Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Hechelhammer: Ein Raketenfilm aus Deutschland

Der Sternengreifer 

Eine Recherche von Bodo V. Hechelhammer

Wenn jemand so bedeutend ist, wie er, muss man sich damit abfinden, dass andere Maßstäbe gelten. (Zitat über Wernher von Braun, aus: ICH GREIFE NACH DEN STERNEN)

Der Münchener Spätsommer zeigte sich am 19. August 1960 unerwartet von seiner unterkühlten Seite, nicht allein, weil sich an diesem Freitag am weißblauen Himmel dunkle Wolken zusammenzogen. Heftige Ausläufer des Kalten Krieges hatten das ganze Land erfasst. Spannungen lagen überall in der Luft. Der abgeschossene amerikanische Spionagepilot Francis G. Powers wurde in Moskau zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, der Führungsstab der Bundeswehr forderte eine Aufrüstung mit Atomwaffen und an Bord des sowjetischen Satelliten Sputnik V. begannen gerade die beiden Hunde Strelka und Belka die Erde zu umkreisen. Die ganze Welt blickte gebannt in den Weltraum und fürchtete sich vor der globalen Aufrüstung mit Atomraketen. 

Am Stachus richtete sich die Aufmerksamkeit auf einen neuen Kinofilm, denn im Mathäser-Palast in der Bayerstraße 5 war alles für eine Weltpremiere angerichtet. Der neuste Film des deutschen Weltstars und Glamour-Boys Curd Jürgens wurde uraufgeführt, der in ICH GREIFE NACH DEN STERNEN (USA/BRD 1960), engl. I AIM AT THE STARS, das Leben von Wernher von Braun verkörperte, den deutschen Raketenwissenschaftler und großen Weltraumpionier.

Von Braun, der im Zweiten Weltkrieg noch für Hitler die V2-Raketen (Vergeltungswaffe 2) gebaut hatte, forschte nach Kriegsende schnell für die USA, seit 1955 als amerikanischer Staatsbürger, und arbeitete ab 1959 für die ein Jahr zuvor gegründete Luft- und Raumfahrtbehörde NASA. Wernher von Braun war die große Raumfahrthoffnung der USA und sollte im Film propagandistisch gefeiert werden, gerade nach dem Sputnik-Schock von 1957, als die Sowjetunion ihre Überlegenheit in der Raketentechnik der Welt durch den Start des ersten künstlichen Satelliten demonstriert hatte. Nach dem geglückten Satellitenstart von Explorer 1 im Februar 1958 war in Amerika mutig das Mercury-Programm angelaufen, welches erstmals Astronauten zu den Sternen befördern sollte. Und von Braun sollte es richten.

Unter keinem guten Stern stand die Münchener Veranstaltung. Während im Filmpalast ein großes Aufgebot von Prominenz erwartet wurde, hatten sich davor zahlreiche Demonstranten versammelt und protestierten lautstark. Auf Plakaten war ihr Unmut abzulesen: „Zu solchen Vögeln sagen wir nein“, „Michl wach auf“, „Atomraketen dienen nicht der Weltraumforschung“ oder „Diese Raketen greifen nicht nach den Sternen“. Die Stimmung war aufgeheizt, nicht etwa, weil eine amerikanische Militärkapelle stimmungsvoll zum Empfang der Gäste aufspielte, sondern weil vor dem Kino drei taktische Nuklearraketen vom Typ Corporal, Honest John und Lacrosse der amerikanischen Streitkräfte aufgestellt waren und martialisch gen bayrischen Himmel drohten.

Aber nicht nur die Münchener sahen den Film kritisch. Auch bei den folgenden Premieren in Washington D. C. im September, in New York und Los Angeles im Oktober, besonders aber am 24. November in London und Antwerpen, wo im Krieg rund 8.000 Menschen durch Beschuss der V2-Raketen starben, protestierte man vor allem dagegen, dass ein Nazi-Wissenschaftler cineastisch reingewaschen werden sollte. Die Produktionsfirma hatte aufgrund der Proteste den Start in Großbritannien extra in den November verschoben, hoffte darauf, dass sich die Aufregung bis dahin verflüchtigt hätte. Doch in London gab es am Abend vor der Aufführung sogar eine Gegenveranstaltung mit der Vorführung deutscher Wochenschauen, in denen die Bombardierung der Stadt gezeigt wurde. Und in Antwerpen verbot der Stadtrat nach Protesten, an denen sich ehemalige Widerstandskämpfer beteiligten, schließlich die Aufführung des Films. Ein Münchener Flugblatt griff von Braun direkt an: „Sie wussten, dass Ihre Raketenkonstruktionen, damals, als Sie für die braunen Teufel arbeiteten, zur Massentötung bestimmt waren. […] Sie wissen, dass Ihre Raketenkonstruktionen heute, da Sie als Amerikaner für die US-Armee arbeiten, ebenfalls zur Massenausrottung verwendet werden können“. Mit bitterer Ironie reagierte der britische Komiker Mort Sahl anlässlich der Londoner Premiere, indem er ein Zitat des Films in einer Radiosendung aufgriff und den englischen Titel zu „I AIM AT THE STARS – but sometimes hit London“ ergänzte. (Ich strebe nach den Sternen – aber manchmal treffe ich London…)

