Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Bodo V. Hechelhammer zum Film „The 355“

Hechelhammer sieht fern… (7. Folge)

Wer glaubt, die 355 wäre einfach nur eine Zahl, der irrt. Nein. Einige Menschen erkennen darin die Zahlensymbolik für Engelsenergie, andere wiederum katalogisieren damit eine bestimmte Schöpfungskraft. Beides kann man nur schwer belegen, zumindest nicht sehen und kommen damit einer anderen intendierten Bedeutung ungewollt nahe. Denn die 355 hat in der Geheimdienstgeschichte ebenfalls eine mysteriöse Bedeutung, verbirgt sich dahinter doch der Codename für eine der ersten Spioninnen während der von 1775 bis 1784 andauernden Amerikanischen Revolution. Die 355 war Mitglied im so genannten Culper Ring, einem 1778 von George Washington (1732-1799) mitbegründeten Spionagenetzwerk um Benjamin Tallmadge (1754-1835). In Tallmadges verschlüsselter Korrespondenz erwähnte dieser einmal den speziellen Zahlencode, der später einer Frau zugeordnet wurde. Es ging um die Beschaffung notwendiger geheimer Informationen über die britische Armee.

Für die literarische Verbreitung der Geschichte um diese ominöse Spionin sorgte bezeichnenderweise ein Geheimdienstmitarbeiter; Corey Ford (1902-1969), ehemaliger Offizier des Office of Strategic Services (OSS). Ford war ein bekannter Autor zahlreicher Schriften. So publizierte er 1965 das Buch A Peculiar Service, thematisiert darin die amerikanische Spionage in und um New York während des Unabhängigkeitskrieges und machte hierbei die Legende der Spionin 355 bekannt. 

Und das Spannende an der Geschichte ist, dass bis heute der Schleier um ihre wahre Identität nicht eindeutig gelüftet ist und 355 deshalb als Chiffre für unbekannte weibliche Agentinnen in Geheimdiensten herangezogen wird. Vor ein paar Jahren wurde das Thema regelrecht en vogue, zumindest griffen verschiedene amerikanische Autoren es auf. Beispielsweise im 2007 erschienenen Buch über den Culper Ring Washington´s Spies: The Story of America´s First Spy Ring von Alexander Rose, das als Vorlage für die US-Fernsehserie Turn: Washington´s Spies(USA 2014-2017) diente.

Im Januar 2022 kam die amerikanische Produktion The 355 (USA 2022) weltweit in die Kinos. Wie der Titel vermuten lässt, ist es ein Agentinnen-Film. Der greift aber nicht die Geschichte der amerikanischen Ur-Spionin im 18. Jahrhundert auf, sondern handelt vielmehr von fünf Agentinnen im Jetzt und Heute. Auch geht es nicht national um die USA, sondern der Plot ist auffallend global ausgerichtet. Geradezu krampfhaft international inszeniert, weil Mitarbeiterinnen der amerikanischen CIA, des britischen MI6, des deutschen BND, des kolumbianischen DNI und auch noch des chinesischen MSS irgendwie zusammen Seit an Seit für eine gemeinsame Sache kämpfen. Und wer könnte namenlose und unsichtbare Geheimdienstmitarbeiterinnen besser darstellen als sehr bekannten Schauspielerinnen. Die gerade mit einem Oscar (für eine andere Rolle) ausgezeichnete Jessica Chastain spielt die CIA-Mitarbeiterin Mason Brown, Lupita Nyon’o ihre MI6-Kollegin und Penélope Cruz verweist auf Lateinamerika. Die chinesische Agentin verkörpert Fan Bingbing, ein absoluter Megastar in China und höchstbezahlte Schauspielerin im Reich der Mitte. Ach ja, und Diana Kruger ist in der Rolle der Bundesnachrichtendienstmitarbeiterin Marie Schmidt zu sehen. Eine cineastische Seltenheit, den zuvor verkörperte Hella von Sinnen eine BND-Agentin in Neues vom Wixxer (DEU 2007), wenn auch beide Rollen durchaus unterschiedlich angelegt sind.

Die Idee zum Spioninnen-Film geht auf Jessica Chastain zurück, anlässlich ihrer Rolle in The Help (USA 2011). Chastain wollte unbedingt einen weiteren Frauen-Ensemble-Film umsetzen, diesmal aber zum knallharten Thema Spionage, der sich gleich an den richtig großen Blockbustern James BondJason Bourne und Mission: Impossible orientieren sollte. In den letzten Jahren verkörperten bereits Charlize Theron in Atomic Blonde (USA 2017) eine MI6-Agentin, Jennifer Lawrence in Red Sparrow (USA 2018) eine Spionin des russischen SWR und Sasha Luss in Anna (FRA 2019) eine KGB-Killerin. Ein Ensemble-Film war ambitionierter. Als Regisseur wurde dafür Simon Kinberg gewonnen, bekannt als Produzent und Autor der X-Men-Filmreihe, der gemeinsam mit Theresa Rebeck auch das Drehbuch schrieb, aus deren Feder die eigentliche Story stammte. Chastain und Kinberg übernahmen zusammen mit Kelly Carmichael auch die Produktion des 123-minütigen Films.

