Geschrieben am 31. Dezember 2021 von für Highlights, Highlights 2021

Friedemann Hahn

Jahresendfeuer, Gut Falkenberg 2021

Die wahren Bilder

„Ich weiß was du gelitten hast / Doch jeder leidet so: / Was den Soldaten traurig macht / Das macht den Killer froh …“ (The Captain, Leonard Cohen)

Aufgesang/Ballade pour un Chien

Oh Käpt’n, mein Käpt’n!

Der Käpt’n ruft mich an sein Grab
Er ist schon kalt noch glänzt er
Schwarz wie Teer. 
„Es ist vorbei“, sagt er und lacht
„Mein Freund ich geh.
Egal was kommt, es wird nicht leicht 
Es wird nicht schwer, es kommt 
Was kommen muss mein Freund. 
So schwer wie Dreck das Leben war 
So leicht war es wie Silberhaar.
Wir taten es ob gut ob schlecht
Wir tatens weils zu tuen war.“
„So sind wir Blut befleckt?“
Frag ich, will nicht ins Feuer gehn.
„Wir taten unsre Pflicht mein Freund,
Es war ja nur Befehl. 
Es gibt kein Weinen gibt kein Klagen,
Wir müssen vors Gericht.
Du kannst dich nicht entziehn
Mein Freund.
Es hilft nicht wenn dus selber machst
Der Tod weiß wie es geht
Er holt dich ob du schläfst ob wachst
Er lässt dich niemals ziehn.
Sei froh du hast noch Zeit
Du alter Hund,
Wenn du einmal gegangen bist
Das Leben nimmt dich nicht zurück.“

Der Tod des Malers. 2020 © Friedemann Hahn

Die wahren Bilder. Das sind die verborgenen Bilder. Die Bilder, die wir nicht sehen können, denn sie sind im Bild verborgen. Das Bild im Bild. Das ist die Seele des Bildes. Der Künstler ist ein Diktator. Die Kunst aber ist demokratisch. Jedermann kann sie anschauen. Sie ist frei zugänglich. Sie ist überall. Sie liegt auf der Straße. Man muss sie nur sehen. Jede Frau und jeder Mann kann sie kaufen und besitzen; doch das ist eher ein nebensächlicher Aspekt dieser Demokratie. Das Entscheidende ist: Der Betrachter kann sich sein eigenes Bild vom Bild machen. Er darf sehen, was er sehen kann … was er sehen will. Beim Lesen und beim Filmegucken, auch bei der Musik ist´s nicht viel anders. Wenigsten bei mir und vielleicht auch bei denen, die es so oder ähnlich sehen, läuft der Gedankenstrom ja weiter, das ist doch nicht alles bis jetzt wegzudrücken, der Kunstgenuss, das Kunstleid, aber vor allem das Leben – und dann die Erwartung und die Enttäuschung, die Überraschung, die heimlichen Lieben und so weiter … die Vorurteile und so weiter … Uwe Nettelbeck wird der Satz „Es kommt darauf an, wie einer ins Kino geht“ zugeschrieben; der bringt es auf den Punkt. Der Satz und der Nettelbeck. Wichtig ist natürlich, in die Dinge eingeweiht zu sein. Dann sieht man mehr. Oder man kann es lassen. Aufhören damit. Niemand zwingt dich, es sei denn das Leben.

Am 21. Dezember bin ich extra länger als normal aufgeblieben – es wird sehr früh sehr dunkel hier oben im Norden – um Get Carter – Die Wahrheit tut weh (USA, 2000) anzusehen (NITRO 22:40 Uhr). Michael Caine spielte ja auch mit, was mich beruhigte, und auf Sylvester Stallone halte ich seit Cop Land (USA, 1997) sehr große Stücke. Ich will jetzt nicht näher darauf eingehen, woran es lag. Das verbietet sich für den Künstler, ich bin kein Kritiker, kein Wissenschaftler, nur entre nous gelegentlich, im Privaten sozusagen, ganz nebenbei. Jedenfalls, an den ewig langen Werbungsminuten bei diesem Sender lag es nicht, dass ich schnell meiner Müdigkeit nachgab und mich zu Bett legte.

