und sich nicht von den eher albernen deutschen Titeln des Zsolnay-Verlags abschrecken lassen, der sich früh darauf festlegte, Modesty Blaise als „tödliche Lady“ zu titulieren: „Kaltblütig wie die Fangheuschrecke (mantis religiosa), die nach dem Beischlaf ihre Geliebten frisst, mordet Modesty Blaise die Männer.“ Aber ein kluger Autor findet trotzdem kluge Leser/innen.

Der Mann an ihrer Seite

Kennen Sie MacGyver? Wenn jemand für diese TV-Serienfigur Pate gestanden hat, die auch in der ausweglosesten Situation sozusagen mit Bordmitteln eine pfiffige Lösung aus dem Ärmel zaubert, dann ist es Willie Garvin, der treue Begleiter von Modesty Blaise.

Ob er mithilfe von Vogeldreck, Kaliumpermanganat und Glycerin eine Zündschnur bastelt oder an einen Stuhl gefesselt aus dem Flugzeug geworfen wird, die Ideen gehen ihm nie aus. Natürlich haben schon etliche Menschen einen Sturz aus dem Flugzeug überlebt, aber nur wenige davon verfügten im freien Fall über Willie Garvins enzyklopädisches Wissen über unbedeutende, jedoch lebenswichtige Kleinigkeiten.

Niemals aufgeben. Irgendwann erwischt es uns alle, aber bis dahin heißt es kämpfen. Das ist die Botschaft der Modesty-Blaise-Romane, die uns alle anspricht.

Die Prinzessin ist tot …

… es lebe die Prinzessin!

Viele Autoren hatten den Mut, ihre Serienhelden zu töten – Conan Doyle etwa ließ Sherlock Holmes in tödlicher Umarmung mit seinem Erzfeind Moriarty in die Reichenbachfälle stürzen. Wie die meisten beugte er sich später dem Druck der Leser und ließ ihn wiederauferstehen. Peter O’Donnell zeigte da mehr Charakter. Modesty Blaise stirbt im letzten Kapitel des endgültig letzten Buches – an einer verirrten Kugel. Das Glück, das sie so lange begleitet hatte, ließ sie im Stich. Oder doch nicht?

Sie blieb auch im Tod eine Überlebenskünstlerin – im Zeitungscomic existierte sie weiter. Noch sechs Jahre lang. Bis zum 10.04.2001, Peter O’Donnells Geburtstag. Da ging sie endgültig in den verdienten Ruhestand – mit dem ersten Strip in Farbe.

Chapeau, Mr. O`Donnell! Chapeau!

Und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Peter Freidrich

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