Ach ja, die Geschichte des ambitionierten Agentinnen-Thrillers klingt kompliziert, ist aber doch einfach gestrickt: Eine CIA-Agentin versuchte ein High-Teck-Cyber-Waffe – irgendeine Festplatte, mit der man die globale Internetkommunikation lahmlegen kann – aus Söldnerhänden zu bekommen. Unterstützung erhält sie durch ihre alte Freundin, eine Ex-MI6-Agentin, die zum Glück eine brillante Computerspezialistin ist. Dabei müssen sie sich zunächst mit der deutschen BND-Agentin auseinandersetzen, die ebenfalls hinter der Sache her ist. Doch schon bald spielen alle im selben Team. Zum illustren Kreis gesellt sich ebenso eine kolumbianische Psychologin dazu, ebenso wie am Ende eine chinesische Geheimagentin. Die divers-nationale Spionagewelt vereint im Kampf gegen ein Hackerspielzeug in den Händen von Bösewichten, welches wohl wieder einmal die Welt zerstören könnte. Oder so. Die Geheimdienstarbeit als völker- und frauenverbindendes Element: 

Wir begeben uns selbst in Gefahr, um sie von anderen abzuwenden. Wir sehen unterschiedlich aus. Wir sprechen verschiedene Sprachen. Aber wir sind gleich. (Dialog aus The 355)

Eigentlich sind alle Voraussetzungen für einen spannenden Spionage-Thriller angelegt, mit intensiven und knallharten Actionszenen an pittoresken Orten, von den Pariser Cafés, über die marokkanischen Souks bis in das glamouröse Shanghai; ohne jeglichen sonst typischen Frauenbonus. Auch wird mit Waffeneinsatz nicht gerade gegeizt, im Gegenteil, denn im Grunde genommen wird geschossen was das Zeug hält, ohne dabei an Coolness und Präzision einzubüßen. Hervorzuheben ist Diane Kruger, die eine sehr toughe BND-Agentin spielt, geradeso, als wäre dieser tatsächlich ein Action-Service. Für diesen Mut muss man den Autoren danken. 

Dennoch werden Erwartungen enttäuscht. Das liegt im Grunde nicht an der abstrusen Handlung, die mitunter bei vergleichbaren Filmen des Genres auch nicht besser ist, sondern einfach der konfus inszenierten, bedeutungslos heruntererzählten und freudlos abgedrehten Geschichte. Der Schnitt wirkt hektisch bei nicht gerade ausgefallenen Kamera-Shots. Vor allem verschwinden Plot und Figuren in einer Substanzlosigkeit. Dadurch verpufft leider gerade die große Qualität der tollen Schauspielerinnen, die mit der Oberflächlichkeit der Charaktere tatsächlich zu gesichtslosen 355-er*innen werden. Ein Ensemble-Film funktioniert eben nur, wenn sich die Protagonistinnen etwas zu sagen haben und auch noch zu einem Team zusammenfinden. Das Geschlecht allein reicht nicht. Davon spürt man bei den flachen Beziehungen zwischen den Agentinnen nichts. Keine Dynamik oder irgendein verbindender Humor. Zu offensichtlich wurde hier mit der Brechstange versucht, was über Jahrzehnte so schwer umzusetzen war; gerade auch bei Spy-Movies: einen absolut gleichberechtigten Agentinnen-Blockbuster ohne Klischees:

Aber jetzt bin ich dran […] Ich bin nicht mehr allein. (Dialog aus The 355)

The 355 lässt mit seinem Ende offen, ob Fortsetzungen folgen. Und wer weiß, vielleicht entsteht aus einem mittelmäßigen Piloten dann doch noch eine gute Agentinnen-Serie; die gab es so auch noch nie, wenn man von der TV-Serie Drei Engel für Charlie (USA 1976-1981) einmal absieht.  Dann würde die Zahl 355 wenigstens wieder einen Sinn machen – als Symbol für vergleichbare Engelsenergie.

Bodo V. Hechelhammers Buch „Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten“ von Alf Mayer hier besprochen. Seine Texte bei uns hier. Unter anderem ein großes Interview mit Oliver Kalkofe: SchleFaZ bedeutet Liebe und eines mit Oliver Hilmes zu dessen Buch „Das Verschwinden des Dr. Mühe. Zuletzt war er im Agentenfilm-Genre für uns auf den Spuren von … „Serenade für zwei Spione“ (1965) …