Curd Jürgens und Wernher von Braun blieben von solcher Kritik unbeeindruckt, hielten in München ihre Reden vor den Gästen im Kinosaal und lobten gegenseitig ihre Lebensleistungen. Von Braun war extra zur Welturaufführung angereist, erst am Nachmittag in München-Riem zusammen mit seiner Familie gelandet. Jürgens und von Braun feierten nach der Vorführung gutgelaunt mit den Geladenen. Beide kannten und schätzten sich inzwischen. Von Braun hatte Jürgens in dessen Haus in Beverly Hills vor Monaten besucht und war froh, dass er ihn verkörperte. So hatte er dem Schauspieler im Jahr zuvor geschrieben: „Ich bin glücklich und stolz darüber, dass Sie es übernommen haben, meine Rolle in dem geplanten Columbia-Film zu spielen. Ich kenne niemanden, den ich lieber in dieser Rolle sehen würde als Sie“. Von Braun, ein Meister der Hochglanzeigenvermarktung, wusste, dass es keinen besseren Hollywoodstar als Jürgens gab, der den guten Deutschen trotz Nazi-Vergangenheit überzeugend und integer verkörpern konnte. 

Die zündende Idee zum Raketenfilm ging auf einen Deutschen zurück. Der Hamburger Filmproduzent Friedrich A. Mainz, Inhaber der Fama Film GmbH, wollte zuerst das Leben von Wernher von Braun abendfüllend verfilmen und damit den ersten Raketen- und Raumfahrtfilm der Zeit zeigen. Mainz hatte wenige Jahre zuvor erfolgreich mit CANARIS (BRD 1954) das Leben des Leiters des Geheimdienstes der Wehrmacht, Admiral Wilhelm Canaris, mit O. E. Hasse in der Hauptrolle verfilmt. Jetzt träumte er davon, der deutsch-amerikanischen Raketenforschung ein filmisches Denkmal zu setzen. Wernher von Braun war sehr populär, hatte 1955 mit Walt Disney in dem Kurzfilm MAN IN SPACE (USA 1955) zusammengearbeitet, mit 42 Millionen Zuschauern eine der erfolgreichsten Sendungen im US-Fernsehen überhaupt. Zahlreiche Zeitschriftencover machten mit ihm auf. Mainz hatte sich daher frühzeitig für die Anzahlung von 25.000 Deutsche Mark die Filmrechte an seiner Lebensgeschichte gesichert. Dafür stellte Wernher von Braun sogar private Dokumente zur Verfügung und verpflichtete sich als technischer Berater für den Film zu assistieren.

Wernher von Braun und Curd Jürgens

Bis zum Sommer 1957 schrieben Friedrich A. Mainz, sein Dramaturg und zwei weitere Drehbuchschreiber an Bord seiner Mittelmeer-Jacht am Manuskript. Als das Rohmanuskript mit dem Arbeitstitel DIE WELT HÄLT DEN ATEM AN vorlag, reiste sogar Wernher von Braun an, inkognito und von amerikanischen Sicherheitsdiensten genschützt, um Detailfragen zu klären. Die Dreharbeiten für den Raketenfilm sollten schon bald beginnen, schließlich hatte Mainz für das Projekt die große Ufa zur Mitfinanzierung gewinnen können, die den Film im hauseigenen Verleih herausbringen wollten. Ufa-Produktionschef Kurt Hahne und Hausproduzent Herbert Tischendorf hatten für die weibliche Hauptrolle bereits Hildegard Knef vorgesehen. Eine Rolle, die extra in das Leben von Brauns hineingeschrieben werden sollte. In dem halbdokumentarischen Teil sollten Szenen vom deutschen Raketenversuchsplatz in Peenemünde beginnen, die Entwicklung von Brauns Arbeit von der V2-Rakete bis zu seiner Tätigkeit für die amerikanische Armee schildern, mit dem finalen Höhepunkt: dem erfolgreichen Start des ersten Erdsatelliten durch die USA. Doch Moskau machte diesem Filmkonzept einen Strich durch die Rechnung. 

