Posted On 1. September 2016 By In Film/Fernsehen, Litmag With 1558 Views

Dokumentarfilm: „Zeigen was man liebt“

Herzblut pur, in hoher Dosis

„Zeigen was man liebt“ von Frank Göhre, Borwin Richter und Torsten Stegmann.

Erstaunlich, was es einmal an Lässigkeit und Leidenschaft im deutschen Kino gegeben hat. Es ist ein eher unbekanntes Kapitel des deutschen Films, das in dem enorm kurzweiligen Dokumentarfilm „Zeigen was man liebt“ aufgeblättert wird. Sozusagen standesgemäß ist er ganz ohne Förderung oder Fernsehbeteiligung entstanden, einfach, weil die Macher Lust auf ihn hatten und die Zeit reif war. Ein Film, der nicht nur gute Laune, sondern auch Lust auf das Sprengen von allerlei inneren Ketten macht.

Der junge deutsche Film war einmal wunderbar wild und lässig, er bestand nicht nur aus den „Oberhausenern“ mit Kluge, Reitz und Schlöndorff. Die sahen Film als eine „allgemeine Intelligenzform“ (Kluge) und „wissenschaftliche Arbeit“ (Reitz), er sollte „soziale Wirklichkeit spiegeln“ (Peter Schamoni) und musste „ernst und sachverständig“ (Schlöndorff) gehandhabt werden.

Weit cooler im Lebensgefühl, sozusagen die „Spielergeneration“, war die sogenannte Neue Münchner Gruppe (1962 – 1973). Rudolf Thome, Klaus Lemke, May Spils, Werner Enke, Max Zihlmann und andere gehörten dazu. Sie waren ein lockerer Haufen und trafen sich in Schwabinger Kneipen und Cafés, etwa im Eiscafé Capri auf der Leopoldstraße, vor allem aber im „Kleinen Bungalow“ neben dem Kino „Türkendolch“ (wo dann eine halbe Generation später auch R.W. Fassbinder und Wim Wenders hinten an den beiden Flippern ihre Tilt-Künste trainierten). Lemke, Zihlmann, Enke, Thome und die anderen waren von den Filmen der französischen „Nouvelle Vague“ begeistert – „diesen Franzosenfilmen halt“, wie Martin Müller das einmal im Film nennt – und von Howard Hawks, John Ford und Samuel Fuller. Davon geprägt, drehten sie ihre ersten Filme. Ihr Star, etliche Jahre bevor es Uschi Obermeier gab, war Iris Berben. Der Filmkritiker Uwe Nettelbeck hatte die damals noch nicht ganz Achtzehnjährige mit von Hamburg nach München gebracht, und es ist ein Nettelbeck-Zitat, das dem äußerst unterhaltsamen Dokumentarfilm den Titel gibt.

„Zeigen was man liebt“, das war das Programm der Münchner Gruppe. Man ging zusammen ins Kino, spielte Szenen auf den Schwabinger Straßen nach, etwa aus Howard Hawks Großwildjägerfilm „Hatari“, begeisterte sich – und machte einfach. Drehte selbst. Riskierte und verbrannte Erspartes und Erbschaften. Aber es machte Spaß. So viel, dass Iris Berben heute noch dazu steht, und dass man ihr den Stolz und die Freude anmerkt, damals dabei gewesen zu sein. Sie ist die Erzählerin dieser Zeitreise, zurück in eine Welt, in der die Alten sich vor den Gammlern entsetzten, die geprägt war von Aufbruch und Revolte, aber auch von „make love not war“ und einer gelebten „Leichtigkeit des Seins“. Es ist, wie Iris Berben es formuliert, „ein Brocken Filmgeschichte, die Energie erlebbarer Filme, an denen man sich noch heute orientieren kann“.