Am Samstag, 18. Dezember, bin ich kurz vor 3:00 Uhr mitten in der Nacht aufgestanden, um Der Goldene Handschuh (Deutschland/Frankreich 2019) zu sehen. Weshalb? Ich hatte den Roman von Heinz Strunk gelesen, habe eine Jugendbeziehung zu St. Pauli, Produktion Deutschland/Frankreich finde ich viel versprechend usw. Ich wusste nicht, wie lange ich durchhalten würde so spät in der Nacht, so früh am Morgen, blieb dann aber gebannt bis zum Schluss vor dem Fernseher. Als der Morgen dämmerte, machte ich mich im Internet näher kundig und las von erschreckenden Kritiken, von enttäuschten, von entsetzten Beobachtern. Die haben einen anderen Film gesehen als ich, dachte ich bei mir. Oder wollten sie den Film einfach anders aufgezäumt sehen? Hätten sie ihn anders gemacht, wenn sie ihn denn gemacht hätten? Hatten diese Enttäuschten den Film vielleicht im Kino gesehen? Große Leinwand. Übermächtig. Hinterleuchtete Bilder. Eine Lichtprojektion. Phantastisch. Magisch. Überlebensgroß. Hautnah. Das Blut und der barbarische Gestank wie echt. Vielleicht noch echter … St. Pauli Voodoo … 

Ich dagegen hing im mitternachtsblauen Ralph Lauren Morgenrock, an den Füßen Birkenstock Sandalen, auf einer in Serbien gefertigten kastanienbraunen Betula-Leder Ottomane vor einem für heutige Verhältnisse eher kleinen Flachbildschirm ab. Vor mir ein Zäpfle, das ist ein Bier aus meiner alten Heimat, dem Schwarzwald, oder ein helles Bayerisches, ein Flens aus meiner neuen Heimat, Südschleswig nahe Flensburg, oder … ja doch, nein: Es war ein ichnusa – Anima Sarda. hatte es beim Einkauf für ein korsisches Bier gehalten, da der Korsische Mor auf dem Etikett in vierfacher Ausführung abgebildet ist. Ist aber wohl der Sardische Mor, was mir erst jetzt einleuchtet, ist ja auch logisch, wenn Sarda draufsteht, hab ich aber nicht gelesen, nur den Moren gesehen, egal die Sarden sind ja auch so etwas wie Korsen. Schmeckt sensationell, Brauerei seit 1912, trink ich jetzt nur noch, hätte ich nicht gedacht, Menschenraub, Geiselnahme, ein falsches Wort ein Schuss, Separatisten, Aufwiegler usw. Ja, aber Bier?