Die Wellen des Sputnik-Schocks trafen auch das Filmprojekt und der Ufa kamen berechtigte Zweifel. Man könne keinen Film zeigen, in dem die Amerikaner an ihrem Satelliten-Programm noch arbeiten, während der sowjetische Sputnik bereits längst um die Erde kreiste. Daraufhin musste sich Mainz auf die Suche nach einem neuen Geschäftspartner machen, der bereit war, in das laufende Filmprojekt viel Geld zu investieren. Im Februar 1959 erhielt schließlich Columbia Pictures den Zuschlag, die das westdeutsche Filmprojekt übernahmen und zu einer deutsch-amerikanischen Produktion machten. Der Amerikaner Charles H. Schneer wurde Hauptproduzent und ließ den Raketenfilm von dem renommierten Drehbuchautor Jay Dratler schreiben, nach einer Geschichte von George Froeschel, H. W. John und Udo Wolter. Rund zwei Jahre wurde am neuen Drehbuch geschrieben. Die Regie übernahm schließlich der Brite Jack Lee Thompson und als Hauptdarsteller wurde Curd Jürgens auserkoren. 

Die tragende Hauptidee sollte sein, wie der Sonderberater des Films Walter Wiesman gegenüber dem Produzenten Charles H. Schneer es formulierte: „The Unites States used the traditional „open door policy“, even after a bitter war, to let capable people and knowledge enter the countrey. While Germany drove „The Einsteins“ away, the U. S. showed an open mind and heart, showed former enemies a new way to develop their talents in the interest of science. And these men come across for their new country in an hour of great need by given the U. S., and the Free World, the Explorer and the Pioneer“. Aus politischen Gründen förderte die amerikanische Regierung das Filmprojekt und unterstützte besonders das US-Militär. Der Film entstand in enger Kooperation mit dem Verteidigungsministerium sowie dem Armeeministerium. Er sollte den Personenkult um Wernher von Braun auf eine noch höhere Umlaufbahn schießen und seine Vergangenheit vergessen lassen. Das Braune von Brauns sollte durch das filmische Funkeln der Sterne überblendet werden.   

Im Herbst 1959 begannen die Dreharbeiten in den Münchener Bavaria-Studios. Interessanterweise beginnt der fertige Film mit einer Kamerafahrt auf das Grünwalder Verlagsschloss des Comic-Produzenten Rolf Kauka, den Erfinder von Fix und Foxi. Kauka stellte der Bavaria seine Villa für den Film kostenpflichtig zur Verfügung, der den Sitz von Brauns in Berlin darstellen sollte. (Zur Besprechung von Bodo V. Hechelhammers Kauka-Biografie bei uns geht es hier.)

Aber nicht nur Kauka kostete Geld. Insgesamt war es eine aufwändige Produktion, mit beachtlichen fünf Millionen Deutsche Mak an Kosten, wovon allein 850.000 Deutsche Mark als Gage für Curd Jürgens entfielen. Doch anders als in dem ursprünglichen Konzept von Mainz, wurden in der neuen Erfolgsgeschichte behutsam auch kritische Momente eingebaut. Innerhalb des Filmteams gab es starke Auseinandersetzungen über die Auslegung von Brauns Rolle. Der britische Regisseur Jack Lee Thompson, der 1944 in London gelebt hatte, als die V2-Raketen einschlugen, geriet offenbar während der Dreharbeiten mit Wernher von Braun ziemlich aneinander. In einem Interview erklärte Thompson unverblümt: „Für mich ist von Braun ein Kriegsverbrecher, und wenn er uns und nicht den Amerikanern in die Hände gefallen wäre, hätten wir ihn, glaube ich, aufgehängt“. Doch die geschönte deutsch-amerikanische Linie der Produzenten setzte sich gegen die kritische des britischen Regisseurs durch. Wernher von Braun griff dabei persönlich in das Drehbuch ein, wenn Passagen störten.