„So leicht hat sich keiner den deutschen Film vorgestellt“

Ergänzend und nie langweilig geben Klaus Lemke, Martin Müller, Rudolf Thome (in älteren Interviews; er ließ sich nicht vor die Kamera locken), der Drehbuchautor Max Zihlmann, dessen Schwarm die französische Filmschauspielerin Alexandra Stewart war, May Spils und Werner Enke über sich und ihr damaliges Schaffen, ihre Haltung zum Film und Filme Auskunft, kommentiert von Olaf Möller und Dominik Graf. Der sagt: „So leicht hat sich keiner den deutschen Film vorgestellt“, und lästert gehörig über die heutige Feigheit von Fernsehredakteuren und Gremien. Dominik Graf, der ja seine eigenen Wege geht zwischen Fernsehen und Kino, merkt auch an, wie schnell es gehen kann, vom Fordern zum Verwirklichen und dann sogleich zum Verteidigen zu kommen. Ruheanker und kompetenter Interviewpartner, lässig zurückgelehnt und um prägnante Formulierungen nicht verlegen, ist Olaf Möller, der derzeit wohl kundigste Filmfachmann in Sachen Filme der frühen Bundesrepublik. Er hat gerade die große Retrospektive „Geliebt und verdrängt. Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1963“ kuratiert und ist Mitherausgeber des gleichnamigen Filmbuchs (CulturMag-Besprechung hier). Er macht darauf aufmerksam, nachdem man als Filmzuschauer davon schon einige Kostproben hatte, „wie toll es ist, Klaus Lemke zu sein. Überhaupt sollte jeder von uns Klaus Lemke sein. Das wäre viel besser.“

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Klaus Lemke, direkt unter dem „kleinen Bungalow“

Einfach so über die Straße gehen, einfach so

Tatsächlich ist Klaus Lemke der einzige der Münchner Gruppe, der bis heute Filme macht – und zwar so, wie er es will. Dass er sich so cool vor der Kamera äußert, ist sicher dem guten Draht zu verdanken, den Frank Göhre zu ihm hat. Und dann entsteht da zudem so etwas wie ein Dialog der Filmemacher über die Generationen hinweg, nämlich als der ebenfalls muntere Dominik Graf von der einen Szene erzählt, in der in Lemkes „Rocker“ zwei Darsteller einfach eine stark befahrene Straße überqueren, mitten im fließenden Verkehr, ohne jede Absperrung. Da sah Dominik Graf plötzlich, sagt er, wie man Filme drehen muss, einfach auf der Straße, ohne Genehmigung. Und Lemke wiederum erinnert sich, wie er damals nach Hamburg kam und die Rocker-Welt betrat, und deren unverbildete Sprache und Unmittelbarkeit ihm geradezu eine Erleuchtung bescherten. Einen Jungbrunnen.

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May Spils und Werner Enke, der gerne Szenen von Früher nachspielt

Olaf Möller macht klar, welch eine sensationelle Karriere May Spils damals hingelegt hat. „Sie war die erste deutsche Regisseurin seit Leni Riefenstahl. Das muss man sich klar machen. Sie war eine Sensationelle.“ May Spils, norddeutsch trocken, kommentiert das: „Na ja, bei dieser Gesellschaft freut man sich ja nicht so.“ Aber es war so. Mit „Zur Sache, Schätzchen“ (1968) und dem Nachfolger „Nicht fummeln, Liebling„, beide mit dem anarchischen Werner Enke in der Hauptrolle legte sie damals einen fulminaten Erfolg hin. Viele selten gezeigte oder unbekannte Filmausschnitte runden die Zeitreise des Films ab. Am Ende findet man es schade, dass er schon vorbei ist.

Mich persönlich wundert nicht, wie kurzweilig und gut montiert dieser Dokumentarfilm daherkommt, den bescheidenen Mitteln zum Trotz. 2014/15 hatte ich das Vergnügen, zusammen mit Frank Göhre ein Buch zu machen, für das es überbordendes Material gab, nämlich sämtliche 55 Kriminalromane vom 87. Polizeirevier des Autors Ed McBain und noch ein paar Bücher mehr und Interviews und Hintergründe. Zusammen mit Frank war das einfach und mit viel Spaß auf die Reihe zu bekommen. Der Roman- und Drehbuchautor von „St. Pauli Nacht“ (ausgezeichnet mit dem Deutschen Drehbuchpreis), der „Kiez-Trilogie“ und der Biografien von Friedrich Glauser („Mo“) ist ein cooler Kater und sozusagen ein Schnittmeister der Sonderklasse, in der literarischen Montage seines Materials durchaus Peter Przygodda gleichzustellen, der von Wenders bis zu Schlöndorff oder Karmakar  vielen Filmen ihren Drive und Rhythmus gab. Geschnitten freilich hat den Film Elmar Podlasly, das soll hier keineswegs kleingeredet werden. Insgesamt ist es bewundernswert, wie die drei Filmemacher ihren überreichen Stoff gebündelt haben. Das haben sich klar Talente bestens ergänzt.