Also, wenn überhaupt Heimkino bei mir, dann ganz kleines Heimkino. Mit nahezu 73 Jahren ist man ja auch nicht mehr der alte Moviegoer (bis zu drei Filme pro Tag) der frühen Jahre. Also: Im Wohnzimmer sozusagen, denn wir haben kein extra Wohnzimmer, bei uns geht’s so ineinander über: Von Doris´ Büro zu der Sitzecke (hier TV) Ottomane und Ledercouch (hier lag bis zum 19. April der schwarze Hund und hielt mit mir aus, Doris steht früher auf, geht also auch früher, zumeist wenigstens in der kalten Jahreszeit, die Raunächte, zu Bett) geht es in den Essabschnitt, dann kommt die Küche. Alles offen, sozusagen fließend. Ähnlich wie bei Herrn Honka, nur die Toilette fürs schnelle Geschäft ist nicht auf dem Flur, Bad und Schlafzimmer usw. einen Stock höher. Die untere Flucht, weil´s mal ein Pferdestall war, weiter und höher, große hohe Fenster, Licht durchflutet tagsüber … genau. Doch, diese Enge, dieses Heruntergekommene, das unter dem Dach, kenne ich aus meinen ersten Studentenjahren nicht weniger herb: Kochplatte auf dem Klo, oder Klo für zwei türkische Großfamilien und einen Studenten (der Student, Balletteleve, Klassisch, Modern, Folk, Jazz, an der Stange usw., der bin ich, hatte mein fließend Kaltwasser auf jener Toilette), oder ein dunkles Zimmer am Ende eines langen Flures, rechts und links abgehend ein mittelgroßer Raum mit je acht Schlafstellen, die da schliefen kamen erst abends spät, habe sie rein zufällig einmal entdeckt, alles illegal natürlich, in diesem Stockwerk hatte es vor Jahren auch mal einen Mord gegeben … Waschbecken mit kaltem Wasser in der Toilette auf dem Flur … Kühlschrank, was ist denn das? Fleisch wurde in einem Eimer Wasser versenkt, wenn keine Luft drankommt, hälts ein paar Tage und stinkt nur mäßig, beim Metzger um die Ecke gefragte, ob sie etwas für den Hund hätten, das hat dann so gut wie nichts gekostet, meinen ersten Hund „Lenau“ hatte ich dann erst zwei Jahre später, da studierte ich Malerei, lernte irgendwann Doris kennen, wie das halt so ist oder sein kann, wenn es gut läuft … also: Frankfurt am Main 1969/70, kein TV, stumme Filme konnte man sich vor dem Elektrikerladen ansehen (Kirk Douglas als Odysseus oder die erste bemannte Mondlandung), kein Plattenspieler, aber ein Kofferradio; was mir als Budget monatlich zur Verfügung stand, war sparsam berechnet, für einen schwarzen Nebenerwerb hatte der Balletteleve keine Zeit.

Der eine Vermieter (Schulstraße in Sachsenhausen) war ein Gewerkschaftsfunktionär (mehrere Häuser in bester Lage, war einmal in seinem Loft zum Vorsprechen, das letzte Mal, dass wir uns sahen, war vor Gericht, er wollte die Kaution nicht rausrücken, es kam zu einem Vergleich, ich bin kein Michael Kohlhas), der andere ein Kartoffelbauer aus Niederroden (kam am Monatsende zum Kassieren, schrieb´s in ein Schulheft), der in den 1930er Jahren für `nen Appel und Ei ein paar Häuser von Juden, die Deutschland verließen, verlassen mussten, abgepresst hatte. Ich kenne also solche heruntergekommenen Behausungen wie in diesem knalligen Film (comicartig wäre ein besseres Wort). Wir hatten damals aber doch uns, standen am Anfang, eben gerade dem Elternhaus mehr oder weniger unverletzt entkommen, entronnen, war ja auch nicht für ewig dieses Studentenelend. Wir waren nicht am Ende wie diese Menschen im Film. So waren mir diese Wohnverhältnisse, die ich im Film sah, nicht fremd. Aber so … das war schon ganz schön exotisch.

Und dann der Suff … diese Gewalt …! ich sah nur Dix Bilder aus der Zeit, als Otto Dix (heute würde man sagen) Hardcore Bilder gemacht hat. Die Hardcore Periode also. Ich, als Zuschauer, war sehr beeindruckt. Eine trostlose Geschichte. Ein Film für Stressforscher. Nicht nur. Auch über Traurigkeit. Einsamkeit. Hoffnungslosigkeit. Ausweglosigkeit. Über das Grauen, das im Leben lauert. Fatih Akin hat diesem Grauen ein Gesicht gegeben. Und wie denn sonst bei Grauen? Schrecklich eben. Erschreckend. So zwischen Nosferatu und Dr. Caligari. Das Grauen hat einen Namen: Herr Honka. Die Geschichte bewegt sich im Märchen Modus. Sie schwimmt förmlich. Brian De Palma/Nancy Allen: Im Gegensatz zu den meisten unserer Kollegen haben wir nie das Bedürfnis, Wirklichkeit zu erzeugen. Uns interessiert das Übertriebene, oder sagen wir, der Alptraum. 