Das Ergebnis war ein Film von bedrückender Peinlichkeit, weil im Geist der amerikanischen Propaganda die privaten und beruflichen Stationen Wernher von Brauns nur allzu deutlich geschönt wurden. Besonders betroffen springt sein Widerstand gegen die NS-Diktatur ins Auge, der ihn nicht nur zu einem unpolitischen Mitläufer macht, sondern geradezu zu einem Widerstandskämpfer stilisiert, wie folgender Filmdialog von Brauns zeigt: „Ich bin Wissenschaftler, geht mich einen Dreck an, ihre dämliche Partei. Hitler oder der Mann im Mond, ist für mich dasselbe. Wenn sie es genau wissen wollen, mir ist der Mann im Mond lieber“. Dies ist historischer Blödsinn. Von Brauns Funktionen werden verklärt, seine Mitgliedschaften in NSDAP (beantragt am 12. November 1937, Nr. 5.738.692) und SS (seit 1. Mai 1940, zuletzt im Rang eines Sturmbannführers, Nr. 185.086) sorgsam unter den Schneidetisch fallen gelassen; ganz zu schweigen davon, dass für seine Forschungen tausende Zwangsarbeiter im KZ Mittelbau-Dora schuften mussten, 12.000 ums Leben kamen. Schließlich sollte der zweite Teil des Films, der seinen kometenhaften Aufstieg als Wissenschaftler in den USA, seine maßgebliche Rolle an der Entstehung der NASA und dem amerikanischen Weltraumprogramm beschreibt, als Vorbild hell am Himmel strahlen.

Die Wernher-von-Braun-Verherrlichung erwies sich zwar an der Kinokasse als kein großer Erfolg, polierte das Image des Raketenwissenschaftlers aber wie gewünscht auf, der seinen Popularitätszenit durch die erfolgreiche Apollo-Mission mit der Mondlandung am 21. Juli 1969 erst noch erreichen sollte. Anders als beabsichtigt bewog ICH GREIFE ZU DEN STERNEN aber zu eigenwilligen Nachahmungen, die mit Kritik am deutschen Raketenwissenschaftler und seiner Nazi-Vergangenheit nicht sparten. Kultfilme.

Feinsinnig ging Stanley Kubrick vor, der in von Braun sogar das Vorbild des verrückten Wissenschaftlers und für seinen namengebenden Film DR. STRANGELOVE: ODER WIE ICH LERNTE DIE BOMBE ZU LIEBEN (USA 1964) sah. Und auch in Jean-Luc Godards Meisterwerk ALPHAVILLE(FRA/ITA 1965) wird indirekt auf von Braun Bezug genommen, als namensgleicher Entwickler des über die dystopische Gesellschaft herrschenden Supercomputers. In der DDR wurde Wernher von Braun in DIE GEFRORENEN BLITZE (DDR 1967) wenig überraschend eindeutig als Raketenbaron und Schurke dargestellt, der ein Heer von Zwangsarbeitern für seine Nazi-Projekte missbrauchte. 

Ach ja. Auch Rolf Kauka hatte den Film gesehen und verewigte Wernher von Braun als Wernher von Braunfels in seinen Comics von Lupo modern (1965). Allerdings interpretierte er ihn politisch neu. In der im Duktus des Kalten Krieges national eingedeutschten Asterix-und-Obelix-Übersetzung von Die goldene Sichel, brechen Siggi und Babarras (Asterix und Obelix) nach Natolien auf, der Hochburg der Besatzer, wo von Brauns Waffenschmiede längst schon in gegnerischer Hand sei. Im Palastkeller befreien sie ihn, der angekettet als Sklave für den amerikanischen Gouverneure und seinen (jüdischen) Händler goldene Sicheln herstellen muss.

Für Hitler entwickelte er die V2, für Kennedy die Mondrakete. Propagandistisch als amerikanischer Patriot überhöht oder als diabolischer Nazi-Wissenschaftler verzerrt. Fakt ist, dass Wernher von Braun nie für seine Beteiligung an Kriegsverbrechen verurteilt worden ist, obgleich seiner Mitverantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern. Auch er wusste als geschmeidiger Mann im Kalten Krieg vorzüglich zu glänzen. So strahlte das staatlich polierte Bild des ach so unpolitischen Weltraumpioniers zwar bräunlich, doch insgesamt so hell, dass seine Raketenvergangenheit dahinter verblasste. Auch seine Biopic ICH GREIFE NACH DEN STERNEN hat dazu beigetragen und die Münchener August-Demonstration längst vergessen lassen.

Bodo V. Hechelhammers Buch „Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten“ von Alf Mayer hier besprochen. Seine Texte bei uns hier.
Unter anderem ein großes Interview mit Oliver Kalkofe: SchleFaZ bedeutet Liebe und eines mit Oliver Hilmes zu dessen Buch „Das Verschwinden des Dr. Mühe. Gerne ist im Agentenfilm-Genre für uns unterwegs, etwa auf den Spuren von … „Serenade für zwei Spione“ (1965) …

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