Frank Göhre hatte immer schon einen Draht zum Rockerfilmer Klaus Lemke, auch einen zu Dominik Graf und anderen, das merkt man den Interviews an. Es war der absolut richtige Griff von Torsten Stegmann, Hamburgs „ältestem Jungfilmer“ („Harrys Comeback – Letzter Puff vor Helgoland“ und „Krasser Move“), und von Borwin Richter (Buchautor von „Der Kommissar unter Berücksichtigung der Aspekte von 68“), den filmaffinen Autor ins Boot zu holen. Als sie Absage über Absage von Fernsehredaktionen und der Hamburger Filmförderung kassierten, beschlossen die alten Haudegen einfach, sich davon nicht weiter stören zu lassen.

„Zeigen was man liebt“ ist mehr als ein Film der guten Laune, ist weit mehr als eine filmhistorische Exkursion. Er ist und zeigt trotzige, lässige Selbstbehauptung, lacht der Welt ins Gesicht, ist Herzblut pur in hoher Dosis. Nach diesem Film fühlt man sich – egal, wie alt man ist – für eine ziemliche Weile ziemlich verdammt jung. Und lässig. Und cool.

Alf Mayer

PS. Klaus Lemke steht bei seinem Interview in einer Tiefgarage, direkt unter dem Gebäude, in dem einmal „Der kleine Bungalow“ beherbergt war. Während der Abspann läuft, verliest er sein „Hamburger Manifest“ (von 2010), in dem er den Rückzug des staatlichen Eingriffs aus der Kreation verlangt:

Zeigen.was.man.liebt-szn3„Ich fordere Innovation statt Subvention.
Ich fordere das Ende jedweder Filmförderung aus Steuermitteln.
Der Staat soll seine Griffeln aus dem Film endlich wieder rausnehmen. (…)
Wir bauen die schönsten Autos. Wir haben die schönsten Frauen.
Aber unsere Filme sind wie Grabsteine. Brav. Banal. Begütigend. Goetheinstitut.
Aber Film ist keine aussterbende Tierart.
Film ist auch kein Intelligenzbeschleuniger.
Film muss noch nicht mal gut sein.
Film muss nur wirken.“

Zeigen.was.man.liebt-szn1PPS. Die schöne junge Frau, die im Filmtrailer an den Rand des Swimming Pools schwimmt, um sich Feuer geben zu lassen, ist Christiane Krüger in „48 Stunden bis Acapulco“ (1967), ihr Filmdebüt ebenso so wie das Spielfilmdebüt von Klaus Lemke. Er erzählt in „Zeigen was man liebt“ dazu: „Da war dieser Film von Howard Hawks über die Tierfänger in Afrika, mit John  Wayne und Hardy Krüger… Den Duke zu bekommen, das war ja unmöglich. Auch nicht Hardy Krüger, der war damals ein Weltstar… Aber dann hatten wir Christiane Krüger … Ich meine, ihr Vater war neben John Wayne in einem Film gewesen. In einem von Howards Hawks! Und dann war sie hier. Bei uns. Sie spielte in einem deutschen Film…“
Zeigen was man liebt. Dokumentarfilm, Deutschland 2016. Regie: Frank Göhre, Borwin Richter, Torsten Stegmann. Produktion: Logomat Filmproduktion Hamburg/ Torsten Stegmann. Kamera: Roland Bertram. Schnitt: Elmar Podlasly. Mit: Iris Berben, May Spils, Rudolf Thome, Werner Enke, Dominik Graf, Klaus Lemke, Olaf Möller, Martin Müller, Dominik Graf u.v. a. Länge: 84 Min. Noch kein Verleih.

Offenlegung: Frank Göhre schreibt regelmäßig für CulturMag, etwa die Kolumne „Gelesen. Gehört. Gesehen„. Zu seinem 70. Geburtstag widmete CrimeMag ihm eine eigene Ausgabe. Alf Mayer ist zusammen mit Frank Göhre Autor des bei CulturBooks erschienenen Buchs „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report“. An dem hier besprochenen Film war er nicht beteiligt, fand das Projekt aber von Anfang jeder Unterstützung wert – wozu nun diese Besprechung einen Beitrag zu leisten versucht. Kleingeister, die das zum Meckern finden, bedauert er und vermittelt gerne eine Runde in einem von Klaus Lemke bevorzugten Boxclub. Eine Autogrammkarte von Iris Berben gibt es aber nicht.

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