Beim Schreiben dieses Textes kommt mir meine frühe Vorliebe für Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung. Henning, das ist Henning von Gierke, später Werner Herzogs Ausstatter, große Oper, Bayreuth, Japan, hatte mich einmal in den Großen Ferien ins „Antiteater“ mitgenommen, ja, so lange ist das schon her, Shakespeare Was ihr wollt, Eintritt und eine Maß Bier, oder Katzelmacher (fand ich damals langweilig). Oder Händler der vier Jahreszeiten, einer meiner Lieblingsfilme (1972 ich so gut wie allein im Kino, ein Film nur für mich, so etwas hatte ich später nur noch einmal erlebt, ja ich sage „erlebt“ mit Paris, Texas, Wim Wenders sei Dank). 

Kann man das so verstehen, dass der Mensch in dieser Gesellschaft nur dann o.k. ist für diese Gesellschaft, wenn er wie ein Hund mit heraushängender Zunge immer hinter etwas herläuft? (Rainer Werner Fassbinder, Imitation of Life.) So holzschnittartig krass sehe ich die Dinge schon lange nicht mehr. Damals in den frühen 1970er Jahren stellte ich diesen Satz meinem Text Kinos in der Kaiserstraße (ich war fasziniert von Siegfried Kracauers Straßen in Berlin und anderswo … „Die Sonne scheint, aber was geht diese Menschen die Sonne an?“) für Filmkritik Nr. 195, März 1973, DM 3,80, voran.

Dieser Satz wurde für mich so etwas wie ein Programm für meine Malerei. Man kann ja nicht einfach Kunst machen in den leeren Raum hinein, fand ich. Ich wenigsten muss mit der Kunst das Leben abarbeiten. Wie sich das Leben an meiner Kunst abarbeitet. Klingt irgendwie gerecht. Imitation of Life (Rainer Werner Fassbinder über die Filme von Douglas Sirk, Film + Fernsehen, Heft 2, Februar 1971, DM 4,50); dieser Text war für mich eine Offenbarung. Richtungsweisend für meine Kunst. Jetzt wusste ich, was ich machen musste: Rebellen, die Außenstehenden, die glanzvoll Gescheiterten, die wahren Sieger, die heldenhaften Verlierer, die toten Helden, immer wieder die Toten und den Tod. Heldenverehrung eben.. 

Foresta Nera – Der Wasserfall. 2019, MNK Freiburg © Friedemann Hahn

Abgesang/Ballade pour un Chien

Welken.
Oder: Ich umarme meine dunkle Seele

Der Käpt’n ruft mich an sein Grab
Er ist schon kalt noch glänzt er
Schwarz wie Teer. 
„Die ferne Fahrt ist aus“, sagt er 
Und lacht, „der Weg nach Haus 
So weit so schwer. 
Bei Tag bin ich getrennt von dir 
Du musst alleine gehn. 
Den bitteren Becher musst du leeren
Den galligen Wein trinkst du dein Leben lang.
Sollst nicht klagen sollst nicht weinen
Nicht in der Nacht und nicht am Tag.“
„Wo bist du?“ frage ich, „ich seh dich 
Nicht, seh nur den aufgegangnen Mond
Und seh die fernen Zeiten.“
Jemand der weg war ist zurück,
Am Horizont winkt er
Und lässt die Wolken treiben.
Oh Staub der alten Jahre 
Sie sind „Ach Weh!“ zu kurz.
Ein Windstoß ist das Leben jetzt
So jung wie eine Jahreszeit.

Painting & Guns. 2015 © F. Hahn

Eigentlich wollte ich nur über meine Ausstellung in Freiburg sprechen: Foresta Nera. Vom Dunkeln und Einsamen oder wie man sich Leid, Schweiß und Wahnsinn erspart. MNK Museum für Neue Kunst, Städtische Museen Freiburg, Freiburg im Breisgau, 01. April bis 29. August 2021, Taschen/Lesebuch zur Ausstellung Euro 10,-. Wollte über Elixiere und Essenzen schreiben. Schwarze Romantik heute. Und über die unterschiedlichen Einschätzungen der Ausstellung. Vor allem der Bilder. Was siehst du …? Ich sehe was, was du nicht siehst. Ist alles eine Frage der Einstellung und der Vorstellung usw. Über die wahren Bilder. Die verborgenen Bilder. Über die Bilder, die wir nicht sehen können. Über die Seele des Bildes. Über die Bilder, die in uns sind. Die uns nie verlassen werden. Doch in dieser Zeit, in diesem Jahr (es hat bei uns mächtig reingehauen, „Scheißjahr“ sagt Doris, 2021!) ist es Zeit, zurückzudenken.

Walt Whitman O Captain! My Captain! Leonard Cohen The Captain. Über die Säulenheiligen wollte ich schreiben, die einen durchs Leben begleiten. Über die Geister, die mich umtreiben. Die abgearbeitet werden müssen. Über den Tod. In meiner Kunst von Anfang an übermächtig. Rainer Werner Fassbinder: Das Leben wird erst handlich und verfügbar, wo der Tod als das Eigentliche der Existenz akzeptiert wird. Solange der Tod etwas Tabuisiertes ist, solange ist auch das Leben eines, das nicht interessiert. Zürich, BLONDINO in der Waldmannstraße: CULT, Winter 1981, DM 6,- … Auszug aus Victor Bockris: `With William Burroughs – A Report from the Bunker´

… Die beiden (B. und Lou Reed) saßen sich ungefähr eine halbe Stunde gegenüber, und Reed fragte unter anderem, ob Bill sich einen Zeh abgehackt habe, um der Einberufung zu entgehen, und ob er je mit einem Verleger ins Bett gegangen sei, um ein Buch zu veröffentlichen. Bill blieb gelassen und verneinte freundlich. Doch dann hielt Reed Burroughs das Gerücht vor, Bill sei ein eiskalter Typ und auch zu einem Mord fähig. Burroughs nach kurzem Schweigen: „Diese Gerüchte will ich weder bestätigen noch dementieren, Lou. Abstreiten hat sowieso nicht viel Sinn. Aber letzte Woche, weißt du, da hat Robert Duncan mir einen Traum erzählt: Darin bin ich mit Samuel Beckett in Paris spazieren gegangen – an der Seine entlang. Wir sprachen über Mord aus Zufall und Mord auf Bestellung. Beckett sagte: `Wenn´s zufällig war, ist es kein Mord´. Ich sagte: `Sam, das stimmt nicht, und ich will´s dir beweisen´. Dann zog ich angeblich eine Pistole und habe einen `Clochard´ erschossen. Die Leiche schmiss ich in die Seine, und dann sind Beckett und ich weitergegangen.“ Lou schien die Geschichte nicht zu begreifen, und er wechselte das Thema und kam auf Jack Kerouac zu sprechen. Er wollte wissen, warum Kerouac den Rest seines Lebens in so mieser Verfassung verbracht habe – mit `nem Bier vor der Glotze. „Was hat ihn so verändert, Bill?“. Burroughs: „So sehr hat er sich nicht verändert, Lou. Er war eigentlich immer so.“ 

Das Licht, das heißt die Beleuchtung macht den Täter zum Opfer. Und das Opfer zum Täter. Der Künstler ist Glamour-Forscher. Glamour ist die Fähigkeit, provozierend, schmachtend, verzückt, faszinierend, hinreißend und bezaubernd zu sein. Alles das, um die emotionale Empfänglichkeit des Betrachters zum Vibrieren und Schwingen zu bringen. Glamour kann ebenso, wenn auch nur selten, eine rein ästhetische Befriedigung hervorrufen, die von jedem privaten Impuls frei ist, wenn zunächst dem Körper alles Blut entzogen wird (Josef von Sternberg, The Sternberg Principle, 1963).

Ja, genau: Es geht auch anders herum, mit dem Blut und so weiter, also nicht entziehen … draufschmieren! Die Wirkung ist dann eine andere. Die Faszination ebenso. Aber nicht weniger heftig. Als Künstler sind mir Rituale nicht fremd. Auch kann ich mit dem Widerspruch leben. Alternativlos gibt es nicht. Das Leben ist tiefer. Tiefer als die Oberfläche verheißt.

Martyr. 2020 © Friedemann Hahn

Ausblick 2022: Die Wiederentdeckung in diesem Jahr, fast schon eine Auferstehung, Brothers in Arms. Der alte Mark Knopfler, Berlin 2007, Official Live Video: These mist covered mountains / Are a home now for me / But my home is the lowlands / And always will be / Someday you´ll return to / Your valleys and your farms / And you´ll no longer burn to be / Brothers in arms … Jetzt ist die Sonne zur Hölle gegangen / Und der Mond steht hoch / Lasst mich von euch Abschied nehmen / Jeder Mann muss sterben / Aber es steht im Sternenlicht / Und in jeder Linie auf eurer Handfläche / Wir sind Dummköpfe, Krieg zu führen / Gegen unsere Waffenbrüder. Kann ein Lied ein Motiv sein? Für ein Bild? Für einen Roman? Über Jahre hinweg? Les loups, Serge Reggiani, Phoi Pha, Khanh Ly, Leonard Cohen … Georg Stefan Troller, 100 Jahre … Säulenheiliger seit meiner frühen Jugend, Das Pariser Tagebuch etc. … „Und wofür werden Sie einmal bekannt sein?“ Leonard, statt aller Antwort, klimpert auf der Gitarre, die er schon längst wie eine Geliebte an den Schoß gepresst hält. Singt probeweise seine tragische Ballade The Captain, immer nur von der eigenen metaphysischen Fragestellung erschüttert. (Und wofür er nicht weniger als 60 Strophen und fünf Melodien schrieb, die letzte als fast fröhlichen Country Song); aus: LEBENSGESCHICHTEN. Die Stars. Die Heiligen. Die Poeten. Die Sünder. Die Autoren. Die Künstler., Düsseldorf, 2007.

Dutch Schultz. 2008 © Friedemann Hahn

Die Begleiter der langen Jahre (auch wenn ich sie nicht komplett gelesen habe, sie sind mir sehr wichtig)/Auswahl

W.S. Burroughs Painting & Guns (Ausg. Hanuman Books)

Charles Jameux Murnau (Ausg. Édition universitaires Paris, classiques du cinéma)

Frank O´Hara Lunch Poems (Ausg. Kiepenheuer und Witsch)

Alexander Trocchi Was Frank Harris nicht wußte (Ausg. Olympia Press Darmstadt)

Jürgen Ploog Cola Hinterland (Ausg. Melzer)

Silver Screen Neue amerikanische Lyrik (Ausg. Kiepenheuer und witsch)

Barbara Steinbauer-Grötsch Die lange Nacht der Schatten (Bertz + Fischer)

Lotte Eisner Murnau (Ausg. Friedrich Verlag)

Beat – Eine Anthologie (Ausg. Rowohlt Paperback 1962)

Filmkritik Nr.203 November 1973 Douglas Sirk

Schatten der Engel (Ausg. Zweitausendeins)

Loustal & Paringaux Verwüstete Herzen (Schreiber & Leser)

Tod eines Mörders (ebenso)

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(Gut Falkenberg, Schleswig/Lürschau, 28.12. 2021, 9:13 Uhr) – Fortsetzung folgt.

Siehe auch: Friedemann Hahn: Meine Noir-Malerei, in CulturMag September 2021.
Alf Mayer über Friedemann Hahns „Bugsys Tod“ und „Black Dahlia“, CulturMag September 2021
Alexander Sancho-Rauschel: Meister Melville. CulturMag September 2021
Friedemann Hahn in Halle: Der Stoff aus dem die Träume sind, In CulturMag November 2019.
Ausstellung: MNK Museum für Neue Kunst, Freiburg im Breisgau vom 1. April bis 29. August 2021; Lesebuch zur Ausstellung: Hrsg. Christine Litz MNK Freiburg im Breisgau, mit Texten von Christine Litz, Lisa Bauer-Zhao, Heike Gfrereis, Frank Göhre, Friedemann Hahn, Hans Dieter Huber, Alf Mayer, Alexander Sancho-Rauschel, 10 Euro. 

Die Internetseite von Friedemann Hahn. 
Das Nachwort von Alf Mayer zum Roman „Foresta Nera“ hier: Schwärzer kann der Tann nicht sein
Klaus Theweleit zu dem Roman: Pechschwarzes Aktionsgelände krimineller soldatischer Männer